Yōseis Tätowierkunst im Arbeitsjournal des Dienstags, den 21. November 2022, worin die Triskele | radikal zum Rhizom geworden und damit — literarisch a u c h.

[Arbeitswohnung, 6.43 Uhr
Erste Morgenpfeife, Latte macchiato
Kaija Saariaho, Nymphea]
Es gibt Komponistinnen und Komponisten, die ihre musikalischen Themen vollendet melodisch schon haben, bevor sie ihre Verarbeitung, die “Arbeit am Material” (Adorno), beginnen, und solche, die sie während dieser Arbeit erst finden. Ich hörte viel Rautavaara, nun die von mir fast geliebte Saariaho; er gehört in die erste, nun jà, “Kategorie”, sie gewiß in die zweite. Ganz wie ich selbst, der ich, wenn ich ein Buch beginne, zwar eine Idee verfolge, nie aber wirklich weiß, wohin sie mich führt. Dieses ergibt sich erst aus dem Schreibprozeß. Wie abermals n u n, da die zweite Erweiterung meines → Bioport-Tattoos gestern abgeschlossen wurde. Es hat jetzt, wie ich Phyllis Kiehl in Whatsapp schrieb, genau dies Organische, das mir vorgeschwebt war, als ich das Abenteuer ohne schon zu ahnen anfing, das es zugleich ein literarisches würde, und zwar sogar doppelt gebunden.
Vielleicht wäre aber absehbar gewesen, daß ich dieses Erleben in einen poetischen Text einbinden würde, in w e l c h e n, aber sicher nicht. Ich hatte ja bloß die Idee, daß eines Morgens auf Yōseis Rücken ein Symbol erscheint — es sollte anfangs → ein Drache, Ryū, sein, was ich indes, weil es Klischee gewesen wäre, sehr schnell verwarf —, von dem sie selbst gar nichts spürt; dort hinten sieht sie es freilich auch nicht. Aber ihr neuer Freund, beim gemeinsamen Aufwachen, bemerkt es, übrigens nicht auf dem Rücken, sondern inmitten ihres schmalen Nackens.

Ich mag nicht, wie mein Sohn es ausdrücken würde, “spoilern”; doch es ist ein Tattoo. Nur daß sie das Symbol, eine wie bei mir linksläufige Triskele, niemals hat stechen lassen. Und etwas geschieht mit ihm, weil das Ding nämlich lebt. Was in den Griff bekommen werden muß. Imgrunde mein Thema: Wie ermächtige ich mich dessen, was mir geschieht, und drehe also ein Geschehen, dem gegenüber ich eigentlich hilflos bin, weil ich objektiv keinen Einfluß auf es habe, so herum, daß es mein eigener Wille gestaltet. Hier sehe ich stets den künstlerischen Prozeß. So wird denn Yōsei eine Tätowiererin werden, und zwar eine meisterliche und daher radikale Künstlerin ihres Fachs. Auch dies dann wieder aus dem Leben genommen; wenn ich sie, Yōsei, bei der Arbeit beschreibe, beschreibe ich, was ich an → Elena beobachten darf.
Die zweite Bindung des thematischen Motivs ergibt sich daraus, → daß ich neulich begriff, eigentlich gehöre der Prozeß, mich, eben von dem Bioport ausgehend, tätowieren zu lassen, in das → Krebstagebuch, allerdings in seine Fortsetzung nach der noch nicht geschriebenen Klimax, für die ich erst nach Aqaba muß, um den “Spielort” der “Enteinigung”, also der OP, zu finden. Für die Reise dorthin fehlt mir noch das Geld (allerdings die Flüge dorthin → sind erschwinglich); ein guter symbolischer Zeitpunkt wäre im Februar mein Geburtstag. Nur hält mich noch mein, sagen wir, Aberglaube davon ab, mich zu verhalten, wie ich es eigentlich täte – mit dem vitalistischen Schlachtruf “Sei’s drum!” Vielleicht nämlich sollte ich warten, bis medizinisch objektiv gesagt werden kann, daß ich “geheilt” sei, bis also nach dem fünften Jahr. (Meine nächste Kontrolluntersuchung findet am 6. Dezember statt). – Wie aber nun auch immer, läßt sich dieses Tattoo-Projekt auch als eine Verbeugung vor → Liligeia verstehen, die ich als – bislang – Unterlegene e h r e. MIr ist das wichtig. Hatte ich aber s i e schon, also den Krebs, in mein literarisches Werk integriert — selbst unvollendet, gehört das Krebstagebuch bereits, wenn auch nur in Der Dschungel publiziert, zu meiner Literatur[1]Albert Meier hat sogar schon → einen Aufsatz darüber geschrieben. —, so nun auch den, den sie “befiel”, – meinen Körper. Es ist dies eine unabdingbare Logik meiner Poetik. Was nämlich die Realitätskraft der Fiktionen anbelangt, bekommt das gesamte Unternehmen mit einem Mal sogar fiskalische Valenz, indem ich die Kosten des Tattoos von der Steuer werde absetzen können. Diese Volte ist eben nicht nur ein Schelmenstreich (ein bißchen freilich auch), sondern vor allem eine nächste Nagelprobe auf die Wirklichkeitsvalenz von Dichtung, und nicht nur der meinen. Die von mir längst nicht mehr nur projektierte Ästhetische Theorie ist, soweit nicht Praxis, durchaus normativen Charakters – allerdings im Bezug auf ihre historische Zeit. Spätere Entwicklungen der Künste (und also der Gesellschaften sowie der Naturen[2]Womit ich nicht nur die verschiedenen geologischen Naturformen meine, sondern auch → Zweite & Dritte Natur usw., also Natur in den kulturellen Codes ihres Wahrgenomenwerdens. Wie diese sich … Continue reading, in die sie eingebettet sind) werden sie relativieren.
Wiederum aber die rhizomatische Form des Tattos entspricht sogar insgesamt den auch anderweitig immer wieder attestierten prozessualen Strukturen meiner insbesondere Romane, die ich somit fortsetze auf Haut.

