Erster Zwischenbefund. Kleine Theorie des Literarischen Bloggens.

[Hugo Wolf, Ganymed nach Goethe: Wie im Morgenglanze
Du rings mich anglühst,
Frühling, Geliebter!
Mit tausendfacher Liebeswonne
Sich an mein Herz drängt
Deiner ewigen Wärme
Heilig Gefühl,
Unendliche Schöne!
Diese aufwärtssteigende Tonlinie ins Licht!

Und Hans Deters, am Telefon vorhin: Theorie sagen, wenn du Praxis m e i n s t. Nur dann geht es.]

Die versteckten Links sind nun also erreicht. Ein feines Erlebnis, den Cursor meinen eigenen Text absuchen zu lassen, vor allem ältere Stücke, bei denen ich nicht mehr im Kopf habe, wo die Verknüpfungen hingelegt wurden. Das ist wirklich sehr schön, die Prosa wird sozusagen gestreichelt…oder abgetastet, das hat tatsächlich das von mir erwartet Harptische. (Nehmen Sie die Funktion „Links unterstreichen“aus Ihrem Browser, sonst muß der Text Ihre sinnliche Aufmerksamkeit entbehren.)
Auch die Mischung aus Fremd- und Eigentext bekommt allmählich dieses Flirren, das hergestellt werden möchte („irritierend“, schrieb eine Leserin). Es ist noch zuviel Eigenes, aber ich hab bislang nicht den Mut, das Weblog für andere Beiträger zu öffnen; noch würde mir die Form, auf die es ankommt, entgleiten. Ein Weblog ist höchst anfällig für Beliebigkeiten, ich kann noch nicht einschätzen, wer wirklich daran interessiert ist mitzuzimmern. Das Fundament steht nicht fest genug. Bei den DSCHUNGELBLÄTTERn brauchte es fast zwei Jahre, bis ich Zuträger akzeptierte (wobei ich ihre Texte zerschnitt und mit meinen eigenen, die ebenfalls zerschnitten waren, montierte). Das Dingerl ging dann auch schnell e i n, zerfloß gleichsam. Die Publikation hat es zu einem „Altersstil“ nie gebracht, am besten waren – weil polemisch befeuert – die Hefte des Anfangs und dann, als die Form sich gefunden hatte, die des Zweiten Jahrgangs, sowie einzelne Sonderversuche: das Musikheft, das Alma-Heft. Und das über „Ströme“. Also erst noch einiges Futter in das Weblog schaufeln, bis sich ein Stil auskristallisiert, den man dann wieder brechen soll. Prozessual denken, in Termini einer Erscheinung, die Lust macht, sie zu deuten.
Was mich derzeit allerdings noch sehr stört, ist zum einen diese strikte Chronologie. Wird ein Beitrag verändert (über- und bearbeitet) und/oder bekommt er einen Kommentar, auf den wiederum kommentiert wird usw., dann sollte er tatsächlich wie ein neuer oben auf der Seite erscheinen und nicht nur rechts als modifiziert. Die harte Sukzession, die hier vorherrscht, muß unbedingt gebrochen werden. Eine Datierung der Beiträge und Kommentare sollte genügen, um sie zuzuordnen. Erschienen sie nämlich in der Reihenfolge nicht fixiert, sondern flüssig und immer wieder verändert neu, s c h m e c k t e n sie über die je neue Zusammenstellung im Zwiegespräch mit dem „neuen“ vorherigen und folgenden Beitrag auch anders. Die Beiträge also halten und sie zugleich umgraben.
Etwas sehr Ähnliches stört mich, zum anderen, an der Darstellung. Dieses strikte Hintereinander sollte aufgelockert, die Beiträge sollten über die Seite gestreut werden, vielleicht sollten sie teils sogar übereinanderliegen, sich überlappen, sich gegenseitig verdecken, das Private, das Theoretische, die Paralipomena, die Polemiken und Auseinandersetzungen und Entwürfe und Ideen von Erzählungen. So wie jetzt ist es zu sehr Seite für Seite, sogar von „blättern“ spricht das Programm. Eigentlich ist das materialwidrig. Aber ich bin absolutes Greenhorn, was die technische Seite anbelangt, Dank an Oliver Gassner und jetzt Dirk Schröder und sowieso meinen Freund Mischa Geiger, die beistehen, die ein Gefühl für das haben, was ich kneten möchte. Ich knetete natürlich sowieso, in jedem Fall, auch wenn es noch aussieht wie die kompositionsfremde Bastelei, vor der ich (nein, damal nicht durchgestrichen) solchen Bammel habe. Ach gebt mir endlich ein Opernhaus! Aber was will ich? Ich h a b es ja nun.

[Hugo Wolf nach Goethe, Anakreons Grab: Frühling, Sommer und Herbst genoß der
glückliche Dichter;
Vor dem Winter hat ihn endlich der Hügel
geschützt.
]

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2 thoughts on “Erster Zwischenbefund. Kleine Theorie des Literarischen Bloggens.

  1. Wie alles sich verändert. Und jeder Link ein Gedicht. (Aber ich muß Sie daran erinnern, daß Sie einen “Termin” mit Ihrem Jungen haben. Also schließen Sie den Arbeitsvormittag; Daniello und ich passen schon auf.- Und verezeihen Sie mir meinen kleinen Spott; Sie kennen mich ja nun gut genug.)

    Wie stets auch heute: HED, d e r I h r e.

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