Weltbild

In anderen Branchen wäre es keine Fußnote wert: 322 Mitarbeiter eines – sagen wir – doch recht großen Unternehmens auf die Straße gesetzt. Auch wenn es recht unfein ohne jede Ankündigung vor sich ging und die Mitarbeiter einen Tag vor dem Pfingstwochenende ihren Job verloren haben – in der „richtigen“ Wirtschaft hätte man es in dieser Größenordnung kaum bemerkt. Selbst bei der doppelten Anzahl der Gekündigten wahrscheinlich nicht. Da ist der Buchhandel kleinteiliger, und als sich oben Beschriebenes beim katholischen Medienriesen Weltbild ereignete, ging ein Erdbeben durch die Branche: –> Soviel ist noch nie im Börsenblatt kommentiert worden.
Gut, mag man einwenden, schlimm für die Leute, aber was haben solche Ramschläden, die inzwischen fast jedes Stadtbild verschandeln, mit Buchhandel zu tun? Da gibt es doch eh nur Runtergesetztes… Das ist nur die Hälfte der Wahrheit. Am 17. August 2006 erschütterte ein Paukenschlag die Branche: die Gründung eines Unternehmens, das unauffällig DBH heißt, am besten dokumentiert beim –> BuchMarkt. „Der Tag, an dem Hugendubel und Weltbild die Buchhandelslandschaft neu definierten“, titelte das Blatt in einer Extraausgabe. Was war passiert? Versender und Resteverwerter Weltbild (die anderen Geschäftszweige der Augsburger können hier vernachlässigt werden) schloß sich unter dem Dach jener DBH mit Hugendubel zusammen – schon damals schwirrten die Gerüchte, es gehe beileibe nicht allein darum, dem ungebremsten Expansionsdrang der Douglas-Tochter (ja, wirklich die Parfümeriekette!) Thalia etwas entgegenzusetzen, gemunkelt wurde, daß Hugendubel (ganz oder zu Teilen) an Weltbild verkauft hat. Und das durchaus vor dem Hintergrund, daß Hugendubel im Jahr 2002 wegen schlechter Wirtschaftslage Kurzarbeit anordnen mußte – so groß Hugendubel „an sich“ auch sein mag, als Konzern hat das Unternehmen keine Parfümkette oder ähnliches in der Hinterhand. „Durch die Federführung von Weltbild wird zudem deutlich, daß auf allen Gebieten der Branche künftig die Augsburger den Ton angeben werden: *Es stellt sich auch die Frage nach der Einkaufsmacht völlig neu, die schon jetzt genial das Geschäft und die Vermischung von Produktion, Versand und Handel beherrschen. … [Es ist] jetzt Weltbild in jeder Beziehung der Marktführer – wenn die neue Firma zu 50 Prozent Weltbild gehört, dann müssten eigentlich Nina und Dr. Maximilian Hugendubel Anteile verkauft haben! Oder rechnen wir falsch?“ orakelte der BuchMarkt in seiner Sonderausgabe. – Womit klar sein dürfte: Die jetzige Weltbild-Krise wird nicht spurlos an Hugendubel, einem der Buchhandelsgiganten in Deutschland, vorübergehen.
Die alarmierenden Zeichen bei Weltbild stehen schon länger am Horizont: Rein rechnerisch war nie ganz einzusehen gewesen, wie die gewaltige Expansion ins Filialnetz für Ramschläden (jeden Monat mindestens eine Neueröffnung) funktionieren sollte: Miete war zu zahlen, Ladeneinrichtung, Gehälter (die so schlecht nicht waren, räumten Weltbild-Mitarbeiter dem Börsenblatt ein) – und das alles bei hauptsächlich Büchern mit einem Verkaufspreis zwischen 4,99 und 9,99 € (rechnen Sie etwa 50% Prozent Rabatt pro Exemplar aus dem Umsatz heraus…)
Sommer letzten Jahres kursierten erste Gerüchte, daß Weltbild verkauft werden soll, –> die wurden recht schnell bestätigt – die Finanzkrise ließ die Seifenblase platzen – keiner der Bieter wollte aberwitzig viel Geld hinblättern für Weltbild. Dann im März die Ankündigung: –> Weltbild fährt Eigenproduktion zurück. Schließlich im Mai der Rückzug aus der Sponsorship für die Corine unter der billigen und leicht zu durchschauenden Ausrede, –> die Erwartungen in diesen Buchpreis hätten sich für Weltbild nicht erfüllt .
Mit der Finanzkrise hat der Weltbild-Fall übrigens nichts zu tun. Als Begründung gibt das Unternehmen Umsatzeinbußen durch das Internet an, und das stimmt natürlich. Die wahren Gründe vermuten die gefeuerten Weltbildmitarbeiter (laut Börsenblatt-Diskussion) allerdings woanders: Im völlig strategielosen (und selbstredend nicht gekündigten) Management. Offiziell heißt es aus Augsburg, daß 258 Filialen „auf ein noch stärker selbstbedienungsorientiertes Konzept“ umgestellt werden: „In diesem Zusammenhang entfallen künftig 322 der 1571 Stellen.“

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