MDTFEB, 17. Tag.

Sehr früh verstorben, alle schreiben immer “z u früh”, er muß sehr beliebt gewesen sein, >>>> dieser venezianische NeuTöner, der am 13.November 1973 in Damstadt an Lungenkrebs starb – beliebt, weil human, was aus seiner Musik auch herausklingt. Die strenge Form des seriellen Komponierens unterläuft er in dem heute empfohlenen Werk in einer kompositorisch frühen Form des Synkretismus’, der bekanntlich auch Die Dschungel anhängen, die aber von sei es Puristen, sei es Ideologen oder beidem oder sei es von Unterhaltungskünstlern gleichermaßen angeprangert ist. Interessanterweise nicht bei Maderna. Als sich hingegen in den Achtzigern Prenderecki tonalen Kompositionstechniken zuwandte (etwa „Die Maske“, UA 1986), schrie die Szene ärgerlich auf. Maderna hingegen scheint dergleichen Emotionen persönlich derart integriert haben zu können, daß noch heute, über dreißig Jahre nach seinem Tod, die Legende k l i n g t : als wäre eine S a i t e angeschlagen, wird sein Name genannt. Und zwar selbst in solchen wie mir. Die ihn nicht kannten.

Bruno Maderna, ”Venetian Journal” für Tenor, Instrumentalensemble und Tonband nach Texten von James Boswell (1972).

[Es gibt derzeit leider keine Aufnahme des Stücks im Handel. Ich selbst besitze einen RundfunkMitschnitt und empfehle, es über >>>> eine der gängigen Tauschbörsen, wie zum Beispiel Emule, zu versuchen.]

MDTFEB, 16. Tag.

Eine magische Komposition eines Komponisten, der wie viele andere mit ihm in dem musikideologischen Krieg völlig zerrieben wurde, den die Neutöner und die sog. Neoklassizisten miteinander führten, insbesondere als sich nach dem Zweiten Weltkrieg die Musiktheoretiker und Philosophen in die Neue Musik hineinmischten. Man muß aber a l l e s hören können, meint Die Dschungel, die viele Sprachen spricht und eine jede w i l l. Alles zu hören, enthebt einen allerdings nicht der Verpflichtung, Position zu beziehen: Doch sollte sie, um nicht ideologisch zu sein, in ihrer Haltung flirren und sich auch an dem begeistern können, was sie ausschließt.


Hinträumend wird Vergessenheit
Des Herzens Wunde schließen:
Die Seele sieht mit ihrem Leid
Sich selbst vorüberfließen.
Lenau

>>>> Othmar Schoeck, Notturno op. 47 aus dem Jahr 1933. (Meine Aufnahme mit Niklaus Tüller und vor allem der Fischer-Dieskau-Live-Mitschnitt von 1988 scheinen leider derzeit nicht erhältlich zu sein.)

[Von Othmar Schoeck stammt im übrigen eine der beeindruckendsten Opern des Zwanzigsten Jahrhunderts: die einaktige Penthesilea nach Heinrich v. Kleist. Imgrunde ist diese Partitur ein Wunder – allein schon gemessen an ihrem Sujet.]

MDTFEB, 16. Tag.

Eine sehr schöne, wie meist bei Ligeti ruhige Arbeit, die sich hier deutlich auf Charles Ives bezieht, >>>>> mit dem diese kleine Reihe ja nicht grundlos begonnen wurde: Polyphones Komponieren auch der Dichtung ist einer der durch Die Dschungel führenden Pfade, an dessen Beginn für Leser und Hörer ein kleines Holzschild steht, das in der Realität nur bemerkt, wer genau hinschaut:

GLEICHZEITIGKEIT

>>>> György Ligeti, San Francisco Polyphony.

Hier hingegen, in Der Dschungel der Netze, haben wir es als lasciate ogne speranze ganz offen an den Anfang gestellt. Um eine Hoffnung erst zu begründen.

