“Ein bißchen schaurig ist das s c h o n.” Das Gänsehautjournal des Sonntags, den 27. November 2022.

[Medikamentenversuch Pregabalin → Fünfter Tag]

 

[Arbeitswohnung, 11.44 Uhr
France Musique Classique plus:
Richard Strauss, Letzte Lieder (Jessey Norman)]
Gestern mit dem achtundzwanzigsten Triestbrief tatsächlich fertig geworden und dabei sogar, nach → diesem vermeintlichen Ende einen guten Übergang für den neunundzwanzigsten, also letzten Brief des Romanes hinbekommen. Sehr erleichternd. Also werde ich heute damit zu tun haben, den Brief korrekturzulesen, vielleicht auch noch die eine und/oder andere Änderung, bzw. Schärfung der Szenen einzufügen und ihn dann für den Typoskriptband auszudrucken und drin abzuheften. Daß ich bereits dazu kommen werde, den neunundzwanzigsten Brief zu beginnen, glaube ich hingegen nicht, schon weil ich, da wir solch ein sonniges Wetter haben, gerne einen ausgebigen Spaziergang machen möchte. Womit ich nicht lange warten sollte. Es wird doch in dieser Jahreszeit stets so übel schnell dunkel, und ich brauche Licht.

Außerdem an einer nächsten Ergänzung der zweiten Tattooerweiterung gefriemelt, erst mit Filzer, dann, weil der nicht hielt, mit schwarzem Nagellack – was beides aber viel zu dicke Striche ergibt. Denken Sie sich sie feiner, sehr viel feiner, liebste Freundin, so, wie die Realisierung am Hals. Jedenfalls sagte gestern abend auf Broßmanns wunderbarem Fest jemand mir übrigens ausgesprochen Sympathisches, schon, weil er einerseits hochintelligent nicht nur wirkte, andererseits aber selbst sehr hell – und sportlich-elegant dazu, mit berückendem Lachen: “Das ist aber nun ein Statement!” Zu sehen war selbstverständlich nicht das Tattoo insgesamt, sondern nur mein auf die Oberseite der rechten Hand mit zumal linkisch mit links aufgetragener Entwurfsversuch.
Tatsächlich emfand ich für Tattos Hände stets als Tabu. Doch war mir schleichend klargeworden, daß ich auch dieses würde brechen müssen, wenn ich es denn mit der Selbstermächtigung über meine Versehrung ernstmeinen wolle. Zumal auch dies wieder in den Triestroman hineinspielt und möglicherweise in ihm selbst noch Thema werden wird, ganz sicher aber in meiner nun fest eingeplanten Yōsei/Horu-Shi-Novelle. Ein kleiner Ärger allerdings, daß es keine wasserfesten Hautfarben gibt, die sich mit einem Stift auftragen lassen und zumindest die Haltbarkeit von Henna haben. Sonst würde ich erst einmal damit operieren und schauen, wie ich in, sagen wir, einzwei Monaten zu diesem Wechsel meines Geschmacksempfindens stehe. Aber so nehme ich das Risiko halt an, hat auch was von einem Rausch, der allerdings dem einer Selbstüberhebung eher gleicht als nur jener der -ermächtigung. Was ich mit ausgesprochenem Interesse, sozusagen gehobener Augenbraue, beobachte. Doch ist ja auch dieser Komplex stets in meiner Dichtung zugegen. Die sowas von “neben der Zeit” liegt! Nicht “gegen” sie, nein, nur neben, im Wortsinn, ein ganz eigener paralleler Zeitverlaufsstrang, von dem ich freilich weiß, daß er nicht ohne Wurzeln, sondern Fortführung vorheriger simultaner Nebenstränge der poetischen Ästhtik ist, die es – neben – ebenfalls waren. Erzählt indes, in den Feuilletons, wird fast immer nur der Hauptstrang (“Mainstream”); anscheinend Abseitiges – das später einmal, wie Kafka und Kleist, das zentrale “Narrativ” der Literaturgeschichtsschreibung zur Ästhetik werden könnte – wird umso seltener auch nur besprochen, desto querer (nicht “queerer”!) es zur allgemeinen Gutmeinung steht. Insofern muß es mich, auch wenn es mich sehr wurmt, nicht wundern, daß etwa die Béarts in den “offiziellen” Feuilletons nicht vorkommen, abgesehen von → Carsten Ottes SWR-Besprechung selbstverständlich. Dabei w e i ß ich von Rezensionen, die schon geschrieben und längst abgegeben worden sind, die aber ganz offenbar von den Reaktionschefs und -innen zurückgehalten werden. Es zeigt dies die journalistische unterdessen nicht nur noch “Tendenz”, nicht bloß tendenziös zu schreiben, sondern auch bewußt zu verschweigen, und wiederum mit anderem, das die Zustimmung eines vorgestellten Publikums zu garantieren scheint, also mit schlichtweg der Masse zu laufen, selbst wenn sie gar keine ist, sondern nur aus einigen wenigen besteht, aber aus lauten, sozusagen “moralischen” Schreihälsen, die die Meinungshoheit okkupierten. So daß es nicht einmal mehr theoretisch um Objektivität, sondern darum geht, sich den Mehrheiten, der “Quote”, anzudienern. Na gut, solln sie. Ich weiß, an was ich arbeite, und weiß auch, warum. Auf jeden Fall bleibe ich frei von grobem ideologischen Unfug. Mitunter komme ich mir wie ein Warner unter all den Intellektuellen vorm Ersten Weltkrieg vor (auch Thomas Mann war dabei), die sich jubelnd darum drängelten, MItmorden und Mitgemordetwerden zu dürfen. Ein bißchen schaurig ist es s c h o n, daß sich offenbar so gar nichts in den Psychodynamiken ändert.

