“Zeitenwende”. An einen Redakteur.

 

(…)

haben Sie großen Dank für Ihren Brief vom 28. Juli, tatsächlich Brief, dergleichen hier kaum noch eingeht, von <lacht> Rechnungen und Mahnungen einmal abgesehen. Ein gutes Gefühl, so etwas einmal wieder öffnen zu dürfen – und dann noch eine solch ehrenvolle Einladung. Die ich gerne annehme, auch wenn ich die in diesen Wochen so oft ausgerufene „Zeitenwende‟, daß sich von einem Herbeibeschwören sprechen ließe, viel früher diagnostiziert habe, nämlich für spätestens die Neunzigerjahre. Was danach gekommen ist, scheint mir einer fast strikten, sagen wir, Geschichtslogik zu folgen, wobei auch hier davon abgesehen, nämlich ausgeklammert werden muß, daß es sich bei solchen Diagnosen um reichlich europa-, bzw. westzentralistische Perspektiven handelt. Den, um Sie zu zitieren, „Beginn eines neuen Zeitalter‟, einer gar „neuen Ära in der Menschheitsgeschichte‟ kann ich etwa für Afrika, weite Areale Asiens, aber auch Südamerika nicht sehen. Und daß sich geopolitisch Hegemonien verschieben, kommt mir mitsamt allen Brutalitäten wie geradezu eine ihrer, der Menschheitsgeschichte, Konstanten vor. Eine Zeitenwende jetzt hätte stattgefunden, wäre die in den vergangenen Wochen so häufig geschmähte und sogar beschuldigte Friedensbewegung weltweit erfolgreich gewesen, der ich zeitweise – wenn auch höchst, wie meine Bücher zeigen, skeptisch – zugehörig war und innerlich verpflichtet bleibe.

(…)

Marie-Luise Vollbrecht: Nur zwei biologische Gechlechter. Der aufgrund von Genderaktivismus von der Humboldt-Universität Berlin zur Langen Nacht der Wissenschaften ausgeladene Vortrag. Über Youtube in Die Dschungel.Anderswelt.

Bevor immer und immer weiter spekuliert und interessenpolitisch behauptet wird, einfach mal zuhören:

Wir werden uns schuldig machen, so oder so ODER Die Tragik.

“Der Aggressor sollte wissen, daß die Vergeltung unumgänglich ist.
Und dann kommen wir als Märtyrer in das Paradies, und sie verrecken
einfach, bevor sie es auch nur schaffen, Reue zu zeigen.”
Wladimir Putin
Международный дискуссионный клуб
«Валдай»
, 2018

Wir werden uns schuldig machen, haben es teils schon getan. Mit welchem Geständnis oder Zugeben Putin bereits widerlegt ist. Wir bereuen, und zwar, weil die meisten von uns das jetzige Verhängnis nicht verhindern konnten, viele dessen Kommen auch nicht sahen, es aber dennoch als auch eigene Schuld anerkennen. Freien Willens, trauernd und stolz.

Die Frage ist “nur”, an wie vielen wir uns schuldig gemacht haben werden. An den ukrainischen Menschen, an allen Völkern des Westens, vielen weitren Völkern  des Ostens mit? Vor allem aber an unsren Kindern werden wir es gemacht haben, wenn wir uns nicht erpressen lassen. Ja, wir werden uns, von der Androhung eines Atomkriegs, erpressen lassen müssen. Tun wir es nicht, wird die Schuld, die schon ist, unendlich. Sofern es zum Atomkrieg kommt, den wir sehenden Auges riskiert hätten. Soviel zum Überflugverbot. Wären Putin und seine Entourage menschlich, könnten wir es verhängen, auch wohl verteidigen, wären dann in einem weiterhin konventionellen Krieg. Der wäre zu akzeptieren, weil Fortsetzung der Menschheitsgeschichte, nicht ihr Abbruch. Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt (→ Schiller). Nur steht bei Putin zu erwarten, daß er sagt, gehe ich unter, dann geht ganz Rußland unter – (nach seinem Rußlandbild); → so soll die Welt m i t fallen. Und er erteilt den atomaren Einsatzbefehl. London, Paris, Berlin. Diese Städte zuerst (Berlin hat er schon angekündigt). Fast zeitgleich sodann Washington, eher New York City. In den USA werden die Rückschlagwaffen schon ausgerichtet sein, dazu braucht es keinen offiziell verkündeten Bereitschaftsbefehl (im Gegenteil, es wird – klugerweise – geheimgehalten werden, was nur geht), und die in Europas Militärstützpunkten. Die übrigens ebenfalls erstes Beschußziel könnten sein – mit mehrfachem “Erfolg”. Die möglichen Abschußrampen sind ja bekannt, wenn auch vermutlich nicht alle.

