[Geschrieben für Faustkultur und → dort
online seit dem 22. Januar 2026. Bespro-
chen ist die Wiederaufnahme des 18. Januars.
Bühnenfotografie (©): → Monika Rittershaus]
Schon bei der sogenannten Publikumspremiere im November 2021 – die „tatsächliche“ hatte unter Coronabedingungen ein knappes Jahr zuvor vor leerem Saal stattgefunden – … schon nach dieser zweiten Premiere, vor also einem halben Jahrzehnt, hatte ich unbedingt über Calixto Bieitos Inszenierung schreiben wollen, auch über Thomas Guggeis’ bemerkenswertes Dirigat. Denn da gab’s keinen Zweifel, dass ich die beste Lohengrin-Inszenierung meines Lebens gesehen hatte, und gehört, ja eine der besten Musiktheaterinszenierungen überhaupt. Und legte mir wie immer, als ich heimfuhr auf dem Rad, schon die Begründungen zurecht, wollte zur Früharbeit am nächsten Morgen schreiben. Und aber dann … dann … ─ Ich weiß nicht mehr, was war, auch meine normalerweise penibel geführten Arbeitsjournale schweigen … ─ irgendetwas hielt mich ab.
Wie dankbar war ich nun, dass diese Inszenierung, wenn zwar mit „teil“weise neuer Besetzung, wieder aufgenommen wurde, besorgte mir die Karten (mein Sohn war mit dabei) und hörte und sah zu, mit feuchten Handflächen, was aber davon nicht rührte, daß mir zuweilen die Tränen liefen, einfach so, für sich. Denn ja, es stimmt, der beste Lohengrin ist’s meines Lebens sowieso, aber eben auch eine der besten Operninszenierungen überhaupt.
Was mich vor ein Problem stellt.
Zwar, dass wir Zeugen der Geburt eines sehr weißen Schwanes durch eine wunderschöne schwarze Frau werden, sie sogar mit Brustknospenpiercing, und dass insgesamt Sarah Derendingers Filmkunst, die mit der realen Szene bisweilen nahtlos verschmilzt, vom surrealen Feinsten ist – das darf ich sagen, und wie uns da der Atem stockt, ja sowieso, weil vieles unter Wasser … und auch von einem Trompeten-, bzw. Fanfarenkonzert erzählen, das ich, wiewohl es eigentlich redundant ist, eine „3-D-Performance“ nennen muß … Wenn Sie hingehen und lauschen, werden Sie sofort verstehen, was ich meine … – sowie, welche auch, noch immer, sangliche Präsenz René Pape als Vogeler hat und dass ihm Wolfgang Kochs entschiedener Friedrich von Telramund darin in gar nichts nachsteht (na gut, im dritten Akt geriet die Stimme ein wenig ins Zittern, doch die szenische Gegenwärtigkeit des Mannes glich das völlig aus)… und daß mit Eric Cutler ein Lohengrin auf der Bühne steht, der nicht wirklich ein Held, sondern eigentlich von Anfang an gebrochen, ein Jammerlappen aber dennoch nicht ist, weshalb er mich nun ein für alle Male lehrte, die späte Gralserzählung nicht mehr für einen uninteressanten Schlager zu halten … mir stockte fassungslos der Atem, als er bei „Alljährlich naht vom Himmel eine Taube“ vor Taube kurz verharrte, dann aber ansetzte, ansetzte … ja überhaupt, auch Elsa, also Elza van den Heever (wurde sie wirklich nach dieser, der andren, Elsa benannt? – sowas denkt sich da unmittelbar)… – Pardon, wie Frau van den Heever millisekundenkurze Pausen vor den ganz höchsten Tönen, wie quasi sich versenkend, betet… solche Klänge habe ich zuletzt von Laura Aikin gehört, fast drei Jahrzehnte ist das her, nie vergessen, nie vergessen, hier im selben Haus, Sophie, … und diese Ortrud! ─ mit welchem Groll, mit welcher Wut sie Anja Kampe gibt, ein altes Recht einzuklagen, das, anders als das Christentum, die Frauen noch zu ehren wußte, leibliche Frauen, keine menstruationslosen à la Elsa, von der mir, ebenfalls zum ersten Mal, fast schmerzhaft deutlich wurde, was für ein geradezu geborenes Opfer sie ist, ja, auch des strahlenden Lohengrins. Hören Sie nur seine Anklagean! ihr vor die Füße gespieen, weil sie die verbotene Frage stellt – eine, die aber genau ins Zentrum dieser – ja, ist es das denn? – Tragik zielt. Und
sie entblößt.
Da hat Batmans Joker gut grinsen, der da eben auch,
als Heerrufer des Königs, mitspielt, damit spielt wie Ortrud mit den Babys: ─ Wie??? Lohengrin ist Parsifals, des keuschen Gralshüters, Sohn? O Wunder der Keuschheit! Wunder der unbefleckten Empfängnisse all!
Sie müssen da einfach hinein.
Auch schon um das Feuer zu hören, das Simone Young aus der Staatskapelle schlägt. Was für eine Dynamik, die leisen Stellen so leise, dass es verdammt nochmal fies ist, wenn auf einem der Nachbarsitze sich die Frau, egal wie zart sie ja doch ist, da rührt, und wie leise auch immer er knarrt, dieser Sitz: Es nervt, es nervt, es stört. Und schon aber wächst der Klang, schwillt an und paßt schon fast nicht mehr in den Saal, will durch die Wände ins Freie. Die reißen sonst doch ein! Es ist, als ließe die Dirigentin den Musikern zur gänze freie Hand – und die schießen unter den Zügeln einfach hindurch. Doch glauben Sie es nur – s o l l n es glauben, ja, sollen die Zügel nicht länger spüren, die doch nur um so fester lenken, was, na klar, erneuten Widerdruck bewirkt, auf dessen Wellen wir schon tranceartig hin- und hergeworfen werden bis zum dunklen, weil nicht erlösenden, sondern einem – welch ein Geniestreich Bieitos! – ambivalenten Ende. Das erträgt unsre woke, moralische Zeit fast schon nicht mehr. Hat der riesige Jubel hernach das nicht gemerkt? Und ich, ich jubelte ja selber mit … Aber nein, ich darf es nicht erzählen. Alles, was ich noch mehr berichten würde, als ich nun schon tat, wäre unlauter – so nennt es mein sechsundzwanzigjähriger Sohn: – „gespoilert“. Der von dieser Aufführung genauso geflasht war wie ich.

L o h e n g r i n
Romantische Oper in drei Aufzügen (1850)
Musik und Text von Richard Wagner
Inszenierung Calixto Bieito Szenische Einstudierung, Spielleitung Caroline Staunton Bühne Rebecca Ringst Kostüme Ingo Krügler Licht Michael Bauer Video Sarah Derendinger Einstudierung Chor Dani Juris
Heinrich der Vogeler René Pape Lohengrin Eric Cutler Elsa von Brabant Elza van den Heever Friedrich von Telramund Wolfgang Koch Ortrud Anja Kampe Heerrufer des Königs Arttu Kataja
Staatsopernchor, Staatskapelle Berlin, Simone Young