Ihr, Begehrte,
ANH

[France Musique Contemporaine:
Jana Kmitova, Gesichtsstudien für Orchester (2017)]

Ach so, falls Sie noch ein so ausgefallenes wie edles Weihnachtsgeschenkt brauchen: Diaphanes’ Sonderausgaben des Béart-Gedichtzyklus ist jetzt erhältlich. Näheres → dort.

Medikamentenprotokoll: Lyrica (Pregabalin Zentiva 75mg). Fünfter Tag. [Krebsfolge-Tagebuch].

(Verschrieben wegen der als Chemofolge eingetretenen Polyneuropathie in den Füßen.
Statt des verschriebenen LYRICA bekam ich in der Gethsemane-Apotheke das gleichwertige PREGABALIN.)

Meinerseits nach Lektüre des → Beipackzettels Bedenken wegen der möglichen, aus meiner Sicht → extremen Nebenwirkungen des Medikaments, insbesondere in Verbindung mit Alkohol. Deshalb Absprache mit der Ärztin: Testlauf mit Beginn des alkoholfreien Monats[1]Vor Corona habe ich jährlich einen solchen eingelegt; seit Corona leider nicht mehr. Das war zu ändern und wurde mit dem Sonntag, 20.11., geändert. ANH eine Woche lang je eine Hartkapsel abends, danach für eine Woche zwei Kapseln, nämlich je morgens und abends. Daraufhin in der Praxis das auch insofern ausgesprochen wichtige Ergebnisgespräch, als LYRICA nicht, gegebenenfalls, einfach abgesetzt werden kann, sondern “ausgeschlichen” werden muß.)

Fünfter Tag (Eine Kapsel abends)

Erst spät aufgestanden, nach heute für mich ungewöhnlichen sechs Stunden Schlafs. Weshalb auch immer, beim  Aufwachen erneut – und stärker als die Male davor – das Gefühl, zuviel getrunken zu haben. Zwar war ich auf einem Geburtstagsfest, aber trotz der angebotenen Spezialiäten, darunter einem offenbar hinreißenden Malt, blieb ich bei alkoholfreiem Bier und anderen, übrigens interessanten alkoholfreien Spezialitäten, etwa einem wirklich leckeren Campari-Surrogat.
Jetzt am Schreibtisch nach der ersten Hälfte des morgendlichen Latte macchiatos ist dieses Gefühl allerdings schon weg; auch Bekifftseinseindrücke habe ich nicht. Allerdings war – dies kann aber eine Einbildung sein – im Vergleich mit den Vortagen dieser “Versuchsreihe” das Kribbeln in den Füßen wieder etwas stärker. — Die Tattoowunden jucken gar nicht mehr; klar, die Transparenzpflaster sind ja nun ab.  Dafür ging es mit der Gewichtszunahme wieder weiter: 70.3 kg direkt nach dem Aufstehen. Für mich ist das ein kleiner Triumph. Siehe hierzu weiterhin→ dort.

