Leider wird es mit der Graphic Novel nun wohl doch nichts. Notiert im leicht taumeligen Arbeitsjournal des Donnerstags, den 24. November 2024. Darinnen zu Giacomuzzis “Briefe an Mimi” sowie Briefe nach Triest, 64.

Es ist mir einfach zu wenig Geld, das der Verlag mir für den → Zilts als Gothic Novel bietet, unehrenhaft zu wenig. Es gingen nun vier Briefe hin und her, schon in meinem ersten war ich unter die Summe gegangen, die ich mir eigentlich vorgestellt hatte, woraufhin der Verleger in seiner Antwort eine für mich eben inakzeptable anbot, der ich in meinem letzte, vorgestern geschrieben, einen noch immer sehr weit unter meinem ersten liegenden Vergleichsvorschlag machte, auf den ich bislang keine Antwort bekommen habe. Wird auch heute geschwiegen, werde ich morgen Pavlenko schreiben, er möge bitte noch nicht anfangen, Entwürfe zu zeichnen, oder, falls er schon welche habe, damit einstweilen aufhören; viele Ideen habe er, hatte er mir zuvor noch geschrieben, nämlich schon.
So dringend ich auch Geld b r a u c h e , darf “Not” (angesichts der Ukraine eh ein lächerliches Wort für mein Leben) meine Entscheidungen ebensowenig diktieren wie die Freude an einer in Aussicht stehenden, bzw. in Aussicht gestandenen hochkünstlerisch graphischen Interpretation einer meiner phantastischsten Erzählungen wie also eben auch Ruhmsucht. Sich eine Handlung von finanzieller Enge aufnötigen zu lassen, ist auch eine Form des Korrumpiertseins. Und wenn eines nach meinem Tod absolut unumstößlich gewesen sein soll, dann, daß Alban Nikolai Herbst niemals, niemals, niemals korrupt gewesen ist. Es ist das einzige Erbe von Wert, das ich meinem Sohn werde hinterlassen können und hinterlassen will.

***

[Arbeitswohnung, 10.28 Uhr
France Musique contemporaine:
Bruno Mantovani, D’une seule voix]

Dafür war gestern der Abend gut, der späte Abend sogar schön. Erst war mein Sohn hier und wir sprachen lange; auch er hatte ein neues Tattoo, und zwar nach einem Foto des der → Sonderausgabe meines Béartzyklus’ beigelegten Stilettos von Cudeman; — sowie das Tattoo abgeheilt ist, werde ich es an meinem Sohn fotografieren und in  Der Dschungel einstellen. Ich meine, mein  knapp Dreiundzwanzigjähriger hat so die Béarts geehrt! Da muß der Vater stolz sein.

Abendstimmung 24. November
Blick auf das Dach des Vorschreibtischregales

Und wie raffiniert er’s getan hat! Über den Ellbogen hinwegtätowiert, so, daß sich die Klinge einklappt, winkelt er den Arm an, und wieder aus, sowie er ihn streckt.

Und dann habe ich mich ganz begeistert festgelesen, nämlich in Peter Giacomuzzis → Briefe an Mimi, einen, nun jà, Roman ..?, der eigentlich eine Collage aus den Liebesbriefen ist, die ein Mann einer schon in der Kindheit des Dichters alten Dame geschrieben hat, und Assoziationen dazu, poetischen Miszellen und Parallelführungen zur Gegenwart sowie zuweilen historischen Erläuterungen, etwa über Häuser, die es heute nicht mehr gibt, und der Situation, in der sich Südtirol vom Beginn der Dreißiger Jahre bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs befunden hat und was dies mit den Menschen machte, teils nach wie vor noch tut. Die oft dunklen Eigengedanken Giacomuzzis etwa zur digitalen Welt bestechen quasi gegen ihren Pessimismus in ihrem poetischen Ton:

die Dolomiten (…) sind der in fels gehauene ethnische konflikt.

Und mir besonders nah:

die welt sind meine sinne. alles andere ist religion.

Bei Seite 114, etwa der Hälfte des solide eingebundenen Buches, hörte ich gegen 22.30 Uhr zu lesen dann auf. Tagsüber allerdings, bevor ich an den Triestbriefen weiterschrieb, nämlich bereits morgens, begann ich eine neue Serie, und zwar das Protokoll eines Medikamenten-, ich schreibe mal, —versuchs, den ich jetzt, in meinem seit (fast zu) langem wieder alkoholfreien Monat einigermaßen risikofrei starten konnte. Worum es genau geht, lesen Sie, Freundin, → dort. Nur der erste Beitrag dieser Serie wird auf der Dschungel-Hauptsite stehen, alle weiteren finden sich dann im → Krebstagebuch, werden aber miteinander eigens so verlinkt sein, daß Sie von dem ersten Text lässig zu den nächsten Beiträgen weiternavigieren können. Wenn Sie denn mögen. Jedenfalls ist mir momentan, nachdem ich nach draußen war, um mein italienisches Lindnerbrot zu besorgen, von dem PREGABALIN, ein wenig “taumelig”; das Wort trifft es ziemlich gut. Sowie ich aber sitze, schreibe und Musik dabei höre, wird der Kreislauf wieder linear. Was auch recht spannend ist. Machen wir uns bewußt, wie enorm chemische Mittel auf uns einwirken, doch ebenso, daß es ebenfalls chemische “Mittel” sind, die uns ohnedies konstituieren, wird deutlich, wie chemisch determiniert wir insgesamt, also auch natürlicherseits sind — so daß wir gar nicht sagen können, was wirklich ist und was nicht. Womit wir sofort in der Konzeption meiner literarischen Ästhetik zurücksind und ganz besonders in der sich nun, gegen Ende der ersten Fassung, zuspitzenden “Botschaft” der Briefe nach Triest.
An der ich gestern saß. Zwar nicht nach Anzahl der Seiten (momentan täglich neue etwa drei), doch in dieser Zuspitzung bin ich sehr gut weitergekommen, weiß allerdings nicht, ob ich den Übergang, wie er jetzt dasteht, so werde lassen können:

Magisches Denken, Geliebte,

30. August
David Ramirer, d o t s für Rahel (2017)

so wird etwas Ähnliches bei Kindern genannt, ein Blütenblätterzupfen, wenn Du so möchtest: Sie liebt mich, sie liebt mich nicht. Bis wir es wissen und hüpften über die Pflasterung, demn wenn wir es schafften, mit den Schuhen keine der Fugen zwischen den Steinen zu berühren, würden wir auch die Mathearbeit nicht verhaun oder es gibt hitzefrei. Doch ist dies ein Andres, magisch nämlich in der Tat. Ich habe vor der Flixbushaltestelle gestanden, das Foto beweist es, beweist es mir selbst, und möglicherweise oder sehr wahrscheinlich sind Du und ich tatsächlich im Revoltella schon gewesen, selbst dann, wenn ich noch gar nicht in Triest war. Die Carsomarer Venus hat zu sehr protestiert, die Lenz nach Deinem Leib gestaltet hat und vielleicht nach ihm nicht nur. Ach Amphitrite, die mir schon vor sechzehn Jahren vollendet für die Schönheit galt! Das Werk als Ausdrucksform des Lebens., des meinen anders nicht als Klingers. So falten wir die Wirklichkeit. Ach, tu da doch ein bißchen mit. Die Illusion sei das, schrieb Louis Aragon, Fleisch auf den Dingen. Fast sechzehn Stunden, ich erinnere mich, währte meine Busfahrt nach Triest. Sie ging über Prag, Klagenfurt und Ljubiljana. Die Sonne gleißte, als wir den Karst die Serpentinen in Deine Stadt hinabgefahren sind; ich hatte kaum vier Stunden und auch mehr nur gedöst als wirklich geschlafen und kam doch völlig ausgeruht an.

Doch das soll die Überarbeitung zur zweiten Fassung zeigen. Jetzt wird erstmal bis zum Ende weitergeschrieben.

__________________________
Briefe nach Triest 63

Bene, jetzt die tägliche Frühjstückscaprese, dann an die Briefe.

Ihr
ANH
[France Musique La Baroque:
Bach, Cantate BWV 201]

 

Maldorors Dildo ODER Der Tod ist schwarz. “Die Wurliblume” von Jo Imog.

