Heimfahrt von Säufern. Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 17. Dezember 2018.

[Arbeitswohnung, 9.12 Uhr
France musique contemporaine:
Alvin Curran, Improvisation]

Wer da?
Eiskalt im Sterbezimmer. Der Mann,
der da lag, konnte sich nicht mehr bewegen.

Wortlos und ebenso plötzlich, wie sie einander umarmten,
gehen sie auseinander.
Wer da?

Paulus Böhmer, Elfter Kaddish

So standen wir denn in dem oberhessischen Flecken am Grab, die Freunde und Wegbegleiter, Verwandten und Honoratioren, selbstverständlich die Faustcrew wie Hans-Jürgen Linke, der zusammen mit mir wohl der erste gewesen ist, für Paulus Böhmers Dichtung zu streiten; hat sich der Ruhm dann eingestellt, werden die ersten Kämpfer schnell zu Gunsten der letzten, weil ebenso berühmten, vergessen: ein  grobes Unrecht in seinem Fall. — Zur Trauerfeier in der eisigen Kapelle sprachen Harry Oberländer, Jan Volker Röhnert, Olga Martynova, Joachim Helfer, brillant – wenn auch für eine Trauersprache einen Tuck zu professionell – Thomas Hettche, dafür Böhmers Sohn Daniel-Dylan so wahrhaftig, daß es durch die Seele ging und am Grab selbst mir die Tränen doch noch in die Eiseskälte rannen, wie einigen anderen auch; hernach zogen lockere Trüppchen ins Herrenhaus der Böhmer-v-Bothmers zu Suppe, Kuchen, Kaffee, Rum. Als fast schon der allgemeine Aufbruch erfolgte – es war doch eine lange Anreise gewesen, der Ort liegt infrastrukturell recht abseits – bat Lydia Böhmer um noch eine Runde, und einige von uns lasen aus Böhmers Gedichten, Hettche aus der >>>> Ohm, Helfer aus dem Schwarzgekachelten Blut, ich selbst meinen aus Böhmerversen gesetzten >>>> dritten Dithyrambos; sehr berührend der Vortrag Victorias, der elfjährigen Enkelin Paulus Böhmers.

Auch Do war, eigens zur Beisetzung, aus Frankfurt gekommen, mußte danach gleich wieder fort; Ricarda Junge selbst segnete das Grab des Großvaters ihrer Tochter aus; Wegbegleiter des Dichters aus sehr frühen Tagen waren aus Mecklenburg gekommen. Etwas vewunderlich nur, daß weder der Verleger des böhmerschen Hauptwerks, Kaddish, zugegen war, Klaus Schöffling, noch die enge, wirklich enge Seelenfreundin Kathatrina Hacker; auch Dielmann war nicht gekommen, aus allerdings nachvollziehbarem Grund; sein Verhältnis zum Dichter, den er mit wichtigen Büchern verlegt hat, war nicht mehr reparabel und wird’s nun nie mehr sein. Das ist vielleicht das wirklich Schlimme am Tod, daß, wenn wir nicht zu Zeiten reagieren, Menschlichkeiten für alle späteren entleert sind und sich nicht mehr füllen lassen.
Einige, gewiß, fehlten der komplizierten Anfahrt wegen, andere wie Phyllis Kiehl und Björn Jager, die allerdings im Vorfeld um die Witwe waren, konnten aus Arbeitstermingründen nicht; mir fehlten aber auch der alte, noch aus Günter Bruno Fuchsens Zeiten, Kämpe und Freibeuterfreund Uve Schmidt ebenso wie Günter Kämpf und Vilma Link, deren anabas-Verlag Böhmer über Jahre betreute. Im Geist zugegen waren allerdings, ich bin mir sicher, Wolfgang Hilbig und Oleg Jurjew, die den Dichter nun im, wenn es das gibt, Walhall der Dichterinnen und Dichter begrüßt haben, der Saal geschmückt, Böhmer, der nicht nur große, sondern auch sehr hochgewachsene Mann, ein, hätte meine Großmutter gesagt, „Trumm von Mann“ tritt auf seine leicht verlegene Weise ein, das Antlitz in zweitausend Falten gelegt, aber als Ginsberg, neben dem Ezra Pound, ihn begrüßt, kann er sich eines Lächelns nicht entringen. Pound muß sich auf die Zehenspitzen stellen, als er ihn umarmt. Dann setzt man sich zur Tafel. Die toten Dichter taten’s dort, wir hier. Wobei mein Verhältnis zu Hettche nach wie vor verkühlt ist; zur Witterung draußen paßte es aber und hatte somit ebenso Form, wie daß ich abseits saß, als Martynova und er sich über ein bißchen Literaturbetriebspolitik verständigten, wer wo, wer wie, wen man hübsch aufeinander losläßt. Es geht bei solchen Gesprächen nicht um Dichtung, jedenfalls Hettche, sondern um Show: Befriedigung von Sensationslüstchen. Na gut, na schlecht, egal. Es wird die Nachwelt richten. Ich brauche neue Lederhandschuhe, habe die meinen auf der Hamburgfahrt verloren. Also nachher auf den Flohmarkt, das ist wichtiger.

Ricarda schnappte sich die angebrochene Flasche Rum für die Rückfahrt, die sie, Victoria und ich gemeinsam unternahmen, inklusive exklusiver Verspätungen, die uns nachts in der hannöverschen DB-Lounge landen ließen, wo, bei Latte macchiato und Kakao, diesem Rum dann zugesprochen ward, wie auf der weiteren Heimreise im nächsten ICE dann auch unter der Betreuung eines ganz wunderbaren Kellners im DB-Bistro. Und in uns unentwegt der Gedanke, nein, das Gewißsein: Nun ist er nicht mehr da
— doch wird noch einmal erstehen. Im Literaturforum wird es am 27. Februar eine Gedenkfeier geben; eine zweite habe ich für Bonn angeregt. Sowie alle Mitwirkenden bekannt sind, werde ich die Veranstaltungen jeweils in Der Dschungel annoncieren.

Heute, nach der Handschuh“nummer“, vor allem Vorbereitung für die zweite Wienreise morgen; über den Tag wird sich sehr wahrscheinlich auch meine Lektorin melden. Und Jordan Lee Schnee, der US-Übersetzer meiner Béartgedichte, wartet auf Rückmeldung. Außerdem will ich am Familienbuch der Contessa noch etwas tun, und die Tonaufnahmen vom Donnerstag sind auf Papier zu übertragen. Das allererste Weihnachtsgefühl wird sich dann am Mittwoch bei mir einstellen, wenn ich zurück bin und mit der Familie den diesjahr sehr späten ersten Abendgang übern Weihnachtsmarkt zelebrieren werde.

Haben Sie, Freundin, einen guten Tag.
ANH
[France musique contemporaine:
Marial Solal, Improvisation]

 

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Ein Kommentar zu Heimfahrt von Säufern. Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 17. Dezember 2018.

  1. Ute stefanie strasser sagt:

    Danke für diesen Text !

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