Jetzt sehr frisch und nach wie vor hoch arbeitsmoviert. Dazu wahrscheinlich gleich im Arbeitsjournal.

ANH, 9.29 Uhr
[Jens Peter Molvær, Stitches]

***

 

______________
Vierter Tag

References

References
1 Vor Corona habe ich jährlich einen solchen eingelegt; seit Corona leider nicht mehr. Das war zu ändern und wurde mit dem Sonntag, 20.11., geändert. ANH

Yōsei ODER Die Leaves of Grass der Horu-Shi. Berliner Tattoo-Convention, September 2022. Briefe nach Triest, 65.

[Aus dem Achtunddreißigsten Brief:]

(…)

Du wirst, nehme ich an, die Arena Treptow nicht kennen. In einem der Gänge hatte Gerald für die Tattoo Convention einen nicht sehr großen Stand angemietet, zwei auf drei Meter, die Rückwand mit einer linksläufigen giftgrünen Triskele auf braunschwarzem Grund tapeziert, deren Arme in eine Art Schlangenköpfe ausliefen, die aber keine waren. Erst bei nahem Herantreten offenbarten sich statt dessen Schriftzeichen, eine Mischung aus Hiragana- und Katakana-Moren sowie vielleicht Runen, aber auch etwas, das ans Feanórische Alphabet2 erinnerte, die aber alle insgesamt, doch eben nur aus der Entfernung, die Konturen der drei, und nur dieser, Schlangenköpfe formten, denen inhaltlich jedoch kein oder ein so geradezu phylogenetisch fremder Inhalt entsprach, daß wahrscheinlich nicht einmal Yōsei selbst zu sagen wußte, was sie bedeuteten. Das zeigte sie freilich nicht; wurde sie um ihn befragt, dann lächelte sie nur.
Senkrecht zum Gang war, auch als Abgrenzung des Standes, eine hüfthohe, mit einer ornamental gemusterten Plane bespannte Liege aufgestellt, neben der die Ablage der Tätowierinstrumente stand, übrigens keine modernen, sondern traditionelle Teburistichel, die auch nur anzusehen wie selbst schon Schmerzen auszuhalten war. Es sind ja tatsächlich oft nur vermittels eines äußerst feinen Seidenzwirns an den Griffeln befestigte kaum sichtbare, so dünn sind sie, Metallnägel, die, nachdem sie, um die Farbe aufzunehmen, in einen damit getränkten Schwamm gedrückt worden sind, in die Haut gestochen werden. Der, ich möchte fast schreiben, „Delinquent‟, der aber, wenn er sich wieder erhob, ein für immer Erhobener war, legte sich mit dem Kopf zum Publikum, je nachdem, wo das Motiv appliziert werden sollte, auf den Rücken, auf eine Seite oder Brust und Bauch, und die Künstlerin beugte sich so nahe über ihn, daß fast ihr Mund den Körper berührte, die Augen keinen Zentimeter von den schnell wie offene Ritznarben aussehenden Einstichstellen entfernt. Und Yōsei berührte ihn wirklich, ich stand ja dabei und konnte es sehen. Ja aber was tat sie denn da? Die Tätowierer und Tätowiererinnen der anderen Stände, ich hatte es jetzt ein paarmal beobachtet, wischten das wenige austretende, stets mit der Farbe gesättigte Blut immer schnell vermittels feiner Lappen hinweg, die sie zwischen den vorderen Fingergliedern ihrer meist linken Hand hielten. Einstechen, wischen, einstechen, wischen, das war die Bewegung. Yōsei aber leckte, züngelnd flink wie Schlangen. Und wenn sie den Körper des andren so berührte, ging durch ihn ein Schauern, dem ein leises Stöhnen, das des zu Erhebenden, den irdischen Klang gab, den sonst nur Seismographen vernehmen.
Vielleicht war ich der erste, der es vernahm und alles andre mitbekam, aber ich blieb nicht allein. Es ging durch uns Zuschauer, die wir uns vor dem kleinen Stand unterdessen schon drängten, etwas hindurch wie über Whitmans Leaves of Grass3, die sich in der gesamten Breite beugten ihrer Weite, der Prärie – bis an den fernen Horizont heran, und wir hörten das seismographische Schauern als einen Wind durch unsere Ohren wie in eine Seemuschel fahren. Nur aber ich erkannte, als Yōsei – war sie bereits fertig? pausierte sie nur das Viertel einer Minute? – ihren Kopf hob, welchen Spuren die ihren ähnlich sahen, die sich von den Mundwinkeln abwärts zogen, als wären rote Tränen gelaufen, nicht ganz bis zum Kinn, nur ein winziges Stückchen, doch aber sichtbar. Ja, die Lippen insgesamt waren unversehens zu denen der Carsomarer Venus geworden, nachdem sie wiedergefunden in Lenzens Grenzhäuschen war; hier aber diese Spuren noch frisch, ein nicht leuchtendes, aber doch schimmerndes Rot. (Auf den Fotos, die später in einer Szene-Zeitschrift erschienen, aber wie eingetrocknet erblaßt; sie gingen dennoch um die Welt). Weiters erkannte man in Geralds Tätowierungen zwar ein bildliches Motiv, doch welch ein, w a s es also zeigte, vermochte niemand zu sagen, und zwar umso weniger, je mehr Zeit seit der … – man sprach bald nur noch von Performance … – verging. Ja, anfangs … anfangs hatte noch Leute gesagt: ein Tiger, ein Drache, ein Olivbaum, aber wurden sich stetig unsicherer, und traten sie näher an das Tattoo heran, waren nur genau solche Zeichen zu erkennen wie die der vermeintlichen Schlangenköpfe am Ende der Triskelenarme. Indessen ich | nichts als Deine Lippen sah.

