Yōseis Tätowierkunst im Arbeitsjournal des Dienstags, den 21. November 2022, worin die Triskele | radikal zum Rhizom geworden und damit — literarisch a u c h.

[Arbeitswohnung, 6.43 Uhr
Erste Morgenpfeife, Latte macchiato
Kaija Saariaho, Nymphea]
Es gibt Komponistinnen und Komponisten, die ihre musikalischen Themen vollendet melodisch schon haben, bevor sie ihre Verarbeitung, die “Arbeit am Material” (Adorno), beginnen, und solche, die sie während dieser Arbeit erst finden. Ich hörte viel Rautavaara, nun die von mir fast geliebte Saariaho; er gehört in die erste, nun jà, “Kategorie”, sie gewiß in die zweite. Ganz wie ich selbst, der ich, wenn ich ein Buch beginne, zwar eine Idee verfolge, nie aber wirklich weiß, wohin sie mich führt. Dieses ergibt sich erst aus dem Schreibprozeß. Wie abermals n u n, da die zweite Erweiterung meines → Bioport-Tattoos gestern abgeschlossen wurde. Es hat jetzt, wie ich Phyllis Kiehl in Whatsapp schrieb, genau dies Organische, das mir vorgeschwebt war, als ich das Abenteuer ohne schon zu ahnen anfing, das es zugleich ein literarisches würde, und zwar sogar doppelt gebunden.
Vielleicht wäre aber absehbar gewesen, daß ich dieses Erleben in einen poetischen Text einbinden würde, in w e l c h e n, aber sicher nicht. Ich hatte ja bloß die Idee, daß eines Morgens auf Yōseis Rücken ein Symbol erscheint — es sollte anfangs → ein Drache, Ryū, sein, was ich indes, weil es Klischee gewesen wäre, sehr schnell verwarf —, von dem sie selbst gar nichts spürt; dort hinten sieht sie es freilich auch nicht. Aber ihr neuer Freund, beim gemeinsamen Aufwachen, bemerkt es, übrigens nicht auf dem Rücken, sondern inmitten ihres schmalen Nackens.

Ich mag nicht, wie mein Sohn es ausdrücken würde, “spoilern”; doch es ist ein Tattoo. Nur daß sie das Symbol, eine wie bei mir linksläufige Triskele, niemals hat stechen lassen. Und etwas geschieht mit ihm, weil das Ding nämlich lebt. Was in den Griff bekommen werden muß. Imgrunde mein Thema: Wie ermächtige ich mich dessen, was mir geschieht, und drehe also ein Geschehen, dem gegenüber ich eigentlich hilflos bin, weil ich objektiv keinen Einfluß auf es habe, so herum, daß es mein eigener Wille gestaltet. Hier sehe ich stets den künstlerischen Prozeß. So wird denn Yōsei eine Tätowiererin werden, und zwar eine meisterliche und daher radikale Künstlerin ihres Fachs. Auch dies dann wieder aus dem Leben genommen; wenn ich sie, Yōsei, bei der Arbeit beschreibe, beschreibe ich, was ich an → Elena beobachten darf.
Die zweite Bindung des thematischen Motivs ergibt sich daraus, → daß ich neulich begriff, eigentlich gehöre der Prozeß, mich, eben von dem Bioport ausgehend, tätowieren zu lassen, in das → Krebstagebuch, allerdings in seine Fortsetzung nach der noch nicht geschriebenen Klimax, für die ich erst nach Aqaba muß, um den “Spielort” der “Enteinigung”, also der OP, zu finden. Für die Reise dorthin fehlt mir noch das Geld (allerdings die Flüge dorthin → sind erschwinglich); ein guter symbolischer Zeitpunkt wäre im Februar mein Geburtstag. Nur hält mich noch mein, sagen wir, Aberglaube davon ab, mich zu verhalten, wie ich es eigentlich täte – mit dem vitalistischen Schlachtruf “Sei’s drum!” Vielleicht nämlich sollte ich warten, bis medizinisch objektiv gesagt werden kann, daß ich “geheilt” sei, bis also nach dem fünften Jahr. (Meine nächste Kontrolluntersuchung findet am 6. Dezember statt). – Wie aber nun auch immer, läßt sich dieses Tattoo-Projekt auch als eine Verbeugung vor → Liligeia verstehen, die ich als – bislang – Unterlegene e h r e. MIr ist das wichtig. Hatte ich aber s i e schon, also den Krebs, in mein literarisches Werk integriert — selbst unvollendet, gehört das Krebstagebuch bereits, wenn auch nur in Der Dschungel publiziert, zu meiner Literatur[1]Albert Meier hat sogar schon → einen Aufsatz darüber geschrieben. —, so nun auch den, den sie “befiel”, – meinen Körper. Es ist dies eine unabdingbare Logik meiner Poetik. Was nämlich die Realitätskraft der Fiktionen anbelangt, bekommt das gesamte Unternehmen mit einem Mal sogar fiskalische Valenz, indem ich die Kosten des Tattoos von der Steuer werde absetzen können. Diese Volte ist eben nicht nur ein Schelmenstreich (ein bißchen freilich auch), sondern vor allem eine nächste Nagelprobe auf die Wirklichkeitsvalenz von Dichtung, und nicht nur der meinen. Die von mir längst nicht mehr nur projektierte Ästhetische Theorie ist, soweit nicht Praxis, durchaus normativen Charakters – allerdings im Bezug auf ihre historische Zeit. Spätere Entwicklungen der Künste (und also der Gesellschaften sowie der Naturen[2]Womit ich nicht nur die verschiedenen geologischen Naturformen meine, sondern auch → Zweite & Dritte Natur usw., also Natur in den kulturellen Codes ihres Wahrgenomenwerdens. Wie diese sich … Continue reading, in die sie eingebettet sind) werden sie relativieren.
Wiederum aber die rhizomatische Form des Tattos entspricht sogar insgesamt den auch anderweitig immer wieder attestierten prozessualen Strukturen meiner insbesondere Romane, die ich somit fortsetze auf Haut.

*** (Unterbrochen, um zu duschen usw.) ***
 

[Sophia Gubaidulina, София Асгатовна (Sonnengesang)]
Gestern kam die endgültige Zusage zur Graphik Novel; tatsächlich → der Zilts wird es werden. Nur über den Vorschuß ist noch zu verhandeln. Woran ich eigentlich gedacht hatte, was ich mir gewünscht hatte, wird wahrscheinlich zu erreichen nicht sein. Aber vielleicht doch noch genug, um mir einzwei Monate durchzufinanzieren.  Es wird doch einige Arbeit zu leisten sein, um die lange Erzählung auf Pavlenkos zeichnerische Bedürfnisse auszurichten. Gut, liebste Freundin,wir werden sehen. Mich drängt es erst einmal in die Briefe nach Triest zurück. Sie stehen ja ziemlich kurz vor dem Abschluß ihrer ersten Fassung. den ich sehr, sehr gerne noch im Dezember sehen möchte. Es wäre ein feiner Beginn für 2023. Das meiste dann wird nur noch konzentrierte Fleißarbeit sein; vor allem wird gestrichen werden müssen, aber klug. Manches, was in der Ersten Fasung jetzt steht [3]Der von mir so genannte “Rohling” ist, was →  von November 2014bis Februar 2015  in Der Dschungel stand., kann so nicht mehr bleiben; viel zu viele Angaben sind ungenau oder sogar unmöglich. Doch um das zu beheben, braucht es fast durchweg nur kleine Verrückungen; und einiges kann oder muß sogar ganz weg. Die Geschichte hat sich – siehe oben – geschrieben, jetzt ist die Fassung anzugleichen.