*** (Unterbrochen, um zu duschen usw.) ***
 

[Sophia Gubaidulina, София Асгатовна (Sonnengesang)]
Gestern kam die endgültige Zusage zur Graphik Novel; tatsächlich → der Zilts wird es werden. Nur über den Vorschuß ist noch zu verhandeln. Woran ich eigentlich gedacht hatte, was ich mir gewünscht hatte, wird wahrscheinlich zu erreichen nicht sein. Aber vielleicht doch noch genug, um mir einzwei Monate durchzufinanzieren.  Es wird doch einige Arbeit zu leisten sein, um die lange Erzählung auf Pavlenkos zeichnerische Bedürfnisse auszurichten. Gut, liebste Freundin,wir werden sehen. Mich drängt es erst einmal in die Briefe nach Triest zurück. Sie stehen ja ziemlich kurz vor dem Abschluß ihrer ersten Fassung. den ich sehr, sehr gerne noch im Dezember sehen möchte. Es wäre ein feiner Beginn für 2023. Das meiste dann wird nur noch konzentrierte Fleißarbeit sein; vor allem wird gestrichen werden müssen, aber klug. Manches, was in der Ersten Fasung jetzt steht [3]Der von mir so genannte “Rohling” ist, was →  von November 2014bis Februar 2015  in Der Dschungel stand., kann so nicht mehr bleiben; viel zu viele Angaben sind ungenau oder sogar unmöglich. Doch um das zu beheben, braucht es fast durchweg nur kleine Verrückungen; und einiges kann oder muß sogar ganz weg. Die Geschichte hat sich – siehe oben – geschrieben, jetzt ist die Fassung anzugleichen.

Ach so! Gestern sehr spät am Abend der plötzliche Impuls, wieder mit dem Sport anzufangen. Er hängt wohl mit meinem begonnenen alkoholfreien Monat zusammen. Wirklich wieder riesige Lust … nein, nicht zu joggen, meine 15-km-Läufe “kosten” zu viele Kalorien, die krieg ich in den Körper nicht rein. Aber neu mit leichtem Krafttraining zu beginnen, erstmal an den Slings. Zu Anfang nicht mehr als jeden Tag eine halbe Stunde, danach dann weitersehen. “Sicherheitshalber” schaute ich aber im Netz wegen des Tattoos nach. Also, ich soll noch bis zur Abheilung warten. Gut, dann hoffe ich mal, daß der Impuls bis dahin so lockend mir erhalten bleibt. Aber mir gefiel einfach nicht, daß unter dem Bizeps die Haut hängt, was mir auf Foto mit der Tattooergänzung aufiel. Wie mein, nun gut, “verkaterter” Zustand des Wochenendes war auch dies ein mir von meinem Körper, den ich achte, als “Jetzt paß aber endlich mal auf, versammt!” zugefunktes Signal. Und wie immer, wenn er mir etwas sagt, höre ich darauf. Nicht bei den Menschen, nur bei meinem Körper.

Ihr, Allerverehrteste, wie immer
ANH

References

References
1 Albert Meier hat sogar schon → einen Aufsatz darüber geschrieben.
2 Womit ich nicht nur die verschiedenen geologischen Naturformen meine, sondern auch → Zweite & Dritte Natur usw., also Natur in den kulturellen Codes ihres Wahrgenomenwerdens. Wie diese sich auch subjektiv ändern, ist momentan ausgesprochen gut an mir selbst zu beobachten, der doch über Jahrzehnte ein Gegner von Tattoos gewesen.
3 Der von mir so genannte “Rohling” ist, was →  von November 2014bis Februar 2015  in Der Dschungel stand.

BRIEFE NACH TRIEST. Die Kapitel (nach und nach zu ergänzen).