***

________________________
Briefe nach Triest 64<<<<
>>>> Sämtliche bisherigen Kapitel

 

Frage an die Tattoo Convention Berlin, nämlich Briefe nach Triest, 64, diesmal zur Recherche. Im Arbeitsjournal des Sonnabends, den 26. November 2022.

 

An info@tattoo-convention.de
25. November 2022, 18.28

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Leute,
ich sitze an einem Roman, in dem eine Szene auf der Tattoo Convention Berlin im September dieses Jahres spielt, also September 2022. Was ich dafür noch wissen muß, ist, wie hoch da die Standkosten sind. Es soll ein nur kleiner quasi Privatstand für eine junge, in der Szene bis dahin noch völlig unbekannten Künstlerin sein, die unter dem Namen Horishi-Shi[1]Ein Fehler, den ich im Typoskript gestern abend noch korrigiert habe. Korrekt muß Yōseis Künstlerinnenname Horu-Shi lauten; Horushi ist sozusagen Berufsbezeichnung im Plural. ANH auftritt.  Meine Erzählung ist insgesamt eher dem phantastischen Genre zuzuordnen; umso wichtiger ist, daß die realen Grundlagen stimmen.
Für Auskunft wäre ich Ihnen sehr dankbar.
Mit besten Grüßen,
ANH
________________________
→  Briefe nach Triest 65
Briefe nach Triest 63
[Arbeitswohnung, 10.17 Uhr
Beethoven op. 95, Koeckert-Quartett]
Hoffentlich bekomme ich Antwort. Sonst werde ich fantasieren müssen, wo ich fantasieren nicht will. Doch den Entwurf der – wenn eben auch noch nicht vollständigen – Szene, auf die ich mich in der Mail beziehe, werde ich heute nachmittag gesondert in Der Dschungel einstellen. Hier aber möchte ich erst noch ein zweites Mal an Werner Ost erinnern, dem ich gestern → diesen kleinen Nachruf schrieb. Ich bin mir, Freundin, nämlich unsicher, ob Sie ihn bereits gesehen haben. Menschen, wie er war, sind mir wichtig.