Meine Strümpfchen sind rot.
Wen ich lieb, mach ich tot.
Wer mich liebt, den mach ich tot.
Drum sind meine Strümpfchen rot.
Sind es Kinderstrümpfe,
sind es keine Strümpfe.
Rot ist nicht rot —
tot ist tot.
Rot ist nicht der Tod —

 

Wie um Göttinswillen erzähle ich von diesem Roman? Es war schon schwer auszuhalten, ihn zu lesen. Wer bei meinen Büchern, behauptet, d i e seien eine Zumutung[1]Um ganz von den angeblich unaushaltbaren Szenen in Meere zu schweigen., hat noch niemals eine erlebt, sondern zuckt ums Leben, weil ein Tropfen Bluts in sein warmes Badewasser fiel und auf dem in der Wanne hochgeflockten Seifenschaum ein rötlich Fleckchen hinterließ. Die Wurliblume zieht aber tatsächlich eine Spur der Verheerung hinter sich her, die zugleich Verheerung, ihrer selber, ist, und der, ja, ihm inhärente Skandal dieses Textes, daß eben nicht einfach von einer Täter-Opfer-Umkehr gesprochen werden kann, wie ich u.a. → dort las, sondern der sich hier ziemlich hämisch feiernde Sadismus steht vielmehr in wechselseitigem Austausch mit dem der deutschen Dörfler, unter und zwischen denen sich die Handlung begibt. Skandalös ist aber vor allem, besonders in diesen neumoralischen Zwanzigerjahren, daß die Geschichte[2]1972 bei Rowohlt als Taschenbuch erschienen; mein Exemplar gibt eine Auflage vom 34. bis 43 Tausend (!) an, was — einen absoluten Bestseller bedeutet. von einem Mädchen erzählt wird, das zu Beginn das Buches etwa zehn, am Ende dreizehn Jahre alt ist und von allem Anfang an geradezu geworfen – und dorfpassend inzestuös[3]Zu meinem Tier ist er [des Mädchens einer Bruder] sehr lieb, er hat nicht so harte Fingernägel [wie sie], seine Fingerkuppen sind größer und fleischiger als die meinen. Dieses Spiel ist wirklich … Continue reading – sexualisiert ist. “Mein Tier ist gespalten”, fängt “die Kleine” gleich zu erzählen an, “der Ort, an dem ich wohne, auch; deshalb sag ich zu ihm Spalt, auch blauer Mund oder Zipfel, weil da ein Zipfel ist (…)”, nämlich die Clitoris, die ihr, aber vor allem auch geradezu sämtlichen Jungens und Männern, die’s mit der Wurliblume zu tun bekommen, extem zu schaffen macht. Ein glückhaftes Zusammengehen ist ihr nur im Traum gegönnt:

Mein Geist [der ihr aus dem von ihrer Mutter vorgelesenen Winnetou ersteht, ANH] kommt so ziemlich jede Nacht zu mir. (…) Er weiß sicherlich, daß ich mich nur aus Angst vor ihm schlafend stelle. Er ist so vorsichtig, spricht niemals, um die anderen nicht zu wecken. Zu ihnen geht er nie, nur zu mir. Deshalb, und weil sein Kommen so unheimlich schön ist,

hier bereits deutlich die das Buch bestimmende perverse Ambivalenz: sich aus Angst schlafend stellen, weil es unheimlich schön ist,

nenne ich ihn meinen Geist. (…) Ich liege vor dem Einschlafen immer auf dem Rücken, so kann ich ihn sehen, wenn er (….) in der Schlafzimmerür erscheint. Gefühlt habe ich ihn schon längst (…), ich seh, wie er auf mein Gitterbett zukommt, an meiner Seite stehen bleibt, sich dreht und wendet in den Laken, langsam mit den Armen schwingt, heiße und kalte Luft um sich wehen läßt, die mich piesackt wie Stecknadelspitzen prickeln; es tut richtig weh. Das Schöne ist etwas anderes: Er schleicht ziemlich lange um mein Bett, dann hebt er sich ganz langsam vom Boden, mir wird wahnsinig heiß, weil ich weiß, daß er jetzt waagerecht über mir schwebt — sein verhüllter Leib berührt mich nur ganz wenig, und dann fühle ich den heißen Atem direkt vor meinem Gesicht, gegen meine Lippen bläst er, gegen meinen Hals, in die Augen, die ich jetzt fest geschlossen habe, er darf niemals merken, daß ich noch nicht schlafe. Einmal, zu Muttis Geburtstag, hatte ich Wein getrunken, daher weiß ich, was ein Rausch ist. Das, was ich mit meinem Geist fühlen kann, ist tausendmal stärker, viel gefährlicher und unendlich schön.  Ich kann nie verfolgen, wie er von mir weggeht, muß immer irgendwo anders sein zu dieser Zeit, und dann bin ich traurig und habe keine Angst mehr [Um nicht traurig zu sein, muß sie Angst haben! ANH], möchte ihn  zurückrufen. Ich schieb mein langes, albern weißes Nachthemd über meinen Buch bis unter den Hals zu einer dicken Wurst zusammen, vielleicht erscheint er noch einmal. Er ist nie zweimal gekommen, alles Bauchstreicheln nutzt mir nichts, aber er kommt jede Nacht. Deshalb schlaf ich morgens etwas länger, damit der Tag schnell um ist und ich ihn wieder fühlen kann.
S. 10

Einmal abgesehen davon, daß durchaus nicht heraus ist, ob der in Bettlaken gehüllte “Geist” nicht tatsächlich ein Mann, ein Freund der “Mutti” etwa, ist, der nicht erkannt werden will und von dem erregten Mädchen ins Traumgebilde eingesponnen wird, und daß mir dieses für sie, die Mutter, strikt durchgehaltene Wort “Mutti”, stetig fürchterlicher wurde und schließlich kaum mehr zu ertragen war, derart gewalttätig ist diese rohe Frau sowohl seelisch als auch direkt körperlich — davon also erstmal abgesehen, laufen die kommenden Legionen der Übergiffe, Mißbräuche und schließlich auch penetrierenden Vergewaltigung nicht im entferntesten derart sanft ab wie im geschilderten (Halb)Traum, paaren aber mit ihnen zugleich der Wurliblume eigenkörperliche, sexuelle eben, Lust:

Er sagt dann, wir müßten beide unsere Röcke ausziehen und auf die Erde legen, auch die Unterhosen. Ich frag ihn, was das soll und was wir dafür kriegen. Er meint, die mit dem schöneren Hintern wolle er bohren. Wie er das wohl machen will? Er sagt, ganz echt, so wie er es bei seiner älteren Schwester machen dürfe, wenn sie alleine seien. Ich bin neugierig, weil ich mit meinem Bruder noch nie gebohrt, sondern immer nur gewippt[4]Was sie damit meint, wird weiter unten deutlich; hier bewußt k e i n e “Erklärung”. ANH habe, und so mache ich mit, hab meine Hose schnell runtergezogen und schäm mich, weil es eine dieser rosanen Strickdinger ist (…). Aber als ich Renate sehe, die so spindeldürr ist, nur Knochen und weiße Haut, bin ich doch gleich wieder obenauf, es ist auch so dunkel, daß sie meine Hose gar nicht erkennen können. Unsere Popos blitzen trotz der Dunkelheit. Wir stehen beide vor ihm, sehen ihn an. Er sagt, er wolle erst das Rückwärtige sehen, bevor er bohrt, wir sollen uns mit dem Gesicht zur Holzwand stellen, am Balken festhalten, die Beine steif machen, Knie nach hinten durchdrücken und uns so im Kreuz biegen, daß die Wölbung richtig zur Geltung komme. Wir machen alles mit. Es ist still hinter uns und das etwas zu lange. Ich frag, was denn nun komme, ob er nicht mehr weiterwisse? Er meint, es dauere ein bißchen. Dann hör ich die Schnalle, die silberne mit der Lilie, von seinem Gürtel klimpern. Er fragt, ob er meinen Popo – [Ihre Vulva nennt sie übrigens oft, neben “mein Tier”, mein Pipi] – mal streicheln dürfe, aber ich will nicht, ich will wissen, wer den schöneren Popo hat, er soll – [Das ist nicht mehr indirekte Rede!] – sich endlich entscheiden, wen er bohren möchte. Meiner sei schöner, sagt er. Ich bin ganz stolz, will aber wissen, warum.
“Weil Renates zu dünn ist.” Wir fragen, ob wir uns umdrehen dürfen, wir dürfen. Er hat den Hosenschlitz aufgeknöpft und holt sein kleines Würstchen hervor, ich dachte, er müsse doch so ein Dings haben wir mein Bruder. Aber nein, das Würstchen wird weder härter noch länger, ich hab wirklich kaum mehr Lust, mich bohren zu lassen.
S. 41/40

Was bedeutet, wie sie in diesem Zitat selbst betont, daß sie Lust gehabt habe. Machen wir uns unbedingt weiterhin klar, daß diese Rollenprosa nicht etwa von einem wie immer auch notgeilen oder schwerzynischen Mann, sondern von einer Frau geschrieben worden ist. Selbst wenn wir die Erzählung als eine grobgemütlose, um von “Geschmack” zu schweigen, Satire aufs primitivste Proletariat lesen wollten, bleibt der Eindruck eines extremen Sado-Voyeurismus im unangenehmsten Recht, etwa in der folgenden nun überdies sodomitischen Szene:

Da ist das Grunzen wieder, diesmal ganz dicht. Die nackte Angst durchrieselt mich. Meine Beine sind schwer, ich kann sie nicht mehr heben, meine Arme sind steif, ich bin gelähmt! Das Grunzen ist hinter mir, stößt gegen den Schlitten, der Schlitten wird schwerer, ich kann ihn nicht mehr ziehen. Das Grunzen hält ihn fest, und dann fühl ich es an meinem Arm, im Nacken sitzt’s mir eiskalt, von ganz dich, durch Stoff und Haut, greift mich an, gräbt scharfe Fingerkrallen in meinen Oberarm, zerrt an mir, bis ich in den Schnee stürze. An meinem Hals hinten spüre ich die nasse Schnauze von dem Vieh, dem Schwein, dem Wildschwein! Ich reiß mich vom Boden hoch, strampel mit den Füßen, ras in Richtung Heimat.
“Was wühlst du mit der Schnauze da unter dem Mantel? Du Luder, dir werd ich’s zeigen! Laß die Klauen von meiner Puppe! Mistvieh! Verschwinde, du Aas!”
Da krümmt es den Rücken, taumelt in schlierigen Stapfen auf mich zu, spreizt die Haxen, springt auf der Stelle, dreht sich, es ist bei mir. Ich will weglaufen, da steckt es die Hinterbeine in den Schneematsch, schlingt die Vorderklauen um meinen Hals, umklammert mich, läßt nicht los, die heiße Schnauze. Es drückt mir die Luft ab! Ich kann mich nicht bewegen, weil es mich so fest umklammert hält. Ich kann nicht schlagen, aber ich weiß, was man mit solchen Viechern macht! Ich zieh mir, so gut es geht, die Hosen runter. Das Schwein preßt den heißen, glatten Bauch gegen meinen Rücken. Ich werf mich blitzschnell vornüber, geh ein bißchen in die Hocke, jetzt hängt der Lappen über mir, schnaubt wütend
[,] und dann greif ich mit meiner Hand von vorn zwischen meine Beine durch, und da hab ich auch schon das heiße, weiche Ding in meiner Hand. Ich zieh es durch meine Beine nach vorn, klemm die Schenkel ganz fest zusammen, damit es nicht zurückrutschen kann. Es ist ganz schnell aus dem Haarsäckchen geschlüpft. Mein Tier ist genauso aufgeregt. Ich steck die beiden zusammen [Sie steckt!], zeig ihm, wie man es macht, dann geht es wie bei meinem Onkel: rit-mus-rit-mus. Der heiße Wurm wird so groß, daß ich ihn wachsen fühle. Das Schwein hat ganz vergessen, was es wollte. Es schnaubt mit seinen Bewegungen, zuckt in den kurzen Schenkeln, ich muß mitzucken, weil ich aufgespießt bin, mach mich endlich los. Das Schwein fällt vor mir auf seine vier Haxen, streckt mir seinen Hintern hin, ich geb ihm einen ordentlichen Tritt.
“Willst wohl mit nach Haus?” Ich tret ihm in die hochgereckte Schnauze, sein Stummelschwanzwedeln bedankt sich dafür.
Mein Christus
[die “Puppe”, eine Holzstatue] liegt seitlich ausgestreckt auf dem Boden im Schnee. Der andere Arm ist auch abgebrochen. “Du Vieh!” Ich zieh dem Schwein damit eins über den Schädel. Den Kopf von meinem Jesus [Hier unversehens wieder Kindersprache.] bette ich auf den abgebrochenen Arm. Ich knie mich neben ihn. Wenn ich mein Gesicht ganz neben seins lege, kann ich sehen, daß er tot ist. Er schläft vielleicht nur, aber in den Augen ist so viel Weißes!
S. 111/112

Wie geschickt die Autorin das Schimpfwort “Schwein” hier, weil es biologisch tatsächlich eines ist, legitimiert! Und geradezu entsetzlich organisch werden in der Szene der Eber und des Mädchens mißbräuchlicher “Onkel” identisch. Doch ist das nur eine der zahllosen Stellen, die bei allem Leserabscheu extrem aufmerken lassen. Ebenso die Rhythmisierung. Und dann die auch nicht zu erwarten gewesene Symbolisierung: Christus ist tot, es gibt keine Erlösung. Aber vielleicht schläft er ja nur … — Doch leider, leider nicht:

Er aber knöpft sich seine Hose noch weiter auf, will sich auf mich drängeln, das ist jetzt wohl jenes Scheißspiel, das mein toter Bruder mit mir spielen wollte,

der sich umgebracht hat, nachdem sein Mißbrauch bemerkt wurde, zu dem ihn die Wurliblume allerdings durchaus auch verführt, wenigstens mitverführt hat; auch ihr zweiter Bruder wird sich umbringen (ihre gehaßte hochschwangere Schwester hingegen bringt sie selbst um, und das grad noch geborene Baby wird von einem nächsten Mißbraucher am Ufer verscharrt),

bei dem mir die Eingeweide so brennen! Ich mag das gar nicht und witsch immer wieder unter ihm weg. Er zieht mich zurück. In der einen Hand hält er sein Ding, es ist jetzt auch ganz fest, ich hab’s gemerkt, weil er mir damit in meinen Bauch gestoßen hat und dann noch einmal, aber ich will nicht! Ich hab Angst vor dem Bauchweh, ich kann das Spiel nicht leiden und werd wütend, weil er mich so fest umklammert. Schrei ihn an, er solle mich loslassen. (…) Er hält mich nur noch fester, daß es weh tut. Ich beiß ihn, so fest ich kann, in die Stelle, wo er Haare auf der Brust hat, immer fester grab ich meine Zähne hinein, strampel mit den Füßen.
“Ich will los!” Er schreit auf. Ich beiß noch fester. In diesem Moment hat er mir seinen Miststock in mein Tier gebohrt. Ich heul und heul, weil ich dieses Scheiß-Scheiß-Spiel hasse und den verdammten Onkel! Ich spuck ihn  an: “Ich werd dich totspucken!” Er wird plötzlich ruhig, nachdem er ein paarmal mit dem Hintern gewackelt hat, zieht seinen Pint raus, hockt sich über mich und knallt mir eine mitten ins Gesicht (…), und dann viel später, nach einigen Stunden, hat
[er] mich in die Decke gewickelt, ins Zimmer getragen. Ich kann sehen, daß seine Augen feucht sind. Er legt mich neben sich ins Bett, streichelt mich, reibt überall, damit ich auftaue [Sie war zwischendurch weggelaufen, hinaus in den Schnee.]. Den Rest der Nacht schlafen wir beide schlecht. Ich kann  nicht, weil ich husten muß; er weint. Weil er mir leid tut, streichle ich sein Würstchen, er mein Tier, davon wird mir wieder warm. (…) Dann nimmt er seine Hand von meinem Ding, legt seinen Kopf wieder zwischen meine Beine und spielt mit meinem Tier. Nach einer Weile kommt er mit dem Kopf aus der Decke raus, fragt, ob ich das leiden mag, ich sag: “Ja”. Er kriecht wieder unter die Decke, ist ganz lieb zu meinem Tier.
S. 142

So viel gegenseitige Verlorenheit, eigentlich. Es wäre zum Flennen, gäbe es zu den Vergewaltigungen in Reihe – sämtlichst von Männern verübt, die in keiner Weise Geist noch auch eigentlich Macht haben, sondern machtlos selber, Geworfene auch sie, sind – nicht auch noch diese anderen Stellen:

Die Rinden, die sich krümmen wie meine Schnecken unter dem Streichholz (S. 13) – (…) ich kann ungestört mit den Schnecken spielen oder auch Ameisen ertränken oder Regenwürmer zerteilen. Mein kleiner Bruder muß sie manchmal schlucken, ich sag ihm, daß es Stöckchen sind. Er ist zwei Jahre älter als ich, aber viel dümmer, er glaubt und macht alles, was ich ihm vorspreche. (S. 20) Mit der Nadel spieße ich die Käfer und größeren Spinnen auf, nach dem Knax leben sie noch lange weiter, auch Spucktropfen stören sie nicht besonders, Beinauszupfen macht sie kribblig. Wenn ich die Streichholzflamme dagegenhalte, schrumpfen sie zu winzigen Häufchen zusammen, die nichts mehr mit Käfern und Spinnen zu tun haben, und nach verbranntem Haar stinken. (Ebda.)– Einige [Schnecken] kommen immer wieder von der Bahn ab; zur Strafe mach ich sie einäugig, mit meinen abgebissenen Fingernägeln ist’s recht schwierig, die Augen abzukneifen, aber weil ich Zeit habe, gelingt es mir immer. Die Sieger gegen die die Sieger, die Untauglichen ins Pinkelbecken, wo sie bald die ausgestreckten Schleimbäuche nach oben kehren. Oder mit blitzschnellen Stichen aufs Käferhölzchen gespießt, sie befühlen sich im sinnlosen Lauf, die Käfer, die Spinnen, die Schnecken, ich wünschte, Mutti oder meine Schwestern könnte ich so klein verzaubern, ich würde sie unter der dicksten Spinne festsetzen, stundenlang auf dem Bauch liegen, zusehen, ihren Fistelstimmen lauschen. Ich lasse niemals eines dieser Tiere am Leben, auch Bienen und Wespen mag ich nicht. (S. 21)– “Sargnagel”, sagt sie [die Mutter]. Wär ich doch bloß einer und dann so lang und spitz geschliffen, daß bei dem Zuschlagen des Deckels meine angefeilte Nagelspitze in ihr Auge bohrt, über dem Schädel soll es auslaufen, der langsam verbleichen, sich schälen soll wie ein Bratapfel. Ich möche auch, daß sie im Winter stirbt, damit’s recht eisig ist unter der Erde, und ich um die Weihnachtszeit an sie denken kann, wenn ich am warmen Ofen sitze und richtige Bratäpfel esse.
(S. 29)

