IHR WOLLT EIN WORT VON MIR. EIN SCHICKSAL SOLLT IHR HABEN. Eine literarische Spekulation über Hans Henny Jahnn und Medea.

 

Hier wirken Triebe, die die Not und das falsche Bewußtsein von ihr nur freilegen, die aber nicht von heute sind. Sondern ein Stück fossiler Mond scheint, darunter ist ein Weg, an den man sich seltsam er­innert.
Ernst Bloch, Erbschaft dieser Zeit


I

Wenn ein Schriftsteller von einem anderen schreibt oder über einen anderen spricht, ist das stets ein Stückchen eigener Standortbestimmung. Und also eigene Literatur. Sie wird dem an­deren nicht gerecht, oder nur aus Zufall. Sie will ihm auch gar nicht gerecht werden, sondern sich selber ordnen anhand von Nähen und Fernen, Abstoßungen, ja bewußten Fehldeutungen. Das andere wird dem eigenen rücksichtslos einverleibt oder aus sich hinausgestülpt, je nach Richtung des Verfahrens, der Ideologie, der Neigung. Ist das fremde Werk aber tatsächlich fremd, wird man sich nicht darum kümmern. Ich gehe also von Nähe aus, einer negativen, einer positiven, einerlei: Nähe. Dieses bei allem, was ich sage, zu bedenken, bitte ich Sie. Es schränkt meine Spekulationen im selben Maß ein, wie es ihnen ihr Recht und möglicherweise ihre Wahrheit gibt.
Hans Henny Jahnn reizt mich. Das Wort „reizen“ ist ambivalent und durchaus erotischer Terminus. Ich erinnere mich an eine verbissene und langweilige Lektüre meiner Nachpubertät. Pubertär auch der Text: Dunkel, morastig, vergoren, zerwühlt und von demselben Auserwähl­theitsalpdruck zusammengehalten, der mich zusammenhielt. Ich hatte keine masochistische Neigung und also das Verlangen, aus meinem Stallgeruch von verschwitztem Geschlecht und dumpfer Neurose mich hinaus- und zu mir selbst herauszuwühlen, indessen Jahnn mir vor­kommt wie einer, der immer weiter hineinwill in seinen Pfuhl aus Kot und geronnenem Eiweiß. Vermutlich war er wie ich früh traumatisiert, beide liebten wir Musik, Mozart und Bach, und beide strotzten wir vor Pathos und platzten vor fantasierter Gewalt. Ich selbst wurde dann eine Zeitlang tatsächlich kriminell. Ich sehnte mich nach Mädchen, die mich mieden. So fing ich zu schreiben an. Als mich das erste Mädel in den Arm nahm, legte ich Jahnn beiseite. Die Sache ging aber schnell an meinen Verklemmungen und also meinem Größenwahn schief. Ich watete im Selbstmitleid und las abermals Jahnn. Ich flog von der Schule, ich haute von Zuhause ab, wurde aufgegriffen, haute wiederum ab, vaterlos haßte ich meine Mutter und erging mich in brutalen Szenarien der Sehnsucht. Meine Mutter gab mich, den schwer Erziehbaren, weg, ich lernte meinen innerlich längst abgestorbenen Vater kennen, auf einem Bahnübergang zwischen Bassum und Syke schlugen wir uns, ich ging nach Bremen, begann eine Lehre und wurde, na ja, einigermaßen normal. Interessanterweise schrieb ich weiter. Und las auch weiterhin Jahnn. Doch plötzlich, ich war so um die einundzwanzig, hörte er auf, für mich von noch irgend einer Bedeutung zu sein. Ich legte ihn wenige Seiten vorm Epilog des Flusses ohne Ufer weg. Im selben Moment legte ich Kafka ab, Beckett ab und Artaud ab. Sie interessierten mich einfach nicht mehr. Punkt. Eine Häutung. Ich entdeckte den Spott. Ich glaubte an den freien Willen, an Entwicklung, an Fortschritt. Außerdem war ich ständig verliebt. Das schloß fatalistische Au­toren aus.
Etwa zwei Jahre später schickte mich mein Lehrer am Abendgymnasium in den Bremer Schlachthof. Das war passend. Frank Patrick Steckel hatte Jahnns Krönung Richards III. in­szeniert, auf allen Stockwerken, das Publikum war gebeten worden, in Kleidung zu erschei­nen, die man hinterher entsorgen konnte. Eine Orgie der Schreierei und roten Farbe und ex­pressionistischen Sprache. Rainald Götz und Einar Schleef heute verzehnfacht aufeinanderge­schichtet reichen an die orgiastische Entgrenzung nicht heran, nur ihr modernes Vorbild, Otto Mühl, und der Archetyp: die dionysischen Mysterien. Daher ist es nämlich genommen, aber invers. Die Menschenopfer, das Zerreißen der Muttertiere, das Verschlingen rohen Fleisches, die Selbstverstümmelungen. Dionysos ist der Sohn Semeles, der Mondgöttin, und als Stier ge­dacht. Darauf werden wir zurückkommen müssen. In ihm wurde der Phallus verehrt, und zwar nicht patriachal. Die dionysische Kraft ist nicht licht, Dionysos ein Gegenspieler Apolls bis in seine Banalisierung zum Bacchus hinein. Seit Nietzsche ist die Dualität dionysisch/apollinisch Zitat. Dionysos zugehört Demeter und Kore, jene wiederum ist aus der kleinasiatischen Kybe­le, bzw. Hekate herübergewandelt. Auch dies werden wir wieder aufnehmen müssen. DI-YO­NI-OS: Die zweifache göttliche Vulva. Die beiden Hörner des Stiers plus dem Phallus = den drei Phasen des Mondes, die Gezeiten und Menses regeln. Dionysos wird, wie Osiris vor dem Weltuntergang, zerstückelt.
Ich war völlig benommen und versuchte es mit Jahnns Prosa neu. Ich war angewidert und ent­setzt von soviel brütender, zugleich frigider Kraft. Bilder wie irisierendes, ionisiertes Blei. Al­les schwer. Eine Perspektive auf die Welt, als hätte man wen in einen Gulli gesperrt und der beginnt nun, in seinem Gefängnis unablässig zu onanieren, wie es Affen in Käfigen tun: Ma­nieristischer Hospitalismus, fieberndes Monologisieren. Ich wandte mich anderen Autoren zu.
Erst 1983 verfiel ich neuerlich auf Jahnn, diesmal indirekt. Martin R. Dean machte mich auf den Schweizer Dichter Guido Bachmann und seine Trilogie Zeit und Ewigkeit aufmerksam. Es ist für mich eines der wichtigsten Bücher geworden, die in den letzten Jahren erschienen sind. Über Bachmann lernte ich Gilgamesch und Enkidu kennen, Bachmann richtete meine Recher­chen auf die Mythologie und die führte mich nun abermals zu Jahnn und erlaubte mir, erst­mals zu trennen das, was ich schätzte, von dem, was mich störte, ja mit beinahe phylogeneti­schem Ekel erfüllte. Beides hing auf eine ungute Weise zusammen, eines verwies aufs andere. Ich begriff, daß Jahnns Prosa keine Personen hat, sondern immer nur sich selbst, aber so, als wäre er in lauter Archetypen, in ewige Monaden zerfallen, die sich, auf ein Rad genagelt, das sich dreht, um diesen Autor drehen. Ein permanenter Zirkel. Zirkularität gehört unabdingbar zu matriachalen Vorstellungswelten. Und dann erfaßte ich, was mich so anwiderte: Die Ideo­logisierung seiner vorgeblichen Homosexualität. Ich sage bewußt: nicht die Päderastie als Spielfigur einer im großen und ganzen reifen Sexualität, sondern ihre Ideologisierung. Die ist in manchen intellektuellen Kreisen in den letzten Jahren modern, nämlich Markt geworden, und ich mag insofern die derart vor sich hergetragene Homosexualität als hysterische Selbst­befreiung nicht glauben, nicht den Kreisen und schon gar nicht Jahnn. Ich erinnere an DI-YONI-OS und komme auch hierauf zurück.

