Die zweite Erweiterung ist gestochen. Sowie zu den beiden ACT30-Jubiläumsabenden in der Berliner Philharmonie. Sowie weiter zu Triest. Das Arbeitsjournal des Sonnabends, den 12. November 2022.

[Arbeitswohnung, 10.44 Uhr
Lars Danielsson, Desert of Catanga, live]
Bereits auf dem Kollwitzmarkt gewesen, um eine Auster zu schlürfen, nachdem bei Lindner das italienische Weißbrot besorgt war.

Großartig, das erste Konzert des dreißigjährigen ACT-Jubiläums vorgestern abend in der Philharmonie; “wirklich” drüber schreiben wollte ich erst heute, nachdem ich gestern das zweite Konzert gehört haben würde. Was nun so ist. Doch möglicherweise werde ich das ganze Wochenende brauchen, weil eben auch an den Triestbriefen weiterzuarbeiten ist. Gestern stellte ich fest, beim Weiterschreiben des siebenunddreißigsten Briefes einen ziemlich gravierenden Fehler gemacht zu haben, wahrscheinlich, weil ich den Text aus mir einfach hinausfließen ließ und ich in meiner Begeisterung nicht merkte, zwei miteinander zusammenhängende Umstände durcheinanderbekommen zu haben. Ich konnte es bereits korrgieren, hing damit aber weiter in dieser einen Szene fest.

Doch zurück zu ACT. Das zweite Konzert hatte dann aber Schwächen, aus meiner Sicht, selbstverständlich. Das Publikum sah es anders. Dennoch gab es auch hier mitreißend entschiedene Höhepunkte, zu denen ganz sicher das gemeinsame Spiel der drei Pianisten Helbrock, Rantala und Wollny an zwei Klavieren und einem Keyboard gehörte sowie, aber dieses “Urteil” hat persönliche Geründe, Rantalas und Helbrocks Improvisation auf Keith Jarretts “My Song” – eine ziemlich ans Herz gehende Komposition, die in den Achtzigern Dos und meine gewesen ist, allerdings – auf der 1977 eingespielten Platte “My Song” – in Jarretts eigener sowie Garbareks, Danielssons und Christensens Interpretation.
Was mich störte, sogar unwillig machte, war, daß sich dieses zweite Konzert zunehmend in Richtung Musical einerseits (mit einer, alternd girliehaft, kitschigen Barbara-Streisand-Verschnittin, die umso affiger herumhampelte in ihrem peinlichen Pop-Glitzerkleid), andererseits auf ein ziemlich banales Rock ‘n Pop hin entwickelte, wozu dann noch die für meine Ohren viel zu lauten Schlagzeuge kamen. Der Klang war gerade gegen Ende nur noch lärmend, es gab keine Durchsichtigkeit mehr, sondern den pursten Krawallmatsch, — und daß dann noch das Publikum aufgefordert wurde, von den Sitzen hochzukommen, um sich “zu bewegen”, und daß so gut wie alle da mitmachten, hätte mich den Saal fast verlassen lassen. Wie diese billige Massenpsychologie immer noch funktioniert! Es ist – in diesen Kriegszeiten besonders – nichts als Grauen. Jedenfalls zerschlug’s mir jeden Genuß, auch leider an den wirklichen Höhepunkten dieses zweiten Konzert, sogar fast am ersten. Aber ich weiß ja, “der menschliche Faktor” …
Wie nun auch immer, Sie werden, Freundin, meine Besprechung in der kommenden Woche in Faustkultur lesen können. Und der Leistung Siggi Lochs und seines Labels ACT nimmt es unterm Strich nichts; sie bleibt bewundernswert und im Recht. Ohne das Erlebnis des Vortags allerdings hätte ich mir überlegt, besser gar nichts zu schreiben.

Übrigens hatte ich, weil ACTs Pressechef darum nachgefragt hat, eine Rezension der Konzerte der FAZ angeboten; es kam nicht einmal eine Absage.

Dafür ging es → mit dem Tattoo weiter, unvermutet ebenfalls schon vorgestern, als ich mich, den Entwurf in der Mappe, eigentlich nur erkundigen wollte, wieviel die Erweiterung micht kosten werde. “Willst du’s gleich stechen lassen?” Schon kam Elena-selbst um die Türecke. Jemand war ausgefallen, die Zeit also da. Ich zögerte nicht, zumal es erheblich weniger kosten werde, als ich befürchtet hatte. Und wurde dann noch weniger teuer, weil die Arbeit schneller voranging, als der Studioleiter veranschlagt hatte.