Wobei dieser grenzenlose Haß auf ihre “Mutti” durchaus berechtigt ist; im Tableau dieses Romans nehmen die Figuren einander an Grausamkeit nichts, aber auch gar nichts:

Die Männer, in ihre Decken gehüllt, stehen dicht am Ausgang, sie wollen zu den Mädchen. Der eine Zigeuner zittert am ganzen Leib, er zuckt, öffnet sein zahnloses Maul, aus dem Schaum sprüht, plärrt wie ein abgestochenes Schwein, wie der Hirsch im Frühtau [ein Einfall, der jetzt wieder erstaunt und allem Elend eine besonders unangenehme Größe verleiht), springt den Durkan an, der sich bedächtig umdreht. Dem Alten sind die schmutzigen Lappen vom Gestell gerutscht, er will neben dem Durkan aus dem Eingang stürzen, der eine Arm ist verwachsen, ein Fleischknödel muß abgepreßt worden sein und irgendwie wieder verheilt, sieht aus wie das Loch einer Kuh, bevor sie Fladen fallen läßt, dadurch hat er ein Messer gesteckt und will’s dem Diurkan in den Leib stoßen. Gelassen dreht sich der Durkan um gegen den wütenden Trottel, der mit seinem gesunden Arm in die Luft sticht, wie wild fuchtelt, der Durkan drischt die Faust in das verschrobene, verzerrte Gesicht, der Mann steht versteinert, völlig unbeweglich plötzlich, kein Zucken mehr, kein Laut, Schaum spritzt aus dem Schlund und etwas Blut.  Der Durkan zieht das Messer aus dem Arschloch und führt es mit unheimlich gekonnten Strichen zuerst waagerecht, dann senkrecht über die Stirn des Irren, kein Tropfen Blut ist auf dem Schädel zu sehen, die Haut biegt sich trocken gegen den Hautansatz, wölbt über der Stirn, Haarschopf, Kringelnacken, am Haaransatz im Nacken macht sie eine Krause, der Schädel ist rot wie die Ziegenköpfe beim Schlachter, denen man das Fell abgezogen hat, das da hängt oder liegt und auch nicht mehr blutet. Die andere Hauthälfte trennt sich im unteren Gesichtsteil von den Augen, zwei haarumsäumte Wimpernlöcher zwinkern, die Nase wird mit einem flinken Ruck frei, dann das Mundloch, der Lappen hängt unter dem Kinn, kringelt sich da zusammen wie die Apfelsinenschale auf dem Ofen. Der Irre sieht aus wie ein geplatzter Granatapfel im Hochsommer, mit einem ganz kurzen hieb schlägt der Durkan das alte Ding ab, steckt dem Krüppel, der immer noch noch steif steht, das Messer ins Arschloch, dann geht der Durkan zum Toreingang. (…) Aus dem abgeschlagenen Pint drückt von innen Fleisch nach, er scheint noch lebendig zu sein, aber das glaube ich nicht!
S. 51/52

Besonders infam wird es bei der an einem vereisten Fluß stattfindenden Geburt ihrer Nichte und der Ermordung der Mutter, ihrer schwangeren Schwester:

“Nein,nein, nein! Mutti, Muttilein! Uahh, aua!” Sie wälzt sich, muß verrückt geworden sein. Ich hab den Koffer aus dem Wasser gezogen, mach ihn  auf, schmeiß die ganzen Klamotten in den Fluß und den Koffer hinterher. (…) Sie hat sich in die Hose gemacht. Da ist ein dunkler, wachsender Fleck, der die helle Unterhose verfärbt, ausbeult. (…) Ich hock mich auf den Platz zwischen ihren Beinen, weil ich so den Fleck besser beobachten kann. Kurz bevor sie still war, sagte sie: “Das Kind, das muß es sein.”
Ich bin wahnsinnig aufgeregt. Der Mantel ist klitschnaß, die Sachen darunter sind es auch (…). Ich zieh ihr die Hose ganz aus, sie hat anscheinend nichts dagegen, bewegt sich überhaupt nicht mehr.
Aus dem Loch zwischen ihren Beinen kriecht ein Stummel, ein heller Schwanz. Ich faß ihn an, zieh ein bißchen, er hat Rillen, die sich rauh anfühlen. Nur langsam wächst er aus der dunklen Höhle. Ich faß mit beiden Händen an, zieh vorsichtig, der Schwanz dehnt sich in die Breite, die Rillen fingerdick geschwollen. Dann geht es nicht mehr weiter. Aber da ist noch was drin, weil es klemmt, hinterhakt. Ich zieh mit aller Kraft.
“Hilf mir doch, du da!” Der Schwanz ist so lang und breit wie mein Arm, aber da ist noch was dran. Jetzt kommt es. Ein helles Bündel an der einen Seite vom Schwanz, an der gegenüberliegenden Seite auch. Das sind zwei Beinchen! Richtige Beinchen mit Füßchen dran und winzig gekrümmten Zehen! Ich muß es ganz haben, muß stärker ziehen.

Und dann, als das Baby auf der Welt ist:

Ich steichle über die nasse Stirn, ganz leicht mit zwei Fingern. (…) Weiche, rosige Haut. Noch nie hab ich eine so schöne Puppe gehabt. Ich möchte, daß sie lacht, mit mir spielt.

Die Schwester interessiert fast nicht mehr. Dann aber doch:

Du liebe Zeit, meine Schwester, mein Plan! Sie liegt noch immer so da. Ich glaube, sie ist ein Stück weiter ins Wasser gerutscht. Ich mach ihr die Beine zusammen, sie sträubt sich. Ich werd wütend.
“Wenn du nicht gleich mithilfst, schmeiß ich dich ins Wasser!  Stell dich nicht so blöd an, Rabenmutter!” Ich leg das in den Mantel gewickelte Kindchen ein Stück weg von meiner Schwester in den Schnee, steig vorsichtig ins Wasser, denn ich will nicht absaufen. Es ist so eisig, Ich werd mir die Füße abfrieren. Dieser faule Haufen. Nur gut, daß sie nicht redet, immer noch ganz ruhig schläft. Ich faß sie unter den Achseln, greif so fest ich kann in den Mantelstoff, und dann zieh und zieh ich sie Stück für Stück ins Wasser. (…) Jetzt wird es zu tief, ich kann meine steifen Beine kaum mehr anheben. Ich laß den Sack so liegen, klettere auf allen v
[V]ieren ans Ufer zurück, weil ich sie jetzt an den Beinen anfassen muß, die sie schön steif hält. Sie rutscht gut. Ihr Kopf muß schon im tiefen Wasser sein, genau kann ich das nicht sehen, aber sie pendelt leicht. Der letzte Rutsch geht spielend. Ich steh auf zwei großen [Komma gestrichen. ANH] nebeneinanderliegenden Steinen. Ein Schubs, ein Ruck – beinahe wäre ich vornübergekippt. Ich mach Gleichgewichtsübungen mit meinen Armen. Das kann ich, hab’s auf unserer Terrasse geübt. Ich seh, wie sie erst ein Stück auf die Flußmitte zutreibt, sie schwimmt gut! Dann dreht sie sich und segelt mit dem Kopf voran Richtung Ostsee.
S. 124/125

Daß das Kind tot geboren wurde oder im Schnee stirbt, muß ich wahrscheinlich gar nicht erzählen. Die Wurliblume schert es nicht, die nun dem schon erwähnten “Onkel” begegnet — einem Mann, der dieser seinem Eindruck nach Verlorenen erst einmal nur helfen möchte, schließlich aber, es war nicht anders in diesem Buch zu erwarten, ebenfalls hart übergriffig wird:

Er hält meinen rechten Schenkel fest, damit ich nicht friere. Ich sag zu meinem Onkel immer ‘Sie’ und ‘Onkel’. Ich solle doch Günther zu ihm sagen, das alberne Wort ‘Onkel’ weglassen. Ich verspreche mich sehr oft. Wir wetten; jedesmal wenn ich ‘Sie’ sage, muß ich ihm einen Kuß geben. Ich finde das recht witzig, aber auf die Dauer langweilig, also verspreche ich mich nicht mehr.
S. 132

— … und ihm eine rührselig verlogene Geschichte dessen erzählt, was tatsächlich geschehen ist. Das Baby bleibt lange Zeit vergessen. Die beiden sonnen sich auf Liegestühlen, als die Sonne über das verschneite Land brennt. Danach kommt es zu weiteren gewaltsamen Übergriffen, die das Mädchen sowohl will wie ablehnt, Libido wird scharfe Aggression, es wiederholt sich die immergleiche Dynamik:

Ich möchte eigentlich gern wiederkommen zu Onkel Günther. Dieses Kreidelecken [einen Cunnilingus; siehe Schlußbemerkung.] mag ich sehr gern. Er hat mir auch versprochen, mich nie mehr zu bohren. Ich hab noch ein paarmal das schöne Gefühl, und dann bin ich hundemüde und schlaf irgendwann ein.
S. 142

Zwischenzeitlich habe ‘Onkel Günther’, erzählt er, das tote Kind genau dort vergraben, wo die Wurliblume ihre im furchtbarsten Wortsinn ohnmächtige Schwester ins Wasser hineingeschoben hat. Jetzt, endlich auf dem Heimweg, will sie sichergehen und schaut bei Tage besser nach:

So, eine halbe Stunde habe ich Zeit. Wenn er mich belogen hat? Ich laufe das Stück Weg entlang bis zur Wiese, über die ich mit meiner Schwester zum Fluß gewankt bin. (…) Am Tage sieht alles anders aus. Man kann ganz genau braunrote Flecken sehen und an der Stelle, wo der breite Streifen in den Fluß führt, ist eine festgestampfte Erhebung. Ich greif einen Stein aus dem Wasser, kratz in das gefrorene Häufchen einen kleinen Tunnel. Da ist ein Fleckchen lila Fleisch, das Kindchen. Ich möcht es gerne mitnehmen, es zu Hause baden, aber das geht nicht. Der liebe Onkel Günther! Ich muß zurück, wieder in meinen Fußstapfen, aber diesmal in denen für den Rückweg.
S. 143

Wobei ich Ihnen Zitate der wohl heftigsten Übertretung jetzt erspare, wenn sie nämlich den Phallus ihres noch hängenden anderen Bruders, nachdem der sich ebenfalls umgebracht hat und vom Wurliblümchen und ihrer mütterlichen Freundin Wurio noch am Strick gefunden wird … — wenn sie nämlich mit deren Hilfe versucht, den todesstarren Phallus “in ihr Tier” hineinzustecken. Vielleicht aber doch das:

Wurio hebt mich hoch, ich klammer mich an seinen Schultern fest, an den Pullover. Kann die Fischaugen mit den roten Flüßchen drin von ganz dicht sehen. (…) “So ist’s brav!” Ich setz mich selbst auf seinen Finger. So wie ich will. Mach die Bewegng, die er gemacht hat, aber so, wie ich will. (…) Wurio steht unter mir, hält mir ihre Hände entgegen. Nein, nur die eine, die andere hat sie unterm Rock.
S. 177

Wie kam ich nur auf dieses entsetzliche, aber in der künstlerischen Faktur extrem gut gebaute Buch[5]Sogar die, hier aber nicht durchgängig, falschen Konjunktive lassen sich als Rollenprosa abbuchen. ANH? Ich weiß es nicht mehr, fand es beim Umräumen neulich bei den, ja, Kinderbüchern, wo es einzuordnen mich ganz sicher die Illustration des Umschlags verleitet hat. Hineingeschaut hatte ich nicht und bin Göttinseidank auch nie auf den Gedanken gekommen, es meinem damals noch kleinen Sohn vorlesen zu wollen. Genau dafür muß es aber bereitgelegen haben. Und nun sortierte ich aus, was ich aus Herzensgründen aufheben mochte (Jim Knopf, Der kleine dicke Ritter, Nils Holgersson usw.), schaute d a erst hinein. Und dann … —

Über die Autorin, übrigens, hat sich nur wenig herausfinden lassen; ich habe ziemlich gesucht. Wie ein Tuch scheint sich über sie das Schweigen gelegt zu haben, obwohl dieses Buch sogar ins Amerikanische übersetzt worden ist und – vielleicht auch aufgrund des eher ans Horrorgenre, jedenfalls nicht an ein Kinder- oder Jugendbuch erinnernden englischsprachigen Titels The Demon Flower –, in den USA einigen Erfolg gehabt zu haben scheint. In Deutschland blieb die Autorin nicht einmal eine literargeschichtliche Fußnote, auch wenn ihr Wolf Donner, allerdings erst drei Jahre nach der Ersterscheinung des Buches, eine ausführliche und spürbar faszinierte → Rezension in der ZEIT geschrieben hat, gegen den Mainstrich offenbar. Als Uta Haack geboren und erst kürzlich, 2014, verstorben, habe sie auf Ibiza gelebt und sei als Ute Schröder bei der Biennale d’art contemporain de Lyon mit Environments vertreten gewesen. Sie starb im Februar 2014. Nichts davon habe ich verifizieren können.
Es scheint mir die Zeit zu sein, die heutige besonders, dieses Buch wieder ins Licht zu heben, auch wenn es – oder eben, weil es – uns mit etwas, ich sag mal, “Möglichem” konfrontiert, das wir so eigentlich besser nicht wissen wollen. Und vielleicht ist es ja doch anders, und Die Wurliblume gehört tatsächlich in die Nachfolge der lautréamonschen Maldorors. Ein Indiz dafür findet sich im auch stilistischen, deutlich surreal-phantastischen Höhepunkt des übrigens so schmalen Romanes nicht, wie er im Taschenbuch mit seinen als solchem 187 Seiten zu sein scheint; in einer bei, sagen wir, Schöfling & Co. erschienenen Ausgabe hätte es locker doppelt so viele, wenn nicht sogar (ich mag die Zeichen jetzt nicht auszählen) weit mehr. Also hören Sie (ja, hören!):

Ich geh den Bach entlang bis zum Wald. Da seh ich zwischen drei Baumstämmen, deren Wurzeln aus dem Schnee ragen, ein unheimlich tiefes Loch. Der Schnee drumherum ist flachgetreten, an den Lochrändern hochgeschaufelt. Auf der einen Seite führen Schneetreppen in die Tiefe,

und sie steigt hinab, betritt einen an eine Wäschekammer erinnernden Raum, aber hört etwas von nebenan, tritt durch die Öffung und:

Ein See, ein großer See mit Wellen! Keine Bäume, nur der See, zu beiden Seiten steile Felswände, über ihm eine breite Felsdecke.

So daß wir in den Tiefen des verne’schen Voyage au centre de la terre angekommen sind.