SCHNITT. — Etwa acht Jahre lang keine Zeile Jahnn. Nur indirekt: Meine Studien übers Ma­triarchat, bis zurück in die Edda, den europäischen Sagen- und Märchenkreis abgeschritten. Das war der „Wolpertinger„.

SCHNITT. — Frühjahr 1994, Medea im Berliner Gorki-Theater. Eine sehr laute – zu laute – Aufführung. Im Theater muß ja immer geschrien werden, weil die Leute Hörschäden haben. Das ist, an Madonna und Prince zu denken, verständlich. Jahnn fügt sich, was die Phonstärke angeht, da ziemlich gut rein. Oder nicht? Inszeniert mit Oskar-Schlemmer– und Travestie-Zitaten. Der Transvestismus paßt, Schlemmer liegt irgendwie schief. Das läßt mich aufmerk­sam werden. Bauhaus und Jahnn. Seltsam. Warum wählte Jahnn diesen Stoff? Ausgerechnet ein grübelnder misogyner Schwuler macht sich über eine Kindsmörderin her. Was treibt ihn zu ergründen, was sie treibt? Das ist mir neu an Jahnn: Distanz. Identifiziert er sich mit Jason? Das wäre selbst für ihn zu billig. Aber mit Medea? Welche Söhne hat er umgebracht oder fan­tasiert er, umbringen zu müssen? Ist Jahnn eine Frau? Der Stoff ist zu weit von Norwegen und Deutschland entfernt, um seinem Blut der rechte Lehm zu sein. Der ausgetrocknete korinthi­sche Staub klebt schlecht an den Stiefeln, macht sie nicht schwer und zwingt sie schon gar nicht ständig in den Morast zurück. Der Anruf vom Literaturhaus Frankfurt am Main, Jahnn-Symposion, ob ich usw. Ich sage spontan zu, nenne Medea als Thema und beginne den 2. Teil meines Vortrags.