Ich wollte, daß Elena sich alle Freiheit nahm, soweit sie der Bewegung meines auf meine Haut selbst gezeichenten und dann abfotografierten Entwurfes folgte und nach dem ihr eigenen Gespür umzusetzen versuchte; die Künstlerin soll nicht “gehorchen”, wiewohl ich mir des Umstandes bewußt bin, daß, sich künstlerische Freiheit zu nehmen, nicht dem Charakter fotorealistischer Künste entspricht. Umso mehr überraschte mich das geradezu zart wirkende Ergebnis:

Die neuen Bereiche sehen herausgeschnitten so aus (das Foto hierüber entstand unmittelbar nach dem Stechen, die Bilder hierdrunter habe ich eben selbst aufgenommen; noch kleben die Pflaster darauf, lösen sich aber stellenweise schon ab):

Gut zu erkennen ist gerade am Oberarm, wie genau sich Elena am Verlauf der Adern orientiert hat, ja sie hat, wie ich es vorschlug, direkt auf den Adern gestochen. Das ging also. Mein Sohn hatte mir schon gesagt, daß es Tätowiererinnen und Tätowierer gebe, die es könnten. Mir selbst jetzt freilich | ist gerade die Halspartie etwas zu harmonisch geraten, dort sollte Elena die Ranken ein wenig erstens, weil Tattoos ohnedies mit der Zeit matter werden, nachdunkeln, und zweitens sollten sie vielleicht doch eine Spur breiter sein, eventuell auch noch zweidrei hinzukommen. Ganz möchte ich die Aggressivität meines Entwurfs nicht verlieren; → Liligeia ist ja nicht unbedingt Pazifistin gewesen. Der, ich schreibe mal, “klassischen Harmonielehre” mag ich eh nicht attestieren. Doch um zu entscheiden, will ich erst abwarten, bis das Tattoo verheilt ist; was an Pflasterfetzen dann noch draufklebt, werde ich morgen abziehen. Ich denke mal, wir werden die mögliche Revision dieser zweiten Erweiterung Anfang Dezember in – ecco! – Angriff nehmen; dann sollte auch das dritte Rankengeflecht gestochen werden, das sich in die Brust hineinzieht. Wobei eine der oberen Ranken gerne hinterm Ohr noch etwas höher hinauf darf. Danach wird bis zum Frühjahr Ruhe sein, wenn aus den Ranken kleine Zweige sprießen sollen mit wahrscheinlich feinen Blättern daran, schon um das Grün der Triskele wieder aufzunehmen.; momentlang habe ich heute früh auch an Chilis gedacht, rote und grüne, als ich auf dem Kollwitzmarkt war; aber wahrscheinlich ist das Unfug.

So, Triestbriefe. Und heute abend auf einem Geburtstagszusammensein.

ANH

Des Berliner neunundfünfzigstem Jazzfestes erster Abend: Hemphill Stringtett – Hamid Drake’s Turiya – Craig Taborn’s Intercept Metals

 

[Jazzfest Berlin 2022 → Programm]

 

