Es ist bereits das 27. Mal, daß in Berlin die wichtigsten Jugend-Orchester der Welt für gute zwei Wochen zusammenkommen; allerdings kann sich das „Euro‟ im Namen kaum auf unsere Währung beziehen: Dafür ist der für die als beste auf dem Festival uraufgeführte Komposition ausgelobte Summe mit 5000 Euro viel zu niedrig dotiert – um nicht „schäbig‟ schreiben zu müssen, nenne ich es lieber „knausrig‟. Halt sei hier die Ehre Lohn.
Dieses zwar am Anfang schon geschrieben, dennoch nur nebenbei. Weil auch Künstler Miete zahlen müssen, nicht bloß Kuratorinnen. Natürlich umgekehrt nicht anders.
Den Auftakt hörte am vergangenen Freitag der Abend. Man kann das Konzert „bescheiden‟ nicht nennen, das das Bundesjugendorchester vorbereitet hat. Im Nachklang nun schon gar nicht. Statt dessen wurde gewaltig geklotzt – gleich zwei Bravourstücke des grad noch spätromantischen Klassikrepertoirs standen auf dem Programm: vor Mussorgskis, in Maurice Ravels berühmter Instrumentation, Bilder(n) einer Ausstellung –
→ durch Emerson, Lake and Palmer längst in die Hall of Fame sogar der Popkultur gelangt – sogar noch Rachmaninows ungeheuer mitreißendes und, weil es die Senken des Kitschs nicht im mindesten scheut, ebenfalls längst in den Mainstream gelangtes drittes Klavierkonzert. Nur daß bei derart jungen Menschen Senken nicht nur Höhen sein können, sondern zuweilen werden sie auch Gipfel – ein grandioses Hollywood jenseits jeder Peinlichkeit. Denn was die Technik noch nicht hergibt – sie gibt aber schon Erstaunlichstes her –, wird durch Leidenschaft erfüllt. Genau das „fegt‟ nicht, sondern stürmt den ganzen gewaltigen Schmock da heraus – und wir … wir galoppieren mit, die längst doch lernten, auf Distanz zu gehen, indem wir kritisch die musikalischen Mittel analysieren und darüber beinah zu hören vergaßen. Jetzt vergessen wir, auf die Klarheit zu achten, Durchsichtigkeiten der kompositorischen Faktur … – Ja, macht nichts, daß vieles, wirklich vieles verschwimmt oder sich clustert, wo Cluster „aneinanderzubacken‟ bedeutet und sich aus solchen Klumpen herauszuperlen selbst für raffinierteste Fingersätze nicht leicht ist. Es stimmt, es stimmt, anstelle diese verlehmten Klangbrocken auseinanderzufalten, so daß selbst die schwersten Pathosschichten, die doch längst schon unter sich selber ächzen, zu musiknotwendigen Toren gen Auflösung werden, also anstelle sie leuchtend ins Schweben zu bringen, bohrt sich das Klavier hindurch, es bleibt ihm gar nichts andres übrig. Doch diese jungen Leute haben die Kraft, daß es auch gelingt, der abwägend wägende Geist hat hier nichts zu suchen. Und uns, die wir mit allen musiktheoretischen Wassern gewaschen worden sind, bis die Haut ganz rot vom Schrubben wurde, und empfindlich – uns wird plötzlich Befreiung zuteil.
Vor vier Jahren erlebte ich in Triest etwas sehr Ähnliches, als ich das den komplexen Feinheiten der Partitur nicht wirklich gewachsene Orchester des städtischen Teatro Verdi Brahms’ Vierte aufführen hörte. Damals dirigierte Enrico Calesso, nämlich so, daß es, wie ich damals schrieb,
nur umso mehr eigene Seele aufsteigen ließ, eigene Leidenschaft, eigene Not, und zwar, indem die motivische Arbeit nicht unterm Schönklang versteckt war, sondern sich geradezu kantenscharf konturierte. Das ergab einen Klang, der keiner Perfektion erreichbar, weil deren Technik kalt ist, notwendigerweise, wird derart scharf kalkuliert …
weshalb es eben sinnvoll sei,
nicht immer Weltklasse-Orchester zu hören …), sondern vom Spiel zweit- und drittklassiger Orchester, wenn deren Musikerinnen und Musiker mit brennenden Herzen dabei sind, daran erinnert zu werden, daß es eben nicht Perfektion ist, worin sich das Leidensglück der Welt inkarniert.
Zusammen mit der Erkenntnis wiederholte sich diese Erfahrung nun, jener, daß selbst musikphilosophisch richtige Sachverhalte wahr immer nur bedingt sind. Aus einem unerträglichen Kitsch kann unvermittelt Großes Kino, ein rundum „wahres‟ nämlich, werden.