>>>> Erster Brief.
>>>> Zweiter Brief.
>>>> Dritter Brief.
>>>> Vierter Brief.
>>>> Fünfter Brief.
>>>> Sechster Brief.
>>>> Überlegungen 1.
>>>> Siebter Brief.
>>>> Achter Brief.
>>>> Neunter Brief.
>>>> Zwischenbemerkung 1.
>>>> Zehnter Brief.
>>>> Elfter Brief.
>>>> Zwölfter Brief.
>>>> Dreizehnter Brief.
>>>> Vierzehnter Brief.

 

>>>> Fünfzehnter Brief.
>>>> Überlegungen 2.
>>>> Sechzehnter Brief.
>>>> Siebzehnter Brief.
>>>> Achtzehnter Brief.
>>>> Neunzehnter Brief.
>>>> Zwanzigster Brief.
>>>> Einundzwanzigster Brief.
>>>> Zweiundzwanzigster Brief.
>>>> Dreiundzwanzigster Brief.
>>>> Im Zwischenraum 1.
>>>> Vierundzwanzigster Brief.
>>>> Fünfundzwanzigster Brief.
>>>> Überlegungen 3.
>>>> Sechsundzwanzigster Brief.
>>>> Im Zwischenraum 2.

 

>>>> Siebenundzwanzigster Brief.
>>>> Traumbericht
>>>> Korrespondenz.
>>>> Achtundzwanzigster Brief.
>>>> Neundundzwanzigster Brief.
>>>> Dreißigster Brief.
>>>> Zwischenbemerkung 2
>>>> Einunddreißigster Brief.
>>>> Zweiunddreißigster Brief.
>>>> Brief an die Lektorin,1 (Auszug).
>>>> Brief an eine junge Kollegin.
>>>> Überarbeitung 1 Notate (Untriest 28).
>>>> Überarbeitung 2 (Wiederaufnahme
Mai/Juni 2022): “Bäumungen”
NEUSCHRIFTEN (ab Juli 2022)

Dreiunddreißigster Brief, Auszüge: >>>> Anfang, >>>> Fortsetzung
Vierunddreißigster Brief: >>>> Auszug
Fünfunddreißigster Brief, Auszug: >>>> Ende
Sechsunddreißigster Brief: >>>> Auszug
Siebenunddreißigster Brief, Auszug:
>>>> Anfang, >>>> Fortsetzung, >>>> Ende

Rossis zweite Begegnung mit der Lydierin. Briefe nach Triest, 62.

 

[Siebenunddreißigster Brief, Fortsetzung:]