Es ist schon erstaunlich, wie oft es sich bestätigt, daß nur zu lauschen einen völlig anderen Eindruck ergibt, als wenn wir live eine Musik hören, zu der Eindrücke des Gesichtssinnes kommen; diese müssen nicht einmal von einer zum Beispiel “Lightshow” manipuliert werden, es genügt, jemanden vom Ansehen sympathisch, interessant, was immer zu finden – schon hören wir gar nicht mehr wirklich, was da zu Gehör gebracht wird. Wir müssen, jedenfalls ich muß, pur hören, um uns nicht kunstfremd beeinflussen zu lassen. Genau dies ist der Grund, weshalb ich, wenn ich über ein Konzert schreiben will und/oder soll, stets mitschneide und dann, daheim am Schreibtisch, die Stücke wieder- und wiederhöre, meist sogar noch, während ich schreibe.
Sie müssen sich, Freundin – die Sie mir ja leider abgesagt haben, weil Sie eine andere Verabredung hatten (über deren Charakter Sie sich, wie mir gegenüber in solchen Fällen ja immer, ausschwiegen) – … Sie müssen sich, liebste Freundin, erst einmal vorstellen, wie wirklich lang diese Jazzfestabende sind; auf der Hauptbühne des Hauses der Musikfestspiele Berlin ging es um 18 Uhr los, und dort das letzte Konzert des Abends endete um 22.15 Uhr, mit zwar zwei Pausen dazwischen, aber dennoch. Und danach geht es auf den Seitenbühnen bis sicherlich Mitternacht  weiter. Woran ich dann allerdings nicht mehr teilnahm, Craig Taborns “Intercept Metals” — sofern ich die Moderatorin richtig verstanden habe; also: “aufgefangene Metalle”, dann — war fordernd genug für das längst schon müdkonzentrierte Ohr, um nicht zu schreiben: überforderte es. Entsprechend verließen viele Menschen dieses letzte Konzert, während es noch ablief — nicht wirklich übrigens Freejazz, auch wenn wer es so meinen mochte, aber mit starken Anteilen davon. Doch immer wieder klangen, in Spuren nicht unähnlich Schnittkes Polystilistik, tonale Spuren, ja melodische Themen an, gleichsam vorüberschwimmende Inseln des Vertrauten, an denen es sich orientieren, zumindest momentlang zur Ruhe kommen ließ. Wobei selbst mir, während Mat Maneri, Nick Dunston, Sofia Borges und Craig Taborn selbst musizierten, ernorm viel entging. Wie ich jetzt höre. Doch ich ahnte es da schon. Unterm Strich: Mit sogar großem Abstand das musikalisch beste aller drei Konzerte. Besonders, im Nachhören, fällt Hamid Drake‘s Turiya ab, von dem ich nach anfänglicher Begeisterung aber bereits während der Aufführung denken mußte: “O, das schrammt jetzt nahe am Kitsch”. Und es schrammte nicht nur. Bei aller musikantischen Virtuosität wurde schließlich derart arg auf die Tränendrüsen gedrückt, daß das Schmalz nur so aus den Boxen seimte. Das Publikum freilich begeisterte das. Wie sang schon Stephan Sulke? “Die Intellektuellen, / die hören gerne Blues. / Bei denen tanzen die Forellen / im hausgemachten Apfelmus.” Selbst wenn es durchaus angehen mag, die Verehrung für Alice Coltrane an einem solchen Abend zu, wie Drake es mehrfach nannte (und uns aufforderte mitzutun), “zelebrieren” (celebrate), wird es spätestens dann geschamcklos, zumindest arg peinlich, wenn gleich noch nicht nur die Kuratorin, Nadin Beventer, die auch den Abend – gut – moderierte, mitzelebriert wird, sondern das Team der Musikfestorganisation ganz ebenso. Ich dachte nur, gleich fallen sich alle in die Arme und heulen. Wobei sich jetzt, im Nachhören, herausstellt, daß die musikalischen Themen der meisten in diesem Konzert vorgestellten Stücke entsetzlich banal sind, und zwar auch dann, wenn sie sich zurecht auf “den” Blues berufen können. In Drakes “Fall” entsteht die Banalität aus der minimalmusic-artigen permanenten Wiederholung (allerdings ohne spürbare Verschiebungen), in die dann salbungsvoll hineingesprochen und -gesungen wird, mit schöner Männerstimme, ja, doch, möcht ich da beinah schreiben, umso schlimmer. Und suggestiv klopft der übrigens grandiose Vibraphonist Pasquale Mirra auf zwei Klanghölzern mit. Trotzdem, Trompete (Sheila Maurice-Grey) und Flöte (Naïssam Jalal) waren zum Hinknien — und Drake ganz ebenso, solange er am Schlagzeug blieb. Und sowieso riß das letzte Stück alles wieder gehörig heraus, nicht zuletzt Joshua Abrams‘ höchst konzentriertem Baßsolos wegen. Allein deswegen hat sich Hamid Drakes Turiya denn doch noch gelohnt.
Zu dem ausgesprochen witzigen Hemphill Stringtet, das den Abend eingeleitet hat, schreibe ich Ihnen (und Ihnen dann eben nicht) in meiner Besprechung des Jazzfestes für → faustkultur, die ich formulieren aber erst will, nachdem ich auch heute abend im Festspielhaus gewesen sein werde, um die folgenden Konzerte zu hören, für die ich zwar keine Pressekarte, aber zwei Normalkarten habe, die mir Sabine Scho zugesendet hat. Ein schneller Dank an sie. Doch soviel noch, daß die Wahl dieses ersten Konzertes als Anfang des Festivals nicht nur ungewöhnlich, sondern insofern sogar mutig war, als es doch letztlich, wie immer nun auch improvisiert, ein “reines” Kammerkozert” war, wie wir es hätten ganz ebenso in der Kleinen  Phliharmonie hören können und tatsächlich auch hören, sofern wir denn hingehn. Wonach das Publikum des Jazzfestes freilich nicht aussah, sondern genauso, wie sich das Klischee die Anhängerinnen und Anhänger (mehr Anhänger) exerimentellen Jazzes vorstellt; ein Klischee ist ja eben etwas, das so oft verwendet werden kann, daß man es gesondert nicht mehr zusammensetzen muß.[1]Das Wort stammt aus der Druckersprache. Jedenfalls waren die meisten Menschen so dort gekleidet, und ihr Altersschnitt mag bei 60 gelegen haben. Erstaunlicherweise liegt er in der Philharmonie mindestens zwanzig Jahre drunter; nicht anders in den Opernhäusern, je nachdem jedenfalls, was gespielt wird. So muß denn auch befürchtet werden, die Zeiten des Jazzes gingen mit dem Aussterben dieses Publikums (zu dem ich selbst höchst alterskongruent bin) ganz ebenso zuende:

Was nicht nur schad ums Publikum wär.

***

Wie auch immer, eine kleine private Anmerkung noch. In meiner Pressemail hatte ich folgendes gelesen:

So etwas ist zu Premieren und Ersten Abenden üblich, ich kenn es aus den Opernhäusern. Und nicht selten kommt es da zu neuen Bekanntschaften und guten Gesprächen; man wird normalerweise auch begrüßt. Da ich zu keiner “Szene” gehöre, auch nicht gehören will, sind mir solche Zusammenkünfte umso wichtiger. Und stapfte also hin, das heißt: ins obere Foyer, wo es sich vor Bornemanns Bar schon ordentlich verklumpte. Jede und jeder wollte seinen Wein. Nur brauchte man für ihn eine Getränkekarte, und über die verfügten nur, ich sage einmal, ausgesuchte “VIP”s. Von einer Einladung konnte also keine Rede sein, und eine solche gab es a u c h nicht. Kein “Hallo”, kein “Schön, daß Sie hier sind”, nix. Man stand halt nur herum, auch der Intendant, nett an einem Rundtisch in noch viel netterem Gespräch. Von Häppchen konnte erst recht die Rede nicht sein … wiewohl, doch, schon, aber gegen Bezahlung. Unterm Strich hätte in der Einladung deshalb stehen müssen: “Wir laden Sie ein, mit selbstgekauftem Getränk mit uns anzustoßen.” Was den Begriff einer “Einladung” nun restlich zerschießt. Aber gut, auch diese Häuser müssen sparen. Dennoch wollte ich’s genauer wissen. Und was stellt sich am Pressetisch heraus? “Tut mir leid, Getränkekarten bekommen nur die Kollegen von der ARD.” Die in Lohn und Brot alle stehen, und recht feist, wie uns der RBB jüngst hat deutlich wissen lassen. So geht denn alles seinen, biermannverzeih, sozialistischen Gang: Wo schon was ist, da wird auch gern ins Glas gefüllt; wer nix hat, möcht gerne dürsten dürfen.
Imgrunde aber kam es mir entgegen; erstens kann ich meine Getränke auch selbst bezahlen und konnte zweitens meine Pfeife daußen rauchen- Bis schon die nächste Glocke all’ uns hereinrief.

