HÖRKUNST
Othmar Schoecks Stimme des Windes von Lenau

 

 

 

Und ausgerechnet da, nachdem wir abends angekommen waren, hörte ich es zum ersten Mal, hörte ich’s, wiewohl ich es schon oft gehört und nun nicht weiß, weshalb ich’s immer, scheint’s mir, überhört, nie bewußt gehört hatte — die Kunst nie gehört, beider, der Dichtung wie Musik. Es hat die Nefud gebraucht, mich vorzubereIten, vielleicht sogar sie selbst, Liligeia, -gäa, mich bereit zu machen hierfür, bis ich es selbst, für solche Wahrheit klingendes Gefäß, war:

In Schlummer ist der dunkle Wald gesunken,
Zu träge ist die Luft, ein Blatt zu neigen,
Den Blütenduft zu tragen, und es schweigen
Im Laub die Vögel und im Teich die Unken.

Leuchtkäfer nur, wie stille Traumesfunken
Den Schlaf durchgaukelnd, schimmern in den Zweigen,
Und süßer Träume ungestörtem Reigen
Ergibt sich meine Seele, schweigenstrunken.

Horch! überraschend saust es in den Bäumen
Und ruft mich ab von meinen lieben Träumen,
Ich höre plötzlich ernste Stimme sprechen;

Die aufgeschreckte Seele lauscht dem Winde
Wie Worten ihres Vaters, der dem Kinde
Zuruft, vom Spiele heimwärts aufzubrechen.

Das Wunder war nicht, daß Abdullahs Gärten von Riyad so unvermittelt in der Nefud, so muß ich es sagen, erschien, sondern daß ihre orientalische Planzenarchitektur so viel vom Norden und seinen dunklen Wäldern wußte, deren Sänger sie da ward. Und ich verstand, → was Goethe im Westöstlichen Divan bewegt und als ein ganz eigenständiges poetisches Vermögen empfunden hat, unter dessen sanftem Mandelblick unsre Härten sich vor jedem Lächeln, das einlenkt, verneigen — auch wenn ich dazu momentan die Welten wechseln und nur für diese Schallplattenlänge in meine Arbeitswohnung aus der Wüste zurückkehren mußte. Denn “meine” Aufnahme ist auf Vinyl, und selbst in diesen Gärten gibt es keinen Plattenspieler. Dennoch, wiewohl ich mit den Kopfhörern auf meinem Dunckerlager lag, vernahm ich das Lied in den Gärten. Zu träge ist die Luft, ein Blatt zu neigen. Spüren Sie dennoch, Freundin, was dieser Vater will, wenn er uns zuruft, langsam heimwärts aufzubrechen?

Wo werde ich morgen erwachen?

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