In den Zeiten Covid-19s
Alban Nikolai Herbst spricht
Ein Gedicht für jeden Tag
Erste Serie, fünfter Tag:
Dem nahsten Orient

|| “Dich, Amazone” ||

 

Alban Nikolai Herbst
Dem nahsten Orient
Liebesgedichte
mit den Übersetzungen
von
Raymond Prunier
Très proche Orient
ISBN-10 : 3933974720
ISBN-13 : 978-3933974723

 

 

ANHs DIE UNHEIL in Zeiten des Corona-PENs
Literarische Texte zur Pandemie from PEN-Zentrum Deutschland on Vimeo

 

Alban Nikolai Herbst from >PEN-Zentrum Deutschland on Vimeo.

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[Siehe auch >>>> dort, da der Beitrag fast allzu dazu paßt.]

Raymond Prunier
La Cathédrale de Mars
(Mit versuchter deutscher Nachdichtung durch ANH)

[Fotografien ©: → Helmut Schulze]

(Un touriste débarque à la gare venant de Paris et monte vers la cité, le voici sur le parvis)

 

La cathédrale bascule et au premier regard sur la façade il songe naïf : pas de chance, j’arrive et juste à ce moment elle croule sous mes yeux alors qu’elle était là depuis neuf cents ans bientôt ! Est-ce ma faute ? La folle du logis le dévore : j’ai dû faire une erreur, j’ai dû trop la négliger quand je l’ai vue d’en bas… elle se venge, elle lâche tout, elle se moque de moi, elle n’attendait que moi pour s’effondrer ! L’habitué de Reims, d’Amiens, de Paris, de Chartres, là où tout est immense, droit, prestigieux et lisse, est éberlué par la maladresse du carré du sol qui veut se faire rond dans l’ascension des tours ; c’est sans étonnement qu’il découvre les bœufs, car il lui semble qu’en effet la façade est labourée, traînée vers le haut par une suite de bricolages croisés, son regard avance puis recule, comme un zoom qui ne trouverait jamais la bonne distance pour deviner les maléfices de ce vertical constamment chamboulé. Calé sur le mur du fond de la ruelle, il prend son temps, ses systoles diastoles redeviennent inconscientes, et l’émotion qu’il attendait vient enfin : oui, je sais, oui, je vois ce qu’ils ont voulu faire, c’est mieux que bien, rien n’est plus beau que le printemps non encore déclaré, on est en mars, cette cathédrale est pile sur la saison, tu es la lumière cherchée, avec tes yeux creusés, tu n’as pas peur de monter même sur des échafaudages de fortune, c’est un appel du chat qui grince, gémit dans l’ascension, obéit à l’amère loi de raison contre la passion de monter encore et meurt dans les nuages qui l’effleurent en riant.

(extrait d’un ensemble sur → “La Montagne Couronnée”)

 

 

 

Raymond Prunier
Die Kathedrale des Frühlings
(Dtsch. v. Alban Nikolai Herbst)

(Aus Paris angekommen, steigt ein Tourist am Bahnhof aus und begibt sich Richtung Stadt; schon steht er auf dem Vorplatz [und schaut hoch])

