Pfitzners „Palestrina“ in Frankfurt am Main. „Hört nicht so romantisch!“ Gedanken zu Harry Kupfers Inszenierung.

Das Charakteristische an genialen Kunstleistungen ist, dass einem
das fertig Vorliegende ebenso selbstverständlich vorkommt,
als es unbegreiflich bleibt, wie es entstehen konnte. (Hans Pfitzner)

Knisternde Spannung, eine unheimliche konzentrierte Stille im Publikum, nicht ein einziges Hüsteln ist zu vernehmen, als die Musik zum Vorspiel einsetzt und der Vorhang sich öffnet. Der verführerische Klang, fast ein kammermusikalisches „Stück sterbender Romantik, Letztes aus der Wagner – Schopenhauerschen Atmosphäre“ (Th. Mann), schleicht sich in die Ohren. Man will die Augen schließen, will sich in die gebrochenen Tiefen pfitznerscher Tonräume fallen lassen und kann es letztlich nicht; der Klangschönheit der Musik stemmt sich Hans Schavernochs Bühnenbild entgegen, ein rot drapierter aufsteigender Sitzungssaal, der sich nach und nach mit Grauuniformierten im Mao – Look mit Stalinkragen füllt. Videoprojektionen, die Porträts von Palestrina und Papst in Gesichter von Schostakowitsch und Stalin verwandeln, umfangen Musik und Bühnenbild. Mich fröstelt, ein 3- Seiten-Video, ein riesiger Stacheldraht, umgibt das Geschehen und wird die Zuschauer und Akteure von nun an nicht mehr verlassen. Als die Bühne sich dreht, sind sie alle gefangen, die Kardinäle, das Zentralkomitee und das Publikum und Silla (Claudia Mahnke), ein Schüler Palestrinas singt Ighino (Brigitte Stallmeister),dem Sohn des Meisters, sein im „allerneusten Stil“ komponiertes Lied vor.
Brechts berühmtes „Glotzt nicht so romantisch!“ mutiert in Kupfers Inszenierung zu einem „Hört nicht so romantisch!“ und gipfelt darin, dass gegen Ende des 1. Aktes Palestrina eine Krone, die Dornenkrone, aufgesetzt wird, während er seiner Zerissenheit zwischen Macht und eigenem Kunstanspruch Ausdruck verleiht. Eine Übertreibung des Künstlerschicksals, die aber meinen Nachbarinnen zur Rechten und zur Linken die Tränen in die Augen treibt, gemäß der Vorstellung, dass „wahre Künstler immer Märtyrer sind“. Ich selbst, auch erschüttert von Gesang und Darstellung Palestrinas durch den großartigen Kurt Streit, werde durch diese „Krone“ auf den Boden biographischer Tatsachen Pfitzners zurückgeholt, der 25 Jahre nach der Uraufführung von „Palestrina“ den „Einzugsmarsch“ auf die Krakauer Burg für den von Hitler eingesetzten „Generalgouverneur von Polen“, Hans Franck, komponieren wird.
Die ganze Inszenierung Harry Kupfers, angefangen mit dem gegen das Libretto vorweggenommenen Tod Palestrinas bereits im 1. Akt, weist subtil daraufhin, dass ein Lob politischer Mächte den Künstler, unabhängig von seinem Wollen, bestechlich machen und damit umbringen kann. Das „Eviva Palestrina“ der Kardinäle oder ein Stalinpreis für Schostakowitsch sind Demütigungen, die den Tod von Kreativität zur Folge haben können. Pfitzners Anbiederungen an das NS-Regime, seine Funktionieren im 3. Reich sind Ergebnis seines weltfremden Künstlerideals, dem die Intuition alles ist, was er in seiner legendären Gestalt Palestrina verwirklicht sieht.
Die Konzilsversammlung von Trient im 2. Akt wird von Pfitzner genialisch als boshafte, musikalische Parodie vielstimmig wiedergegeben. Das, was Pfitzner lächerlich machen will, wird in der Interpretation von Harry Kupfer zu einer grotesken Funktionärsszenerie der KP der Sowjetunion. Dem schwarzen Humor Pfitzners in seiner Konzilsmusik entspricht zum Schluss der Oper im 3.Akt am aufgebahrten toten Palestrina das Auftauchen Stalins als Büste mit Tiara, bei der mir das Lachen im Hals stecken blieb. Fast das ganze Personal der Oper verneigt sich vor dem Aufgebahrten. Es fehlt nur Silla, der nach Florenz gegangen ist, nach „Manhattan“, um dort neueste Musik zu studieren. Das Moderne lockt und noch weiß er nicht, dass man Rom und Moskau, Kardinälen und Funktionären nicht entrinnen kann

PALESTRINA >>>>Hans Pfitzner, 1869 – 1949
Musikalische Legende in drei Akten, Text vom Komponisten. Uraufführung am 12. Juli 1917, Prinzregententheater, München.
Weitere Termine in Frankfurt am Main: 20.06.2009 | 25.06.2009 | 28.06.2009 | 05.07.2009

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3 Kommentare zu Pfitzners „Palestrina“ in Frankfurt am Main. „Hört nicht so romantisch!“ Gedanken zu Harry Kupfers Inszenierung.

  1. Steinzeitabiturient sagt:

    mega-hurga Ein sehr reißerischer Text. Frage: selbst verfasst? [Antwort fast überflüssig, bei so viel Hormonüberfluß in der Schilderung!]

    Ich hab`hier mal ein kleines Gegen-Hör-Beispiel, was sie vermutlich entzücken wird:

    Knocking on Heavens Door>/a>

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