Das Überflugverbot könnte, muß aber nicht als Eingriff der NATO und damit ihren Eintritt in den Krieg gewertet werden; es ließe sich auch als notwendige Folge, ja einer Verpflichtung der Genfer Konvention betrachten, dem Schutz der ukrainischen Zivilbevölkerung dienend. Putin, nach aller jetzigen Erfahrung, wertet aber ausschließlich nach eigenen Interessen und denen – was ihm als gleich gilt – des rückzuerrichtenden Russischen Reiches. Ein militärisches Eingreifen des Westens ist für ihn fremdstaatliche Aggression. Übrigens mag, daß dessen, also unsre, Wohlfahrtsstaaten dekadent seien, stimmen, eine Haltung wie Putins indessen ist es genauso – und schlimmer: Hier wirkt Freuds Todestrieb (“Märtyrer”). Und man stelle sich doch vor, wie er, angenommen, daß er in der Ukraine militärisch obsiegt, in Zukunft wird leben: permanent abgeschottet, möglichst unlokalisierbar, in Bunkern versteckt, wie Mafiabosse quasi in Kellern, aus deren Kunstlicht hinauf sie ihre Verbrechen planen, operativ – weil wir davon ausgehen können, daß längst schon Strategien zu seiner Liquidierung in den Think Tanks laufen, ein zielgenauer Raketenschuß aus dem All wie in der arabischen Welt US-amerikanischer Drohnen gegen Führer des IS; vorstellbar, daß er sich in seinem Schwarzmeerpalast jemals noch wird aufhalten können? Oder frei über irgend einen Gemüsemarkt spazieren?

Persönlich aber-besonders liegt unsere Verantwortung d a:
Wir Eltern haben Kinder auf eine Welt gebracht, die unaussprechlich schön sein und weil sie es sein kann, trotz ihrer Härten. Wir haben sie aus Liebe auf die Welt gebracht, sind deshalb überzeugte, wollende Eltern. Was die Verpflichtung in sich trägt, für die Wohlfahrt unserer Kinder Sorge zu tragen, und zwar zu allererst. Dies ist kein Egoismus, um uns selber geht es nicht.[1]In Japan geht die Moral noch viel weiter: Rette ich jemandem das Leben, bin ich fortan verantwortlich für diesen nunmehr auch. Unsere Verpflichtung heißt, Schaden von ihnen abzuwenden, soweit wir es können, und zwar – als kultivierter Instinkt der Natur und damit Naturrecht ins Bewußtsein gehoben – so lange wir leben. Für diese – unserer Weltanschauung unabdingbare – Kultivierung spielt es keine Rolle, daß sie, unsere Kinder, irgendwann erwachsen sind; unser Schutz, bleibend, steht ihnen zu. Bis wir selber kraftlos sind. Und genau dieses Erbe, diese Verantwortung für eines Tages auch i h r e Kinder, geben wir weiter an sie. Dafür nehmen wir Schuld nun auf u n s. Die andernfalls über sie, die objektiv unschuldig sind, kommen würde. Es ist dies a u c h, nebenbei bemerkt, eine Kernbotschaft des Christentums.

Das Geschehen ist, in antikem Sinn, tragisch – doch der Stolz unsres Geistes, das Tragische in ein Wollen zu heben: Wir nehmen es, indem wir “Schicksal” negieren, als (so proklamierten) freien Willen auf uns. Und also, weil dies kein Triumph ist, die Schuld.

(Als Beispiel für das, was ich meine:
Wer unter Hitler, wiewohl ihn ablehnend, schwieg, um seine, ihre Kinder zu schützen, die und der tat recht, machte sich gleichwohl schuldig, schwer sogar. Die Schuld wäre aber auch zu tragen gewesen, wäre man in offenen Widerstand gegangen, ohne den Schutz der Kinder garantieren zu können. Die Lage war indes noch anders, auf “Wollt ihr den totalen Krieg?” wurde jubelnd “Ja!” gebrüllt. So kam es zu einer gleich doppelten Schuld, jedenfalls vieler. Da wirkte Tragik dann n i c h t. Sondern häufig Verblendung.)

References

References
1 In Japan geht die Moral noch viel weiter: Rette ich jemandem das Leben, bin ich fortan verantwortlich für diesen nunmehr auch.