Ach so! Gestern sehr spät am Abend der plötzliche Impuls, wieder mit dem Sport anzufangen. Er hängt wohl mit meinem begonnenen alkoholfreien Monat zusammen. Wirklich wieder riesige Lust … nein, nicht zu joggen, meine 15-km-Läufe “kosten” zu viele Kalorien, die krieg ich in den Körper nicht rein. Aber neu mit leichtem Krafttraining zu beginnen, erstmal an den Slings. Zu Anfang nicht mehr als jeden Tag eine halbe Stunde, danach dann weitersehen. “Sicherheitshalber” schaute ich aber im Netz wegen des Tattoos nach. Also, ich soll noch bis zur Abheilung warten. Gut, dann hoffe ich mal, daß der Impuls bis dahin so lockend mir erhalten bleibt. Aber mir gefiel einfach nicht, daß unter dem Bizeps die Haut hängt, was mir auf Foto mit der Tattooergänzung aufiel. Wie mein, nun gut, “verkaterter” Zustand des Wochenendes war auch dies ein mir von meinem Körper, den ich achte, als “Jetzt paß aber endlich mal auf, versammt!” zugefunktes Signal. Und wie immer, wenn er mir etwas sagt, höre ich darauf. Nicht bei den Menschen, nur bei meinem Körper.

Ihr, Allerverehrteste, wie immer
ANH

References

References
1 Albert Meier hat sogar schon → einen Aufsatz darüber geschrieben.
2 Womit ich nicht nur die verschiedenen geologischen Naturformen meine, sondern auch → Zweite & Dritte Natur usw., also Natur in den kulturellen Codes ihres Wahrgenomenwerdens. Wie diese sich auch subjektiv ändern, ist momentan ausgesprochen gut an mir selbst zu beobachten, der doch über Jahrzehnte ein Gegner von Tattoos gewesen.
3 Der von mir so genannte “Rohling” ist, was →  von November 2014bis Februar 2015  in Der Dschungel stand.

Krank. Da war denn mit Arbeiten nichts. Als Arbeitsverhinderungsjournal des Mittwochs, den 21., auf Donnerstag, den 22. September 2022.

[Arbeitswohnung am Donnerstag, den 22. September 2022, 7 Uhr
Stille (außer etwas Spatzenstreiterei auf dem zweiten Hinterhof)]
Abends zuvor, also Dienstags, war noch nichts zu spüren; doch gleich gestern morgen Schwindel beim Aufstehen und heftiges Gliederreißen, geradezu Muskelschmerz, in den Beinen, und nach der langen, wirklich langen heißen Dusche — ich heize ja nicht, und mir war kalt — ging es mit einem Schüttelfrost los sondergleichen, so daß ich mich nach dem Latte macchiato und wenigen Blicken ins Netz gleich wieder hinlegte — bekleidet und mit Krawatte klugerweise, um dem Körper zu signalisieren, nein, ich lasse mich nicht wieder ins Bett zwingen, auf dem ich freilich nun dennoch lag —, um anderthalb weitere Stunden erst einmal, vielleicht fünfzehn Minuten lang vor mich hinzuzittern, mich hinwegzuschlafen. – Als ich aufwachte, war die Zitterei vorbei, dafür hatte ich Fieber.
Mein erster Gedanke war, scheiße, jetzt hast du schon w i e d e r Corona, was wegen der überfüllen Zugfahrt von Wien nach Berlin hätte gut möglich sein können, nunmehr wahrscheinlich der Omikron-Virus, der die bisherigen Impfungen bekanntlich unterlaufen kann und also auch den Genesenenstatus. Doch der Schnelltest sprach ihn frei. Das war erstmal erleichternd. Dennoch, Druck auf die Lunge, das Fieber … na gut, 38,2 ergab die Messung, die mittags von einer zweiten bestätigt wurde; also nur der Anfang von Fieber. So daß ich den Tag mit wechselndem Liegen & Schlafen und hin und wieder am-Schreibtisch-sitzen verbrachte, für die Arbeit indes unkonzentriert, und zwar komplett. Ein bißchen Husterei, sonst aber nichts außer diesem Lungendruck und einer teils heftigen … ich möchte es eine “Wirklichkeitsunsicherheit” nennen, die schon eingesetzt hatte, bevor ich — gegen die möglicherweise Entzündung sowie vor allem, um Appetit zu bekommen; auf keinen Fall wollte (und will) ich abermals unter 65 kg rutschen — … bevor ich also zu den THC-Tropfen griff, die dann auch wieder gut funktionierten. Erstens mußte ich dauernd, sowie ich wieder wach wurde, etwas essen, zweitens ist heute morgen die möglicherweise Entzündung schon wieder eingedämmt. Genauso war es in meiner Coronawoche gewesen, bestätigt sich mithin. Ich kann Ihnen, Freundin, also nur nochmals Dronabinol empfehlen, sollte der Virus auch bei Ihnen auf die Lunge schlagen. Wobei selbstverständlich das, was ich eben “Wirklichkeitsunsicherheit” nannte, durch Cannabis weißGöttin nicht behoben wird, sondern eher verstärkt. Aber der Tag war eh für die Arbeit dahin.
Um siebzehn Uhr dann ein feines Whatsapp-Videogespräch mit der ausgesprochen elegant wirkenden Löwin, die in alles einigen Witz brache, auch in das, was das Geschehen des Sonntags anbelangt, das mir immer noch nachging und möglicherweise Anteil daran trägt, daß ich mir diesen offenbar Infekt eingefangen habe. Ich meine, da ich keinen Magen mehr habe, kann mein Körper auf solch schmerzhafte Hilflosig-, ja Geworfenheiten nicht mehr “klassisch” reagieren, nämlich mit meinen Magenkrämpfen, und sucht sich nun wohl andere Wege, die er, da er nach wie vor stark ist, halt auch findet. Und schickt mich auf die Ersatzbank, wo ich ausharren muß, bis der Körper dem Virus genügend in den Arsch getreten hat, physisch, und, psychisch, Geist & Herz die Kränkung überwunden haben. In aller Regel, ich merke es schon jetzt, geht das schnell — relativ schnell, selbstverständlich; einzwei Tage muß ich schon rechnen.
Jedenfalls legte ich mich, komplett ungewöhnlich, bereits um 22 Uhr zur Nacht, scheine auch sofort eingeschlafen zu sein; wie immer, wenn ich krank bin, TShirt an und Socken, etwas, das ich gesund nicht ertrage. Meinen Abendwein hatte ich mir komplett gestrichen und tagsüber auch die Pfeifen extrem reduziert, wobei es ein Vorteil ist, daß ich im Bett noch nie rauchen konnte, ich habe liegend einfach kein Bedürfnis danach, was sich geradezu schlagartig  ändert, sowie ich wieder aufstehe. Der Turnus eine Stunde am Schreibtisch/anderthalb Stunden schlafen/eine Stunde am Schreibtisch/anderthalb Stunden schlafen usf. war insofern auch Lungenschutz. Und einmal ging ich hinaus, um von Lindner das – im freien Handel –  unübertreffbare italienisches Brot zu besorgen und auch sonst noch einige nötige Einkäufe zu tätigen, dies alles zu Fuß, nicht mit dem Rad, für das ich einerseits zu zittrig gewesen wäre; vor allem aber war es nach einmal fünf und zweimal vier THC-Tropfen aus Gründen der Verkehrssicherheit zu meiden. Ich wollte zudem das Gefühl zu gehen genießen und kam, obwohl ich’s schlendernd tat, ins Schwitzen. Ahà, Bestätigung. Später wieder die drei Stockwerke hochzusteigen, machte mir indes nichts aus, ein angenehmes Indiz dafür, daß die, wenn es denn eine beginnende war, Lungenentzündung bereits gut abgewehrt wurde. Danke, Körper, danke.
Dennoch, obwohl ich heute morgen zwar noch nicht völlig wiederhergestellt bin und besser noch, wie meine geliebte Großmutter zu sagen pflege, “langsam machen” sollte, habe ich → die Hamburger Veranstaltung des kommenden Sonntags abgesagt, schon, weil Lou Probsthayn ja Zeit haben muß, das Hotel zu stornieren; er reagierte traurig:

… das ist wirklich „bitter“, zumal es das 15 jährige des Literatur Quickies ist. Sehr, sehr schade, da einige der Gäste nur deinetwegen usw. Ansonsten Dir gute Besserung. Und sieh in Deinen Kalender, prüfe die ersten 5 Monate 2023 und vielleicht schickst Du mir einen Terminwunsch. Es ist immer der letzte  Sonntag eines jeweiligen Monats.