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References

References
1 Das Wort stammt aus der Druckersprache.

Die rhetorisch bizarre Logik des Kriegs.

Wenn ein Solidaritätskonzert für die Ukraine nicht auch von russischen Künstlerinnen und Künstlern mitgestaltet werden darf, bedeutet dies, russische Künstlerinnen und Künstler s o l l e n mit der Ukraine nicht solidarisch sein. Entweder wird ihnen ihre Solidarität nicht geglaubt (sie tun nämlich nur – weil alle böse sind “von Natur” – als ob), und wenn sie ihnen doch geglaubt wird, dann soll sie auf keinen Fall öffentlich werden, um das Kriegsnarrativ vom russischen-Bösen-an-sich nicht zu stören. Um es bizarr zu sagen: Sie sollen nicht sein d ü r f e n.

Noch toller aber, allein schon semantisch, ist es mal wieder im → “Fall” des Teodor Currentzis:

Die Wiener Konzerthausgesellschaft → teilt mit Bedauern mit, dass das für den 12. April 2022 geplante Benefizkonzert mit musicAeterna unter der Leitung von Teodor Currentzis nicht stattfinden wird. Mit der Absage dieses Konzertes respektieren wir den Wunsch des Ukrainischen Botschafters in Österreich, bei Benefizkonzerten zugunsten der Ukraine von der Involvierung russischer und Künstler abzusehen.

Der Konzerthausgesellschaft “Bedauern” wäre leicht zu vermeiden gewesen, hätte sie das Konzert stattfinden l a s s e n und dem gräßlichen “Wunsch” des ukrainischen Botschafters, nämlich der kriegsvölkischen Linie, den Stinkefinger gezeigt wie auch der der — hoffentlich nur vermeintlichen – Öffentlichen “Meinung”. Schon das “Bedauern” also ist eine — Lüge.

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(Ich fürchte, das Folgende hinzusetzen zu müssen: Dieser russische Angriffskrieg und seine Menschenrechtsverbrechen sind widerlich. Er darf in keinem Fall unwidersprochen bleiben. Nur daß sich aus der obigen Logik ergibt, daß, wer sich für russische Künstlerinnen und Künstler einsetzt, die diesen Krieg ebenfalls verurteilen … – daß also auch der nicht mit den ukrainischen Menschen solidarisch sein darf. Das Dumme ist nur, daß er’s ist. Und was er Putin wünscht, und seiner Entourage, ist → das. Daß die Welt derart komplex ist, kann er, der Krieg, nicht ausstehn.)

Gesinnungsschnüffelei ff. Daß der Herr Rudiger mal nachdenken, besser noch auf einer Seite mitspüren sollte, die ihm nicht unbedingt die breite Seite der Zustimmung bringt ODER Zivilcourage im Krieg. Zum vermeintlichen wohl schon Currentzis-“F a l l”.

Unter der suggestiv — hier sogar kriegsrhetorisch — hingeworfenen Überschrift

Schweigen sagt mehr als tausend Töne

fordert ein wahrscheinlich rasend bedeutender Schreiberling von Teodor Currentzis das Bekenntnis ein, wie er, Currentzis, es denn mit dem kriegsverbrecherischen Angriff auf die Ukraine halte. Er wirft ihm “Schweigen” vor – als wäre es nötig, ja auch nur geraten, daß jeder mit Rußland in irgend einer Verbindung stehende Künstler sich öffentlich zu positionieren habe.
An sich schon ein Unding erinnert das an die düstren bundesdeutschen Zeiten der → Gesinnungsschnüffelei mit ihrem schließlichen Radikalenerlaß, nur daß in diesem, ich beharre auf den Anführungszeichen, “Fall” nicht staatlich legitimierte Instanzen agieren, sondern Zivilpersonen als selbsternannte Vertreter (und, nehm ich an, Vertreterinnen auch) der Öffentlichen Meinung. Und was von der zu halten ist, wußte schon → Jacques Offenbach. Oder, um es mit Luigi Lacchè zu sagen:

Und nichts hat mehr als die Affaire Dreyfus gezeigt, wie sehr die Presse, im Guten wie im Schlechten, darauf hinwirken kann, der Öffentlichkeit “Hassobjekte” einzureden.[1]Luigi Lacchè, “Richtet nicht!” Anthropologie der Justiz und Formen der öffentlichen Meinung im 19. und 20.. Jahrhundert, → Berlin 2012

Statt dessen maßt sie sich an — in den ukrainisch-russischen Kriegszeiten aufs denunziatorische Longboard von #metoo[2]“… jenes Geheimnis der kollektiven Psychologie, das öffentliche Meinung heißt und das in der modernen Welt einen so großen und gefährlichen Einfluß gewinnt.” Scipio Sighele 1899 gehüpft —, ein Vernehmungsrichter zu sein, der subversiv-denunziatorisch in Omniperson auch den Ankläger gibt. Begründung: Wer (als mit Rußland irgendwie verbandelt) sich nicht scharf gegen Putins Völkerrechtsbruch stellt, befürwortet ihn. Daß so etwas schon juristisch unhaltbar ist, liegt auf der Hand. Doch selbst moralisch ist es unrecht, es sei denn, wir gestünden etwas zu, das ich fortan selbstbestätigungsmoralisch nennen werde, weil es allein der Bestätigung der eigenen Wahrheit dient, der jedermann sonst sich zu beugen habe.