MDTFEB, 15. Tag.

Eingesetzt in einem berühmten Film, um dem ganz-Fremden einen Laut zu geben, dem Göttlichen, könnte man sagen, das zugleich das glänzend-Kalte, aber weniger Schöpfer als Richtunggeber ist – wobei sich ganz vergißt, daß genau diese Klänge vom nächsten geschrieben wurden, das es gibt: von einem anderen Menschen. So wird das Fremde zur Funktion des Vertrauten und ist immer eines in uns:

>>>> György Ligeti, Requiem.

MDTFEB, 14. Tag.

Diesmal einem Wunsch folgend, den >>>> sie gestern selber äußerte: abermals Stockhausen. Und zwar diesmal ein Musikstück, das für mein verbotenes Buch grundlegend war:

http://www.music.columbia.edu/masterpieces/notes/stockhausen/GesangHistoryandAnalysis.pdf” target=”_blank” onmouseover=”status=”Mein Vater ist Peleus. Das ist der Vater des Goldenen Haars.’;return true;”>>>>> Karlheinz Stockhausen, Gesang der Jünglinge (1955/56) für Gesang und elektronische Tonerzeuger.




Man hat laut gelacht im großen Sendesaal im Westdeutschen Rundfunk, als der ‘Gesang der Jünglinge’ uraufgeführt wurde. Und merkwürdigerweise sagten wie heute noch die Intellektuellen, ich sei naiv, solch eine Welt zu musikalisieren. Andererseits, bei der UA 1956, in der in Deutschland so ein ganz merkwürdiger Neochristianismus eintrat, waren die Leute empört darüber, und die Zeitungen standen voll mit großen Schlagzeilen ‘Gotteslästerung’ oder ‘Die Fratze Gottes in Musik’ usw. Und das ist bis heute noch dasselbe, ob die Leute sich über die Behandlung der Materie in meinen Werken aufregen oder über die drei Jünglinge im Feuerofen, die ja auch nichts anderes sind als ein Protest von jungen Menschen – und ich fühlte mich absolut identisch mit einem dieser Jünglinge – dagegen, dass man von uns verlangen wollte, etwas ganz Bestimmtes zu glauben. So wie Nebukadnezar verlangte, dass die Leute jetzt irgendwelche vergoldeten Götterfiguren anbeteten, und die sich weigerten, weil sie eine andere Vision Gottes hatten, und sie sollten verbrannt werden. Also das ist das Beispiel, dass jemand ganz klar seinen Weg geht, ganz egal, was die andern gegen ihn sagen. Und das ist bis heute dasselbe, ich bin immer noch einer dieser Jünglinge im Feuerofen.

Karkheinz Stockhausen

MDTFEB, 13. Tag.


Es muß also Herbst sein. Wenigstens dort, wo traurige Frauen von uns wissen.

Nicht wenige Musiken, die mich unmittelbar prägten und die ich nie aus mir verlor, deren Klang gewissermaßen unentwegt präsent ist, und sei es nur im stillen – nicht wenige solche Musiken werden durch Zufälle ‚entdeckt’, etwa im Radio gehört, und man weiß einfach nicht, was es war. Also beginnt man zu recherchieren, schaut in die Rundfunk-Programmzeitungen, ruft bei Redakteuren an, wird endlich fündig, besorgt sich eine Aufnahme des Stücks… – und dann ist die ganz falsch und hat keinen Klang mehr, die ganze Seele ist weg, welch ein Schmock! rufst du aus. Und plötzlich wird das Stück wiederholt, und man hört es erneut, und wieder hebt es einem auf der flachen Hand das Herz bis zum Hals:

>>>> Frank Martin, Die Weise von Leben und Tor des Cornets Christoph Rilke nach R.M. Rilke. Aus den Jahren 1942/43. Gesungen von Marjana Lipovsek. Unbedingt.

Und der Mut ist so müde geworden und die Sehnsucht so groß.

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