II

Ich sagte, Homosexualität sei modern geworden. Das ist nicht mehr aufgeklärte Freiheit, schon gar nicht Toleranz, sondern sowohl Regression wie ästhetische Doktrin. Ich spreche hier nicht vom Freund, der mit dem Freund schläft. Ich spreche von einer abstrakten Heroisierung, die aus der gleichgeschlechtlichen Liebe eine säkularisierte Religion abziehen will und ganz bewußt das andere, das Zweigeschlechtliche, ausgrenzt, also – mag sein: aus Notwehr – in die­selben restriktiven Mechanismen verfällt, von der der Heros bedroht war. Ausgrenzen heißt immer: Wegbringen, Umbringen. Der beglückte Heterosexuelle hackt ja auch nicht auf Schwulen und Lesben herum. Sie interessieren ihn einfach nicht genug, als daß er sich über sie aufregen könnte. Der gesellschaftliche Haß auf Homosexualität ist Homosexualität, nämlich eine verdrängte. Damit sind wir mitten im Thema. Haß auf Heterosexualität ist niemals homosexuellen Ursprungs. Und sein Auswurf, der Frauenhaß, entstammt einem schlechten, ich möchte sagen: bösen Gewissen. Indem alle drei – Homosexualität, Heterosexualität, Frau­enhaß – eine starke ideologische Komponente haben, stimmt etwas in ihrem Selbstbewußtsein nicht. Das heißt, ihre Entwicklung ist schiefgelaufen. Um es zu wiederholen: Die individuelle Homosexualität interessiert mich hier nicht. Ein junger Mann, der Liebeskummer hat und seiner Freundin ein trau­riges Gedicht darüber schreibt, interessiert mich ebenfalls nicht. Ich mache auch nicht aus einer Diarrhöe, die mich gelegentlich anfällt wie jede und jeden, Literatur. Mich interessiert genauso wenig, ob ein Autor lieber Hähnchen oder Schweinefleisch ißt, nudistische Vorlieben hat oder AIDS. Mein Interesse gilt der Diarrhöe als Ideologie und Literatur.

Frühes Trauma – Abwehr – Latenz – Ausbruch der neurotischen Erkrankung – teilweise Wie­derkehr des Ver­drängten: so lautete die Formel, die wir für die Entwicklung einer Neurose aufgestellt haben. Der Leser wird nun eingeladen, den Schritt zur Annahme zu machen, daß im Leben der Menschenart Ähnli­ches vorgefallen ist wie in dem der Indivi­duen,

schreibt Freud. Und weiter:

Also daß es auch hier Vorgänge gegeben hat sexuell-ag­gressiven Inhalts, die blei­bende Folgen hinterlassen ha­ben, aber zumeist abgewehrt, vergessen wurden, nach lan­ger La­tenz zur Wirkung gekommen sind und Phänomene, den Symptomen ähnlich in Aufbau und Tendenz, geschaffen ha­ben.

Jason soll für Pelias, Tyrann von Jolkos, von Aia, also Kolchis, das Goldene Vlies holen. Dann, so verspricht Pelias, wird er die Jasons Vater Aison weggerissene Herrschaft wieder abtreten. Jason macht sich auf den Weg nach Osten, und erreicht Aia, tritt vor Aietes und verlangt das Goldene Vlies, das in einem Eichenhain aufgehängt und von einem Drachen be­wacht ist. Aietes verweigert das nicht, will aber erst drei Aufgaben gelöst bekommen: Jason soll zwei feuerspeiende, erzhufige Stiere vor den Pflug spannen, dann Drachenzähne in die Furchen säen und schließlich den Wächterdrachen töten. Medea, eine Tochter Aietes‘, hat sich in Jason verliebt. Sie ist zauberkundig und steht ihm bei. Mit ihrer Hilfe löst er die Aufgaben, allerdings, das ist mythisch-symbolisch wichtig, tötet er den Drachen nicht, sondern dieser wird in tiefen Schlaf versetzt, so daß man das Goldene Vlies unbehelligt stehlen kann. Das Drama zeigt, wie der Drache dann später in Medea erwacht. Aietes verfolgt die Fliehenden. Vor den Augen des Vaters zerstückelt Medea ihren kleinen Bruder Apsyrtos und wirft die Ka­daverteile ins Meer, wo sie der unglückliche Vater auffischen muß, so daß die Fliehenden ent­kommen. Nach Jolkos heimgekehrt, wird gefeiert. Jasons Vater ist zu gebrechlich, um dabei­sein zu können. Durch Zauber verjüngt ihn Medea. Nun legt Jason Pelias das Vlies vor. Der weigert sich, das Reich herauszugeben. Medea rächt das. Also müssen sie und Jason wieder­um fliehen. In Korinth finden sie Asyl. Sie bekommen zwei Kinder. Aber Jason verliebt sich in die Tochter König Kreons und will die Ehe mit Medea lösen. Die Vermählung mit Kreusa-Glauke wird bestimmt. Medea fügt sich scheinbar, schickt Kreon und Glauke je ein Gewand, sowie die beiden es anziehn, werden sie von Feuer verbrannt. Dann tötet Medea ihrer und Jasons Kinder und fährt auf einem Drachen-, resp Schlangenwagen davon.