“Nebenbei” laufen meine Pregabalinprotokolle weiter; heute früh schrieb ich → das vierte. Und vorgestern, weil ich mich wieder einmal durch sämtliche – abgesehen von den Nres 1 & 2 und dem ohnedies Schmock der Neunten – Sinfonien Beethovens durchgehört habe, die folgende Notiz:

Ich kann’s nicht anders sagen. Beethovens Kammermusik ist “einfach” um Dimensionen besser als seine Sinfonien:

Welche geradezu Erholung jetzt diese noch nicht ganz späten Quartette! Zumal von dem famosen, heute “historisch” zu nennenden Koeckert-Quartett, dessen magischem Klang ich erstmals in einer Aufnahme von Schuberts D.810, Der Tod und das Mädchen, verfiel, auf Vinyl zeitlogischerwiese, wahrscheinlich – in Stereo “transkribiertes”[2]stereo transcription steht unten vorn auf der Plattenhülle. Mono – aus den Fünfigern, an der einem allerdings der Kommentar eines nicht genannten Autors (einer Autorin in dieser Zeit wohl eher nicht) die Fußnägel hochbiegt:

Und da es Musiker von deutscher Eigenart sind. vermögen sie den seelischen Tiefen und hintergründigen Zusammenhängen eines solchen Werkes intensiv nachzuspüren.

Auf die kaum zurückliegende Shoa völlig vergessen, und das Völkerrechtsverbrechen des gesamten Weltkriegs. Da will ich nur noch kotzen — doch die trauernde Eleganz der Einspielung ist ja dennoch da, der Schlüssel unseres Lebens unentwegte Ambivalenz.
Immerhin sind d
ie Triestbriefe jetzt am geradezu, burschikos ausgedrückt, “Rennen”. Heute werde ich den achtunddreißigsten, nämlich vorletzten beenden und gleich mit dem letzten anfangen. Womit ich sehr gut im Zeitplan liege; für Ende Dezember habe ich den Abschluß der ersten Fassung geplant. Dann werden zu Beginn der zweiten sämtliche Notate ins Typoskript eingepflegt werden müssen, bevor ich damit beginne, den Roman noch einmal ganz von vorne durchzuarbeiten. Das wird bis etwa Ende Februar gehen; wahrscheinlich kann Elvira dann schon dran – auch wenn ich eigentlich immer gern noch eine dritte Fassung erstelle. Aber vielleicht geht es diesmal parallel, etwas, das allerdings mit niemandem sonst als ihr denkbar ist, geschweige denn auch möglich wäre. Ich brauche aber noch einen guten Schluß für diesen achtunddreißigsten Brief, einen der von der jetzt letzten Szene noch einmal die Fäden aufnimmt, die nach Triest zurückführen; daran werde ich etwas herumdenken müssen, außerdem sind einige noch lose Fäden miteinander zu verbinden; der des Yōsei/Tattoo-Motivs soll der einzige offene bleiben, und zwar, weil aus ihm ein eigenes, ein späteres Buch entstehen soll, achmaler als dieses, eine, wie im Roman-selbst angekündigt, Novelle wahrscheinlich. Die dann wunderbar zu Elfenbein passen dürfte. Der Verleger wartet ja schon länger auf ein schmales Buch von mir.

Gut, jetzt zweites Frühstück, dann einkaufen gehen, danach gleich an Triest.

Lassen Sie sich, Freundin, von dem nun einmal normalen Novemberwetter nicht ergrämen.

ANH
[Schubert, D.810 “Der Tod und das Mädchen”, Koeckert]

References

References
1 Ein Fehler, den ich im Typoskript gestern abend noch korrigiert habe. Korrekt muß Yōseis Künstlerinnenname Horu-Shi lauten; Horushi ist sozusagen Berufsbezeichnung im Plural. ANH
2 stereo transcription steht unten vorn auf der Plattenhülle.

Medikamentenprotokoll: Lyrica (Pregabalin Zentiva 75mg). Vierter Tag. [Krebsfolge-Tagebuch].