Ich werde ihm noch heute Vormittag antworten. Es wär jedoch ohnedies ein knapper Ritt gewesen, weil ich am Montagvormittag darauf einen wichtigen Termin bei meiner Angiologin bekommen hatte, der, reiste ich noch so früh von Hamburg zurück, möglicherweise nicht einzuhalten wäre. Nun werde ich den quasi freigewordenen Termin nutzen, um an Katharina Schultens‘ → Einführungsfest als neuer Chefin des Hauses für Poesie teilzunehmen — sofern der Infekt denn auch wirklich aus meinem System gefeuert worden sein wird.

 

Bin weiterhin etwas zittrig momentan, ja, aber arbeiten werde ich heute schon wieder können. Wichtig dabei, immer wieder Form, – noch sitz ich eingemummt in den Winter(!)bademantel hier – daß ich mich wieder kleide, auch Hemd und Krawatte tragen werde, ganz wie ich’s bereits gestern tat, um dem eignen Geist deutlich vorzuführen, man(n) lasse sich auch von Infekten nicht beugen oder schlüpfe gar unter eine der Nacht vorbehaltene leinenbezogene Bettdecke, ziehe sich gleichsam zurück. Oben schrieb ich ähnlich ja schon. “Erlaubt” und wohl auch nötig ist, sich hinzulegen, wenn der Körper neu gesteigerte Schwäche zeigt, aber eben nur bekleidet und unter eine Steppdecke auf das gemachte Bett (bei mir bekanntlich sowieso Couch).

Noch immer bin ich mir uneines, ob erst die letzten beiden → Triestbriefe schreiben und dann erst die Umarbeitung zur Zweiten Fassung oder ob umgekehrt. Ich werde die bislang letzten zwei bereits fertigen Briefe nachher noch einmal lesen und danach entscheiden. Vor allem muß ich auch Einfälle haben. Aber die Löwin hat schon recht, als sie mir gestern sagte: “So durchgetaktet und minutiös, wie du sonst arbeitest, wirst du die erste Fassung erst einmal beenden müssen, bevor du die zweite angehen kannst.”

Ihr ANH
[9.55 Uhr]

 

Immerhin fand ich denn doch – als Arbeitsjournal des Dienstags, den 20. September 2022 – in die Arbeit.

Wenn auch, wie mir vorgenommen, “nur” mit erster Durchsicht sämtlicher Notatate, immerhin fünfzehn zweispaltige Seiten in 10erPunktSchrift, wobei ich allerdings auf Seite 10 einhielt, als es an die Aufzeichnungen zur Triestreise ging. Damit wird es gleich weitergehen, wenn die beiden jungen Handwerkerherren, die meinen Wasserboiler austauschen werden – womit sie soeben beschäftig sind -, ihre Arbeit zuende gebracht haben werden. Ich meinerseits werde diese Zeit nutzen, um mal wieder mein Instagram zu versorgen – dem Anraten meines Sohnes folgend, mit “Stories”. Im übrigen gab es gestern einen mich überraschenden, fast sogar ein bißchen überrumpelnden Anruf, der → das Geschehen des Sonntagmorgens … nein, nicht aus der Welt räumen, da ist es ja nun drin, sondern erklären wollte. Was zwar allenfalls ansatzweise passierte, aber die Tür lehnte immerhin nur noch an und wurde vermittels noch folgender Whatsappbotschaften zentimeterweise weitergeöffnet. Jetzt braucht es, glaube ich, noch etwas Ruhe und Abstand, dann werden auch meine inneren Wogen wieder einen Pazifik glätten, wie er zur Zeit Magellans ihn begrüßte, so daß er ihm diesen Namensgebung gab. (Es hat ihm freilich nicht viel genützt, brach er doch selber, mit Waffen, den Frieden und kam denn durch Waffen auch um.)

Also die Notate. Folgende fügt sich wunderbar in eines der schon niedergeschriebenen Romanmotive ein:

Hexen haben eine besondere Vorliebe für die Tage, die der Aberglaube als schändlich be­zeichnet, näm­lich Dienstag und Frei­tag. Und in ihnen fühlen sie sich in der Stimmung, unter den Männern den Ver­liebten zu suchen. Und sie führen sie in Ver­suchung. Und so wie die Welt der Sterblichen sehr vielfältig ist, so gibt es auch Menschen, die es wagen, mit He­xen Bekanntschaft zu machen. Man nennt sie Cavalcantes, weil sie, nach­dem sie sich mit den Hexen verbündet haben, in ei­nem teuflischen Wirbelwind mit ihnen durch die Luft reiten. Jeder Cavalcante ist mit Feuer mar­kiert. Auf seiner linken Schulter trägt er den Auf­druck eines Hufeisens.
(Übersetzt aus Pinio Gudi,Storie e legende del Carso)

Im Roman gibt es eine Stelle, in der eine der Hauptpersonen eine Karlsruhe Nacht mit einer nicht ganz geheuren Frau verbringt, die ihn morgens heftig in die linke Schulter beißt. Ganz woanders entdeckt eine aber auf dem Triester Karst am Rand des Rosandra-Naturschutzresservats lebende  sozusagen Parallelfigur genau diesen Biß an seiner eigenen linken Schulter. Diese Szene muß ich nun nur noch dahin ändern, daß die Bißwunde die Umrisse eines Hufeisens zeigt, und schon habe ich eine Karstlegende in den Roman eingefügt. Was ich selbstverständlich nur Ihnen, Freundin, und alleine hier erkläre. Im Roman wird es Anspielung bleiben, aber Lenz (diese zweite Figur) fortan immer mal wieder “Cavalcante” genannt werden. Ebenso vortrefflich fügt sich in die Karstszenen ein, daß Scipio Slataper diese Landschaft einen versteinerten Schrei genannt hat und des weiteren davon spricht, sie es gar nicht, Landschaft, sondern ein Zustand. Das geht mit dem sich geradezu eremitär zurückgezogenen Lenz exakt zusammen.
Für Triest wiederum, wohin der Karst hinabfällt, und dieser Stadt Bewohner gibt es ähnliche Nähen, etwa der Sídhe zu – ausgerechnet! – James Joyce, wenn wir nämlich →ihre Moto Guzzi V7 an die Stelle des Pferdes seiner geliebten, so sehr noch jungen Schülerin setzen:

The Lady goes apace, apace, apace … […] Pure air and silence on the upland road: and hoofs. A Girl on horseback. Hedda! Hedda Gabler!
(James Joyce, Giacomo Joyce)

Selbstverständlich, auch wenn kaum jemand es merken wird, werde ich hier Parallelen ziehen. Dazu, abermals Lenz – dem meine, merke ich gerade, Empathie weit mehr gilt als dem “eigentlichen” Protagonisten, Lars -, dennoch durch diesen (in seinem ersten Bratschenkonzert) Anspielung auf Hindemiths → “Schwanendreher“, als solchen er sich selbst sah, nämlich als heimatlosen Spielmann, was aber Lenz sehr viel mehr ist, indem er es lebt – indessen es sich Lars bei aller Liebestrauer doch recht kommod gemacht hat.

Also wenn ich mir dies alles so anschaue, ist eigentlich deutlich, daß sich mein Sonntagmorgensimpuls, die Arbeit an den Triestbriefen einzustellen oder wenigstens erst einmal ruhen zu lassen, längst schon selbst gelöscht hat. Ich bin mir nur noch unsicher, ob ich jetzt erst einmal die beiden noch fehlenden Briefe schreibe oder tatsächlich schon beginne, nämlich ohne sie, die Erste Fassung des Typoskriptes zur Zweiten umzuformen. Es wird sich einiges doch sehr ändern; vielleicht wäre der Text dann eine bessere Vorlage, ihn zuendezuschreiben.

Ihr ANH
[Arbeitswohnung, 12.45 Uhr]

(Die Handwerker sind immer noch da.)

“Nie ein Teil davon zu sein”: Zurück. ||| Das trauernde Arbeitsjournal des Montags, den 19. September 2022. Auch als Briefe nach Triest, 62.