Patmos, verkehrt

Geschrieben für → Gutenbergs Welt, WDR3.
Dort ausgestrahlt am 20. 11. 2021.
Podcast.

 

“Wir können es umdrehen”, sagt Arndt.
Selbstverständlich bin ich der einzige im Raum, der weiß, wer mir da gegenübersitzt. Er ist ja meine Erfindung. Damals schon, 1985, hatte mich mein Instinkt verdingt, sein Äußeres nur vage zu beschreiben. Kein Phantombild hätte sich je davon fertigen lassen und wurd es ja auch nie. Dabei habe ich wirklich nicht voraussehen können, daß er sich zu einem der heute gesuchtesten Öko-Terroristen entwickeln würde. Ich meine, damals lag die Thunberg noch nicht mal in den Windeln; selbst ihre Eltern waren erst fünfzehn und sechzehn. Doch schon der Umstand, daß eine literarische Figur sich selbständig macht, sich also, verzeihen Sie die Dopplung, real realisiert, lag seinerzeit ganz außerhalb meiner Vorstellungskraft. Mit dreißig war ich noch viel zu sehr der realistischen Literaturauffassung verpflichtet, die freilich nach wie vor den Buchmarkt beherrscht. Dabei steht uns das Wasser nicht nur bis zu, sondern längst ü b e r den Knöcheln. Und es steigt weiter, steigt und steigt, so langsam zwar, daß niemand es sieht. Ich kann es aber spüren.
Immerhin hat Arndt nicht ‘Platon’ dabei, sein Gewehr.
Wir sitzen im Sigismondo, Prenzlauer Berg. Beste italienische Spezialitäten. Draußen tobt der erste Novembersturm. Er tobt nicht nur, er gischtet. Der ganze Himmel Niagara, doch wie in tiefster Nacht. Denn obwohl es erst morgens elf Uhr ist, ist’s draußen knalledunkel und das Lokal voller Schutzsuchender, die nicht mal sitzen können, weil es so viele Stühle nicht gibt; genügend Tische schon gar nicht. So drängen sie bibbernd aneinander.
Haben Sie je eine Springflut gegen eine Schaufensterscheibe schlagen hören? Es knallt, und Risse durchknistern das Glas. Jetzt ducken sich die Leute. ‘Thetis’, denk ich. ‘Das Thetismeer ist vom Rhein bis in die Spree herüber- und zu uns nun hinaufgestiegen.’ Was gedacht werden kann, sagt Marcus Braun, das geschieht.
Jetzt ducken sich die Leute, einige gehn in die Knie. Sie beginnen zu ahnen, sie werden ertrinken. Niemand aber schreit. So müssen wir, Arndt und ich, für unser Gespräch die Stimmen kaum heben. Ich selbst bin eh, seit Chemo und überstandner OP, komplett angstfrei. Er scheint es ebenfalls zu sein. Wie ein Gewimmel kleiner Krebse sieht Arndt die Hockenden um uns herum an. Wendet mir das Gesicht zu und wiederholt seinen Satz. Ein hart gewordenes Gesicht, nahezu grausam scharf. Als wäre ihm das Gewebe unter der Haut bis auf die Schädelknochen weggeschmolzen.
“Wir können es umdrehen”, wiederholt er also. “Die eigentliche Katastrophe ist, daß Patmos invertierbar ist. Ein Naturgesetz, Herbst, glauben Sie mir. Wir sehn’s doch immer wieder.” Und er zitiert, den Hölderlin verkehrend: “Wo das Rettende aber, wächst auch Gefahr.” Daraus bereits tönt sein Hohn, zumal er hintansetzt: “Denken Sie nur an den Assuan-Staudamm. Genesis einsachtundzwanzig! Nutzwald und Nutzvieh. Und jetzt auch noch das Gendern. Alles sooo gut gemeint. Doch was geschützt werden soll, geht daran unter. Menschlichkeit und Diversität.”
Ich kann ihm nicht ganz folgen. Bin sowieso abgelenkt. Das Wasser suppt schon hoch zu den Waden. Wieso bleiben die Leute am Boden hocken, anstelle sich möglichst .aufzurecken? W o l l e n die ertrinken? In dieser Brühe auch noch?
“Ja”, hör ich wieder Arndt, “ich weiß, was Sie einwenden wollen. Die Neuexegese des biblischen Textes… “
“Bitte was?” werfe ich ein, tatsächlich verwirrt.
“Na 1980, Bartholomeus, dem Franziskus dann – aber fünfundzwanzig Jahre später! – in der Auslegung folgt, mit ‘untertan machen’ sei ‘treuhänderisch verwalten’ gemeint, also der verantwortliche Umgang mit der Natur, sie als das Mündel des Menschen. Und nun schaun Se mal zum Klimagipfel!”