Es wird nicht mehr gefragt, schon gar nicht ums Warum.

Doch will ich’s einmal anders wenden:

Im Programmheft des, nun jà, inkriminierten Konzertes schreibt der Currentzis befreundete ukrainische (!) Komponist Oleksandr Shchetynsky, dessen Komposition “Glossolalie” mit aufgeführt wurde:

Diese Sinfonie[3]Gemeint ist Schostakovitschs Sinfonie Nr. 5 paßt wie kein anderes Werk zu unserer Zeit, in der der grausame Krieg Rußlands gegen die Ukraine andauert. Im Widerstand der Ukrainer gegen die neue Barbarei des Kreml ist Schostakowitsch mit seiner Musik unser aufrichtig Verbündeter.

Genau so scheint Currentzis sie auch einstudiert zu haben und hat sie s o dirigiert – gesteht sogar der Herr Rudiger-selbst zu. Wir können es also auch anders interpretieren, als dieser, nun jà, “Journalist” es tut: Currentzis liefert die Waffen, mit denen in diesem Fall die Kunst sich gegen den Angriffskrieg – nämlich auch auf sie – verteidigt. — Das sei Haltung nicht genug?
Hingegen Herr Rudiger will den offenen Krieg, hier Currentzis’ gegen Putin. Was für den Dirigenten erst einmal bedeuten würde, fortan als Emigrant leben zu müssen, vor allem aber, wichtiger, das von ihm gegründete russische Orchester → MusicAeterna nicht nur aufzugeben, sondern jede Musikerin darin und jeden Musiker, die und der – was zu erwarten wäre – weiterhin zu ihm stünde, hohen Grades zu gefährden, und nicht allein im Beruf. Kurz, er lieferte sein durch und durch Ausnahmeorchester einer extremen Bedrohung aus. Es lebt und atmet aber mit ihm, fast muß ich “durch ihn” schreiben – nicht anders als die Musikerinnen und Musiker des noch kurz zuvor so schwer gebeutelten SWR-Sinfonieorchesters, dem er in allerkürzester Zeit ein Format gegeben wie – ich weiß, ein etwas problematischer Vergleich – Barenboim der Staatskapelle Berlin. Nicht nur die Stücke, die und wie sie diese Orchester aufführen, sind Kunst, sondern sie selber, als Orchester, sind Kunstwerke geworden, deren “Schöpfer” Currentzis und Barenboim heißen; interessanterweise hat auch dieser z w e i, nämlich zudem das → West-Eastern Divan.

Zur Zeit geht Currentzis für MusicAeterna sehr wahrscheinlich seelisch durch die Hölle, konzentriert ihr Fegefeuer auf sich selbst, schirmt seine Musikerinnen und Musiker ab. Und wenn der Herr Rudiger, er schäme sich in Grund und Boden, unter → das neue Foto von Currentzis schreiben läßt – wozu er dessen bisheriger Erscheinung in Punkfrisur und rotgeschnürten Springerstiefeln infamst noch eine sozusagen nachgetretene Ohrfeige gibt -, er trage jetzt “überraschenderweise auch Anzug und Krawatte” , unterschlägt er das alleroffensichtlichste, daß nämlich Menschen s oauf Beerdigungen gehn. Menschen also, die in Trauer.

Doch alles dies beiseite, ist es eine extrem peinliche Ungeheuerlichkeit, daß der Herr Georg Rudiger nicht nur den Tagesspiegel, sondern den Völkermord in der Ukraine benutzt, sich seine stumpfen Messer am, wie Schelmenzunft es nennt, “Currentzis-Bashing” mitzuwetzen. Ihm, nicht Currentzis, sind die Opfer nichts als ein Mittel kriegsbereiter Selbstgeltungslust, über die er, die stumpfen Messerklingen, auch weitre Menschen springen ließe. Und was nennt er als Grund? Daß ein russisches Orchester von einer russischen Bank mitfinanziert wird — mit Geldern, die da eben nicht in den Krieg gehen, sondern an die Kunst. Wenn diese Bank nun auch krebskranken Kindern Krankenhäuser mitfinanzierte, dürfte auch das nicht mehr sein? Ah, stimmt ja, sind ja alles Russen. Und das Böse muß putzweg. Ganz wie für Putin, Lawrow und Kumpane alle Ukrainer.

***

P.S.:
Das in Rede stehende Konzert wird als Video ab Mitte Juni bei swr classic zu sehen und zu hören sein.