[Arbeitswohnung, 9.07 Uhr
Hans Werner Henze, Ode an den Westwind (1953)]
Es war einer der für mich schlimmsten, schmerzhaftesten Vormittage, derer ich mich entsinnen kann. Gestern, am Sonntag, den 18. September 2022, einen Tag vor dem, der mir wäre ein  Jubeltag gewesen. Weshalb es gestern so schmerzhaft war, möchte ich nicht erzählen, nur, daß ich vor fast panischer Nervosität nur noch auf- und ablief, hospitalisiert gleichsam hinter den tausenden Stäben, doch die Welt eben wenn nicht im Blick, so doch in meinem gradezu grellen Bewußtsein; sie war noch da, dahinter, aber ließ mich nicht mehr in sie hinein. Dann mußte ich wirklich aufbrechen zur SBahn, mit der dann weiter nach Meidling zum Zug. Besser, noch einmal auf die Toilette. In meiner panischen Hektik drehte ich mich einmal ungelenk herum, es war eng, und schlug mit dem linken Arm derart heftig gegen ich-weiß-nicht-was, daß meine geliebte wunderschöne Girard-Perregaux zersprang — was ich aber erst in dem Örtchen merkte, als ich das Schutzglas zu berühren meinte, es tatsächlich aber das Ziffernblatt war. Und der feine goldene Sekundenzeiger fehlte. Dennoch, der andre Schmerz war größer, dieser, der zweite, jetzt eigentlich nur noch seine nicht mehr symbolische  Materialisierung. Wir krochen nachher, mein Verleger und ich, am Boden herum und suchten. Das Schutzglas lag da, auch die goldene Innenblende. Es ist sehr wahrscheinlich, daß ich den Zeiger mit allem, was hinuntergespült werden auch sollte, hinuntergespült habe. So ist die Uhr nun in Wien verblieben, um zu meinem Uhrmacher gebracht zu werden, den ich zwei Tage vorher längst aufgesucht hatte, weil eine Geringfügigkeit zu justieren war, und der die Uhr ganz nebenbei so sehr auf neuen Hochglanz gebracht hatte, daß ich sie dauernd anschauen mußte. Ohne zu wissen, daß es ein quasi Abschied war, wenn auch da noch eben nur symbolisch. Und noch am SBahnhof Mitte ging ich minutenlang wartend auf und auf, bis ich mich endlich zusammenriß und eine frühere Bahn als geplant nahm. Schließlich im ICE – ein Segen, daß ich reserviert hatte – brachte ich es zwar fertig, meine noch nicht in die Datei überführten Triestnotate in sie zu übertragen, aber alles dieses mechanisch. Denn ich fing an, das gesamte Romanprojekt zu bezweifeln. Dabei war selbst meine Lektorin wie aufgerührt von dem gewesen, was ich ihr in unseren drei Tagen daraus vorgelesen hatte. Nahezu alle, denen ich vorlas, sind es, mein Verleger auch. Aber mit einem Mal war das Buch sinnlos geworden. So geht es mir noch jetzt. Wie ich nun die letzten beiden zu verfassenden Briefe noch schreiben soll, weiß ich nicht. Momentan ist es mir nicht möglich. Was ich könnte, wäre, aber auch das eher mechanisch, die bisher stehende Erste Fassung bereits zur Zweiten insofern ergänzen, als ich die Notate nun nach und nach einbaue, neue Übergänge schaffe, die Orte mit meinen Erlebnissen abgleiche usw., dieses alles ja. Und später dann, wenn damit fertig, die beiden noch fehlenden Briefe ergänzen. Nur daß ich gerade nicht mehr weiß, wozu.
Das Geschehen, das ich Ihnen, Freundin, nicht erzählen möchte – oder soviel vielleicht  doch, daß ich es als einen tiefen Vertrauensbruch empfinde, ja als menschlichen Verrat -, war um so schlimmer, als insgesamt wundervolle Tage vorhergegangen waren, pralle, lebensfrohe, ja begeisterte voller Ideen, in denen auch die Triester Erfahrungen nachschwangen. Nun war es, als würde ich bestraft für sie werden. Wie in büßender Trance trat ich an die zwölf Stunden später in meine Arbeitswohnung ein. Was mir half, war allein, daß als Rezensionsexemplar im Briefkasten diese CD lag, die ich gerade höre, nämlich Henzes Musiken für Violoncello und Orchester. Und ich w e r d e sie besprechen, vielleicht noch heute, wenn ich doch sowieso an den Roman nicht gehen mag, nicht gehen kann. – Lieferbar wird sie ab dem 14. Oktober sein; sie ist noch nicht einmal auf Berlin Classics Website annonciert.

Sie werden, Freundin, verstehen, wenn ich jetzt noch nicht, obwohl ich es vorhatte, von meiner Triestreise erzählen kann, nicht nur nicht mag. Da muß erst dieser Schatten weg, der seit gestern morgen drüberliegt. Aber vielleicht kann ich zumindest ein Notat zitieren, das ich als quasi Briefentwurf für meine Lektorin in der kleinen, mir vom Arco-Verleger empfohlenen “Degusteria” km 0 in mein Notizbücherl geschrieben habe, wobei ich – weil es, hätte ich ihn abgesendet, ein Privatbrief gewesen wäre – Klarnamen hier umerfinde. Und merke unvermittelt wieder, wie gut es mir tut, die Trauer auszu… — nein, mir m e i n e Trauer auszuschreiben:

(Settembre 9, sera)
[1]Nur zur Erläuterung. Wenn im Notizbücherl Seiten durchgestrichen sind, bedeutet das, die Texte seien bereits in die zugehörige Datei übertragen worden. Erst danach, in aller Regel, erfolgt die … Continue reading

Was ich gerade erlebe, habe ich erst ein­mal zuvor erlebt – als ich damals „Meere‟ schrieb. Ich bin völlig allein, es schnürt mir die Luft weg; zugleich bin ich in rasender Gesellschaft meiner „Figuren‟. Sie sprechen zu mir, wider­sprechen oder geben mir recht – doch alles ganz von oben herab. Indessen begründet. Ich darf nicht einmal ihre Wohn­orte aussuchen, alles tun sie selbst, einfach, weil ich genau sein will und muß. Die Sídhe wohnt jetzt dort (→ Bild) schon we­gen des Caffès San Marco gleich unten nebenan ( Bilder). Für mich selbst heißt das, ganze schon fertig gewesene Strukturen noch ein­mal (fast) völlig umzuwerfen. Und aber wer mir hel­fen könnte, hält sich – aus nachvoll­ziehbaren Gründen – zu mir in Distanz. Mit sowas muß man(n) leben können. Unterm Strich bleibt eine insofern eigenartige, aber schwere Einsamkeit, als ich ja ständig in Ge­sprächen bin – aber eben mit Figuren. Wenn die bei einem schlafen, ist da keine Wärme und kein Pulsen der Haut. Dies ist wohl das einsamste, den Rest eines Lebens allei­ne zu schlafen und allein aufwachen zu müssen. Was ich tu und arbeite weiter an dem Ro­man. Der nicht tut, was ich will, sondern mir vor­schreibt, was sein Interesse ist. Für mich ein ziemlich wilder Spagat. Bislang habe ich aber al­les „gepackt‟. – Helmut gestern in Skype: Er habe meine Pläne gesehen und nur gedacht, “unmög­lich, sowas zu schaffen. Niemals!” Ihm mache das eine ‚riesen‛ Angst. – Mir auch. Nur daß er auf die Angst hört und es nicht angeht, indes ich es da erst recht tu. (Das ist meine Verbindung zu Jessir, dem Kriegsberichtfotografen. Wir sind uns nah. Nur deshalb darf ich – ethisch Mariannes Geschichte verwenden und die ihres einstigen Partners. Wie Corinnas davor.) | Ich sitze hier und denke: Gleich breche ich zusam­men. Aber das werde ich nicht, sondern erfüllen, was ich mir vorge­nommen habe. Es gibt in mei­nem Leben für Schwächen keinen Platz; ich könnte denn meine Arbeit nicht zuendebringen.
Kopfhaut (wenn Haar darüber) ist
nie braun, sondern immer hell. (Bei Wei­ßen).
Immer noch in diesem „Risto­rante‟:
Die Menschen sind ein Zusammen­hang. Was aber, wenn jemand in keinen ge­hört? Ich gucke es mir an und finde es so toll – doch kann daran nicht teilnehmen. (Ich fühle keinen Neid, nur Zunei­gung, aber auch, nie ein Teil davon zu sein.)