*

Kein Tag, Ersehnte, vergeht, ohne daß ich Dir schreibe. Manchmal braucht solch ein Brief aber zwei Tage, nur selten noch mehr. Doch Du erkennst die Wechsel an den Sternchen. Ob ich aber eine Fahrt nach Triest schon gebucht habe, verrate ich nicht, schon gar nicht, wenn, für wann. Nach jedem Brief aber brauche ich etwas Erholung, für, wie gesagt, wenigstens vierundzwanzig Stunden, also seit Lars mich nicht mehr beauftragt. Es ist da vielleicht eine Leere. Außerdem habe ich ein paar Tage lang vermutet, daß meine Erschöpfung von der Anstrengung rührt, diese Trauer zu füllen und zugleich eine gewisse Angst niederzudrücken, die sich aus dieser, wie ich früher leichtsinnig schrieb, Realitätskraft der Fiktionen ergibt; ich habe meine Helligkeit von früher nicht mehr. So daß ich mich manchmal fragen muß, ob Lars’ Erkrankung damit zu tun hat. War ich diesem schwierigen Mann tatsächlich derart nah? Es kann aber ebensogut, also -schlecht, am Älterwerden liegen, an etwas mithin, das mich Lars jetzt voraussein läßt.
Seltsamer Gedanke. Ich muß ihn dennoch weiterspinnen. Ist er jetzt ein männlicher Sídhe, einer, der mich besetzt hat? Nein, das ist Unfug, sonst hätt ich bei meiner Begegnung mit der Lydierin – mit, meine ich, ihrer Sídhe – nicht plötzlich solch eine Panik gehabt. Aus der mich allein, daß Du hinzugekommen bist, gerettet hat; Du weißt schon, vor der Haustür der Giacomo di Monte 2. Als Du mich für Jan Rossi hieltst, aber die Lydierin es nicht tat. Genau, ich wollte ja erzählen, wie es mit ihr und ihm, Jan, nach der ersten Begegnung weiterging. Davon zu berichten, wird mich aus meiner Bedrückung holen. Wenn ich erzähle, bin ich daheim.
Er sah sie also auf der Terrasse des TOMMASEOs sitzen und gab sich einen Ruck.
„Wir sind einander schon begegnet.‟ Was stimmte, es war dies eine banale Anmache nicht. Das ließ ihn rundum seriös wirken, trotz seiner etwas abenteuerlichen Jünglingskleidung. Nur daß die Lydierin erst keine Lust auf neue Bekanntschaften hatte, aus, je nach den Versionen unserer Erzählung, sehr verschiedenen Gründen. Nach der menschlichen, in der sie und Zoë mit Jessir und Lenz als Patchworkfamilie leben, weil für noch einen Mann nun wirklich kein Platz mehr ist; nach der anderen, weil Lenzens Tod sie noch zu sehr beschäftigt, was wiederum sie sich hat Jessir wieder anschmiegen lassen, und schon ihrer Tochter wegen will sie diese mehr oder minder Harmonie nicht gefährden. Noch war Lenz freilich nicht tot, in dieser nunmehr dritten Version; denn darin stürzt er vor den Treppenstufen erst, nachdem die Venus aus dem Hafenbecken stieg, freilich in derselben Nacht. Doch ist es ungewiß, ob es schon bekannt ist. Wir wissen ja nicht, wie viele Tage seit der Lydierin und Jans erster Begegnung vergangen sind; außerdem, wäre Lenz schon aufgefunden worden, hätte IL PICCOLO ganz gewiß von der Wiederentdeckung der Venere di Carsomare berichtet. Es konnte aber ebenso sein, daß die Lydierin, ganz wie zum Beispiel Judith, prinzipiell Abstand von Männern genommen hat, weil ihr die Selbstbestimmung zu wichtig war, also jenseits ihrer Mutterschaft einfach Raum zu haben für sich allein. Wir können sagen, sie habe ihre Symbiontin fast schon erdrückt. Was ihr wirklich Freiheit gab. Sie nun ausschließlich entschied für sich. Außer Zoë und den Notwendigkeiten ihres Berufs hatte niemand und nichts einen Anspruch mehr, und unter Auftragsmangel konnte sie nicht klagen. An den fast-Zusammenprall erinnerte sich aber die Sídhe allzugut, und sozusagen wachte sie auf. Was der Lydierin Abwehr ein wenig unglaubwürdig wirken und Jan deshalb hartnäckig bleiben ließ. Er ging sogar in die Vollen: „Sie werden es nicht glauben, aber ich habe Sie tatsächlich da ins Wasser springen sehen.‟ Er streckte den linken Arm Richtung Pier aus. „Ja, ich weiß, es ist verrückt, war einfach nur eine Vision. In der aber sah ich Sie …‟ „Wie, ins Wasser springen?‟ So daß Jan tatsächlich alles erzählte. Nur die pikanten Einzelheiten ließ er besser aus. Doch es gelang ihm nicht, denn die Frau fragte nach: „Mit allen Klamotten?‟ Als er herumstockte, mußte sie lachen. „Ich werde doch wohl die Unterwäsche anbehalten haben?‟ Auch vor i h r füllte ein sibernrundes Tablett die Platte des Tisches fast ganz aus. Als sie Jans verlegenen Blick auf das Gedeck bemerkte – sie hatte die cicheti fast nicht angerührt –, rief sie leise auflachend aus: „Nun setzen Sie sich meinetwegen, Sie machen den Eindruck, hungrig zu sein. – Was trinken Sie? Ich lade Sie ein. Nein, keinen Widerspruch bitte.‟ Die Färbung ihres Apérol Spritz paßte geradezu vernichtend auf seinen wie stets Friaulan. Ohne seinen Eindruck zu erklären, sagte Jan gleichsam hilflos: „Ob wir noch weitere Gemeinsamkeiten haben?‟ „Oh, auch Sie springen gern ins Hafenbecken nackt?‟ „Nur bei Tag, nicht am Abend.‟ „Ah, jetzt verstehe ich, weshalb Sie mir nicht nachgesprungen sind.‟ „Das hatte einen anderen Grund.‟ „Nämlich?‟ „Als ich den Pier erreichte, waren Sie schon untergetaucht.‟ „Und haben meine Kleidung einfach da liegenlassen? Wie uncharmant!‟ „Ich hätte nicht gewollt, daß Sie am Ende Ihres Schwimmausflugs nichts mehr anzuziehen haben.‟ „Ein Cavaliere hätte die Kleidung b e w a c h t.‟ „Sie haben recht. Verzeihen Sie. Die Dessous waren dann auch weg.‟ Sie hob eine Braue. „Dessous?‟ „Aubade.‟ Was er nur wissen kann, weil er, ohne das zu wissen, nur mein literarischer Stellvertreter, also meine Fiktion ist. Doch das bislang noch etwas verschlafene Interesse der Symbiontin stand unversehens in Feuer; sie loderte, die Sídhe, der Lydierin aus den Augen. Was die reale Frau einigermaßen in eine scheinbar durch sie selbst bewirkte Bedrängnis brachte. Lecker sei er ja schon, mußte sie befinden und warf auf seine Finger einen Blick, ob da ein Ehering …. – Keiner. Nun gut. Nur war ja auch sie nicht verheiratet und lebte dennoch als Paar oder in dem Patchwork. Andererseits, Jessir war mal wieder auf Reisen, Zoë längst Teenager, und Lenz eremitete wie seit je vor sich hin. Zeit hätte sie heut abend schon. „Und womit beschäftigen Sie sich, wenn Sie grad mal nicht spannen?‟ „Ich bitte Sie, das habe ich nicht! Also gespannt. Ich habe nur nicht weggucken können.‟ „Scusi, ich meinte es nicht so. Wirklich nicht. Ihre Geschichte ist halt nur etwas bizarr.‟ „Ich habe einen Jazzclub.‟ „Oh, ein Freund von mir liebt Jazz!‟ „Dann lassen Sie uns uns doch treffen. Ja, gerne auch zu dritt. Bringen Sie ihn mit.‟ „Wahrscheinlich kennt er Ihren Club?‟ „Das mag sein. Gibt ja nicht so viele.‟ Da legte die Lydierin ihre Sídhe wieder an die Leine. Nichts überstürzen. Und deshalb: „Morgen abend?‟ „Da findet aber kein Konzert statt, nur der übliche Barverkehr.‟ „Vielleicht ganz gut so. Und ich bringe Pietro mit.‟ Jan erhob sich. Auf ihren irritierten Blick: „Nein, nein, ich habe Sie lange genug belästigt.‟ „Aber woher wissen Sie ‚Aubade‛?‟ Was sollte er da antworten? Wenn er noch nachgesetzt hätte, was ihm spontan einfiel, nämlich Sensory illlusion, wovon er aber doch keine Vorstellung hatte, er wäre erst recht in die Klemme geraten. „Ich habe geraten‟, gab er, und zwar eben deshalb, zur Auskunft. So sagte sie es: „Sensory illusion.‟ „Bitte?‟ „Das Modell. Und es stimmt. Ich kann den Zweiteiler seit neulich abend nicht mehr finden, weiß einfach nicht, wo ich ihn abgelegt habe. Seltsam, oder? Denn daß ich nicht nackt in ein zumal derart verschmutztes Hafenbecken springe, müßte Ihnen eigentlich klar sein. – Wir sehn uns dann morgen Abend. Aber darf ich noch nach Ihrem Namen fragen?‟ „Jan. Wenn Ihnen das zu unbequem ist, dürfen Sie auch Andrea sagen. Mein zweiter Vorname.‟ Das kam ihr entgegen. Noch ein Crucco[1]Seit dem Ersten Weltkrieg (nord)italienisches Spottwort für “Deutscher”; abgeleitet aus dem Kroatischen, “cruch” = “Brot”, um das die Gefangenen bettelten.
wäre ihr zuviel gewesen, schon weil das croce drin mitschwang. „Via dei Cavazzeni 10A‟, erklärte noch Jan. „Geht hoch von der Cavani ab.‟ „Wo der Grieche ist?‟ „Um die Ecke, ja. Quasi gegenüber dem Albergo James Joyce[2]Dort..‟