NACHTRAG, 10.57 Uhr
Currentzis ist mit ukrainischen Künstlern befreundet, u.a. mit Shchetynsky. Diese haben das Recht, von ihm ein Bekenntnis zu fordern, nicht aber wir. Und wir können uns, denke ich, sicher sein, daß sie untereinander gesprochen haben, längst, mit wahrscheinlich deutlichsten Worten. – Vielleicht auch dieses mal mit in Betracht ziehen.

ANH

References

References
1 Luigi Lacchè, “Richtet nicht!” Anthropologie der Justiz und Formen der öffentlichen Meinung im 19. und 20.. Jahrhundert, → Berlin 2012
2 “… jenes Geheimnis der kollektiven Psychologie, das öffentliche Meinung heißt und das in der modernen Welt einen so großen und gefährlichen Einfluß gewinnt.” Scipio Sighele 1899
3 Gemeint ist Schostakovitschs Sinfonie Nr. 5

Daß kein Trost ist: Ein einziger Aufschrei gegen den Krieg. Verdis Requiem in der radikalen Interpretation der Berliner Philharmoniker unter Daniel Barenboim.

[Jetzt auch bei → Faustkultur.
16. 3. 2022, ANH]

 

“Susanne Bernhard kann das, von dem ich
bis
zu diesem Moment behauptet habe,
da
ß nur
die Callas es konnte.“
Peter H. E. Gogolin

                                   Ob die Absage der russischen Sängerin Jelena Stikhinas tatsächlich – wie René Papes – einer Erkrankung geschuldet ist oder ob auch hier netrebkoähnliche Gründe vorliegen, läßt sich nicht sagen; doch sagen läßt sich, es war kein Verlust, sondern wahrscheinlich, und zwar ein fast nicht ermeßbarer, Gewinn – und dies, obwohl Frau Bernhard so kurzfristig „eingesprungen“ sein muß, daß die Ankündigung der Digitalen Konzerthalle der Berliner Philharmoniker nicht einmal – und tags drauf, heute, ebensowenig – ihren Namen nannte, in der ich gestern abend das Konzert live an einem meiner großen Bildschirme sah und den Klang über ProAcs Wunderwerke hörte. Worüber ich im nachhinein froh, ja dankbar war. Denn so blieb mir, der nach dem Schluß des Stückes weinte, der jubelnde Applaus erspart. Bereits Leonard Bernstein hat klargestellt, wie unschicklich es ist, nach einem Requiem zu klatschen, und Currentzis, vor kurzem, hielt es selbstverständlich ebenso. So, wie man sich als Musiker, nach einer solchen Leistung, auch nicht verbeugt. Es wäre des beklagten Verlustes Jubel entgegenzunehmen. Denn was uns hier zu hören ward, war eine extremste Trauer, aus der gar nichts mehr hilft. Nebenan fallen die Bomben auf Krankenhäuser, Wohngebäude, Kindergärten. Und das Libera me, hier, wurde zu einer Anklage, deren Urteil noch lange Zeit nicht, wenn überhaupt, gesprochen werden wird, ja Barenboims und des Orchesters, des Chores vor allem | sowie der Sängerinnen und Sänger Interpretation war derart radikal, wie ich es bei ihm nur ein einziges Mal schon erlebt, als er nämlich Mahlers Siebte eines Komponisten, den er eignen Äußerungen nach nicht besonders schätzt – auf derart teils brutale Weise vortragen ließ, daß, was diese Musik tatsächlich ist, sich zu einem Klang hinauffeuerte, der sich nur noch durch Häuserwände brechender Lava vergleichen läßt. Das hatt’ ich so noch nie gehört. So daß selbst hohe, ich schreibe einmal euphemistisch, „Ambivalenz“ mitten hinein in die zerrissene Kunst führen kann.

Nun ist Verdis Requiem ohnedies der Sonderfall eines ohne Trost; was uns bleibt, ist – im Gegensatz zu, so in seiner liebevollen Einführung, Simon Halsey, Brahms’ „menschlichem“ Deutschen Requiem nicht mehr als wehe Hoffnung. Im fast nur Deklamato geht es zuende, die Musik wird stiller, stiller: Selbst der zitternde Zweifel, morendo, erstirbt. Und das, während in der Ukraine das Ensetzen wütet und auch uns schon die Apokalypse drohende, blutrot glühende Schatten nicht nur an den Horizont wirft. Das hat Barenboim im Herzen, in den Fingerspitzen, schlimmer, weh! noch, in den Ohren. Und schaltet nun, bei diesem Requiem, mit selber Radikalität, die sowohl die Notschreie Schreie wirklich werden lassen wie, besonders bei Tareq Nazmi, ein Unglück, das uns stetig stiller macht, bis wir ganz erschweigen. Seine Sangeskunst ist von erschütternder Menschlichkeit, drängt sich niemals vor. Dazu hat der Mensch nicht länger mehr die Kraft. Eine ähnliche, stimmlich enorm gestaltete Hilflosigkeit angesichts des Unheils, entstrahlte Marina Prudenskajas (er)tragendem Mezzo. Bleibt noch, und muß auch genannt sein, Michael Spyres’ eben nicht heldischer (Bariton)Tenor; von den jetzt wieder überall genannten „Helden“ haben wir Menschen mehr als gestrichen die Schnauze voll. Auch Selenskyj sollte von solchen nicht sprechen, wenn er die in Notwehr kämpfenden Ukrainerinnen und Ukrainer meint. Es sind keine Helden; dieses Typos’ sich immer selbst überhebende Dummheit ist bei ihnen nicht. Sie wollen nicht Ruhm, sondern in Frieden ihrer Wege gehen. Darum muß es Миру Українi! heißen, „Der Ukraine Frieden!“

Um den sie alle baten, herzerschnürend auch der Chor. Vor allem aber Susanne Bernhard, deren Ausdruck geradezu unfaßbar von erniedrigtem Erliegen bis zu wildem Aufruhr reichte, und all das in stimmlich makelloser Schönheit. So auch ihr Gesicht, bisweilen das einer Furie in tiefer, aus Verlust, Depression.

