Werch ein Illtum. 24.07. 2009. montgelas. Notizen.

.

eines Lebensabschnittes Bestandaufnahme

in meinem Tornister
ein Thymianstämmchen
zwei Münzen
ein stumpfer Bleistift
zerknitterte Notizen
Keksbrösel
eine grüne Wäscheklammer
die Visitkarte einer japanischen Germanistin
ein zerbrochener kleiner Kamm
Dalís Ameisen auf einem verschatteten Notenblatt

Friederike Mayröcker

Das ist ein Gedicht, ebenso wie soost’

Kassenzettel

Marlboro light
Coca Cola
Tampons

Beide Texte schicken uns in Räume.

Das erwähnte Gedicht vom Flugzeug ist alles andere als hermetisch, genial nahezu werden darin für heutige Leser Zeiten ihrer Großeltern sichtbar an deren Folgen sie als Enkel noch heute tragen. Die Autorin kann auf diese Verse stolz sein! Ist ihr doch gelungen, was oberflächlich enigmatisch erscheint, durch Verdichtung, Dichtung, aufzulösen. In den Zeilen ist nix dunkel, im Gegenteil. Sie sind erhellend. Aufklärung im besten Sinn des Wortes. Beantworten sie doch die Frage: Wo kommen wir her? Die Befürchtung, dass wir wieder dahingehen werden, wenn auch mit anderen Ingredienzien, schwingt in diesem kurzen Flug durch die Wirtschaftswundergeschichte mit. STOL.

Rätselhaft und verschlossen erscheint das Gedicht nur denen, die meinen man könne auf Geschichte, eh alles vergangener Kram, der heutzutage angesichts von Globalisierung keine Rolle mehr spielt, verzichten. Werch ein Illtum.

Urheberrechtstagung im Literaturhaus Frankfurt am Main. montgelas informiert

.

Autorschaft als Werkherrschaft in digitaler Zeit

Mittwoch, 15. Juli 2009, 9:45-18:30 Uhr
Literaturhaus Frankfurt am Main
Schöne Aussicht 2, 60311 Frankfurt am Main

Dr. Hans Dieter Beck, C. H. Beck Verlag. Prof. Dr. Burkhard Hess, Universität Heidelberg, Prof. Dr. Alexander Peukert, Universität Frankfurt am Main Prof. Dr. Roland Reuß, Universität Heidelberg, Prof. Dr. Volker Rieble, Universität München. Podiumsgespräch mit Dr. Jonathan Landgrebe (Geschäftsführer Suhrkamp Verlag), Dr. Anne Lipp (DFG), PD Dr. Gunther Nickel, (Deutscher Literaturfonds), Dr. Burkhard Spinnen (Schriftsteller), Dr. Christian Sprang (Börsenverein), Matthias Ulmer (Verleger), Anabella Weisl (Strategic Partner Manager Google Books) Moderation: Dr. Constanze Ulmer-Eilfort, LL.M.

“Google digitalisiert Bücher, ohne deren Autoren zu fragen. Großforschungseinrichtungen und zunehmend auch Universitäten verlangen von ihren Wissenschaftlern, daß diese ihre Publikation online stellen, ins Netz, für jeden abrufbar. Dafür wird vorgebracht, daß es der Öffentlichkeit nicht zuzumuten sei, für Wissenschaft zweimal zu bezahlen – einmal auf der Produktionsseite durch Entlohnung und Förderung der Wissenschaftler und ein zweites Mal als Konsument von (überteuerten) Verlagserzeugnissen.
So erlebt die Wissenschafts- und Publikationsfreiheit des Individuums einen vergemeinschaftenden Fremdzugriff. Hiergegen wendet sich der Heidelberger Appell
>>>>(www.textkritik.de/urheberrecht). Seit seiner Publikation im März 2009 hat der Appell eine Diskussion ausgelöst, die diese Tagung aufnimmt. Die Vorträge dauern jeweils zwischen einer halben und einer dreiviertel Stunde. Jedem Vortrag folgt eine Diskussion.”

I n s t i t u t  f ü r  T e x t k r i t i k ,  H e i d e l b e r g
Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main
Schirmherrschaftt: Frankfurter Allgemeine Zeitung

Um Anmeldung wird gebeten. Bitte richten Sie diese an folgende e-mail-Adresse: tagung@textkritik.de Aktuelles Programm unter: http://www.textkritik.de/urheberrechtstagung, Anfahrtsweg zum Frankfurter Literaturhaus: http://www.literaturhaus-frankfurt.de

>>>>> Urheberrechtsfragen, Heidelberger Appell, Google etc. in den Dschungeln

Kritik der Kritik: Onetti, Vargas Llosa, Kehlmann & Ottmar Ette. 03. 07. 2009. montgelas.