“Batholomeus?”
“Das fragen Sie nicht im Ernst! – Konstantinopels Patriarch.”
“Und Franziskus ist der Papst.”
“Waschmaschine.”
“Bitte?”
“Der Kandidat hat eine Waschmaschine gewonnen.”
Statt allfällig Tusch! ein nächstes Krachen des Fensters. Da schreit nun doch wer auf, eine Frau. Das darf ich aus Gründen der Correctnes nicht sagen. Ich darf auch keine mir Fremden mehr fragen, woher?, sei’s auch aus Interesse des Herzens.
“Aber wieso ‘Gender’?” frage ich deshalb
“‘Macht euch die Erde untertan’ bereits | war Abkehr von der Biologie, und uns Modernen, als wären wir biologisch schon nicht mehr, wird aus dem Bios, also dem Leben, das Schimpfwort ‘biologistisch’. Es gibt Katastrophen, die wir gar nicht mehr merken, so tief schon stecken wir drin. Und merken wir sie, dann ist es zu spät.” Er schlägt flach gegen seinen rechten Oberschenkel, als wäre es nicht der, sondern sein Gewehr, imaginär. Es dürfte von Kerben bereits übersät sein, jede für einen Erschossnen.
Das Wasser hat den Stuhlsitz erreicht. Immerhin sind Hockenden jetzt wieder hochgekommen. Doch es irritiert mich, wie sehr sie immer noch auf den korrekten Sitz ihrer FFP2-Masken achten. – “Ich bin ein Teil von jener Kraft”, zitiert Arndt den Mephisto und erläutert kalt: “Auch das muß umdrehen, wer das gesamte Unheil von Wokeness nur irgendwie verstehen will, ihre geradezu klassische Tragik. Die Leute meinen’s ja wirklich gut. Und entfremden die Menschen aber total. Sie enterden sie. Der Kapitalismus ist dagegen ein Witz. Denn worauf, Herbst, läuft diese Entkopplung hinaus? – Nun?” Er ist unsäglich arrogant, geradezu triumphierend. „Auf die entnaturierte Fortpflanzung! … gentechnischen, programmierten Retortennachwuchs, der bei Geburt, wenn es gerecht zugehen soll, un- oder zweigeschlechtlich sein muß, damit sich der Mensch später aussuchen kann, ob er Weibchen werden will oder ein Männchen, irgendwas darüber hinaus oder drunter. – ‘Nature strikes back’ sag ich da nur.”
In diesem Moment birst die Scheibe. Es ist ein ungeheurer Krawall. Und das Wasser stürzt sich auf uns, über uns alle. Wer Glück hat, den zieht eine ebbende Welle nach draußen, da kann man wenigstens schwimmen. Hier und da seh ich Köpfe und ins Wogen schlagende Arme, höre Hilferufe, Prusten, Geheul. Und überall schwimmen diese Masken, weiße meist, einige schwarze und hin und wieder farbige, auch witzige mit Grinsemund. Sie gehen einfach nicht unter, die Masken, treideln, trudeln, tanzen auf Wellen – ja, sie raven.
Als wieder die Espressomaschine zischt, schüttel ich die Apokalypse kurz von mir ab und bitte um die Rechnung. Doch niemand mehr ist hier.

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ANH, 3 November 2021
Berlin
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Fotografien
(©):
Café Bar Sigismondo | Wikipedia

… und welch ein Glück! (Fünfunddreißigstes Coronajournal)

Keine fünfzehn Kilometer mehr außerhalb der Stadt → sein dürfen. Wie gut es ist, in Berlin zu leben. Stelln Sie sich vor, liebste Freundin, wir wohnten in, sagen wir, Verden. Nicht mal nach Bremen dürften wir mehr. (Zumal, welch ein Schlag für die Stadt!)

Wer den IS (‏داعش) verstehen will,

muß sich nur die ersten eintausendsechshundert (!!) Jahre der christlichen Kirche ansehen. Sie hat quasi jedes Verbrechen inklusive Völkermord verübt, und zwar in nahezu jedem Jahrhundert aufs neue und bis heute ungesühnt.

 

DLXXIV

 

(Eine erschreckende wie ausgezeichnete Zusammenfassung hat der niemals nachlassende, so genaue Moralist → Karlheinz Deschner vorgelegt.)

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