Ich bin nicht allein hier. Am Ufer steht eine völlig ausgezogene Frau, die ich noch nie gesehen habe. Ich sag: “Grüß Gott!” Sie schau mich an, nickt mit dem Kopf, sie scheint zu frieren. Es ist auch eiskalt hier. Bei uns im Ort hab ich noch niemals so lange [Komma gestrichen. ANH] blonde Haare gesehen. Windig ist es. Sie schaut wieder auf das Wasser, auf die Wellen. Als sie sich umdreht, kann ich sehen, daß sie zwei Beine hat, einen Popo, einen sehr breiten, und gleich den Kopf mit den vielen Haaren. Sie hat auch keine Arme, sonst hätte sie mir bestimmt die Hand gegeben. (…) Weil sie immer so auf das Wasser schaut, mach ich das auch. Da bewegt sich etwas. Der Wind braust, die Wellen schlagen gegen die Felsen, umspülen die Füße der Frau. Sie steht unbeweglich, ihre Haare flattern. Ein Haarbüschel löst sich, fliegt wie ein Vogel auf die Wellen. Da ist ein Wirbel, ein Strudel zuckerweißer Schaumspritzer, ein Sog, der die Haare nach unten zieht. Der Wind tobt. Ich halte mich am Türrahmen fest. Laut ist es hier von dem Echo der Wellen, die gegen die Steine geschleudert werden. Aus dem Sog steigt ein Kopf, ein Männerkopf. Aufrecht kommt er aus dem Wasser, der Mann mit dem blauen Umhang. So lange steigt er, bis er mit den Füßen auf der Oberfläche ist. Er breitet seinen Mantel weit auseinander. Der Wind greift in die Falten, achiebt ihn von hinten gegen das Ufer. Er ist nicht mehr weit weg, ein paar Meter nur. Der Wind preßt ihn gegen die Frau, die immer noch wie vorhin dasteht und zittert, weil es so kalt ist.
“Hol dir eine Kiste mit den Fischen”, sagt er zu mir. Der Wind hat sich beruhigt. Ich will tun, was er sagt, geh in den Nebenraum und hol die Kiste. Sie stinkt, ist schwer. Ich zerre sie über den Boden bis zum Türahmen.
“Dort bleib stehen!” sagt er zu  mir.
“Ich werde jetzt mit diesem Wesen Stellungen machen,” redet er weiter. Ich weiß nicht recht, was er meint. Bin auch zu feig, um wegzulaufen.
“Du wirst”, spricht er weiter, “je nachdem, wie gut du die Stellungen findest, eine entsprechende Menge Fische auf uns werfen. Gefällt es dir nicht, wirfst du weniger. Hast du Freude dran, schmeiß ganze Haufen.” Ich hab ihn vestanden, sag: “Jawohl.”
Er breitet den blauen Umghang auf dem Boden vor dem Wasser aus, zieht der Frau, indem er sich blitzschnell bückt, die beiden Beine unterm Po weg. Sie fällt mit dem Hinterkopf auf das Tuch. Er ist ganz nackt unter seinem Umhang, sieht beinah aus wie Onkel Günther, nur kräftiger. Dann breitet er die Arme wieder aus, wippt auf den Zehenspitzen auf und ab. Kreischt, der Vogel, hebt sich in die Luft, läßt sich auf sie fallen und öffnet ihr die Beine.
“Fische!” schreit er mich an. “Fische sollst du werfen! Wozu meinst du, daß du hier bist” Ich hab mich erschrocken, weil er so brüllen kann, greif in den glitschigen Kasten hinter mich, hab einen Fisch in der Hand. Er zappelt, bewegt sich, ich kann ihn nicht festhalten. Er ist schleimig, will aus meiner Hand gleiten. Ich hab ihn grad noch am Schwanz erwischt, hol weit aus und schleuder ihn zu den beiden. Klatsch, ich hab ihn getroffen! — Klatsch — noch einen und noch einen! Drei auf einmal!
“Mehr! Mehr!”
“Da hast du!”
Peng! Gegen sein Gesicht, auf auf den Hintern! Brüste hab ich getroffen! Immer treffe ich!
(…)

Sie sind naß — ich bin naß.
Ich bin glitschig, ich bin ein Fisch,
ein Schleimfisch,
Er ist ein Schleimfisch.
Sie ist ein Fischschleim, sein Fischlein ist sie.
Sie hat mein Fischklein — sein Fischlein.
Ich mach alle Fischlein zu Fischschleim.”
(…)
Auf die Leiber! Und ins Wasser
Werden meine Fische nasser!”
S. 168 – 171

[Bildquelle: Verlag Autonomie und Chaos,
Veröffentlichungen 1980 – 2020

Nein, das Buch gefällt mir nicht. Doch dazu ist es zu gut. Es gehört zu denen, die ich nie wieder vergessen werde. Es hat mich abgestoßen und aber sofort wieder zugefaßt. Noch immer zerrt es an mir. Obwohl doch derart deutlich ist, was die Wurliblume will und schon mit zwölf wollte. Nicht nur Zärtlichkeit und Zuneigung, die ihr beide so grausig fehlen, daß sie alle, die sie ihr zu geben versuchen, bestraft. Sondern sie will auch Sex und lieber mit älteren Männern als mit den Jungs, die sie eigentlich lächerlich findet. Aber sie will diesen Sex ohne Penetration, die nicht grundlos nicht nur von den Jungs und Männern, sondern auch von ihr selbst “bohren” genannt wird. “Gebohrt” zu werden, tut ihr einfach viel zu weh. Und dennoch zuckt und zuckt ihr Tier. Wie soll sie da noch auseinanderhalten, was Wohl tut und was Leiden?

Wer mich liebt, den mach ich tot,
drum sind meine Strümpfchen rot.

ANH
Oktober 2022


 

 

Jo Imog[6]Wolf Donner leitete den – ja, nom de guerre von österreichisch “Ja, ich mag” ab.
Die Wurliblume
Roman
Bestellen → im Modernen Antiquariat
Neue Ausgabe (2020) → online (PDF

References

References
1 Um ganz von den angeblich unaushaltbaren Szenen in Meere zu schweigen.
2 1972 bei Rowohlt als Taschenbuch erschienen; mein Exemplar gibt eine Auflage vom 34. bis 43 Tausend (!) an, was — einen absoluten Bestseller bedeutet.
3 Zu meinem Tier ist er [des Mädchens einer Bruder] sehr lieb, er hat nicht so harte Fingernägel [wie sie], seine Fingerkuppen sind größer und fleischiger als die meinen. Dieses Spiel ist wirklich sehr schön, aber es ist so, wie Mutti sagt: “Er ist Egoist, ein Mensch, der alles selber frißt” und so ist’s auch bei dem Spiel. Er ist längst nicht so ausdauernd wie ich, immer muß ich bei ihm anfangen,.immer ist er es, der stärker schnauft, danach fertigt er mich schnell ab, schenkt mir irgendeinen Dreck, mit dem ich halb so viel anfangen kann wie mit seinem Finger. Wir haben uns eine recht gute Lösung ausgedacht: er drückt seinen Wurm gegen mein Tier, macht auf und ab und hiun und her oder bewegt es in kleinen Kreisen. Ich frag ihn immer wieder, wie die Erwachsenen dazu sagen, und immer wieder vergesse ich das Wort. Ich mag iuhn jetzt nicht mehr fragen, er muß mich ja für dumm halten, so sag ich zu mir: wippen. S. 17
4 Was sie damit meint, wird weiter unten deutlich; hier bewußt k e i n e “Erklärung”. ANH
5 Sogar die, hier aber nicht durchgängig, falschen Konjunktive lassen sich als Rollenprosa abbuchen. ANH
6 Wolf Donner leitete den – ja, nom de guerre von österreichisch “Ja, ich mag” ab.

Das Arbeitsjournal des Sonntags, den 9. Oktober 2022. Darinnen von Christian Berkels “Ada” erzählt, doch auch an Aléa Torik von Claus Heck erinnert wird und sowieso das Ich ungeklärtest Rolle spielt.

[Arbeitswohnung, 7. 21 Uhr
Eine kleine Barmusik:
Jarrett & Haden, Jasmin, 2007]