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Briefe nach Triest 63
Briefe nach Triest 61

>>>> Sämtliche bisherigen Kapitel

References

References
1 Seit dem Ersten Weltkrieg (nord)italienisches Spottwort für “Deutscher”; abgeleitet aus dem Kroatischen, “cruch” = “Brot”, um das die Gefangenen bettelten.
2 Dort.

Immerhin fand ich denn doch – als Arbeitsjournal des Dienstags, den 20. September 2022 – in die Arbeit.

Wenn auch, wie mir vorgenommen, “nur” mit erster Durchsicht sämtlicher Notatate, immerhin fünfzehn zweispaltige Seiten in 10erPunktSchrift, wobei ich allerdings auf Seite 10 einhielt, als es an die Aufzeichnungen zur Triestreise ging. Damit wird es gleich weitergehen, wenn die beiden jungen Handwerkerherren, die meinen Wasserboiler austauschen werden – womit sie soeben beschäftig sind -, ihre Arbeit zuende gebracht haben werden. Ich meinerseits werde diese Zeit nutzen, um mal wieder mein Instagram zu versorgen – dem Anraten meines Sohnes folgend, mit “Stories”. Im übrigen gab es gestern einen mich überraschenden, fast sogar ein bißchen überrumpelnden Anruf, der → das Geschehen des Sonntagmorgens … nein, nicht aus der Welt räumen, da ist es ja nun drin, sondern erklären wollte. Was zwar allenfalls ansatzweise passierte, aber die Tür lehnte immerhin nur noch an und wurde vermittels noch folgender Whatsappbotschaften zentimeterweise weitergeöffnet. Jetzt braucht es, glaube ich, noch etwas Ruhe und Abstand, dann werden auch meine inneren Wogen wieder einen Pazifik glätten, wie er zur Zeit Magellans ihn begrüßte, so daß er ihm diesen Namensgebung gab. (Es hat ihm freilich nicht viel genützt, brach er doch selber, mit Waffen, den Frieden und kam denn durch Waffen auch um.)