Ich referiere nach Ernst Kroker, Katechismus der Mythologie. Im übrigen beziehe ich mich auf Euripides und Ovid.
Bei Jahnn geht die Geschichte etwas anders:
Nicht Jasons Vater verjüngt Medea, sondern ihrem Mann schenkt sie ewige Jugend, indessen sie selber altern muß. Das ist an sich schon seltsam und nicht sehr weiblich gedacht. Warum läßt Jahnn seine Medea dieses Eigentor schießen? Antwort: Es ist nötig, damit das Stück funktioniert. Symbolisch aus noch einem anderen Grund, den ich später erkläre. Zu Beginn des Stücks ist Medea schon alt, Jahnn verwendet viel Energie, sie sich als schwabblig und unan­sehnlich schildern zu lassen. Der Ehemann hingegen strotzt vor geiler Jugend. Er pflegt, sei­nem älteren Sohn beizuschlafen. Medea bettelt um eine Liebesnacht. Nach vielerlei Hin und Her verspricht Jason sie ihr. Der ältere Sohn hat sich in Kreons Tochter Glauke verliebt (ihr Name wird, das ist wichtig, bei Jahnn nicht genannt) und bittet den Vater, für ihn bei Kreon um ihre Hand anzuhalten. Gleichzeitig bittet der jüngere Bruder, der immer der Mutter zuge­schlagen wird, den älteren darum, ihn in die Mannbarkeit einzuführen, das heißt: mit ihm zu schlafen, wie der Vater es mit jenem tat. Der Bruder verspricht’s, aber dann kommt ihm eben das Mädel dazwischen. Der Vater geht zu Kreon, verguckt sich selbst in die Deern, verleugnet seine Ehe, seine Kinder, läßt Kreon Medea verstoßen. Dem Boten, der Medea die Nachricht bringt, läßt sie die Augen ausreißen. Danach geht die Geschichte, mit entsprechenden psycho­logischen Varianten, weiter wie oben, nur daß Jahnn den Drachenwagen durch einen Pferde­wagen ersetzt.
Ich komme auf Freud zurück und kolportiere ihn: „Der Leser wird nun eingeladen, den Schritt zur Annahme zu machen, daß in der Literatur Ähnli­ches vorgefallen ist wie im Leben der Menschenart.“ Ich bitte Sie also, die Annahme zu machen, die Verdrehungen Jahnns seien nicht oder nicht nur auf seine persönlichen, sondern auf einen gesellschaftliche und ideenge­schichtliche Defekt zurückzuführen. Wobei gewiß auch Ovid und Euripides schon defizitär, bzw. bewußt ideologisch-politisch sind. Das wird sich, wenn wir meine Spur verfolgen, im ne­benhin zeigen. Dazu nochmals Freud:

Wenn wir den Fortbestand solcher Erinne­rungsspuren in der archaischen Erbschaft an­nehmen, haben wir die Kluft zwischen In­dividual- und Mas­sen­psychologie überbrückt, können die Völ­ker behandeln wie den ein­zelnen Neurotiker.

Al­lerdings schränkt er ein:

Zugege­ben, daß wir für die Erinnerungsspuren in der ar­chaischen Erbschaft der­zeit keinen stärkeren Beweis haben als jene Resterscheinungen der analyti­schen Arbeit, die eine Ableitung aus der Phylogenese erfordern, so erscheint uns dieser Beweis doch stark ge­nug, um einen solchen Sachver­halt zu postulieren.

Jason zieht nach Osten, zum sagenhaften Kolchis. Die Tatsache, daß Pelion den ihm gefährli­chen Jason ausgerechnet dahin schickt, zeigt schon, daß er nicht glaubt, jemand komme von dort heil wieder zurück. Zwei verfeindete Völker? Das reicht nicht: Ganz Griechenland liegt miteinander im Krieg. Hier geht es um zwei Prinzipien. Bei Jahnn wird das durch weiß und schwarz symbolisiert. Die Griechen halten sich viel auf ihre weiße Haut zugute, und Medea und ihre Kinder, die Mischlinge sind, werden als dunkelfarbige Ausländer, geradezu als Un­termenschen, verachtet. Zu diesem Mechanismus Bloch:

Die tieferen Motive des Judenhasses wurzeln in längst vergangenen Zeiten, sie wirken aus dem Unbe­wußten der Völker (…). Ich wage die Behauptung, daß die Eifersucht auf das Volk, wel­ches sich für das erstgebo­rene, be­vorzugte Kind Gottvaters ausgab, bei den anderen noch nicht überwunden ist, so als ob sie dem An­spruch Glauben geschenkt hät­ten. (…) Und endlich das späteste Motiv dieser Reihe, man sollte nicht vergessen, daß alle diese Völker, die sich heute im Judenhaß hervortun, erst in späthistori­schen Zeiten Christen geworden sind, oft durch blu­tigen Zwang dazu getrieben. Man könnte sagen, sie sind alle ’schlecht getauft‘, unter einer dünnen Tünche von Christen­tum sind sie ge­blieben, was ihre Ahnen waren, die einem barbari­schen Polytheismus huldigten. (…) Ihr Judenhaß ist im Grunde Chris­tenhaß (…).

Jahnns Helden sind so schlechte Homose­xuelle wie Antisemiten gute Christen, ihr Frauenhaß ist im Grunde heterosexuell. Sie sind ge­schlechtsindifferent. Ich bitte Sie, hier wieder an die Ideologisierung zu denken; sie erklärt sich jetzt.
Jahnns Medea ist wie viele seiner Frauenfiguren Negerin. Negersein hat offenbar Symbolwert für Jahnn. Der Neger ist das Frühere, Archaische und Gebärfähige. Neger sind schwarz, die Griechen haben eine weiße Haut. In Griechenland herrschen Männer, Frauen spielen eine eher untergeordnete Rolle. Auch in Kolchis regiert ein Mann, doch dort, bei den Negern, scheint die Tochter stärker zu sein als er. Man vergleiche das ganz andere Frauenbild in Kreons Tochter: Erst hat sie sich in den Sohn verliebt, aber kaum sagt ihr Vater, sie solle Jason nehmen, fügt sie sich ganz ohne Widerstand. Medea hingegen tut, was sie will. Sie ist Priesterin der Hekate, der großen Göttin, die im Himmel, auf der Erde und in der Unterwelt wirkt. Ihr Gestirn ist der Mond. Und hier denken Sie bitte daran, daß Dionysos Mondsohn ist. Das ist nötig, um die Blutorgien bei Jahnn zu verstehen. „Nur drei Nächte noch fehlten, bis gänzlich die Hörner des Mondes/ Schließend zum Kreise sich fügen“, heißt es bei Ovid in einer von Medea veranstalte­ten Zauberszene. Sowohl bei Ovid als auch bei Euripides taucht in Kolchis geradezu geknüllt matriachales Symbolgut auf: Die Farben weiß/rot/schwarz, die Trinitäten (später vom Chri­stentum abstrakt pervertiert), der Stier, die Mondallegorik. Alles da. Jahnn scheint das gewußt zu haben. ME ist sumerisch und bedeutet die 100 göttlichen Kräfte, um die ständig gestritten wird. ME+DEA heißt „Göttin der Me“. Sumer ist das Sinear der Bibel. Das Wort „Schumer“ bedeutet „Kulturland“, die Schumerer sind Kulturbringer, und zwar cultura im Sinne von Ac­ker. Bis nach Rom hinein waren es Göttinnen, die den Ackerbau und die Handwerke, also das Überleben lehrten. Die Sumerer nannten sich selbst „Schwarzköpfe“. Da ist es zur Negerin Medea nicht mehr weit. Sie sehen, das geht bei Jahnn alles prima zusammen. Und er hat es gewußt. Medea nämlich ruft:

In meiner Brust bleibt nur der Anunnaki
höhnendes Gelächter.

Und als das Unheil überm Haus hereinbricht, ruft auch der Sohn:

Sind die Götter
geflohen vor den Anunnaki?

Die Anunnaki sind die Engel der Erde, die beim Weltuntergang den gro­ßen Brand auslösen. Es sind fünfzug, wie die Besatzung der Argo! 50 wie­derum ist der dynastische Stellenwert des babylonischen Marduk, des Sohnes der assyrischen Tiamat. Als Babel später Gegenspieler des Einzigen Gottes, also des Monotheismus, ergo des Wortes gegen die chthoni­schen Müttergöttinnen, die im Heidentum immer wieder durchbrachen, ja in der Jungfrau Ma­ria bis heute weiterwirken. Der Ältere sieht das über ihn hereinbrechende Unheil also als Nie­derlage des Patriachats. Die Anu selbst sind ein Negerstamm, der Altägypten gründe­te. Osiris war ein Anu. Die Deutschen nannten sich einst „Volk der Göttin Anu“, nämlich Tuatha de Danwn (Tuatha=Volk; altir. Tu-Ath; altfrs. Thi-Ude; altsächs. Thi-Oda; altnie­derfränkisch Thi-At, woraus 920 regnum teutonicum). Diese vielleicht auf ersten Blick abseitige Ableitung ist wichtig um zu verstehen, weshalb Jahnn so hartnäckig darauf pocht, ein Deutscher zu sein. Wenn nun noch meine These stimmt, derzufolge Jahnns Helden keine eindeutige Geschlechts­zugehörigkeit haben, dann wird hinreichend klar, weshalb dieser Autor sich aufs patriachale, aber heidnische, nämlich päderastische Griechenland bezieht und in seinen sodomitischen Fan­tasien immer wieder zitiert und das entwickelte Patriachat des Monotheismus ablehnen, ja als Gefahr und Unheil bannen muß. Stellte er sich ihm, müßte er erwachsen werden. Medea ver­bietet Jason, erwachsen zu werden, indem sie ihm ewige Jugend schenkt. Bei Jahnn ist das nicht-erwachsen-werden-Können die Geschlechtsindifferenz. Diesem zirkulären Widerspruch liegt sein schwelender Antisemitismus zugrunde, der ihn noch 1946, als Auschwitz längst be­kannt ist, einen ungeheuerlichen Brief schreiben läßt:

Wenn erst Presse, Rundfunk, Palästina, Theater und Atombomben gänzlich in jüdischen Hän­den sein werden, wird jeder Fabrikarbei­ter und Bauer wissen, daß er für die beste Sache der Welt arbeitet. Dann brauchen wir nur noch den Numerus clausus, daß alle Gojjm von den in­tellektuellen und geistigen Berufen aus­geschlossen werden, um Idealstaaten zu schaffen.

Ebenfalls hierher rühren seine Erwählt­heitsfantasien, die um so morastiger werden, als er sie sich ja im selben Atemzug vernich­ten muß. Wir werden des öfteren sehen, warum. „Wenn man der erklärte Liebling des gefürchteten Vaters ist,“ heißt es zynisch im Drehbuch von Syberbergs >>>> Hitlerfilm, „braucht man sich über die Eifer­sucht der Geschwister nicht zu verwundern.“

Keine Frage also mehr: Kolchis steht für das alte Matriachat. Noch hat es Macht und wird erst mit Troja und dann Kreta niedergezwungen werden. Was aber will ausgerechnet Jahnn mit dem Matriachat? Warum macht er Medea zur Heldin? Antwort: Aus Ambivalenz. Er lei­det unter Wiederholungszwang. Diesen grundiert ja gerade ein zirkulärer und darum unlösba­rer innerer Widerspruch. Er wiederholt die Niederwerfung der Mütter. Und zwar eben als Homosexueller, der eigentlich keiner ist. Ich definiere nach Laplanche:

Wiederholungszwang ist ein auf der Ebene der praktischen Psychopathologie nicht bezwingbarer Prozeß unbewußter Herkunft, wodurch das Subjekt sich aktiv in unangenehme Situationen bringt und so alte Er­fahrungen wiederholt, ohne sich des Vorbilds zu erinnern, im Gegenteil den sehr lebhaften Endruck hat, daß es sich um etwas ausschließlich durch das Gegenwärtige Motivierte han­delt.