Da kippt die (ganze) Kathedrale um, und während sein erster Blick über ihre Fassade gleitet, denkt er einfach: Welch ein Pech! Da steht sie nun seit neunhundert Jahren, und ausgerechnet jetzt fällt sie vor meinen Augen zusammen! Was habe ich getan? Lebt in diesem Gotteshaus ein Phantom, das sich nun an mir rächt, mich verschlingt? Habe ich etwas falsch gemacht, die Kathedrale vernachlässigt, weil ich sie immer nur von unten sah? Lacht sie mich aus und will, daß ich zusammenbreche? – ich , der so oft in Reims gewesen ist, in Amiens, Paris und Chartres, wo alles so immens, so gerade, voller Stolz und glatt ist? Und er ist irritiert, der Mann, über die Unbeholfenheit des Bodens, der sich beim Aufstieg der Türme runden will, und ohne zu erstaunen nimmt er die Ochsen wahr. Denn tatsächlich, es kommt ihm so vor, als wäre die Fassade dieses Gotteshauses wirklich gepflügt und würde (allein) von einer Reihe sich kreuzender Gewerke hinaufgezogen worden. Sein Blick gleitet vor und zurück, als schaute er durch ein Zoomobjektiv, das aber nie die richtige Einstellung findet, um sich wirklich scharfzustellen. Zu groß der böse Zauber dieser kopfunter hängenden Vertikalen. – Er lehnt sich an eine Hauswand am Ende der Gasse, überprüft wieder und wieder seine Eindrücke, läßt sich Zeit. Doch erneut werden seine diastolischen Systolen geradezu bewußtlos – bis ihn endlich anzufüllen beginnt, worauf er so sehr wartete. Oh ja, ja! Ich weiß, was sie erzählen wollen, und tun es besser als nur gut! Nichts schöner als der noch nicht erklärte Frühling! (So) ist es (also) März und die Kathedrale pünktlich. Sie ist das Licht, das unsre ausgehöhlten Augen suchen. Nun haben wir keine Angst mehr, sogar auf ein provisorisches Gerüst zu klettern. Die Stiegen unter den Pfoten der Katze knarren und stöhnen, dem bitteren Gesetz der Vernunft gegen die Leidenschaft gleichend, die doch klettern w i l l und dem Rufen folgt, bis sie in den Wolken stirbt, die sie lachend streifen.

(Auszug aus einer Serie über “Der gekrönte Berg”)

 

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Raymond Prunier
, geb. 1947

Dichter und Übersetzer in Laon
Weblog Je peins le passage

Zuletzt erschienen:
Raymond Prunier
Le Chemin | Der Weg
Gedichtzyklus frz./dtsch.
(Dtsch. v. Helmut Schulze)
Edition Lumpen, Laon 2019
sowie
Alban Nikolai Herbst
Dem Nahsten Orient | Très proche Orient
Liebesgedichte deutsch/französisch
Traduit de l’allemand par Raymond Prunier
→ dielmann, Frankfurt am Main 2007
Alban Nikolai Herbst
Manhattan Roman | Le Roman de Manhattan
Traduit de l’allemand par Raymond Prunier
→ Le Félin, Paris 2002

Siehe auch → dort.

In das Land geschritten.

Ich habe mich entfernt, bin in das Land geschritten, worin die Krähen Himmel säen. Ben öffnete die Wolken, und ich fiel an seiner Hand. Sein Gesicht entzweit, lag ihm meines auf der Schulter.
Nicht weit von uns fingen die Krähen Nasen in ihren Schnäbeln, indessen mir die Ohren zweier vorsintflutlicher Tiere wuchsen, die niemals einen Namen hatten. Diesen Segeln hielt Ben die Leinen so gestrafft, daß wir scharfe Fahrt aufnahmen.
Dem Wind war zu trauen, Pilze sprossen aus den Samen der Krähen. Es ging unfaßbar plötzlich, immer wieder wichen wir ihnen aus, indem Ben rechts oder links an den Leitleinen zog, auf daß ich je nachdem den Kopf wenden mußte.
Wir surften über die Kämme, es kostete gar keine Kraft. Ich war das Medium seiner Sehnsucht und weich wie eine Schwalbe, bevor sie die Krähe verschlang. Das Blut, in einzelnen, wunderbar konturierten Tropfen, betupfte den Himmel bis zum Horizont, aus dem das Kleid der Schöpfung wurde, in dem wir beide hinabrauschten.
Aber ach Ben! Weshalb ließest Du mich landen? Weshalb denn meine Brüste an die Kufen deines kleinen Flugzeuges legen, da du zum Wasser rittst? Momentlang spürte ich Furcht. Doch mein Schoß, in dem dein Wille steckte, hob meinen Leib überm Kreuz an. Wir glitten leicht in die Dünung. So zerfiel ich unter dir. Schmal, Ben, schmal! Aber so weit auch und frei.
Wie ich mich dehnte, war ich das Wasser selbst, damit du in ihm schwammst. Dafür bin ich gemacht. Ich war deine Luft, war dir Essenz wie aller, die mich atmen. Ihr seid mir die Form, die mich schützt, wenn ich ins Innere tauche.
Gib mir noch einen Schluck. Bitte! Dann werd ich dir Mantel und Heim.
Nutz mich, doch gib mir, ich weiß von den Sternen. Mein Blut ist ein nährendes Netz. Denn ich bin die Flüsse der Erde. Ich bin das Meer, und sieh, wie es leckt, die Pfütze von diesem Tisch leckt. Aber halte die Leinen, damit ich nicht stürze. Da ich so tanz zuleib.
Und dann laß mich schlafen, Freund, ach schlafen: wie ich müde bin.