Also die Notate. Folgende fügt sich wunderbar in eines der schon niedergeschriebenen Romanmotive ein:

Hexen haben eine besondere Vorliebe für die Tage, die der Aberglaube als schändlich be­zeichnet, näm­lich Dienstag und Frei­tag. Und in ihnen fühlen sie sich in der Stimmung, unter den Männern den Ver­liebten zu suchen. Und sie führen sie in Ver­suchung. Und so wie die Welt der Sterblichen sehr vielfältig ist, so gibt es auch Menschen, die es wagen, mit He­xen Bekanntschaft zu machen. Man nennt sie Cavalcantes, weil sie, nach­dem sie sich mit den Hexen verbündet haben, in ei­nem teuflischen Wirbelwind mit ihnen durch die Luft reiten. Jeder Cavalcante ist mit Feuer mar­kiert. Auf seiner linken Schulter trägt er den Auf­druck eines Hufeisens.
(Übersetzt aus Pinio Gudi,Storie e legende del Carso)

Im Roman gibt es eine Stelle, in der eine der Hauptpersonen eine Karlsruhe Nacht mit einer nicht ganz geheuren Frau verbringt, die ihn morgens heftig in die linke Schulter beißt. Ganz woanders entdeckt eine aber auf dem Triester Karst am Rand des Rosandra-Naturschutzresservats lebende  sozusagen Parallelfigur genau diesen Biß an seiner eigenen linken Schulter. Diese Szene muß ich nun nur noch dahin ändern, daß die Bißwunde die Umrisse eines Hufeisens zeigt, und schon habe ich eine Karstlegende in den Roman eingefügt. Was ich selbstverständlich nur Ihnen, Freundin, und alleine hier erkläre. Im Roman wird es Anspielung bleiben, aber Lenz (diese zweite Figur) fortan immer mal wieder “Cavalcante” genannt werden. Ebenso vortrefflich fügt sich in die Karstszenen ein, daß Scipio Slataper diese Landschaft einen versteinerten Schrei genannt hat und des weiteren davon spricht, sie es gar nicht, Landschaft, sondern ein Zustand. Das geht mit dem sich geradezu eremitär zurückgezogenen Lenz exakt zusammen.
Für Triest wiederum, wohin der Karst hinabfällt, und dieser Stadt Bewohner gibt es ähnliche Nähen, etwa der Sídhe zu – ausgerechnet! – James Joyce, wenn wir nämlich →ihre Moto Guzzi V7 an die Stelle des Pferdes seiner geliebten, so sehr noch jungen Schülerin setzen:

The Lady goes apace, apace, apace … […] Pure air and silence on the upland road: and hoofs. A Girl on horseback. Hedda! Hedda Gabler!
(James Joyce, Giacomo Joyce)

Selbstverständlich, auch wenn kaum jemand es merken wird, werde ich hier Parallelen ziehen. Dazu, abermals Lenz – dem meine, merke ich gerade, Empathie weit mehr gilt als dem “eigentlichen” Protagonisten, Lars -, dennoch durch diesen (in seinem ersten Bratschenkonzert) Anspielung auf Hindemiths → “Schwanendreher“, als solchen er sich selbst sah, nämlich als heimatlosen Spielmann, was aber Lenz sehr viel mehr ist, indem er es lebt – indessen es sich Lars bei aller Liebestrauer doch recht kommod gemacht hat.

Also wenn ich mir dies alles so anschaue, ist eigentlich deutlich, daß sich mein Sonntagmorgensimpuls, die Arbeit an den Triestbriefen einzustellen oder wenigstens erst einmal ruhen zu lassen, längst schon selbst gelöscht hat. Ich bin mir nur noch unsicher, ob ich jetzt erst einmal die beiden noch fehlenden Briefe schreibe oder tatsächlich schon beginne, nämlich ohne sie, die Erste Fassung des Typoskriptes zur Zweiten umzuformen. Es wird sich einiges doch sehr ändern; vielleicht wäre der Text dann eine bessere Vorlage, ihn zuendezuschreiben.

Ihr ANH
[Arbeitswohnung, 12.45 Uhr]

(Die Handwerker sind immer noch da.)

Das Arbeitsjournal für Freitag, den 19., bis heute, Sonntag, den 21. August 2022. Aus Kassel.