Wiederholungszwang gilt als nicht heilbar, seine Ursache läßt sich nicht außer Kraft setzen. Interessanterweise befaßt Freud den Wiederholungstrieb als Teil des Todestriebes. Das geht in Jahnn geradezu lehrbuchartig zusammen. Denken Sie an die unzähligen Stellen seines Werkes, in denen er Frauenkörper zerfleischen läßt. Immer wieder. Persönlich gesehen sind diese Zerstückelungsorgien Perversion, gehören vielleicht auf die Couch, haben aber die Öf­fentlichkeit nicht zu interessieren. Ich schnüffle nicht gern in der Unterwäsche von Kollegen herum, will sagen: das Privatleben von Dichterinnen und Dichtern ist tabu. Aber vergessen Sie Dionysos nicht und nicht die Zirkularität. Mit ihnen ist der Wiederholungszwang durch Jahnn Literatur geworden: er beschreibt sozusagen ein pervertiertes Matriachat. Wie nämlich schil­dert der ältere Sohn seine erste Begegnung mit Kreons Tochter?

Milchweißer Hengst, wie meine Stute weiß

immer wieder weiß, die Farbe der Reinheit und des Todes! –

…wie meine Stute weiß;
auf seinem Rücken trug er, der fast unregierte,
ein Amazonenkind voll Lachen.

Die Amazonen schlugen sich auf Seiten Trojas gegen das pa­triachalisch-militaristische Griechenland, und zwar durch Kopieren des Militärs. Der Sohn sieht also als erstes eine als Mann verkleidete Frau. Nur eben, daß sie als Mann verkleidet ist, erlaubt ihm, sie zu sehen. Der ältere Sohn ist Jason zugeordnet. Symbolisch: Er vernichtet die Frau. Der Wiederholungszwang schlägt durch. Es darf jetzt nicht übersehen werden, daß sich die Homosexualität als staatskonform institutionalisierte und eben ideologisierte, als man die Mütter gewaltsam niedergeworfen hatte. Die waren auszuschließen von der Regierungsgewalt. Wie dürften sie also, und sei es über die Sinne, den Mann denn beherrschen? Nur ein Mann darf’s oder, die Amazone nämlich, ein fast-Mann. Noch Cato sagt von den Frauen: „Wären Sie uns gleichgestellt, so wären sie uns überlegen.“ Hochinteressant also, daß Jahnn beim ersten Anblick auch Kreons Tochter geschlechtsindifferent macht und das sich anbahnende Verhält­nis erst einmal homosexuell faßt. Insofern folgt Jahnn Ovid und Euripides. Die Entstellung reicht bis zu Freud und findet dort ihre geschickteste Ausprägung: „Ein Held ist, wer sich mu­tig gegen seinen Vater erhoben und ihn am Ende siegreich überwun­den hat.“ Sowie: „Nach diesen Erörterungen trage ich kein Bedenken auszusprechen, die Menschen haben es – in jener beson­deren Weise – immer gewußt, daß sie einmal einen Urvater besessen und erschlagen ha­ben.“ Was, wenn es denn eine Urmutter war? Das nähme der Methode nicht ihr Recht, der Akzent gibt aber einen kulturhistorisch völlig anderen Klang. Jahnn weiß das. „Die Vater­schaft ist eine Erfindung der Zivilisation“, schreibt er in „Gesund und Angenehm“, „die Mut­terschaft ist uranfänglich.“
Die Liebesszene zwischen dem älteren Sohn und der Amazone gibt insgesamt viel her. Nicht nur reitet der Sohn die Stute und die Tochter den Hengst, sondern der Koitus wird erstmal auf die Tiere geschoben. Der Hengst besteigt die Stute, die Reiter bleiben aber in den Sätteln da­bei. Der ältere Sohn wird von dem Hengst fast erdrückt: Jahnn gelingt hier eine ganz große Gestaltung einer sexuellen Angstfantasie. „Gefesselt, mehr: gewürgt, bedroht am Leben/ mußt ich ertragen den erregten Pferdeleib“. Er wird hier sogar im Bild ver–klemmt. Die Tochter aber jubelt und treibt den Hengst noch an. Das Männlein fällt nach dem Tierorgasmus pa­rasympathikoton vom Pferd. Das Mädel springt ihm bei, beugt sich über den Knaben und „Leidenschaft brach aus“.
Wiederholungszwang ist in „Jenseits des Lustprinzips als „Widerstand gegens Erinnern“ ge­faßt. Literatur aber, so glaube ich, erinnert sich auch gegen ihren Autor, und zwar aufgrund einer ästhetischen Notwendigkeit, die sich durch sämtliche Entstellungen hindurch behauptet. „Es ist besonderer Hervorhebung wert, daß jedes aus der Vergessenheit wiederkehrende Stück sich mit besonderer Macht durchsetzt, einen unvergleichlich starken Einfluß auf die Schrift­steller ausübt und einen unwiderstehlichen Anspruch auf Wahrheit erhebt, gegen den logischer Einspruch machtlos bleibt,“ sagt Freud. Ich habe mir lediglich erlaubt, das Wort „Schriftsteller“ hineinzuschummeln. – Wessen also erinnert sich Jahnns Text? Von Euripides bis Ovid sind die Verfälschungen leicht zu entschlüsseln: Jason fordert das Vlies, doch wel­chen Grund soll Aietes haben, es dem neuen Prinzip zu überlassen, sprich: dem aggressiven Militär? Soll es doch erst mal zeigen, ob es überhaupt lebensfähig ist, also den Boden bestellen kann. Er läßt Jason die Stiere – ureigene matriachale Symbole – vor den Pflug spannen. Sym­bolisch: Soll er zeigen, ob er den Müttern denn über ist, oder ob nicht vielmehr sie ihn einfach niedertrampeln. Wenn er’s geschafft hat, soll er in die Ackerfurchen Drachenzähne säen. Dra­chenzähne stehen symbolisch immer für Krieger. Also: Kämpfen von einem bestellten, nicht verheerten Boden aus. Beide Aufgaben löst Jason nur, weil Medea ihm hilft. Und hier die Frage: Warum tut sie es? Ovid weicht aus und beantwortet sie mit Cupidos Pfeil. Medea habe sich also in ihr Gegenprinzip verliebt. Dumm das. Sie hat in den Metamorphosen ziemliche Gewissensbisse deshalb und auch düstere Vorahnungen. Aber sie gibt dem Gefühl nach; Ovid charakterisiert sie ziemlich so, wie noch das heutige Vorurteil Frauen gern sieht.
Grundsätzlich liegt die Sache nämlich anders. Ich nehme auf den Göttin-und-ihr-Heros-My­thos bezug und referiere dazu die Frauenforscherin Göttner-Abendroth. Hieros Gamos, näm­lich die Heilige Hochzeit, vollzieht sich so: Der sakrale König oder Heros (Jason) ist Vertreter der Menschen, mit dem sich die Göttin in Gestalt ihrer Priesterin (Medea) verbindet. Dies ist die tatsächliche, von Euripides und Ovid patriachal entstellte Folie. Von hieraus wird ver­ständlich, weshalb Medea sich gegen ihren Vater auflehnt. Wahrscheinlich wird er ihr geraten haben, von Jason die Hände zu lassen. Er hat indessen keine Macht. Medea hat Jason als ihren Heros ausgewählt (zunehmender Mond), sie wird sich mit ihm in der Heiligen Hochzeit ver­binden (Vollmond), und er wird dann sterben (abnehmender Mond), verschwinden (Neumond) und als sein eigener Sohn wiedergeboren werden (zunehmender Mond). Diese Zirkularität fin­den wir in dem jüngeren Sohn bestätigt, der der Mutter Medea zugeschlagen ist. „Vielleicht erkennt der Vater sich in dir“, sagt ihm der Knabenführer bei Jahnn. Der jüngere nun muß es sein, denn im Matriachat obwaltet Ultimogenitur, das heißt die jüngere Tochter erbt. Noch bei den Griechen war die Erbfolge lange Zeit hindurch matrilinear; Land vererbte sich durch Töchter, Königreiche auch. Das macht so viele Hochzeitskriege erklärlich. Daß im Patriachat dann der älteste Sohn erbt, ist eine geradezu banale Umkehrung und eben in dieser Banalität so verräterisch. Doch führte es zu weit, hier Ovid oder Euripides auf die Finger zu hauen. Jahnn allerdings hat die Hände schon allzu bereitwillig ausgestreckt. Denn bei ihm erkennt Medea im älteren Sohn plötzlich Apsyrtos, den von ihr zerstückelten Bruder. Sie ruft sogar:

Auf ihn schaut! Meines Bruders Leib!
Ihm gleicht mein Kind. In meinem Schoß
wuchs er, ihm gleich, mein Sohn. Kaum weiß ich, ob
von Jason ich empfangen hab den Erstgebornen.

Das schlingt die Bande nur noch fester um Mutter und Sohn. Der Brudermord Medeas war nämlich zugleich Gattenmord. Dem Bruder war Medea versprochen. Geschwisterbeziehungen galten höher als die zwischen Gatten. Insofern hat Jason Medea seinen Vater erschlagen lassen. Medea dazu:

Unfaßbarer Zwiespalt:
Mein Sohn und mein Bruder. Jasons Blut.

Vermutlich unbewußt gießt Jahnn hier den Ödipus-Komplex in den Text. Umso schlimmer, als der ältere, Jason zugeordnete, Sohn ja das Patriachat vertreten soll und der jüngere mutterrechtlich verstrickt ist. An diesem Zwiespalt zwischen Vater/Bruder und Mutter kann sich auch seine Pubertät nicht vollen­den. Auch er geschlechtsindifferent.

Halb hat dein Blut, das wildverstockte, wehschreiend rot und überrot
dein Herz bedrängend, dich belehrt,
daß deines eignen Wesens zweite Hälfte
in einem andern Leib verborgen liegt

So sagt der Knabenführer. Und indessen es plötzlich den älteren Bruder zur Frau drängt, drängt es, aufgrund dieses inneren Wider­spruchs, den jüngeren Bruder zum Bruder. „Mit meinen Händen hab ich seinen Körper beta­stet“, schreibt Jahnn über seine Liebesbeziehung zu Gottlieb Harms. „Tat Friedel seiner Henny nicht dasselbe?“ Um diese Indifferenz zu kaschieren, fügt er der alten patriachalen Entstellung eine neue, scheinbar homosexuell motivierte, bei, als könnte ein nächster Irrtum den vorherigen berichtigen. Einer Frau verdankt Jason sein Leben: symbolisch wie real, und real sogar mehrfach. „Das Leben Jasons war fünffach verwirkt“, sagt Medea. Nun dreht es Jahnn so hin, daß Medea Jason die ewige Jugend schenkt. Er macht sie, symbolisch gesehen, dadurch zu seiner Mutter, die sie als Priestergöttin ja auch ist. Mehr noch: Die Mutter-Medea erlaubt dem Gatten-Sohn nicht, erwachsen zu werden. Dadurch verstößt sie gegen die eigene Doktrin. Nicht daß sie ihm die tödlichen Aufgaben bestehen half, ist ihr Vergehen, sondern sie hätte ihn nach der Heiligen Hochzeit töten müssen wie Artemis den Hirsch, damit er wiederge­boren werden kann. Statt dessen schenkt sie ihm ewige Jugend, jedenfalls solange sie selber lebt.