(Verschrieben wegen der als Chemofolge eingetretenen Polyneuropathie in den Füßen.
Statt des verschriebenen LYRICA bekam ich in der Gethsemane-Apotheke das gleichwertige PREGABALIN.)

Meinerseits nach Lektüre des → Beipackzettels Bedenken wegen der möglichen, aus meiner Sicht → extremen Nebenwirkungen des Medikaments, insbesondere in Verbindung mit Alkohol. Deshalb Absprache mit der Ärztin: Testlauf mit Beginn des alkoholfreien Monats[1]Vor Corona habe ich jährlich einen solchen eingelegt; seit Corona leider nicht mehr. Das war zu ändern und wurde mit dem Sonntag, 20.11., geändert. ANH eine Woche lang je eine Hartkapsel abends, danach für eine Woche zwei Kapseln, nämlich je morgens und abends. Daraufhin in der Praxis das auch insofern ausgesprochen wichtige Ergebnisgespräch, als LYRICA nicht, gegebenenfalls, einfach abgesetzt werden kann, sondern “ausgeschlichen” werden muß.)

Vierter Tag (Eine Kapsel abends)

Eine halbe Stunde länger geschlafen als sonst, also erst um halb sieben hoch. Denn bis halb 23 Uhr → Giacomuzzi gelesen (bin jetzt fast “durch”), dann noch zwei Folgen der ersten Staffel Babylon.Berlin gesehen, die ich bislang noch nicht kannte; mein Sohn empfahl sie mir dringend, zurecht. Nun, doch nur direkt beim Aufwachen und noch unter der Decke, erneut der Eindruck, zuviel Alkohol getrunken zu haben, der aber, sowie ich nicht mehr lag, sondern stand, verflog. Das “Bekifftseins”gefühl überhaupt nicht mehr, wie gestern, da es sich auch über den gesamten Tag nicht mehr einstellte. In den Füßen nur noch ein sehr leichtes Kribbeln, doch auch das nur, wenn ich drauf achte. Was ja eigentlich auch Sinn dieser Medikamenteinnahme ist – also nicht, drauf zu achten, sondern es nicht mehr zu merken.
Tattoojuckreiz am Hals gar keiner mehr, kann aber damit zusammenhängen, daß die obere Hautschicht nun geschlossen ist und es auch sein sollte. (Die Pflaster kommen nachher, unter der Dusche, ab, rollen sich eh schon auf). Gewicht zu gestern und vorgestern unveränderte, dennoch erstaunliche 69.7 – obwohl ich mich redlich bemüht habe, jedem, aber auch wirklich jedem aufsteigenden Appetit unmittelbar zu folgen. Siehe hierzu erneut→ dort.

Ebenfalls weiterhin sehr feine Arbeitslust, kam gestern auch entschieden prima weiter, siehe nachher das Arbeitsjournal.

ANH, 7.24 Uhr
[France Musique contemporaine:
Guillaume Connesson, Toccata nocturne]

***

________________
→ Fünfter Tag

Dritter Tag

References

References
1 Vor Corona habe ich jährlich einen solchen eingelegt; seit Corona leider nicht mehr. Das war zu ändern und wurde mit dem Sonntag, 20.11., geändert. ANH

Werner Osts gedacht. Am Freitag, den 25. November 2022, statt eines Arbeitsjournales geschrieben.

Werner Ost, verstorben vor zwei Tagen in Frankfurt am Main.


Ich sah ihn zuletzt schwer erkrankt auf der → Buchmessenpräsentation der edition Faust im Papageno, Frankfurt am Main. Einen wirklich persönlichen Kontakt hatten wir nie, sahen uns zwar zuweilen, doch zu einem intensiven Austausch von Ideen, Haltungen, Poetiken kam es nicht. Doch dies beiseite. Denn schon, als er noch die edle Zeitschrift BÜCHNER herausgab, nahm er kleinere Arbeiten von mir darin mit auf.