„Das Schwarze Museum ODER Die Rache der Chassée.“ Aus der Ersten Fassung.

(…)
Hinter vorgehaltenen Händen lief bald um, der Vertrag mit Frau Chassée werde nicht verlängert, sondern unmittelbar nach Eröffnung des Neuen Museums aufgekündigt werden. Sogar von einer fristlosen Kündigung war die Rede, die man so kurz vor der Eröffnung des Neubaus aber wohl nicht wagte. Daß sich, wie durchsichtig auch immer, irgend eine arbeitsrechtliche Verfehlung hätte finden lassen, steht erfahrungshalber außer Frage. Aber der Schaden für die Stadt wäre zu groß gewesen – ein selbst für Frankfurter Verhältnisse furchtbares Eigentor, bei dem eine möglicherweise gerichtlich erstrittene Wiedergutmachung, etwa in Form eines Schmerzensgeldes, noch das geringste Übel gewesen wäre. In jedem Fall war offenbar, daß der Magistrat mit Madame Chassée jemanden eingekauft hatte, deren selbst von Gegnern des KKMs anerkannte Bedeutung für die Durchsetzung dieses neuen Museums ideal genug war, um die hinter dem Projekt eigentlich stehenden Interessen in genau dem Schatten zu verbergen, den der Ruf dieser Frau ihnen warf. Und daß man ihn nach der Eröffnung, hätte die Mohrin ihre Schuldigkeit nur erst getan, billig überblenden wollte. Ihr selbst blieb nichts, als das auszuhalten.
So etwas ist nicht leicht. Ich nahm daher an, daß sie sich wenigstens symbolisch zur Wehr setzen wollte, als sie zur Eröffnung den eigentlichen Haupteingang des KKMs verschließen ließ, der zum Park, also nach hinten hinausging, um die Besucher nunmehr auf der Mainseite zu empfangen. Da es dort aber keinen Uferweg mehr gab, über den sich dieser Eingang erreichen ließ, wurden wir gezwungen – auch die Parteigrößen, die Vertreter der Kirchen und der Industrie; alledie nämlich kamen – , uns auf dem Fluß übersetzen zu lassen. Dazu pendelten eigens zwei Fähren, die aber kaum je zwanzig Leute faßten, allein weil der drübige Anleger so schmal war. Auf der rechten Mainkaiseite aber drängten sich die Leute trotz der Hitze fast übers ganze Ufer von der Untermainkaibrücke bis zum Eisernen Steg und nach hinten in die Innenstadt hinauf. So spielte zu meiner völligen Überraschung das Wetter gar keine Rolle. Alle erhofften sich den satten Skandal, in dem sich die angestauten Aggressionen endlich entladen könnten. Sogar Fahrzeuge nicht nur des Hessischen Rundfunk standen die Promenade entlang, nein, auch die anderer ARD-Anstalten, des ZDFs und einiger Privatsender. Kameras und riesige Leuchtanlagen wurden aufgebaut, egal wie sonnengleißend der Fluß sowieso reflektierte. Gleichsam vermeinte man, noch durch das wogende Reden und Rufen die Filmspulen schnurren zu hören.
Natürlich war das Unfug, kein Mensch filmt mehr auf Zelluloid.
„Um Gottes willen!“ rief Consuelo aus, als wir endlich einen Parkplatz gefunden hatten und bis in die untere Karmelitergasse vorgedrungen waren. „Du willst dich da wirklich reindrängen?“
Über der Szenerie lag etwas überaus Altes, quasi Urvorzeitiges, von dem auch ich nicht ahnte, wie zutiefst venerisch es war. Überdies waren die meisten Besucher in schwarzer Garderobe erschienen. Man konnte den Eindruck einer ungeheuren Beerdigung haben. Und Stunden würden vergehen, bis wir endlich drüben wären. Dennoch, ja, ich wollte mich reindrängen. So sehr sog die dunkle Front des Museums mich wie alle anderen an, als wären wir der Gravitationskraft eines Schwarzes Loches zu nahe gekommen.
Dabei wirkte das fensterlose Gebäude gar nicht viel größer als die anrainenden Museumsvillen links von ihm. Also schien irgendein optischer architektonischer Trick, den ich nicht durchschaute, die ungemeine Attraktion zuwegezubringen. Um so absurder kamen mir die den Schaumainkai nach Osten hinauf errichteten Büdchen vor, die Kunsthandwerkstände, dazwischen die aufgepumpten Wülste einer überdimensionierten, orange leuchtenden Hüpfburg. Hunderte Luftballons stiegen dort auf. Kinderschreie, Bratwurstduft. Und daran direkt der weltallschwarze Quader des kosmischen Museums. Als schnitte er ein ganzes Stück Wirklichkeit aus der Stadt einfach heraus.
(…)