Sie altert, damit sich am Ende erfülle,
an uns auch das Schicksal der Menschen,

be­richtet der jüngere Sohn. Beide Söhne und Jason bleiben also permanent abhängig von Medea. Es kann sich kein Abnabelungsprozeß und keine Reifung erfüllen. Insofern verdoppelt sich Jason, anstatt erwachsen zu werden, ganz so wie sich Gustav Horn in Alfred Tutein verdop­pelt. Die Verdoppelung wird zur narzißtischen Identifikation, und wenn dann, das ist völlig logisch, Jason anstelle seines Sohnes Kreons Tochter erst begehrt, dann ihm wegnimmt, ist das für ihn eigentlich kein Unterschied. Er kann die Differenz nicht sehen. Bei Jahnn ist Aison, Jasons Vater, ausgespart, Jason gewissermaßen vaterlos. Symbolisch gesprochen: Er hat von seiner Mutter zwei Kinder. Ödipus ruft hier nicht, sondern schreit. Aber nicht habe Jason aus Tumbheit mit der Mutter geschlafen, sondern weil ihm die Mutter erst als Frau erschien und dann sich zu seiner Mutter demaskierte. Als hätte Jason nicht genau gewußt, welches Land Kolchis ist! Das wirft ihm Medea denn auch vor, womit sie recht hat. Insofern ist schon Jasons ewige Jugend Medeas Rache, und zwar an sich selbst. Das Patriachat bleibt jung, und das Matriachat ist alt und unansehnlich geworden. Letztlich ist jenes aber ohne dieses nicht le­bensfähig. Also trägt Jason das Schuldgefühl jedes Knaben aus, der sich von seiner Mutter lö­sen möchte. Zwar kommt ihm Kreons Töchterlein gerade zurecht, Jason will bei Jahnn ja nicht einmal mehr heim, und erst, als Medea ihn lächerlich macht, stellt er sich ihr. An dieser Stelle des Dramas ist bei Jahnn anstelle einer Ehezerrüttung ganz offensichtlich ein Abnabelungsver­such dargestellt, das Verhältnis einer Mutter und ihres adoleszierenden Sohnes. Das alles geht fürchterlich schief, die Mutter ermordet ihm die Frau. Sehr früh im Drama klagt Medea schon:

Ich bin den Toten fast gleich in meinen verdumpften Gemächern

und weiter unten:

Zersägt in zwei Hälften ist dieses Haus,
geschieden in Traurig und Lichtes, in Altes und Neues,
(…)
Gesellig und Einsames. Was wirfst du mir vor?
Bin ich verbrannt denn und blutlos,
nur Asche und tot? Fließt in meinen Adern
rollend kein Blut mehr? Ist schwarz meine Leber
durch Alter geworden? Ist dir zuwider
mein Kuß, der Hauch meines Leibes?

Deutlich. Eine Mutter klagt, daß ihr Sohn sie verläßt. Und Jason antwortet als Sohn:

Ich bin nicht schuld an deinen Leiden,
lieb ich dich doch ganz nach dem Maß
der fortgeschrittnen Jahre.

Wenn die Mutter ihn nicht gehen läßt, wird daraus Haß. – Einzigartig an der Medea nun ist – und deshalb habe ich für meinen Vortrag dieses Stück ausgewählt -, daß die Mutter dem Sohn nicht mal mehr das Schlachtfest erlaubt, ihm jeglichen Dionysmus entzieht und sprichwörtlich leer zurückläßt. Jahnn wäre zu weit gegangen, hätte er in seiner Version der Medea nun Medea hinschlachten lassen. Er hätte dann auch nicht mehr den Urvorwurf des Sohnes vorbringen können: Du läßt mich nicht gehen, denn hier wäre dann endlich der Sohn gegangen und also erwachsen geworden.
Die Medea beschreibt, wofür sich alle anderen Texte Jahnns rächen. Das von der Parthenogenese träumende Patriachat kann sich nicht aus sich selbst erhalten, geschweige selbst erzeugen kann. „Ich konnte mir denken“, schreibt Jahnn, „daß ich ein Kindlein trüge und es gebäre und tränkte. Ich deuchte mir ernst und schwer genug für solches Amt; aber ich war ein Mann.“ Deshalb müssen die Frauen zwar hingenommen, aber erniedrigt und ständig aufs neue niedergeworfen werden. Damit man sie auch glauben kann, muß man die Zerschlagung des Matriachats stets neu inszenieren. Wiederholungszwang. Im Epilog des Flusses ohne Ufer heißt es von den Frauen, sie seien „Etwas mechanisch Erwärmtes, das man nach dem Ge­brauch vergessen darf.“ Und weiter vorne: „Sie alle haben Brüste. Sie alle haben die Gleit­bahn, auf der wir ausrutschen.“

Ecco.

ANH, Oktober 1994
Frankfurt am Main

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