So geschehen also hier in Berlin am Freitag, den 31. Juli 2026. Es lag durchaus nicht nur an Giorgi Gigashvili selbst, dem jungen Pianisten, doch an seinem Zusammenspiel mit dem Orchester – „Hineinspiel‟ muß ich es nennen. Wobei, für sich genommen, mir nach wie vor nicht klar ist, was an seiner Virtuosität noch Musik war und was imgrunde Zirkusakrobatik – eine Qualität übrigens, die seine, wenn man es nicht weiß. Daß jemand unsicher sei, ist nicht der schlechteste Lehrbrief. Beeindruckend war sein Spiel in jedem Fall; die Tiefe wird sich mit der Reifung füllen – was nicht nur das Alter, sondern auch viel Not meint. Auch ihn wird sie erreichen, lassen wir ihr Zeit. Nicht erlangte Technik aber ist nicht aufholbar. Besser also, er geht den eingeschlagenen Weg erstmal weiter und trainiert sie noch, diese seine sich verschleudernde, weil ja so viel davon da ist, Kraft, als jetzt schon auf Besonnenheit zu setzen – wie Brahms es tat und dessen Interpret wohl auch, am Tag darauf, dem zweiten Konzert. Von dem ich gleich berichten werde. Vorher aber hören wir Giya Kancheli noch zu, dieser Kreuzung aus, lax gesagt, Schnittke und Pärt mit einigen Spuren des spättonalen Pendereckis darin.
Er war mir wirklich immer zu kitschig. – Doch nun?
Was hat mich jetzt aufhorchen, hinlauschen lassen? Vielleicht einfach nur, daß nun der obwohl periodisch ebenso massive Klang durchsichtig tatsächlich war. Dieses Stück von 1992, „Noch ein Schritt‟, ist einfach meisterhaft instrumentiert. Dabei war der Mann damals noch gar nicht berühmt. Mit dem ich mich von nun also doch noch werde beschäftigen müssen. Daß dies jetzt zu passieren hat, rechne ich dem Vermögen des jungen Dirigenten zu, ich werde seinen Namen mir merken: Aurel Dawidiuks. Auch für sowas sind solche Festivals gut.
Und für noch was. Das eben auch noch folgte.
Auf das für mein Empfinden längst totgenudelte „Bilder einer Ausstellung‟ hatte ich nämlich überhaupt keine Lust gehabt, war nur wegen des von mir so hochgeschätzten Ravels unentschlossen geblieben. Wobei es ja stimmt und niemand sich ein ganzes Konzert, ich schreibe einmal: „reinziehen‟ muß, auch kein Rezensent. Er darf halt später nur besprechen, was er auch gehört hat. Manchmal ist es sogar besser, nur über ein oder zwei wirklich interessante Programmpunkte eines Abends zu schreiben. Den über sie hinaus, ich schreibe einmal: „auszusitzen‟ | kann nämlich schnell den tiefen Eindruck wieder versauen. Dann klingt die insgesamt-Besprechung allenfalls noch mau.
Da ging mir auf, hierzubleiben habe eigentlich einen handfesten Grund. Denn auf dem Chorbalkon rückseits des Konzertpodiums saßen die Musikerinnen und Musiker des abendlichen Folgekonzertes, das befreundete ukrainische Jugend-Sinfonieorchester, und saßen nicht nur, sondern jubelten und winkten ihren Freundinnen und Freunden mutmachend zu. War denn aber gerade nicht diese letzte Programmwahl äußerst heikel, insofern das letzte Bild und damit Finale von Mussorgskis Komposition zeitgleich mit Putins barbarischem Krieg als
widerlich provokant aufgefaßt werden konnte? Das „große Heldentor von Kiew‟ gibt ja für Putins brutal-revisionistisches Geschichtsverständnis geradezu den → Barker, in die „Mutter
aller russischen Städte“, also Kiews, einzufallen. Nicht nur der Maler, Victor Hartmann, sondern Mussorgsky selbst war ja schwerer Nationalist und suchte die russische Musik aus den westlichen Einflüssen herauszulösen. Problematischer hätte eine Stückewahl wirklich kaum ausfallen können. Ich bin mir sicher, daß sie auch schwer diskutiert worden ist und aber eben nicht nach dem seit Kriegsbeginn gängigen Muster beantwortet wurde, sondern ganz offenbar allein im Horchen auf die Kunst. Besonders vonseiten der jungen Ukrainerinnen und Ukrainer zeugt es von einer Größe, die ich auch uns sehr wünschen würde. Zumal … – nachdem das Bundesjugendorchester Mussorgskys und Ravels Stück in der ihm eigenen Spiellust und -freude aufgeführt hatte – ich selber möchte unbedingt das Solo der Saxofonistin hervorheben („Il vecchio castello‟), leider weiß ich ihren Namen nicht … nachdem also die Glocken sich triumphierend ausgeschwungen hatten – , brach auch auf dem Chorbalkon der Jubel los: für die Musik Triumph und nicht für irgendeinen Krieg. Doch laß ich den Triumph auch gern beiseite, hörn Sie sich einfach das Sax an:
Ein spektakulärer Festivalauftakt – die Programmzettel hatten schon recht.