Meine besondere Hochachtung aber galt ihm als dem, mit seiner Gefährtin Ulla Bayerl, hochklugen Gründer und Herausgeber des – unterdessen wahrscheinlich das bedeutendste des deuschen Sprachraums – enorm qualitativen Online-Kultur&Kunstmagazins Faust Kultur, dessen, um ein Modewort zu verwenden, das seinerzeit noch nicht in dem banalen Schwang war, Diversität alles in den Schatten stellt, was dergleichen sonst im Internet sich finden läßt. Heute kann es aufs leichteste mit den gedruckten Feuilletons von FAZ bis ZEIT nicht nur konkurrieren, sondern überflügelt sie. Was auch damit zusammenhängt, daß Werner Ost offenbar seiner Plattform den Generationenwechsel mindestens insofern zunutze gemacht hat, als er bedeutende Denkerinnen und Denker auch der älteren Generationen um sich versammelt hat und ihnen ein Podium gab, das ihnen die Zeitläuft’ hatten entzogen. So klingen deren Stimmen weiterhin und sorgen auch für eine, im guten Sinn, konservative Kontinuität, anstelle hinter jedem ausgepupsten Hype sofort einherzuhecheln, um ihn dann auch noch einzuatmen.

Auch davor, daß Ost es eben nicht tat — nie mittat —, verbeuge ich mich.

ANH
25. November 2022

Medikamentenprotokoll: Lyrica (Pregabalin Zentiva 75mg). Dritter Tag. [Krebsfolge-Tagebuch].

(Verschrieben wegen der als Chemofolge eingetretenen Polyneuropathie in den Füßen.
Statt des verschriebenen LYRICA bekam ich in der Gethsemane-Apotheke das gleichwertige PREGABALIN.)

Meinerseits nach Lektüre des → Beipackzettels Bedenken wegen der möglichen, aus meiner Sicht → extremen Nebenwirkungen des Medikaments, insbesondere in Verbindung mit Alkohol. Deshalb Absprache mit der Ärztin: Testlauf mit Beginn des alkoholfreien Monats[1]Vor Corona habe ich jährlich einen solchen eingelegt; seit Corona leider nicht mehr. Das war zu ändern und wurde mit dem Sonntag, 20.11., geändert. ANH eine Woche lang je eine Hartkapsel abends, danach für eine Woche zwei Kapseln, nämlich je morgens und abends. Daraufhin in der Praxis das auch insofern ausgesprochen wichtige Ergebnisgespräch, als LYRICA nicht, gegebenenfalls, einfach abgesetzt werden kann, sondern “ausgeschlichen” werden muß.)

Dritter Tag (Eine Kapsel abends)

Gleich nach dem Aufwachen wieder das Gefühl, gestern abend zuviel Alkohl getrunken zu haben (trinke aber nach wie vor keinen); dafür überhaupt keine Empfindung mehr, bekifft zu sein. Nicht die geringste Wirklichkeitsaufweichung. Statt dessen – bei weiterhin nur noch wenig Kribbeln dort –  Taubheitsgefühl in den Füßen – doch ein Gefühl tatsächlich nur; der Tastsinnn unter den Sohlen ist gänzlich unbeeinträchigt. Freilich kann dieser Eindruck, zuviel getrunken zu haben, auch von den nur vier Stunden herrühren, die ich geschlafen habe. Wobei ich das eigentlich ja gewöhnt bin. Auch das Tattoo juckt im Halsbereich gar nicht mehr (weshalb ich mit dem Gedanken spielte, nun doch schon die Transparenzpflaster abziehen; nachher unter der Dusche wird es etwas Disziplin kosten, es wirklich erst morgen früh zu tun).
Gewicht 69.6 kg; quasi keine Veränderung zu gestern mithin. Siehe hierzu auch → dort.

Große Arbeitslust. Das Gehirn r a s t !

ANH, 7.26 Uhr
[France Musique La Baroque:
Tommaso Bernardo Gaffi, Belle luci guerriere]

***

______________
Vierter Tag
Zweiter Tag

References

References
1 Vor Corona habe ich jährlich einen solchen eingelegt; seit Corona leider nicht mehr. Das war zu ändern und wurde mit dem Sonntag, 20.11., geändert. ANH
%d Bloggern gefällt das: