Dear Joseph (XXIII), …

… ich musste heute lachen als dieser >>>Song>7Strike> im Autoradio lief und doch ist es mir ernst mit diesem Brief an dich obwohl ich dir eigentlich einen anderen schreiben wollte. Habe tatsächlich das erste Mal auf den Text gehört. Und dabei über Annie nachgedacht. Von der ich dir erzählen will und muss.

Struck down? Wie feige und erbärmlich das ist, dachte ich gleich. Am besten noch von hinten kommend. Das ist nicht fair! So stirbt man nicht, Joseph! Struck down.

By a smooth criminal? Das geht nicht zusammen!

Ein Crescendo, Annie! Das ist ihr auch mal passiert. Als mitten in der Nacht im Sommer Einer durchs Fenster einstieg. In ihre vier Wände. Sie wurde sofort wach. Hatte dann irgendwie recht schnell das größte Messer in der Hand. War ja ihr erster Gedanke.

Jede Handlung: nur noch Reaktion. Ein einziger Reflex. Sie selbst sei zu einem geworden, erklärte sie mir Tage später. Ihre Pupillen waren in dieser Nacht dermaßen weit aufgerissen. Ihre Iriden überhaupt nicht mehr zu sehen. Wie das aussah! Es dauerte Stunden bis sich das wieder normalisierte. Ich konnte ihr kaum in die Augen schauen. Die zwei Polizisten, die ich gerufen hatte, übrigens auch nicht. Hatte sie sowieso nicht interessiert, was die zu sagen hatten. Was sollten die schon tun! Ab da schlief sie nur noch tagsüber. Höchstens zwei Stunden. Nachts wartete sie. Saß da. Hörte einfach ins Dunkel. Denn von Lauschen konnte keine mehr die Rede sein. So empfindlich war ihr Gehör auf einmal. Sie konnte jedes noch so leise Geräusch zuordnen, wusste sofort aus welchem Winkel es kommt. Ein halbes Jahr lang ging das so.

Annie schreibt nicht, Joseph. Hat mit Künsten nichts am Hut. Denkt seit Wochen über die Sterbephasen nach und wie sie auch in anderen Lebenssituationen passen.

Eine Phase allerdings, denn ich habe sie mir einmal angeschaut, die hat sie nicht. Bzw., doch, sie hat sie, verschiebt sie aber immer. Übt lieber Messerwerfen.

Sie hat damals irgendwann damit angefangen. Stieg immer wortlos DIETREPPEHINAUF. Kam mir vor als wohnte ich in einem house of flying daggers. Hat ein großes Holzbrett an die Wand geschlagen. Und sie tut es wieder. Übt. Diszipliniert. Gar nicht dionysisch. Eher apollinisch. Und: es wird! Tatsächlich nimmt die Treffsicherheit wieder zu. Ich höre es. Täglich. Manchmal, wenn sie nicht da ist, gehe ich in das Zimmer. Schaue mir die Oberfläche dieses Holzes an, die nur noch aus Kerben besteht. Habe bisher nicht mit ihr darüber gesprochen. Wir sprechen in letzter Zeit nicht viel miteinander. Heißt: sie nicht mit mir.

北方有佳人,絕世而獨立。
一顧傾人城,再顧傾人國。
寧不知傾城與傾國。
佳人難再得。

Wozu auch soll sie sich die Zähne ausbeißen, wenn sie doch ein Kleid ganz aus Messerklingen bestehend tragen kann! So denkt Annie, Joseph. Ich kenne sie.

Annie, are you ok?
So, Annie are you ok?
Are you ok, Annie?

Wahrscheinlich fragt sie sich bereits, ob er den Mut haben wird stehen zu bleiben, ihr in die Augen zu schauen, sobald sie das erste loslässt.

Das sehe ich heute in ihren Augen. Zwar musste ich erst einmal lachen aber ich sorge mich doch. Weiß nicht, ob ich ihr vertrauen kann, ob sie noch weiß, was sie tut.

Deine Häsin.

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