Geschichte: Notizen. 24.April 2007. montgelas.

Zwei Bücher, zwei Bestandteile, drei Quellen.
Aus gegebenem Anlass aus dem Ärmel geschüttelt.

„Die Geschichte…
gehört dem Dichter.“
Alexander Puschkin

1975 erschien in der DDR im Verlag Volk und Welt Juri Trifonows historischer Roman „Ungeduld“, der die Geschichte und das Leben russischer Terroristen erzählt. Das Buch gewann, angesichts der damals existierenden linksterroristischen lateinamerikanischen und westeuropäischen Gruppierungen, eine Aktualität, die der Autor vermutlich nicht für möglich gehalten hätte.
Spannend schildert Trifonow die Entwicklung der >>>Narodowolzen, deren Empörung gegen das verkrustete zaristische Russland der Jahre 1860 – 1890. Der Einfluss Nietzsches, Stirners, Bakunins auf Gedanken und Taten der Gruppe und ihr Mitgefühl mit den einfachen Leuten, den Bauern Russlands, durchzieht den ganzen Roman. Trifonows quälende Frage, wie es geschehen konnte, dass kluge junge russische Sozialisten Positionen der Volksaufklärung aufgaben und zum individuellen Terror Zuflucht nahmen, lässt sich nicht nur aus ihrer Hybris erklären, die zu wissen meint, was gut für ein Volk ist. Und das gilt für alle derartigen Gruppierungen. Sieben Attentate auf Alexander II. hatte die Gruppe unternommen, ehe es ihr am 1.März 1881 gelang, den russischen Zaren zu töten. Die politischen, ideologischen und sittlich-moralischen Folgen für die russische Gesellschaft, für den zaristischen Staat, waren verheerend. Denn als zu Beginn des 20.Jahrhunderts die revolutionären sozialen Bewegungen des alten Russland sich in Parteien organisierten und damit zu einer echten Bedrohung für das Zarentum heranwuchsen, gelang es der zaristischen Geheimpolizei >>>„Ochrana“ in der >>>Partei der Sozialrevolutionäre durch informelle Mitarbeiter und gemäß der Haltung ihres Apparats, eine Verschwörung kann man nur mit einer Verschwörung bekämpfen, Fuß zu fassen. S. Zubatow, der Chef der Moskauer Ochrana, formulierte 1901: „Wir werden euch schon zu Terrorakten provozieren, und dann vernichten wir euch.“ Und so geschieht es. Die Ochrana beteiligt sich maßgeblich am Aufbau der Terrorganisation der Sozialrevolutionären Partei. Der operative Leiter dieser Gruppe >>>Evgenij Asef , seit 1893 Polizeiagent, organisiert u. a. Attentate auf Innenminister Plehwe und den Großfürst Sergei Aleksandrovic. 1908 wird er enttarnt und vom ZK der Partei der Sozialrevolutionäre zum Tode verurteilt. Asef kann fliehen und lässt sich in Berlin als Geschäftsmann nieder, wo er 1918 an einem Nierenversagen stirbt.

Alexander Solshenizyn, Adept Dostojewskis, ist aus konservativer Sicht
im ersten Band ( August 1914) seines gewaltigen Romanzyklus „ Das Rote Rad“ auf hunderten Seiten der Geschichte der Interessenvernetzung sozialrevolutionärer Terroristen einerseits und einem reformunwilligen Staatsapparat anderseits akribisch nachgegangen. Dieses mephistophelische Bündnis, personifiziert durch Asef und Zubatov, half den Zusammenbruch der Monarchie vorzubereiten, der Lenin und Trotzki, die individuellen Terror für überheblich und pathologisch hielten, nur noch den Todesstoß versetzen mussten. Hanna Arendt schreibt 1955 in ihrem Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“:
„Die Tradition der russischen Revolution von 1917 ist zu einem nicht unwesentlichen Teil das Produkt der Geheimpolizei.“

Literaturhinweise:
>>>Trifonow, Juri: Ungeduld, Verlag Volk und Welt, Berlin 1975

>>>Solshenizyn, Alexander:Das Rote Rad Erster Knoten August vierzehn.
Eine Erzählung in bestimmten Zeitausschnitten, Piper 1987

>>>Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus. Imperialismus. Totale Herrschaft Piper 1955

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