[Kassel, Harleshausener Terrasse
7. 38 Uhr, Bach Cellosuiten, Jans Stalker]
Bin übers Wochenende zu → Ricarda Junge nach Kassel gereist, die soeben in erster Fassung ihren neuen Roman fertigbekommen hat, den sie wieder von mir lektorieren lassen möchte. Ich meinerseits war gespannt und nervös, was sie zu den bisherigen Triestbriefen sagen würde. Und so verging die Zeit denn bislang — auch, wenn sie mir eigentlich einiges von der Stadt und vor allem die so riesige wie herrliche englische Parkanlage des Bergparkes zeige wollte — allein damit, daß wir uns wechselweise gegenseitig vorlasen, und ich muß sagen … abgesehen davon, daß sie von den Triestbriefen geradezu geflasht ist .. daß aber auch ich, umgekehrt, wie benommen von der Kraft ihrer völlig anders als meine gebauten Erzählung ist und, vor allem, welch einen ungeheure Sprung allein die Kunst ihrer Dialogführung gemacht — wozu noch die im Wortsinn ungeheure (Betonung auf “heure”), weil nämlich Kraft ihres tief beklemmenden Themas kommt. Ich möchte hier aber noch nichts verraten, nur, daß selbst mir hartgesottenem Handwerker zuweilen die Tränen in den Augen standen, ohne daß Ricardas Stilistik auch nur leicht irgendwo auf die Gemütsdrüsen drücken würde … es ist fast, als wäre alles, ich sag mal, “action”, doch im verlorenen, fast verlorenen Sinn für sämtliche Beteiligten, was nicht nur die Figuren dieses Romans, sondern auch sie, die Autorin, selbst und dann mich, den wohl, wenn auch als Hörer, nun ersten Leser des Buches betrifft.
Ihr von mir est durchaus skeptisch gesehener Unmzug nach Kassel erweist sich nun, von der Wohnsituation ohnedies, allein diese ihre Terrasse rechtfertigt ihn, auf der wir quasi allezeit sitzen, auch als es gestern regnete, wir haben ja eine gute Markise … also dieser Umzug hat sich als genau das erwiesen, was nötig war, um ihren Roman endlich nicht nur zu einem Abschluß zu bringen, sondern auch diesen, wie ich es nannte, stilistischen und auch persönlich sich einlassenden Sprung, einen wirklich ganz, ganz enormen, wagen zu können und nun, wie es mehr als nur deutlich geworden, sogar mit Eleganz, Leidenschaft und auch, ja, Mission perfekt aufgekommen zu sein. Mir ist noch jetzt, da ich morgens noch allein draußen sitze, schwindlig vor Erstaunen und Achtung.

Selbstveständlich haben wir auch jede und jeder für uns gearbeitet, ich bekam sogar eine ganz neue Szene hin, die es in sich hatte. Und weil Ricarda heute, anders als geplant war, ihre kleine Tochter aus Berlin abholen und hier wieder herbringen muß — das Mädchen war bei ihrer besten Freundin, wollte eigentlich noch zu einer zweiten, aber da schob sich ein Coronafall dazwischen —, da ich hier also nun sechs oder sieben Stunden allein bleiben werde, werde ich gut Zeit haben, an dem nunmehr sechsunddreißigsten Brief nicht nur weiterzuschreiben, sondern ihn sogar zu Ende zu bringen. Dann werden’s nur noch drei sein, bis meinerseits ich die Erste Fassung fertig habe. Wobei es zur Zweiten noch einige Änderungen geben wird, auch aufgrund der jetzigen Gespräche.

Und es ist erholsam, auch für mich, auf dieser Terrasse zu sitzen, auf der Himbeeren wuchern, auch Brombeeren gibt es, und kraftvoll Tomaten, sogar Wein (mit kleinen, dennoch schmackhaften Trauben), einem durchaus kleinen Paradies. Grandios aber ist, wie sich mein Roman einfach weiterentwickelt, auch wenn “einfach” bedeutet, manchmal an nur einem Satz zwei bis drei Stunden zu sitzen.

Nächster Kaffee, Freundin, doch einen Joghurt zuvor, ich muß ja auf die Nahrungszufuhr achten:

Ihr ANH
[David Ramirer, → Ricercar à tre]

Das DTs des 17.8.2022

  • Arbeit an Der Dschungel, selbst gefundene → Zwischenlösung. Danach viel Hilfe von Benjamin Stein; das Bug-Problem aber noch nicht gelöst, doch immerhin eine Menge Fehler schon beseitigt. Brauchte alles etwa den halben Tag.
  • Den sechsunddreißigsten Triestbrief fortgesetzt, bis nunmehr TS-Seite 370. Dazu ständig Netzrecherchen, etwa Motorräder (welches fährt die “eigentliche” Sídhe? ich montiere hierneben das Bild des Modell ein, für das ich mich schließlich entschied: Moto Guzzi V7, Baujahr 1972 – einen edlen Oldtimer also), außerdem, aus welchem Material besteht die Eingangstürklinke des Tommaseos usw. Muß selbstverständlich in Triest direkt noch mal angesehen werden. Jan Andrea Rossi als handelnde Person eingeführt.

“Es erträgt den aitherischen Aufruhr / nicht der sterbliche Leib”: Briefe nach Triest 56, Neuschriften (5).