Wie ich morgens ab etwa halb sieben/sieben am Schreibtisch sitze; noch ist es gegen halb acht Uhr hell, was ich, vor mich hin auf Schreibtisch und den Laptop guckend, gar nicht recht bemerke und eben erst auf dem selbstgeknipsten Foto erkenne, einem “Selfie”, hach! Immer erst die “Standardseiten” öffnen, Dschungel, Outlook, URL-Kürzer, Twitter, Facebook, Insta, dann kurz wetter.de, dieses durch DIE ZEIT- liveMeldungen zum Ukrainekrieg überblendet und in Outlook den TAGESSPIEGEL-Checkpoint sowie vor allem die NZZ gelesen. Meist ist dann schon eine Stunde herum, exakt die Zeit, die mein Dolito – für den ich nach wochenlangem, nun jà, “Ringen” endlich auch wieder die Elektroden bekomme (kompliziert: zugeschickt von MTR) – braucht, um der Polyneuropathie den Stinkefinger zu zeigen. Nun die Tagesplanung ins Auge fassen, bespreche ich den Berkel jetzt schon? Ich meine, wenn ich das bei jedem Buch tät, das ich lese, käme ich aus dem Rezensieren gar nicht mehr heraus, und für originäre Eigenarbeit bliebe kaum ein Raum. Zumal meine Dschungelarbeit ja niemals bezahlt wird. Sie ist für meine Literatur zentral, das Finanzamt indes müßt’ sie als Hobby bewerten. Ich werde also wählen müssen, auch wenn mir etwas, wie Berkels “Ada”, trotz einiger Einwände letztlich gut gefällt. Hier tritt ins Recht, muß es treten, was ich dort als Unterschied zwischen einem “guten Buch” und einem, das Kunst ist, angedeutet habe; bei Berkel besonders spürbar, vor allem, wenn auf seinen Roman einer in meinen Lektüren folgt, d e r es ist. Diesmal war es → Dieckmanns ungleich schmaleres, umso intensiveres Buch. Da fällt auf eine sehr schön erzählte Geschichte, die aber erst in der Woodstock-Klimax auch stilistisch interessant wird, denn doch ein Schatten, und ich mag mich nicht mehr mit Nachdruck – wie es einst hieß (als “Querdenker” Querdenker noch waren:) – “engagieren”. Der Gerechtigkeit halber will ich aber betonen, ja, es lohnt sich, ist eine, eben, “gute Lektüre”, fein und mit Empathie erzählt und, schätze ich, für die allermeisten Leserinnen und Leser zugänglicher, weil “man” eben auch einen Plot bekommt, dessen Konstruktion durchaus nicht ohne Mut ist, insofern Berkel aus der Sicht einer Frau erzählt, die in dem Roman ungebrochen “Ich” sagt. Sowas hat nicht nur meine Sympathie, sondern auch poetische Achtung; es wäre schofel, schriebe ich Ihnen, liebste Freundin, nicht zumindest dieses. Meines Erachtens stimmt die von Berkel eingenommene weibliche Perspektive nur ganz selten nicht, doch zum Beispiel da frappierend, wo er von seiner Heldin erster Menstruation erzählt. Wobei, welcher Mann will denn wissen können, daß sie da stimmt? Also vorsichtig formuliert! “Sie scheint mir selbst da zu stimmen”, vermittelt diesen Eindruck. Ob, können nur Frauen entscheiden. Wie gut so etwas “funktionieren” aber kann, hat ihrerzeit Aléa Torik bewiesen — und erinnern Sie sich, Freundin, welch einen Aufschrei es gab, als die literaturbetriebspfiffige, nun, meinetwegen, “Täuschung” aufflog, anstelle daß ganz im Gegenteil die Achtung vor Toriks Erfinder → Claus Heck nun erst richtig, nämlich zurecht, zur Blüte wäre gekommen. Welch Früchte, wenn anderseitig mitbestäubt, hätten da noch getragen werden können! Doch heute, nach seinen zwei als Buch veröffentlichten Romanen[1]„Das Geräusch des Werdens“, Osburg Verlag Berlin 2012, ISBN 978-3-940731-75-3 / Aléas Ich“, Osburg Verlag Hamburg 2013, ISBN 978-3-95510-004-9, hör ich von ihm gar nichts mehr. Auch wenn wir uns aus anderen Gründen schwer uneins waren, so daß es sich sogar von “zerstritten sein” sprechen ließe, bedaure ich das sehr. Nicht einmal Toriks Website → gibt es mehr. Es kommt mir als eine schlimme Frühfolge des identitären Moralquatsches vor, der die Künste derzeit mies, doch dauerinsistent traktiert, und aus Vorsicht machen die Leute mit, wie man sich 33 besser aufs Maul schlug, als Angemessenes auch angemessen auszusprechen.
Doch zurück zu Berkel. Was mich nun allerdings, und weiterhin, sehr irritiert, ist, daß es nicht einmal eine Anspielung auf Nabokovs Jahrhundertroman gibt, der den Namen Ada doch ein- für allemal ebenso gebunden hat wie Thomas Mann jeden Zauberberg der Welt. Hier reagiere ich unwillig; ich kann auch Berge, Meere und Giganten als Romantitel nicht noch einmal wählen, ebenso wenig wie The Handmail’s Tail. Selbst, schriebe jemand nochmal ein Die Schatzinsel, um von Treasure Island zu schweigen, wäre es ein Übergriff. Hier hat dieser doch sehr kluge Mann einfach nicht nachgedacht, und/oder der Verlag hat sich auf etwas draufgesetzt, um daran zu schmarotzen. Wobei ich aber bleibe, ist, es ist ein  gutes Buch, wenn auch — was möglich gewesen wäre, wenn wir (in gleichsam der Apotheose[2]Ein Wort, in dem sich zu der gesamten Woodstockerzählung, doch überhaupt Berkels Darstellungen der Endsiebziger Studentenproteste sowie der darauf antwortenden im Wortsinn Staatsgewalt — — — … Continue reading) die folgenden Sätze lesen — kein großes:

Neben ihm tauchen German und Mercedes auf. In ihren stummen Gesichtern liegt etwas Flehendes. Berlin wird zu Buenos Aires[3]Wie in – s c h o n irre – Thetis., zum Kloster in La Falda, ich kann sprechen, singe argentinische Volkslieder, galoppiere mit den Gauchos auf meinem Pferd Piedras über die weiten Wiesen hinter den Rinderherden, meine Brüste verwandeln sich in kleine Orangen, draußen singt Joan Baez, ihre Stimme zittert durch die Luft, schert sich nicht um den Regen, erzählt von ihrem Mann, der als Wehrdienstverweigerer im Gefängnis sitzt, fröhlich winkend betritt er die Bühne, ihre gemeinsame Energie verwandelt den Mond in kleine Sonnen, die über uns kreisen, Arme mit Feuerzeugen überall, ein Lichtermeer flammt durch das ganze Tal, jemand schreit, das Feuer würde den Regen vertreiben, Joans Gesicht leuchtet rot, blau und grün, in ihrem Bauch sehe ich ihr Baby im Fruchtwasser schwimmen, langsam löse ich mich aus meinem Körper, folge meiner Hülle, die aus dem Zelt heraustritt und hinter der Bühne zu einem kleinen See geht, hellichter Tag, kein Regen, die Sonne heiß über mir, nackte Menschen im Wasser, ich werfe meine Kleider ab, gleite hinab, von seidenweichen Armen umfangen, Grün schimmert in anderem Grün, ich sehe jeden Tropfen, Millionen, Abermillionen winziger Tropfen, Atome, die gegeneinander stoßen, ich tanze übers Wasser, ein hüpfendes Korkboot auf hoher See, über mir der Himmel schwarz und kalt, von Blitzen durchbohrt, Licht in farbigem Bogen über die Erde gespannt, singende Fische fliegen durch die Luft, Entenflügel schlagen auf das Wasser [Komma gestrichen, ANH] wie Michael Shrieve auf sein Schlagzeug —
S. 388/389
Bestellen

— lesen Sie selber, Freundin, weiter. Aber hier gelingt Berkel tatsächlich hohe Literatur, doch eben erst gegen Ende des Buches. Wobei es große Sätze auch vorher immer schon gab, nur stets allzu vordringlich der Plot als Botschaft war inkl. mittlerweile eingeschliffener Deutschfehler, etwa das “ich erinnere etwas”. Nein! Ich erinnere mich a n etwas. “Erinnern” im Deutschen ist reflexiv, Erinnern als quasi Neuerschaffen ein Anglizismus, der unsere eigene Sprache aufs infamste entstellt, etwas zwar, das wir auch nicht-infam, nämlich in künstlerische Pfiffigkeit, als einen sozusagen Neologismus formen könnten, der aber nicht Allgemeingebrauch werden darf, weil sonst die Differenz verloren geht, die den künstlerischen Kniff erst ermöglicht. In diesem Fall ist der Allgemeingebrauch längst geworden.
Wie ich aber überhaupt auf Berkel kam? Er liegt ja nun, auch wenn Daniel Kehlmann als sein Herold auftritt[4]“Wenn einer wieder einmal jemand fragt, wo es denn bleibt, das lebensgesättigte, große Epos über Deutsche Geschichte, dann ist von jetzt an die Antwort: Hier ist es, Christian Berkel hat es … Continue reading, nicht eben im Zentrum der gegenwärtigen Literaturszene. –Nun jà, ich mochte ihn → als Fernsehermittler so sehr – nicht zuletzt wegen seiner sinnlichen Art, auf Frauen zuzu- und mit ihnen umzugehen[5]Wobei dies auch einfach nur Rolle sein kann. Was mein Instinkt indes nicht glaubt. –, daß ich mich schnell identifizierte, aber mehr noch auf eine nicht nur gewisse Ähnlichkeit, physiologisch, hingewiesen wurde, die wir beide hätten. Das fütterte mein nun auch geschmeicheltes Identifizieren diätetisch noch. Wobei, daß Berkel als Fernsehschauspieler recht bekannt ist, ganz sicher ein Grund dafür mit ist, daß er mit diesem Buch zum zweiten Mal einen SPIEGEL-Bestseller so zielgenau landete, daß einer wie ich nur träumen davon kann, wenn er es, derart zu träumen, denn täte. Jedenfalls war ich aus rein persönlichen Gründen neugierig geworden. Und hab es nicht bereut. Das Buch ist Unterhaltungs- (aber keine (!!!) Trivial-)literatur, ja, aber als solche erfüllt sie das Diktum von ich-weiß-es-leider-nicht-mehr,-doch-werde-es-finden-und nachtragen, daß Unterhaltungsliteratur immer die beste sein müsse, anders als die Kunst, der ein Absturz durchaus mal erlaubt, vielleicht sogar notwendig sei.