***

Daß die russische Übersetzung des Traumschiffs, Корабль-грёза, jetzt erschienen ist, wissen Sie → seit vorgestern und ahnen, denke ich, meine Ambivalenz, die vor allem darin besteht, mich freuen zu wollen, es aber angesichts des Krieges nicht zu können. Was gegenüber Tatiana Baskakova ein fast schreiendes Unrecht ist, zumal sie von allem Anfang an eine entschiedene Gegnerin Putins war und es nach wie vor ist. Ich kann wirklich nur Abbitte leisten und innig auf Zeiten hoffen, die es wieder möglich machen, stolz darauf zu sein, in Vladimir Nabokovs bis zu seinem Tod geliebte Muttersprache übersetzt worden zu sein — und mit welcher poetischen Akribie! Allein die fast einhundert zusätzlichen Seiten Kommentar sind eine Ehrung. Und dennoch, dennoch, dennoch. Dagegen an will ich aber doch wenigstens die Würde zeigen, das Buch auch zu annoncieren, selbst wenn ein befreundeter Kollege mich schon vor Wochen gewarnt hat: “Wenn du das tust, warte nur, wie schnell sie dich einen Putinfreund nennen werden.” Habe ich je aus egoistischen “Karriere”gründen besser mal den Mund gehalten? Nein. Es soll sich auch nicht ändern:


Ihr ANH

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References

References
1 Nur zur Erläuterung. Wenn im Notizbücherl Seiten durchgestrichen sind, bedeutet das, die Texte seien bereits in die zugehörige Datei übertragen worden. Erst danach, in aller Regel, erfolgt die Einbettung in das Typoskript. Wobei ich während der Übertragung aus der Handschrift meist schon umformuliere und/oder aus der Erinnerung ergänze, die von der Wiedervergegenwärtigung aktiviert wird.

Um 16.20 Uhr Aufbruch zur Triest- und Karstrecherche vom 6. September morgens bis zum 13. mittags zur Weiterreise nach Wien. Briefe nach Triest 59, Planungen & Pläne.






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Es ist gestochen! Im Arbeitsjournal des Sonnabends, den 3. September 2022, drei Tage vor Triest und Karst. Mit Erläuterungen des weiteren Tattoo-Votiv*plans.

[Arbeitswohnung, 7.58 Uhr
Keith Jarrett, solo live Shelburne, Vermont 1977]
So hab ich vor Triest nun selbst d a s noch hinbekommen; die Grundform des Tattoos ist gestochen. Jetzt muß es vier Tage unter der Schutzfolie ruhen, die ich also in Triest abziehen werde, am Dienstag. Und gleich nach meiner Rückkehr aus dann bereits Wien, wohin ich unmittelbar nach Triest weiterreisen werde, wird es weitergehen. Denn die Idee ist ja, daß aus den Spiralarmen der Triskele immer wieder Ranken herauswachsen werden, die dann auch Blätter tragen — bis sich ein komplettes Bild ergeben haben wird, das ich aber ebenfalls sich weiterentwickeln lassen möchte, ein quasi-organisches work-in-progress. Und wer weiß, was meiner Tattoo-Künstlerin alles noch einfällt. Ich muß ihr nur meine Vorstellung übermitteln, daß ich ihr die größtmögliche Freiheit gebe – für sie möglicherweise ungewohnt, weil Fotorrealistin. Was sich an diesem Tattoo sehr gut erkennen läßt, das meine Vorlage präzis realisiert hat, aber nicht, wie ich wollte, über sie hinausgegangen ist. Doch wie genau Elena gearbeitet hat, ist auf der Vergrößerung trotz der Folie sehr gut zu erkennen (dieses Bild entstand unmittelbar nach Fertigstellung im Studio):


Sehr gut ist die von mir so gewollte Haarstruktur zu sehen, aus der dann später die Ranken heraus in die Zwischenräume wachsen sollen. Was jetzt witzigerweise wie eine dritte Brustwarze aussieht, also die Erhebung unter dem Triskelenzentrum, ist übrigens der Bioport; am Ende des oberen Spiralarms erahnen Sie außerdem den kleinen ebenfalls unter der Haut liegenden künstlichen Zuführungsschlauch, den Elena ziemlich raffiniert mit dem Spiralarm verband. Aber die eigentliche Wirkung insgesamt wird sich wahrscheinlich erst erkennen lassen, wenn die Folie abgezogen sein wird.
Elena, ja. Ich hatte bis gestern ja nur von ihr gehört. Und wie fast fassungslos war ich, als sie mir dann entgegentrat; vielleicht fünfundzwanzig Jahre, allerhöchstens achtundzwanzig alt, entspricht sie dennoch frappierend dem von mir so verehrten Frauentypus: eine sehr schmale, geradezu fragile Figur mit ausdrucksvoll schmalem Gesicht unter dunklem Haar; für eine Frau erstaunlich breite, bewußt so gepflegte Augenbrauen, schmale Hände an nahezu zerbrechlich wirkenden Handgelenken, die Unterarme ein einziger sehniger Traum; wenn sie spricht, hingegen, die Stimme, sie ist kräftig, selbstbewußt – und wie hinreißend, daß sie während des Stechens immer wieder – es lief eine Musik, die ich unter Rockpop einordnen würde – nicht zu singen, nein, aber doch mitzusummen begann. Welch eine innige Konzentration! Überhaupt war die Prozedur alles andere als schwierig auszuhalten, im Gegenteil wogen die Berührungen – auch weil sich Elena immer wieder mit einem Arm auf meiner Brust und meinem rechten Unterarm abstützen mußte – jeglichen, nun jà, in Häkchen, “Schmerz” so sehr auf, daß es meinetwegen hätte noch Stunden so weitergehen können und ich es wirklich bedauerte, als alles nach knappen zwei vorbei war. So viel körperliche Zuwendung war mir lange nicht mehr vergönnt gewesen, organisch pulsierende, warme Berührungen. Einmal, als sie meinte, bereits fertig zu sein, und mich das Ergebnis im Spiegel begutachten ließ, zögerte ich die Prozedur noch einmal hinaus, bat darum, die Spiralarme noch etwas breiter anzulegen und das Zentrum etwas mehr zu betonen. So daß ich immerhin eine weitere Viertelstunde gewann. Übrigens läßt es sich für meine Empfindung von “stechen” nicht eigentlich sprechen; es kam mir eher wie ein leicht schrammendes Ritzen vor, dem der Brummton des schmalen Tätowier-… — ich möchte es –stifts nennen … entsprach. Wie entscheidend Klänge für mich sind, zu denen Geräusche unbedingt gehören, wissen, Freundin, Sie ja.
Einhundertfünfzig Euro wollte der Chef nachher von mir haben, dreißig weniger, als er kostenveranschlagt hatte. Ich legte zehn für Elena drauf, bat ihn, sie ihr zu geben, weil ich selbst, es zu tun, für übergriffig hielt und nach wie vor eigentlich jetzt noch halte. Solche Bakschischs sind immer etwas von oben herab, streichen die Augenhöhe durch, die mir gerade bei einem solch intimen Prozeß wichtig ist, als den ich diese “Liegung” allezeit empfand. Ich fühlte, Elena zu beschämen, steckte ich ihr Geld zu, sie vielleicht sogar zu beleidigen. Aber er, der Chef, bat mich, es ihr dennoch selbst zu geben. “Sei sicher, sie mag es mehr, als wenn ich es ihr gäbe.” Und so geschah es denn.
Jedenfalls ein weiteres Lebenserfahren für mich, n o c h etwas durchaus berauschend Neues, wie es seit meiner OP vor heute fast genau zwei Jahren und einem Monat nun schon so oft bereitgestanden und gewartet hat, daß ich mich darauf einließ.