Und dann das Libera me am Ende, wie sie in die Deklamation übergeht, im Zweifel verhauchend, ob sie auch erhört werd’. Und weiß, sie wird’s wahrscheinlich nicht, und wir nicht werden es wie sie.

Nie habe ich solch ausweglose Musik gehört, oder selten. Ja, selbstverständlich hat das mit unser aller, besonders aber der Ukraine aussichtsloser Situation zu tun, einer, die nicht mehr so tut, als ob, sondern ist. Allsekündlich, allminütig, Tag um elenden, entsetzten Tag. Barenboim scheut sich nicht, es zu zeigen. Und steht da beinah reduziert, jeder Einsatz mehr mit den Augen gegeben, als daß er überhaupt einen Finger rührt. Der Taktstock, meistens, ruht in der Luft. Der alte Klemperer, vom Rollstuhl aus, hat so dirigiert. Für jetzt, im Alter, Jugend noch ward es in der Welt zu spät. Eine kurze Geste, alles schweigt, aufeinanderfolgende Cliffhanger quasi, deren Permanenz das ganze Stück fast unerträglich macht – doch unerträglich, in seiner ganzen Hoffnungslosigkeit, eben a u c h | s o, im Wortsinn, furchtbar schön. Die dumpfen, krachend dumpfen Pauken, das falsche Hoffnungslocken der Trompetenfanfaren, in Flöten und Fagott spielen noch am Straßenrande Kinder. Wie lang, wie lang, wie lange noch? Und wie furchtbar unausweichlich böse, daß der angerufne HErr, der da

dum veneris judicare saeculum per ignem
Tremens factus sum ego, et timeo

                                                                                                                       kommt, um das Feuer über die Menschen der Ukraine zu bringen und möglicherweise die Menschheit bald ganz, hier Putin, der Diktator, ist. — Nein, es war diese Aufführung nicht blasphemisch, sondern sie hat GOttvater vor den Gerichtshof Den Haags gestellt, und den Sohn. Anklägerin war die Stimme der Bernhard, beauftragt vom ganzen Volke des Chors, Nebenkläger Nazmis bereits der Bitterkeit erlegner Sang, dem Spyres’ sanfter, geradezu englischer Tenor ein bißchen doch noch Hoffnung geben mag. Die mit im Schweigen vergeht.

Und da Applaus?

„Da aber Ahab [ihn] hörete, zerriß er seine Kleider und legte einen Sack an seinen Leib und fastete und schlief im Sack und ging jämmerlich einher.“
(1 Könige 21,27)

____________
ANH, Berlin
13. März 2022

 

Ukraine-Dialoge, INTERMEZZO oder FRIEDEN ÜBERM KOLLWITZPLATZ. Der Brief einer inneren, quasi, Waffenruhe als Arbeitsjournal des Sonntags, den 13. März 2022, über das Tagvor geschrieben und ganz früh morgens rausgeschickt.

[Verdis Requiem, Berliner Philhamoniker,
mit Susanne Bernhard unter Daniel Barenboim
wird heute um 12 Uhr w i e d e r h o l t !]

13.3.2022
7.19 Uhr

Lieber Schelmenzunft,

Ihnen heute früh mein erstes Getipptes, nachdem ich bislang nur ein wenig hie und da herumgelesen habe, weil eigentlich in mir ein Text reift, den schreiben zu m ü s s e n mir bereits gestern, d i r e k t nach Verdis Ukraine-Aufschrei, im Wortsinn not|wendig zu sein schien, der eine Anklage, verklagt wurden Gott und Erlöser, gewesen, nachhallend noch immer, weil die beiden nicht helfen, wo wir es nicht dürfen noch können, auch als Bild → dieser Sopranistin, ihres dauernd vor meinen Augen wie aus einem Nebel, der Gedanke ist, sich formenden Gesichts, schon wieder zerfallend, erneut sich formend … aber ich möchte diesen wahrscheinlich ersten tatsächlich poetischen Text zu dem Krieg als einen Ukraine-Dialog schreiben, zwischen Giuseppe Verdi, der freilich nur schweigt, und mir. Und habe dafür zwar den Ansatz, aber noch nicht, wie es sinnvoll und sinnlich weitergehn kann …
Im Lauf des Tages wird er entstehen. Obwohl ich eigentlich dringend in den Waschsalon müßte, was ich nun auf morgen verschiebe, fünf oder sechs Maschinen, nach wieder mal zwei oder zweieinhalb Monaten werden es sein, was immer einen halben Tag bedeutet – wenig, selbstverständlich, auf je solch lange Zeiten gerechnet. Doch dieser Text muß frisch sein im Sinne einer guten Unmittelbarkeit, nicht jener schlechten bei Hegel.