„Studie in Endbraun“: Aus der Ersten Fassung.

(…)

Und vor zwei Stunden schwammen zwei Fische aus dem Fischbild heraus, kleine blaugrüne Fische. Ich saß in dem alten Sessel, den Monsieur Clarens hat uns hochwuchten lassen, nicht er selbst tat’s, sondern Philippe, ein Junge aus der Nachbarschaft. Mara brachte ihn neulich mit, er half ihr mit den Tüten. Als ich ihm ins Gesicht sah, protestierte ich nicht, wurde nicht wütend, machte der Frau keine Vorhaltungen. Denn so tief die Augen in den Höhlen! tief wie in unsrem Verschlag. Dabei ist er keine elf oder zwölf Jahre alt. Dennoch trägt sein Gesicht die Züge eines sehr alten Mannes. Der Junge blieb auch nur kurz. Man muß hoffen, daß er sich draußen über uns nicht verplappert.
Und dann sah ich, wie die beiden Fische, die sehr ruhig, sogar ein wenig neugierig durch den ganzen Raum schwammen, einfach weiterschwammen: erst zum Tisch, dann durch eine Stuhllehne zur Kommode, auf der die flache zweiflammige Kochstelle steht und wo sich noch immer Geschirr stapelt, von dort wiederum zu Maras Arbeitstischchen mit den Kunstharzen und Acrylen bei den rohen Bechern und Tellern. Ohne mich rühren zu können, sah ich ihnen zu. Es war, als würden die Fischklein alles beschnuppern, was ihnen und ihrem Element unbekannt war, bevor sie nicht nur aufstiegen, sondern abermals die Richtung wechselten, um zu der Wolldecke hinzuschwimmen, die dämpfungshalber und gegen den Luftzug vor die Lattentür gehängt ist, hinter der es hinaus und hinunter in die Freiheit geht und in der plötzlich, die Decke mit einer Hand zur Seite raffend, der Junge wieder stand. Ich hatte ihn nicht kommen hören. Auch war er alleine gekommen, Mara war nicht bei ihm.
Er stand nur da und sah mich an. Ich konnte mich immer noch nicht rühren.
Hallo, sagte er, und die beiden Fische schwammen in eines seiner Augen hinein, das linke.

(…)

ANH, Studie in Endbraun (auf Bilder >>>> Felix Nußbaums)

Leipzigs Freitagsankunft.


D o r t mehr davon.

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