Das Weihnachtsproblem: Briefe nach Triest, 49. Wiederaufnahme, Überarbeitung 8 (fünfter Durchgang).

 

[Es gab ein Problem, das ich absurderweise selbst nach drei Durchgängen noch nicht bemerkte, nämlich eines der Datierung. Wenn nämlich sowohl Lars (der Verlassene) als auch der von ihm beauftragte Briefschreiben Kinder haben, kann über das Weihnachtsfest nicht hinwegerzählt werden, als wären beide nicht jeweils familiär gebunden. Genau das habe ich aber in der ersten, in – siehe Link – Der Dschungel eingestellten Version getan und, konzentriert auf nur die Erzählung-selbst, in den drei Durchgängen übersehen. Erst im vierten Duchgang, als ich also die ausgedruckten Seiten durchging, fiel es mir auf, und, weil so weit hinten, erst in Wien. Da konnte nun, was jetzt für den 24. Dezember sowie die folgenden Tage gechrieben war, so nicht bleiben. Ich brauchte einen neuen Übergang, der möglichst auch schon Spuren in die noch zu schreibenden Briefe hineinlegt — wie mir überhaupt nun erst, in intensiven Gesprächen mit meinem Arco-Verleger Christoph Haacker, klar wurde, welche Wendung der Roman fast notwendiger Weise nehmen wird. Dazu schreibe ich hier aber nichts, jedenfalls noch nicht, sondern stelle “einfach” den neuen Übergang ein:]

 

[Anfang des sechsundzwanzigsten Briefs]

Es war Stille, schöne Frau,

1. Januar, donnerstagmorgens 6.15 Uhr
Nach erster Wilder Jagd

seit fast genau zehn Tagen – etwas, das aber nicht an Dir, Sídhe, lag, sondern an den Feierlichkeiten. Sie mögen getrennt sein, Sarah und Lars, doch gegen alle Unbill ha­ben sie selbst in zerstrittensten Zeiten daran gehangen, Larssohn ein Zuhause zu wahren, das eines auch ist. Mein, also Lars’ens, letzter Brief datiert vom 22., ab dem 23. war das Fest vorzubereiten, da ist für anderes nicht Zeit. Und auch ich selbst war durchaus verhindert, Judiths und der Zwillingskinder wegen, die von ihren Elten noch weitergehend abhängig sind, als es der schwer – aber klug – pubertierende Lars­son ist. Ich also auch hatte mich um meine Familie zu kümmern, Du, so weit weg, fielst, verzeih, in den Hintergrund weg. Vielleicht wäre es anders gewesen, hättest Du nur ein einziges Mal reagiert – wobei ich unterdessen denke, daß Du ganz froh drü­ber bist. Hat Dir die Pause die Hoffnung gemacht, es fände mit Lars’ Briefen nun endlich, endlich ein Ende? Doch schau einmal: Wie wundervoll auch immer ein ge­meinsam verbrachtes familiäres Weihnachtsfest auch sein kann, so wenig hält es, ist es vorüber, den Entwicklungen stand, die sich seit den Trennungen – einerseits Lars’ens von Sarah, andererseits Judiths von mir – geradezu notwendigerweise erge­ben haben. Was sich gefirmt hat, wiedergefirmt, ist die Verläßlichkeit für unsre Kin­der – ein Thema, das Dir, Lars weiß es ebenso sicher wie unterdessen auch ich, furchtbar nahgeht, weil als eben ausgeschlossen, ja irreversibel isoliert. Das reicht, eine Übergriffigkeit, selbst in Deine Physiologie. Was er, Lars, verhindern, wogegen er angehen wollte, wenn auch, er weiß es selbst, absolut nicht uneigennützig. Viel­mehr wären zwei Eigennütze zusammengekommen, die etwas gerufen hätten, das nichts mehr wäre gewesen als Nutz, nämlich des Lebens an sich, des Fortlebens nun­mehr. – Das wird sich nun nicht mehr ergeben, auch wenn Lars im stillen immer noch hofft. Glaub mir, ich bin klarer als er, wenigstens in diesem Belang. Nur kann ich nicht so schöne Kunst daraus machen. Texte, Du weißt es, fallen gegen Töne hilf­los ab. Sie sind immer Erklärung, auch wenn sie’s meiden; ein Klang indes ist er selbst.
Aber wirklich, auch ich habe ein paar Stunden lang, vielleicht einige Tage, in denen Lars schwieg, weniger zwar geglaubt als gefürchtet, er stelle seine Berichte fortan ein, die Whatsapp- und Facetime-Gespräche, die Mails und vor allem die mir lästi­gen, weil oft unangemessen frühen Anrufe, was für mich tatsächlich einen kurzen, wehenden Anflug von Freiheit bedeutete, nämlich endlich wieder alleine ich zu sein und nicht dauernd in gleichsam Stellvertretung sprechen zu müssen. Zumal ich mich zunehmend mehr insofern mit Lars identifiziere, als ich seine Gefühle zu Dir allmäh­lich wirklich zu teilen und es deshalb als schmerzhaft zu empfinden beginne, wenn Du weiter schweigst und schweigst. Denn sieh, bin es denn jetzt nicht ich, der Dich de facto … ja, ich muß sagen, stalket? In welche Rolle hat Lars mich gebracht! Er selber, abgesehen von seiner schweren Sehnsucht, die ich ihm nach wie vor glaube, ist fein raus. Aber darüber dachte ich nur nebenbei nach, weil zum einen die ersten Rauhnächte bekanntlich ruhig sind und ich zum zweiten auch direkt nach Weihnach­ten jedesmal gebunden bin, des Geburtstags meiner Zwillingskinder wegen. Ich den­ke mir, Lars hat da nicht stören wollen und vielleicht ja tatsächlich Abstand genom­men. Doch dann der Silverster … – nicht, daß er dieses Jahr besonders laut gewesen wäre, Feuerwerk und Böller wirkten eher verhalten, wenn ich den Krawall, von dem ja auch kaum mehr wer weiß, weshalb er veranstaltet wird, mit dem der vorhergegan­genen Jahre vergleiche. Nur lag eben hierin eine auch von mir arg unterschätzte Ge­fahr. Denn nun war Deine Reiterei zu vernehmen, zu der Dein Volk mit doch gehört, die sonst der Lärm überschallt, und in all dem Blitzen und den Feuerblüten sind die Deinen, doch ohnedies Schemen, fast prinzipiell nicht zu sehen. Indessen nun mach­ten sie sich bemerkbar, jagten durch jeden Tür- und Fensterspalt selbst in die Woh­nungen hinein. Vielleicht nicht Ihr alle, offenbar aber Du und die Lydierin auch; mag sein, sogar die Sharon-Sídhe – nur, daß ich diese auch ohne des Volksglaubens Spu­kereien über Weihnachten aus den Augen verlor. Jedenfalls rief Lars vorhin wieder an, ausgesprochen aufgeregt. Er habe Dich im Fernseher gesehen – im Fernseher, ich bitte Dich! –, in einer italienische Capodanno-Sendung, da habest Du ihm durch die Kamera und also den Bildschirm direkt in die Augen geblickt „… als hätt sie mich erkannt!‟

(…)

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[Bild (→ Wikipedia): Franz von Stuck Die wilde Jagd
Musee d’Orsay Paris 1899
Noten: Franz Liszt Wilde Jagd
(→ Étude d’exécution transcendante No 8
1851/52)

 

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