 

[Ende des fünfunddreißigsten Briefs:]

(…)

Doch vielleicht hatte es zuerst we­der damit zu tun gehabt, daß er Deine Entscheidung, wie er vorgab, akzeptierte, noch später mit seiner Erkrankung, von der er nicht wolle, daß Du sie Dir anlasten wür­dest, wie Kinder es oft mit der Trennung ihrer Eltern tun. Es sind dies ja alles keine bewußten Prozesse. Sondern er hat vielleicht damals nicht nur gespürt, daß und wie Eure Briefe ihm fehlten, vielmehr, daß ich nun seine – neue – schrieb, als den Ver­such verstanden, sich seinerseits von Dir zu trennen, dann aber gespürt, wie wenig es half, ja daß im Gegenteil er nur noch um so weniger von Dir loskam, als durch meine Erfindungen der anderen Sídhe anderer Personen Deine Macht über ihn nur noch wuchs. Weshalb das mir erteilte – ich sag es jetzt mal krass – Verbot, die Briefe fortzu­führen, tatsächlich sein Bruch mit Dir war. Nur waren jetzt viel zu viele Geister geru­fen – von ihm nicht, nein, von mir –, als daß er funktionieren konnte. Ich hatte, in­dem ich schrieb, seine Liebe zu Dir, von der er sich verabschieden wollte, nun erst recht zementiert, nämlich im ungefähren Raum, in dem die Geschöpfe dieser imma­teriellen Natur eigentlich zuhause sind. Da kam er gar nicht mehr von Dir los, vor al­lem nicht von Deinem Einfluß, der ihn zum Künstler, der er schließlich wurde, erst hat werden lassen. Ich meine seine Kompositionen. Mit denen es freilich nach dem Krebs mit der bösen Chemofolge erst richtig und mit allen Folgen losging, von denen ich Dir berichtet habe. Und nicht an denen litt er so sehr, als an den Kompositionen selbst. Genau so denke ich jetzt. Weil sie eben Du sind, doch eben, ohne daß Du nah bist. Also sind seine Kompositionen ihm gleichfalls fern gewesen, vielleicht sogar, je mehr er an Kraft ihnen gab und je näher auf ihnen seine Augen ruhten. So daß es mit deren Ent­zündungen anfing.
Dieses jedenfalls kommt mir als Erklärung nun sehr viel plausibler vor, als alles was ich davor gedacht. Das kann ich ihm jetzt natürlich nicht sagen, doch hätte mich, sei­nes unanzweifelbaren Liebesleides wegen, auch damals gescheut, es zu tun, dem nie­mand, der ein Herz hat, einen weiteren Schmerz hätte zufügen wollen. Doch wenn Du ihn nun also derart inspiriertest und er physisch davon immer schwächer wurde, bis zu dem wahrscheinlich letzten Alarmzeichen dieses Infarkts von vor zwei Mo­naten, ist es dann nicht denkbar, ja nötig aus der Sicht einer Sidhe, sich langsam anders­wo zu orientieren – nicht aus Gemütskälte, neingut, die mag vorkommen, wir müssen ja nur an → die Sharonsídhe denken, aber doch bei Dir nicht!sondern schlicht, um selbst zu überleben? Und weil nun ich … – Verstehst Du, nahst­gefühlte Ferne? Da läge es n i c h t nahe, Dich mir zuzuwenden, der ich doch längst m i t in Deinem Energiefeld lebe, wenn auch bis vor kurzem nur am Rand, doch mehr und mehr in das hineingesogen, was meines Freundes Seele, weil es ihn vielleicht viel zu sehr überfordert hatte, als überschüssig reflektiert hat? Wir ging das denn mit Semele a u s, als sie des Gottes angesichts ward?

/ – – / – – /. Es erträgt den aitherischen Aufruhr
Nicht der sterbliche Leib und verbrennt von den bräutlichen Gaben.1

Das wär bei Göttinen anders sowie ihnen nahenden Männern? So denn nicht auch für Euch Sídhe? – Doch komm nur und nimm mich! Ich bin bereit und eigentlich längst sicher, daß Du viel mehr bei mir bist, nämlich schon lange, als Du bei Lars warst, zumindest in den letzten paar Jahren. Nämlich so, wie bei ihm nur zu Anfang, als Euch das Blicken noch war. Doch bereits Deine Achselkapelle habe i c h nur ge­sehen, nicht er. Er hat sie, als Ihr die Grotta gigante besuchtet, nicht erkannt und Du sie ihm nicht gezeigt. Die Lydierin zeigte sie Lenz, den aber ich und nicht Lars in die Welt tat. Und gar Yōsei! Nicht einen Blick hätte er an die Kitsune ver-, wie es mein Freund empfunden hätte, –schwendet und deshalb völlig verpaßt, wie sie und ihr ju­gendlicher Liebster – erinnere Dich, im Güneburgpark zu den Trommeln nah dem längst abgerissenen Palais – auf zum Himmel fuhren, geborgen in einem zum Feuer­opal verwandelten Kokon roten Haars. Der in die See des Weltalls klatscht, wie’s nur die Liebe vermag, sofern in ihr – D´aimer jusqu’à ce que la raison brûle – auch physisch die Leidenschaft tobt. Selbst, wenn er nichts als ein Kiesel, schäumt er die kosmische Gischt über Hunderte Lichtjahre auf. So daß, wenn es stimmt, was ich ahne, ich nun auch m i c h werde aufspalten müssen, in einen, der es erlebt, und jenen, der es Dir schreibt. – Jenen nenne denn

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1 Ovid, Metam. III, Verse 308-309

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