Uwe Dick. Nein, ich habe keinen Kontakt mehr, schon seit damals nicht mehr, seit seiner fulminanten → Grimmelshausenrede zum Wolpertinger, dafür aber manches gelesen von ihm. Einiges fand ich nicht bemerkenswert, anderes grandios, und ich werde mir → das neue Buch unbedingt bestellen, auf das Sie mich hingewiesen haben, tu es jetzt gleich, sowie dieser Brief geschrieben. Und vielleicht, nach dann der Lektüre, werd ich drüber schreiben. Ihre Worte sind dringlich, eindringlich genug. Ich gehör ja zu denen, die hören.

Gestern der Nachmittag war wie Waffenruhe-hier, schon die Sonne rief hinaus. लक्ष्मी, deren beste Freundin שרה zurück aus Südamerika ist, für zwei Monate, fragte, ob wir uns zu dritt nicht auf dem Kollwitzplatz treffen wollten, am Weinstand neben dem Käsestand (Käse aus dem Ticino), und die Sonne schien derart begeistert, daß ich dachte, im Himmel zu sein. Aus dem einen Wein wurden schließlich vier, zu Sarah, der Freundin, kamen an unserem Stehtisch unversehens neue Freundinnen, Freunde hinzu, weil zu dem, worüber wir sprachen, dem Ukrainekrieg, niemand wirklich schweigen kann. Die furchtbare Russophobie wurde Thema, tagsvor hatte es in Marzahn diesen Brandanschlag auf die russische Schule gegeben, und alle am Tisch waren einig und blickten zugleich dankbar in den blauen Himmel, wozu sie jeweils die Sonnenbrillen abnahmen und dann zwinkern mußten vor Licht, und eine große Dankbarkeit für diesen Tag lag auf uns, lag um uns herum, hüllte uns ein.

Auch ein Pfeifchen reichte sich über den Stehtisch; ich selbst war vorsichtig genug, bei meiner Tabakpfeife zu bleiben. Das andrere, “Gras”, wirkt immer noch halluzinativ auf mich, oft reicht ein einziger Zug. All die Jahrzehnte zuvor, bis zur → Magenresektion, hatte es nie eine Wirkung. (Niemals wieder werd ich vergessen, wie ich aber nun – keine zwei Monate liegt das zurück – nach nur zwei inhalierten Zügen auf dem Fahrrad vier parallele Wirklichkeiten durchfuhr, deren eine ein intensiv philosophisches Gespräch war, das ich führte, und in den anderen drei verschob sich ständig das Straßenbild, so daß ich auf dem mir bekannten doch nur einen Kilometer Heimweg, ich glaube, viermal glaubte, falsch zu fahren, und wendete, weil plötzlich der Schneider rechts statt links und die Gethsemanekirche auf einem gänzlich falschen Platz. Abermals mußte ich wenden. Absteigen aber und das Fahrrad schieben, wollte ich auf keinen Fall, sondern diese Odyssee stur überstehen, und stolz, nicht ergeben – um schließlich, die heimatliche Insel erreicht, glückvoll anzulanden.)

Wir zogen, als die Sonne sank und Wolken sich zu türmen begannen, noch in ein Café, weil’s nun plötzlich doch scharf kalt ward und der Weinstand ohnedies endlich, endlich schließen wollte – unsertwegen hatte er fast eine Stunde, vielleicht sogar neunzig Minuten “überzogen”. Sarah orderte für den gesamten Tisch Kuchen und Torten, die wir in bißgerechte Stücke zerteilten, oh, ich habe einige Enzyme mehr, zur Fettverdauung, schlucken müssen und tat es auch klug. Dann brachen wir auf, ich brachte लक्ष्मी noch nachhaus, sie hatte vor Kälte ganz blaue Lippen. Die Freundin kam mit, begleitete sie auch in die Wohnung hinauf, und ich denke, sie, लक्ष्मी, wird sich, wie sie ankündigte, wirklich auf ihrem Bett ausgestreckt und die Freundin sich da an die Kante gesetzt haben, um weiter mit ihr zu plaudern, und wenn sie nicht beide eingeschlafen sind, plaudern sie wahrscheinlich jetzt noch. Ist ja Sonntag. Derweil ich zurück über den “Helmi” zur Arbeitswohnung spazierte, die ich genau eine Viertelstunde vor dem Requiem erreichte. Sofort, noch im Mantel, die Anlage geschärft, die digitale Konzerthalle geöffnet, dann erst den Mantel abgelegt, in den Schuhen aber geblieben, weil man in eine Kirche nicht in Schlappen darf, nur barfuß ist noch erlaubt, doch mir, im Anzug, war noch nach Schuhen. Weil ich etwas ahnte. Doch das dann, so, ahnt’ ich nicht.

Und → es brach los.

Ihr ANH

(Oh, das ist jetzt ein schönes Arbeitsjournal. Aber ich schicke es, als diesen Brief, erst Ihnen. Doch so, ihn verwendend, gewinne ich für das Requiem, nämlich darüber zu schreiben, Zeit.)

Heute in Faustkultur. BIS FAST INS VERSTUMMEN INTENSITÄT. Currentzis’ Fünfte von Mahler. Von Alban Nikolai Herbst.


 
 
 
 
 
 
 

[Fotografie: Amoorphotograph / → Wikipedia]

 

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