Nur daß „die Zukunft der klassischen Musik längst Gegenwart‟ sei, scheint mir denn doch mehr dem Wunsch als der schnöden Wirklichkeit zu entsprechen. Zwar war dieses Konzert wie auch das des nächsten Tages restlos ausverkauft, doch Altersdurchschnitt der Besucher dürfte bei 50 bis 60 gelegen haben. Sicher, es gab jugendliche Fans, aber deutlich den Freundeskreisen zugehörig; die meisten Besucher entsprachen nicht einmal der Mütter- und Vätergeneration, sondern gehörten eher den Großeltern der zwölf- bis achtzehnjährigen Instrumentalistinnen und Instrumentalisten an.
Jenseits persönlicher Bekanntschaft fehlte im Publikum die Jugend fast komplett.
Am nächsten Abend war es nicht anders. Erneut restlos ausverkauft, diesmal spürbar auch solidaritätshalber. Aber eben auch hier kaum Jugend, mithin verschwindend wenig „Gegenwart der klassischen Musik‟. Obwohl doch schon dieser Begriff eigentlich Pop ist, jedenfalls seine Verwendung als Gattungs- statt korrekt als musikgeschichtliche Epochenbezeichnung.
Und selbst der Aufbau des Konzertes war ähnlich, Klavierkonzert am Anfang, ein moderneres Zwischenstück, und anstelle der sinfonischen Dichtung eine tatsächliche Sinfonie – statt Dvořaks unentwegter Neunter aus der neuen Welt interessanterweise die achte aus der alten. Sie scheine, ist auf den Programmzetteln vermerkt, gerade junge Musikerinnen und Musiker anzusprechen; fast auf jedem dieser Festivals sei sie gespielt worden, „weil von einem Zauber, der Musizierende wie Publikum in unmittelbarer Weise anspricht, berührt und fasziniert‟. Nun jà, auch ich hörte sie zum ersten Mal mit fünfzehn oder sechzehn,
Schallplattengeschenk, Berliner Philharmoniker unter Rafael Kubelik, und vergaß sie nie, hör sie grade zum Vergleich, aber live hatte ich sie bislang noch niemals gehört. Nun war es soweit.
Nein, an Kubeliks und der Berliner leuchtende Transparenz reichte das junge Orchester nicht heran – was vielleicht auch an Oksana Lynivs ziemlich zackiger Schlagtechnik liegt, sie wirkt wie eine Tambourmajorin. Nur ist der Vergleich schon mit den Berlinern unfair, auch für das ukrainische Jugendorchester gleicht altersgemäße Leidenschaft jede noch unvollendete Technik aus – weil alle eben auf dem Weg sind und es toll ist, davon Zeuge zu sein und eben darin Connaisseur. Allerdings hätte ich den jungen Leuten halt eine Joana Mallwitz am Dirigierstab gewünscht. Unter Lynivs straffer Führung ging Dvořaks Musik ein wenig der schwebende Zauber verloren.
Dafür tat sie Brahms’ erstem Klavierkonzert recht gut, auch weil sie und Illia Ovcharenko, der Pianist,
bestens aufeinanderpaßten – ein Gegenentwurf praktisch zur popstarig entfesselten Virtuositätsanarchie des Eröffnungskonzerts. Das Problem bei Brahms ist ja immer sein innerer Musikprofessor. Über den er hinwegmuß, den jede Aufführung aufs neue unterlaufen muß. Lyniv fängt damit quasi sofort an, läßt die ersten Takte gleichsam aufbrüllen. Da sind die jungen Leute sofort in ihrem Element – auch wenn dieser lang ausgespielte Anfang dann doch mehr verspricht, als der Klavierpart schließlich hergibt, zumal derart nicht-anarchisch treu gespielt, „brav‟ möchte ich es nennen. Eigentlich lösen, freiwerden, konnte sich Ovcharenko erst im Adagio, da dann aber berückend zart. Ich meine, Brahms war selbst erst fünfundzwanzig, als er dieses Konzert schrieb, eines der, wie ihm nachgesagt wird, Liebe. Die sich niemals, scheint es, richtig ausleben durfte; ein Werk mithin der Sublimation – die das akademische Bondage schließlich auch firmt. Doch träumen, träumen darf man ja! So daß dieses Adagio zu einem der schönsten Kompositionen dieses Komponisten überhaupt ward. Womit ich heut auch schließen will:
ANH
2. und 3. August 2026

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NACHTRAG
Das hier besprochene Eröffnungskonzert der Bundesjugendorchesters steht ab heute abend → dort bei arte als Stream bereit.
nur umso mehr eigene Seele aufsteigen ließ, eigene Leidenschaft, eigene Not, und zwar, indem die motivische Arbeit nicht unterm Schönklang versteckt war, sondern sich geradezu kantenscharf konturierte. Das ergab einen Klang, der keiner Perfektion erreichbar, weil deren Technik kalt ist, notwendigerweise, wird derart scharf kalkuliert …