Manchmal sind es Kleinigkeiten, ein hingeworfener nebensächlich scheinender Satz, eine kurze fast nicht zum Thema gehörende Bemerkung, die beim Lesen eines Textes plötzlich stutzig machen. So kann man z.B. heute im Feuilleton der FAZ über die Onetti -Veranstaltung mit Vargas Llosa und Kehlmann im >>>Instituto Cervantes über den Moderator >>>>Ottmar Ette und dessen Bemühen, die etwas eitlen Beiträge von Llosa und Kehlmann wieder hin zum eigentlichen Thema, „Reisen ins Fiktive“ zu führen, lesen: „Nicht das uralte Motiv des Reisens, das der eher dozierende denn moderierende Potsdamer Romanist Ottmar Ette ständig beschwor, schlug denn auch den Bogen zwischen den Schriftstellergenerationen, sondern die Erfahrung der lebensverändernden Macht von Lektüren.“ Der Vorwurf des Dozierens scheint mir unüberlegt und wenn ich es recht bedenke sehr oberflächlich. Ich kann mir die Bemerkung nur mit Unkenntnis erklären. Unkenntnis darüber, dass Ette blind ist, was übrigens im normalen Lehrbetrieb, bei Vorlesungen und Seminaren, nie auffällt. Ette, ein Schüler des Freiburger Romanisten >>>>Erich Köhler, der wiederum mit >>>Werner Krauss befreundet gewesen ist, strukturiert seine Veranstaltungen sehr genau. Dass ihm die Vorbereitung in diesem Fall nichts genutzt hat, ist mehr einer egomanischen Selbstdarstellungssucht zweier selbstverliebter Schriftsteller, die sich im Werk >>>>Onettis spiegeln wollten geschuldet. Zu ein wenig Rücksicht auf Ottmar Ettes Behinderung, ein kommunikatives Eingehen auf seine Moderation, die sich am vorgegebenen Thema orientierte, sind Kehlmann und Vargas Llosa offenbar nicht fähig gewesen. Noch nie, und ich habe Ette als brillanten Referenten mit Vorträgen über >>>>Roland Barthes und Moderationen bei Veranstaltungen zum Werk von Werner Krauss wiederholt erlebt, noch nie widerfuhr ihm solche ungerechtfertigte Ignoranz.

Bildquelle: >>>>William Ferreira, Onetti

Kookbooks in Berlin: Minifestival & GEDENKLESUNG für Alexej Parschtschikow. montgelas informiert.

Am Wochenende, 5. bis 7. Juni, richten kookbooks und das Texttonlabel KOOK ein Minifestival mit Dichtung, Songs und Bildern ein, im Dock 11 in Berlin. Höhepunkt ist eine große Gedenklesung für den im April viel zu früh verstorbenen russischen Dichter Alexej Parschtschikow am Sonntag ab 20.00 Uhr. Am Samstag gibt es ein Lesekonzert mit Jan Böttcher und Steffen Popp. Eröffnet wird das Wochenende am Freitag von Ann Cotten.

Dock 11, Kastanienallee 79, 10435 Berlin

Freitag, 5.6.2009, 20.30 Uhr
ANN COTTEN: Glossarattrappen. Bildprosa.

Samstag, 6.6.2009, 20.30 Uhr
POPP: Kolonie Zur Sonne. Gedichte. BÖTTCHER: Vom anderen Ende des Flures. Songs.

Sonntag, 7.6.2009, 20.00 Uhr
Alexej Parschtschikow. Gedenklesung mit Dmitrij Dragiljew, Ekaterina Drobyazko, Alexander Filyuta, Hendrik Jackson, Eugene Ostachevsky, Daniela Seel und Sergej Sturz. Russisch + Deutsch

‹usus› im Kunstverein Reutlingen. montgelas informiert

Das groß gebildete „Hängeregister“ hunderter von Worten aus verschiedenen Sprachen ist Zentrum der Ausstellung. Dieses individuell anberaumte Lexikon, in dem ein sich permanent windender (usus statt Ariadne)Faden die mäandrierende Fließbewegung des Übertragens der Bedeutungen vom einen in den anderen Sprachvorrat signalisiert, versteht sich wie das Mündungsdelta einer Lebensführung, die permanent in Bewegung ist.

‹usus›: Uta Schneider & Ulrike Stoltz

im >>>Kunstverein Reutlingen, Eberhardstrasse 14 vom 7.6. — 26.7.2009

Eröffnung: Sonntag, 7. Juni 2009, 11 Uhr

Alte Säcke. 29.05.2009. montgelas für 3 Minuten polemisch.

Bekenntnis

Oft bin ich Protestant,
das muss am Worte liegen.
Manchmal bin ich auch katholisch,
das Kind in mir sucht seine Mutter.

Doch orthodox bin ich ganz selten,
weil da nur Regeln und Ikonen gelten.

Erinnern Sie sich noch an den Streit um den Hess. Kulturpreis.? An die Ausladung Kermanis? Es war der Systematiker >>>>Friedrich Wilhelm Graf, der in einem fulminanten, zornigen Artikel in der >>>>FAZ vom 21. Mai dieses Jahres intellektuell brillant an die besten der Zeiten der Aufklärung erinnerte, in dem er den Konflikt schlicht aufs Beleidigtsein zweier älterer Herren zurückführt, die die intellektuelle Strahlkraft des Jüngeren nicht zu ertragen vermögen. Bei uns zu Haus wurden solcher Art Figuren „Alte Säcke“ genannt.
Alte Säcke, ob männlich oder weiblich, gibt es offenbar auch in der Regierung unsres Landes, die es einen für die Politik relativ jungen Mann aus Gründen des Vorwahlkampfes nicht erlauben wollen, sich erfolgreich zu profilieren. Zu Guttenberg (CSU) wurde von Leuten wie Rüttgers und vor allem vom Hess. Ministerpräsidenten, der sich mit buddhistischer Gefühlskälte und dem Ehrgeiz eines Messdieners einer Moderation des Wirtschaftsministers versagt hat, ausgebremst. Opel geht den Bach runter, tausende Menschen werden davon betroffen sein, die alten Säcke rührt das nicht. Ich behaupte hier einfach einmal, dass zu Guttenbergs Parteibuch bei den Verhandlungen, die das zukünftige Leben vieler Menschen beeinflussen werden, keine große Rolle gespielt hat. Es sind die relative Jugend, der Schwung und zu Guttenbergs Offenheit, die die verklemmten alten Herren, Kochs Gesellen incl. protestantischer Jungfrau, haben versteinern lassen. Auf der Strecke in diesem Kampf zwischen Starrsinn und Beweglichkeit bleiben die Menschen.
Schlimm, sehr schlimm finde ich das.