Und spätabends rief Freund Sascha an, ob ich nicht auf einen Absacker schnell noch rüberkäme, es gebe Neuigkeiten … So saßen wir von halb dreiundzwanzig bis halb vierundzwanzig Uhr bei Bier auf seinem Balkon und plauderten. Er werde noch einmal Vater … – was er sich so lange schon gewünscht hat … Mich durchfuhr erneut ein Glücksgefühl mit einer nur ganz leisen Beimischung Schmerz, weil mir dergleichen nicht vergönnt gewesen ist und nach der Chemo nun auch vergönnt gar nicht mehr sein kann. Doch sowieso, Sascha ist ja fast zwanzig Jahre jünger als ich, da läuft es in den Bahnen der schönsten Natur; bei mir, jetzt mit siebenundsechzig, wäre picassohin/picassoher leicht ein Hautgoût denn doch dabei, zumal der Krebs erst nach drei bis fünf Jahren als geheilt gilt. Die finanzielle Enge kommt noch drauf, die – wenn ich mir ansehe, wie wenig Engagements und sonstige Aufträge ich überhaupt noch bekomme – möglicherweise noch zunehmen wird; damit, daß eines meiner Bücher plötzlich Geld abwirft, ist sicher nicht zu rechnen; zu sehr liegt meine Arbeit neben dem Mainstream auch in der Literatur, und viele gute Kräfte sind nachgewachsen und fordern ihr Recht, zurecht. — Nein, Freundin, ich bin nicht im entferntesten niedergeschlagen, lebe gerne wie seit je und mit derselben Leidenschaft, was aber nicht bedeutet, sich etwas vorzumachen. Abfolgen sind natürlich.

So, jetzt mal ins Bad, dann kleiden, heute wieder Anzug, dann Besorgungen tätigen, auch und gerade für Triest. Die Planung für den Aufenthalt ist abgeschlossen; wahrscheinlich am Montag stelle ich die Pläne ein. Morgen wird es den wieder nötigen halben Wäschewaschtag geben, und vielleicht schaffe ich es ja doch, wieder etwas am siebenunddreißigsten Triestbrief weiterzuschreiben. Wichtig ist es aber nicht, hat Zeit bis nach Triest, wenn ohnedies einiges wird umgeworfen werden müssen.

Genießen Sie den Sonnabend. Wie, o Freundin, ich es ebenfalls tun werde, der in Musik doch jetzt schon schwimmt.

Ihr ANH

[10.02 Uhr
Keith Jarrett, solo live Budapest Oktober 2007]

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*) Ja! “Votiv-” statt “Motivplans”!

Die Kasseler Rückfahrt mit einer Sídhe als scheinbar jungem Mädchen noch. Briefe nach Triest 58, Neuschriften (7).

 

[Ein recht gutes Beispiel, wie in einen fiktiven Text reale Ereignisse implantiert werden und dazu aber verwandelt werden müssen, hier nämlich → jenes (halb hinunter-
scrollen, bitte)
und → dieses.]

 

[Anfang des siebenunddreißigsten Briefs:]

(…)

Nun bin ich, geheimnisvolle Frau Venus,

Montag, 22. August
Morgens auf der Terrasse schon Herbst,
doch steigt die Sonne, schleift sie den Hochsommer nach
Flixtrain (FLX11), 10.17 Uhr

bereits auf der Rückfahrt. Welch seltsam unorganische Strecke! Stell Dir nur vor, nach Basel von Kassel über Braunschweig und Berlin. Als würd man von an den Nordpol über Südafrika reisen. Aber nicht nur dieses kommt einem seltsam vor, zum Beispiel ist der Zug kaum besetzt – an einem Montagmorgen! Ich habe ein gesamtes Tischareal inklusive der vier Sitze ganz allein für mich, was mir, diesen neuen Brief zu beginnen, ausgesprochen bequem erlaubt hat. Zuvor waren die Korrekturen, die ich gestern abend handschriftlich an die Seitenränder schrieb, in die Datei zu übertragen. Wieder in der Seelingstraße werde ich die Blätter ein nächstes Mal ausdrucken, nunmehr auf neuestem Stand, und sie zu den anderen heften. Als wir unversehens halten. Wir halten quasi mitten in der Landschaft – wenn es auch einen schmalen Bahnsteig gibt, ist weder ein Bahnhof noch sogar ein Schild zu sehen, auf dem ein Ortsname zu lesen wäre. Es gebe eine Streckensperrung, teilt uns der Lokführer über die Bordlautsprecher mit, weshalb wir für „für unabsehbare Zeit‟ hier stehenbleiben müßten. „Wenn Sie mögen, dürfen Sie den Zug so lange verlassen und sich die Beine vertreten.‟ – Mit welcher Gelassenheit, ja Lockerheit dies nun geschieht! Niemand ist nervös, keiner schimpft, das Zugpersonal mischt sich unter uns, drei junge Männer balancieren auf der Handstange der niedrigen, doch wie bis an den Horizont reichenden Absperrung, hier und da telefonieren Frauen mit zuhaus, doch alles geht weiterhin locker vor sich, ja sogar heiter. Ich orte mal im iPhone, wo wir sind. Ah, Nennhausen, rund vierzig Kilometer östlich von Spandau. Plötzlich raschelt das den, nun jà, Bahnsteig säumende Buschwerk, und aus den Gleditschienbüsche und dicht an die Robinienstämme geschmiegten Farnen sowie dem insgesamt dichten Untergehölz, das ich nicht näher bestimmen kann, schlägt sich – ich fasse es nicht – die Lydierin heraus, jedenfalls gleicht ihr diese, wenn auch in Bluejeans und Bluse gekleidete Frau auf ersten Blick frappant, und setzt mit elegantem, die Hand nur leicht auf die Führung gelegt, Sprung über die Absperrung. Römersandalen, hellviolette Zehennägel. Aber was trägt sie da auf dem Kopf? In sich gewundene Schlangen? So sieht es aus. Schon ist sie in den Flixtrain hinein. War nur ein Kopftuch offenbar, auf das auch das, was ich für ihr Haar gehalten habe, seltsam dreidimendional gedruckt ist. Und überhaupt, die Frau wirkt sehr viel jünger, als sie eigentlich sein kann. – Ich bin jetzt wirklich verwirrt, indes fast genauso, auf zugegebenermaßen beklemmte Weise, begeistert. Zumal es jetzt fast zu schnell geht, daß wir anderen wieder hineingebeten werden. Ist der Zug in Wahrheit allein deshalb zum Stehen gekommen, um diese Frau aufzu-, nun jà, „sammeln‟? An abenteuerliche Agentenfilmen aus den Zeiten des Eisernen Vorhangs bin ich erinnert, aber nicht in Schwarzweiß, sondern voll – wohl schon des Flixtraingrünes halber – kräftigster Farben. Von Kassel nach Basel über Berlin. Oder wo noch ganz anders hin? Und an einen ganz anderen Zug muß ich denken, vor vielen, vielen, vielen Jahren, als ich im Speisewagen in quasi der Gegenrichtung saß und die, auf die ich seit je gewartet hatte, zu mir an den Tisch gekommen war und, nachdem sie einen Campari bestellt, nicht nur gefragt hatte, wann wir Göttingen erreichten – da waren wir hier längst durch! –, sondern sich überdies nach dem Ring erkundigt, den ich damals trug. Nun gibt es in meinem heutigen Zug keinen Speisewagen, aber da doch alle andren drei Sitze meiner Tischgruppe frei geblieben … und, ja, ich meine, nein … die Frau trägt jetzt keine hohen Abendsandalen, nicht mal einen Chignon, sondern ist genau das geradezu jugendliche, in Bluejeans und Bluse gekleidete Geschöpf, das mit diesem eleganten Satz über die Absperrung fast mehr geflogen als gehüpft war; dennoch, „Aldona‟, mußte ich denken, “Alda” also, oder ihre Tochter vielleicht, es könnte sogar schon die Enkelin sein. – „Ist hier noch frei? Darf ich mich dazusetzen?‟ Genau in diesem Moment setzt sich der Zug wieder in Bewegung. Und aberwitzig matriarchal, wie diese ja offensichtlich eben a u c h eine Sídhe nun einen Satz ihrer Großmutter im Tonfall des geradezu selben Spottes wiederholt und dabei auch genau denselben, scheint es, schmalen hübschen Zeigefinger ausstreckt: „Das wird ein langer Brief, was Sie da schreiben.‟ Wobei der Spott sich darin versteckt, daß es damals ein Brief gar nicht war, vielmehr erst heute einer ist. Aber durch die Wiederholung ist plötzlich genau dieser nach Triest gemeint – meine Güte, derselbe lange Hals, nur das hellblonde Haar halt nicht hochgebunden, sondern in einem Pferdeschwanz zusammengenommen, wie Svenja ihn zu tragen liebte, für eine solche Reiterin mehr, fürwahr!, als angemessen; und eine ebenfalls wie bei Alda fast schnippisch aufgeworfene Nasenspitze am Ende des gradlinig schmal aus der Stirn geflossenen Stegs. Das schlangenbedruckte Kopftuch hält sie als kleines Knäuel, Seide offenbar, in der rechten Hand, legt es aber neben sich auf den Sitz. Aus Erfahrung seh ich davon ab, auch dieser Elbe die Scheidung der Feste vom Wasser am Beispiel von Essen und Trinken erklären zu wollen. Die Meeresscheidung von Triest oder des Karstes mit der Stadt als Zwischenreich. Wie alt ich mir ihr gegenüber mit einem Mal vorkam! Wie aus dem Spiel genommen, geradezu, oder, anders herum formuliert und quasi einverstanden: Der Altersunterschied – der zwischen Dir und Lars, zwischen Lenz und der Lyderien, auch zwischen mir und Dir – hat sich eingerenkt und spielt im selben Maße eine Rolle wie absolut gar keine mehr, alles wird zur Frage der Hinsicht … denk auch bitte an die sieben Jahre des Venusbergs. Wie unsre Alter komprimieren. „Du bist jetzt nicht wirklich überrascht, oder?‟ – „Ähm, Sie zu sehen ..?‟ „Dich.‟ „Aber nicht tatsächlich, Alda, Du? Oder Du lebst Dich wie Merlin zurück durch die Zeit.‟ Sie muß auflachen, unfaßbar hell. Als würden meine Ohren von innen geküßt. „Aber wie denn? Doch nicht La Grande-Mère Aldonà! Soll ich jetzt etwa beleidigt sein … – alter Mann?‟ „Aber nein doch‟, ich lache notgedrungen mit, „nur wüßt ich Ihren Namen dann gern.‟ „Kann ich mir denken. Und hör mit der Siezerei auf, ich komm mir auch fast schon so alt vor.‟ „Sie haben … tschuldigung, du hast angefangen.‟ „War ein Zitat. Von mir aus hätte die Nonna auch ‚du‛ sagen können, ‚… was du da schreibst‛, also. – Geschenkt.‟ Einmal abgesehen davon, daß selbst, wenn sie denn ihre Enkelin ist, nicht heraus ist, woher sie unseren damaligen Dialog eigentlich kennt, ist mir nun aber erst recht nicht klar, was sie jetzt hier, siebenunddreißig Jahre später, in meinem Flixtrain auf einer Rückfahrt nach Berlin will. „Onkelchen, ich denke, du hast da – wie damals schon einmal – etwas in Gang gebracht, das du besser gradebiegen solltest.‟ „Was meinst du mit ‚da‛?‟ „Na-in-Triest doch!‟ „Du weißt davon?‟ „Also wirklich, der Meinen halbe Tagesklatsch zur Zeit. Nur ihr Menschen, wieder einmal, bekommt kaum etwas mit.‟ „Ich schon.‟ „Na klar, von dir ging es ja aus.‟ „Nein, von meinem Freund.‟ „Ach, der … Da hättest du einfach Nein sagen können, und gut wär’s gewesen. Wobei ich, daß du dich trotz deiner Erfahrung – da nimmt man doch an, ein Mensch von sechzig wird endlich etwas weiser …‟ „Siebenundsechzig.‟ „Nicht, als du die Briefe begannst. – Sieben Jahre: Merkst du nichts? Wobei ich, daß du dich dich trotz deiner Erfahrungen noch einmal auf so etwas eingelassen hast, richtig ein bißchen süß finde.‟ Sie spitzt das Mündchen. „Du darst mich also Nimueh nennen.‟ „Nimueh?‟ Sie spitzt die Lippen noch mehr. Ich tu den Teufel, ihr meinen Mund hinzuhalten; besser nicht mal eine Wange, würd mich eh zu weit vorbeugen müssen und beobachte außerdem, was nicht sehr angenehm ist, daß meine wenn auch im Großraumwaggon eher verstreuten Nachbarinnen und Nachbarn zwar nicht gestört hier herschauen, aber wie aufgestachelt nachrichtengierig. Na gut, ich übertreibe wahrscheinlich, die denken sicher nur, mal wieder junge Frau und alter weißer Mann, der halb schon auf der Jenseitsrampe, deren Rutsche in den Mißbrauch allein der erbkolonialistische Wohlstand noch schmiert. Völlig sinnlos, sich dagegen aufzulehnen, schon gar nicht, wie geradezu entgegengesetzt die Mächte hier verteilt sind, schon weil jetzt meine Sídhe – unterdessen nach Anschaun und Wirkung durchaus berechtigt ein „Mädchen‟ zu nennen; die junge Dame verjüngt sich quasi jede Sekunde – älter war als wahrscheinlich wir im Waggon alle zusammen, als Geistin … Darüber viel eher sollten sich die Leute das Maul zerreißen, was indes, und zwar tuschelnd, nur wenige tun; die übrigen sperren es in ihre verklemmten Gedanken ein. Bis auf eine, ich will sie Signora Invidia heißen, die bislang am hintersten Ende des Waggons – dem sozusagen untersten Thale des Flixtrain-Orcus – direkt zur Rückwand einer der Zugttoiletten wie in einer nie besonnten und nie gelüfteten Wohnung gehockt hatte und aber wahrscheinlich das Natternfleisch schon zu benagen begann, als sich Nimueh zu mir gesetzt hat. – „Jedenfalls‟, hebt diese keine Sekunde später an, „mußt du das hier unbedingt ihrer Besitzerin …‟, stockt kurz, enorm süffisantes Lächeln, „selbstverständlich meine ich: ihrer Eigentümerin, zurückgeben.‟ und legt auf den Flixtrainstisch, und zwar völlig offen, eben jene Dessous der Lydierin, nach denen die Venere di Carsomare, als sie dem Hafenbecken entstiegen war, so vergeblich auf dem angrenzenden Parkplatz der Riva Tre Novembre geschaut hatte, bevor sie zu Lenz in den Karst fuhr, um wirklich Statue zu werden. Und alles das nachts. – Ich bin ein bißchen vor den Kopf geschlagen, auch wenn ich sehr schnell mitbekomme, daß ausgerechnet diese Unterwäsche von keinem Mitreisenden bemerkt wird … – das „Mädchen‟ freilich nach wie vor und ihr angeblicher Flirt mit mir und daß ich sie wahrscheinlich „aushalte‟ und also, dem unterdessen üblichen öffentlichen Vorausurteil nach, mißbrauchte; die konkreten corpora delicti aber nicht, so reizvoll sie als Reizwäsche immer auch sind, AUBADE Sensory Illusion in Silk, – wie ist sie, Nimueh, da bloß drangekommen? – Besser, ich frag sie erst gar nicht. – „Also, Onkelchen, Du versprichst mir das?‟ – V e r s u c h das, Schönste einmal, einer Sídhe etwas nicht zu versprechen …! Allemal wichtiger, Slip und BH so schnell wie möglich vom Tisch zu bekommen, bevor sie denn doch noch jemand bemerkt. Daß alles nur Einbildung ist, davon kann ich kaum mehr ausgehn, eben weil das, nun jà, „Mädchen‟ so auffällt und jetzt sogar beginnt, ein wirkliches Aufsehen im Waggon zu erregen, an dem sie aber keine Schuld trägt, erst recht nicht ich und auch keines der – dies freilich irrerweise – beiden immer noch frei auf dem Tisch liegenden Dessous, sondern diese ihrem Akzent nach Norditalienerin, eben jene Signora Inividia, die von ihrem abgelegenen Platz aufgestanden und aus ihrer sozusagen Orcushöhle herausgekrochen ist, in der’s ganz sicher nicht gut roch; sie steht sogar schon bei uns und empfiehlt dem, jetzt wird der Ausdruck bizarr, „Mädchen‟, sich doch besser um Männer ihrer Generation zu kümmern, ich sei doch nun wirklich ein Greis. Woraufhin Nimueh ihr Aussehen insoweit moderiert, als sie jetzt erst recht nach allenfalls vierzehn, doch schnippischsten Frühreifsjahren wirkt, und mit vorlauter Eleganz pariert. Was die ausgetrocknet glanzlosen Füße der Signora, denen ich, obwohl in den Geschäftspumps natürlich nicht zu sehen, den Hallus Vagus geradezu anspüren kann, auf der seidenglatten, gut durchfeuchteten und samtweich schimmernden Haut der jungen Frau schrecklich ausgleiten läßt. Um es anders auszudrücken, verliert die Frau die Balance. Das macht sie aber erst richtig wütend, ihre Stimme schwillt an, doch klirrt in den Spitzenfrequenzen auseinander und schrammt in mehrmals aufeinanderfolgenden Wutschaumwellen quer durch unsern Waggon, wie nämlich sie, Signora Inividia, in einem fort nur kotzen könne, wenn sie uns sehe. „Mi viene da vomitare solo a vedervi !“ – Jetzt steigt auch mir die Galle. So daß ein Wort das andere gibt und sich alles derart aufpeitscht, daß offenbar irgendein sich belästigt fühlender Mitreiender oder eine Mitreisende das Zugpersonal hergerufen hat. „Bitte‟, druckst der junge, eher verlegene als eine Anordnung gebende Mann, „könnten Sie zwei vielleicht mit dieser Streiterei aufhören?‟ Er nämlich sieht die Sídhe nicht; das tun nur die Reisenden, vielleicht aber nicht wirklich alle, doch selbstverständlich diese schimpfende Frau und ich, die ich überdies schon wegen ihrer angesetzten Wohlstandskopulenz übergriffig finde, ästhetisch übergriffig – nicht so die Geistin, deren Vergnügen es jetzt geradezu entfesselt, die Empörung der Mißgunstsharpyie mehr und mehr noch aufzudrehen. Die fängt auch grade wieder, den Flixtrainmitarbeiter nicht einmal beachtend, loszukeifen an. Solch ein Altersunterschied sei einfach nur ekelhaft, ekel-, ekel-, ekelhaft! Sie könne nur noch kotzen, kotzen, kotzen. Und obwohl mir, wie Dir soeben geschrieben, völlig klar war, entgegen jedem Augenschein sei die mir gegenübersitzende junge Dame erheblich älter als ich, was selbst den konkreten, rein faktischen Grund dieses neidischen Aufstands aus seinen Schienen hebt, in mir den machistischen Patriarch erkennen zu dürfen, der sein Charisma und sein Konto mißbraucht, gelingt es der Signora doch, mir eine kleine bleibende Verletzung zuzufügen – der Sídhe hingegen kaum, die süffisant erklärt, sie habe immer schon ein gutes Verhältnis zu älteren Männern gehabt, „auch schon als kleines Mädchen‟, und pflege es weiterhin mit allergrößtem Genuß. „Soooo zärtlich können diese Männer sein …‟ Indem sie sich also durch die ordinären Angriffe dieser Frau nur noch mehr bestätigt fühlt, steigt in mir selbst ein böser Zweifel an meiner Selbstwahrnehmung auf. Es ist dies jetzt kein Spiel mehr, obwohl ich mich, meine Ferne, im Spiel doch immer noch glaubte; in Berlin vergeht kein Tag, an dem ich nicht wie früher angeflirtet werde – ganz wie ich es mein Leben lang gewohnt war. Gut, nicht so sehr wie Lars – doch nun hatte ich das Gefühl, den „alten Mann“ schon im Aussehn zu tragen und mich also, flirte ich mit jungen Frauen, lächerlich zu machen. Wie ich davon wieder wegkommen soll, weiß ich momentan noch nicht, zumal ich zwar gut im Verzeihen, im Vergessen aber schlecht bin und im Verdrängen geradezu disabelt. Zugleich ist diese Signora, wie immer sie sich auch aufführen mag, für die Sídhe kaum mehr als ein völlig wehrloses Opfer, dem ich eigentlich beispringen müßte. Doch allein meine sanften Versuche, sie, die reale Frau, wenigstens ein bißchen sich mäßigen zu lassen, provozieren sie besonders. Und als die Sídhe jetzt tiriliert, sie könne die Not der Frau ja verstehen und wie es sie ganz sicher schmerze, daß nicht auf sie meine Augen gefallen… bruchteilssekundenschnell zu mir, Lulus Ripper travestierend: „Armes Tier‟ … – als da ihr, der Frau, Kopf rot wie ein Feuerlöscher anläuft, der aber Brandsatzzünder ist, da nun brüllt der wirklich kaum dreiundzwanzigjährige Flixschaffner, was seine Stimme nur hergibt, in seiner ungeerdeten Autoritätspflicht los: „Nun halten Sie endlich Ihre Klappen!‟ Anders weiß er weder sich selbst mehr noch seiner im inneren Andruck reißenden Stimme zu helfen. Wobei er nur diese Frau und mich meint, weil er die Sídhe natürlich immer noch nicht wahrnimmt, die jetzt einfach nur loskichert. Doch erblickt er etwas anderes, das wiederum nur sie, die Sídhe, und ich sehen können: „Und räumen Sie endlich‟, erstimmbricht er, „diese Unterwäsche vom Tisch! Also wirklich, wo sind wir denn hier?‟ Immerhin ist ihm eine Kollegin zu Hilfe geeilt, die es tatsächlich fertigbringt, die mehr als nur gleichsam raptische Signora an ihren gebuchten Platz nicht nur zurückzuleiten, sondern sie zu überreden versteht, den gesamten Waggon zu wechseln, so daß sie zumindest nicht mehr in ihren toilettennahen Orcus muß; der Zug ist ja nicht ausgebucht. Nur daß, als ich erneut zu Nimueh sehe, sie gar nicht mehr dasitzt; sozusagen mit der Kontrahentin ist sie verschwunden. Wobei ich zum einen zwischen dem Kopftuch der Sídhe und der Natternkeife einen Zusammenhang ahne, den ich jetzt sogar eine Inszenierung nennen muß, zum anderen mir aber nicht sicher bin, ob ich nicht einfach nur eingedöst war, um all das schlummernd halbzuträumen – hätten nicht, ja hätten nicht nach wie vor diese Dessous auf dem schmalen Waggontisch gelegen. Nur sie. Ein schimpfender Schaffner war auch nicht mehr da, und meine Mitreisenden und Mitreisendinnen schienen rein mit sich selbst oder einander oder mit ihrem Smartphones beschäftigt zu sein; auf mich fiel nicht mal ein Blick. Besser, das blieb so. Schnell strich ich die AUBADE-Gewebe ein; sie fanden, ohne im mindesten aufzutragen, in meiner linken Jackettasche Platz – derart fein sind sie gewirkt. Da waren wir fast schon in Spandau. Die zwanzig Minuten Verspätung erwiesen sich als insofern praktisch, als ich schon hier aus- und in den in drei Minuten Richtung Jungfernheide abgehenden RE2 einsteigen konnte, um von dort bequem nach Charlottenburg zu kommen: da von der SBahn heim sind’s zehn Minuten nur zu Fuß.

(…)

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