[Jarrett: Bach, Französische Suiten]

Wie nun auch immer, ich mag noch zu Dieckmann eine Kleinigkeit nachtragen. Nämlich hatte ich ihr den Link auf meine Besprechung zugeschickt, und sie hat nächstentags geantwortet. Was ich nur erzähle, weil in ihrem Brief ein Absatz steht, der meine rezensierenden Intentionen sehr genau erspürt:

Nein, ich werde jetzt nicht etwa Ihre Rezension rezensieren (…). Zumal es keine Rezension ist; von wegen „zensieren“, von wegen „re“! Es ist ja nicht einmal Kritik im guten herkömmlichen Sinn (die als Institution mittlerweile endgültig tot ist). Guantánamo, die Temps des cerises – ich weiß ja längst um Ihre Freiheit auch auf diesem Gebiet und darum, dass Ihr Schreiben über das – nein, eher vom – Schreiben Anderer ein poetologisches UND ein Herzensgespräch führt.

Es ist dies, was ich wirklich meine: Eine Rezension ohne zugleich argumentierte Poetologie und subjektiv Herz ist notwendigerweise blind oder aber stumpf — was noch viel schlimmer ist. Am schlimmsten aber, sie ist manipulativ. Wir hingegen wollen, und müssen es, erwägen.

Meine Güte, ich werd schon wieder viel zu lang. Doch – meine Güte! – die Zugriffszahlen explodieren weiter, schon jetzt (9.56 Uhr) nahe an 3000, wobei sichtbar quer durch die letzten Jahre gecrawlt wird, und zwar bis 2003 zurück. Nur deshalb, übrigens, kam ich wieder auf Aléa Torik. Denn → dieser Beitrag von 2010 wird grad laufend aufgerufen, wie es überhaupt vor allem den, ich schreibe mal, sexuell konnotierten ergeht. Bereitet sich da die “erotical correctness” auf eine militärische Spezialoperation vor? Ein bißchem mulmig ist mir s c h o n. Aber egal, ich hatte noch von gestern erzählen mögen, weil लक्ष्मी nämlich Geburtstag hatte, den sie aber für sich alleine begehen wollte, erstmal, so daß sie mich, als ich anrief, “auf morgen” vertröstete, also auf heute; dann aber kam sie, wo sie hineinwollte, nicht hinein und rief mich wieder nun ihrerseits an. So daß wir denn d o c h zusammenkamen, unser Sohn, die Zwillingsjugendlichen, eine Freundin und ein Freund sowie noch sie und ich. Mein Geschenk lag eh bereit, ich brauche nur noch eine Rose (daß ich ihr jedes Jahr so viele Rosen schenkte, wie sie alt geworden, also jung geblieben war, hatte sie mir im letzten Jahr untersagt; in diesem hätte es meine Finanzen auch gesprengt – ohne mich aber hätte abhalten können, es – wär nicht ihr Protest gewesen – dennoch zu tun). So daß ich jedenfalls erst spät nach 22 Uhr wieder am Schreibtisch saß, um meine Abendlektüre vorzunehmen – ein seltsames, auch heikles Buch diesmal, von dem ich mir nicht sicher bin, ob es sich überhaupt einordnen läßt, was ich vielleicht auch gar nicht tun sollte, zumal es selbst für meine “Verhältnisse” extrem provozierend, inhaltlich nämlich, dabei aber stiltechnisch von außerordentlichem Interesse ist und ich doch zugleich w e i ß, es würde heute auf keinen Fall mehr gedruckt werden, und wenn, gäbe es Shitstorms, wie wir sie selbst gegenwärtig kaum je erlebt haben. — Aber ich will mehr noch nicht erzählen. Denn schreiben werde ich ganz sicher drüber. Will mich nun aber – sowie ich dieses Journal korrekturgelesen haben werde – meiner eigentlichen Arbeit wieder zuwenden. Es wird Zeit, daß es mit den Triestbriefen weitergeht.

Ihr, liebste Freundin,
ANH
10.10 Uhr

References

References
1 „Das Geräusch des Werdens“, Osburg Verlag Berlin 2012, ISBN 978-3-940731-75-3 / Aléas Ich“, Osburg Verlag Hamburg 2013, ISBN 978-3-95510-004-9
2 Ein Wort, in dem sich zu der gesamten Woodstockerzählung, doch überhaupt Berkels Darstellungen der Endsiebziger Studentenproteste sowie der darauf antwortenden im Wortsinn Staatsgewalt — — — die → APO versteckt.
3 Wie in – s c h o n irre – Thetis.
4 “Wenn einer wieder einmal jemand fragt, wo es denn bleibt, das lebensgesättigte, große Epos über Deutsche Geschichte, dann ist von jetzt an die Antwort: Hier ist es, Christian Berkel hat es geschrieben. Dieser Mann ist kein schreibender Schauspieler. Er ist Schriftsteller durch und durch. Und was für einer.” (Zit.n.Verlags-Annoncement für Berkels Erstling, Der Apfelbaum)
5 Wobei dies auch einfach nur Rolle sein kann. Was mein Instinkt indes nicht glaubt.

Der bittre melancholische Zauber. Dorothea Dieckmanns so hauchfeines wie berückend schweres Nachtbriefsgespinst “Das Land mit seinen Kindern”. Im Arbeitsjournal des Freitags, den 7. Oktober 2022.


Keine Ahnung, wer da spricht. Ich bin es nicht. Und solange ich es nicht weiß, solange mir Ich und Es egal sind, beherrsche ich – nein, beherrscht mich – nein: spricht die Sprache.

Dorothea Dieckmann, Nachtbrief, S. 82
____________________________________________________________________
[Arbeitswohnung, 10.12 Uhr
Dowland, First Book of Songs (1597)]

Sehr schönes Treffen mit Sandra Schlipkoeter und Robert HP Platz gestern im → Futurium, wo ich noch nie gewesen bin, ja nicht einmal von seiner Existenz wußte ich; da wir aber das Opernprojekt besprechen wollten (Bühnenbildnerin, Komponist und Librettist), das beim Wettbewerb leider nicht den Zuschlag erhielt, so daß wir nun nach anderen Wegen suchen, — weil dem so war, blieb für das Haus selbst keine Zeit. Ich werde sie nachholen.
Wir saßen lange da zu dritt in dem schlicht-feinen Restaurant des Hauses, bis Platz wegen eines nächsten Termins aufbrechen mußte; Sandra und ich tranken und sprachen weiter, nur daß es irgendwann denn doch Zeit zum Aufbruch wurde und wir uns auf die Fahrräder schwangen. Ich nahm auf dem Weg noch eine Kokossuppe mit Garnelen, nun jà, zwei Garnelchen, bevor ich am Schreibtisch wieder saß und mit meinem Arco-Verleger Haacker whatsapp-videofonierte, nicht zuletzt, um ihm von einer Begeisterung zu erzählen, auf die ich gleich und hauptsächlich zu schreiben kommen werde
hier und nicht etwa für Faustkultur, weil allzu für pro domo genommen werden könnte, was es nicht ist. Doch ein Buch aus dem sozusagen eigenen Verlag zu besprechen, zumal so, wie ich es vorhabe, läßt Leserinnen und Lesern gerade bei Kleinverlagen, deren Programme gut überschaubar sind, einen gewissen Hautgoût in die Nase steigen[1]Als käme ein Autor zumal meines exentrischen Rufes je auf die Idee, einem wenn auch noch so nahen Freund eine Gefälligkeitsrezension zu schreiben! Komplett absurd. Im Freundschaftsfall, gefällt … Continue reading, der in Der Dschungel von vornherein vermieden wird, da die Fiktionäre seit je sehr bekanntermaßen darauf wert legen, jede Besprechung aufs subjektivste persönlich zu gestalten, etwas, das scheinbar objektive Medien meist zu vermeiden trachten, jedenfalls verhüllen; ein Ich kommt in “offiziellen” Rezensionen kaum je vor. Um so weniger freilich ist dortigen, nun jà, “Urteilen” zu trauen. Ihre Autorität beziehen sie vor allem aus dem Ruf des jeweiligen Mediums. Für Faustkultur gilt dies unterdessen fast schon genauso – was mitnichten an den Betreibern, sondern an den Marktusancen liegt. “Die Banane ist groß”, schrieb Man Ray, “doch ihre Schale ist größer.” Und sollte sie, wie häufig, eigentlich recht winzig sein, ist es die Schale dennoch um eine Spur weniger. Hinzukommt, daß, wer etwas bespricht, immer auch über sich selbst schreibt und genau dieses die Grundlage guter Kritik ist. Wer nicht dumm ist und es leugnet, lügt.
Doch nicht deshalb habe ich mich entschieden, meinen Text diesmal nicht an Faust zu geben – oder es vielleicht doch noch zu tun, aber erst, wenn er hier schon steht –, sondern des Umstandes halber, daß die Zugriffszahlen Der Dschungel, seit sie sich flüssig sogar auf Smartphones wieder aufrufen läßt, erneut explodiert sind; momentan (11.47 Uhr) sind es bereits 3132, und ich bezweifle, daß derzeit ein anderer deutschsprachiger Literaturblog dies erreicht. Daß mich das stolz macht, ist eine “Sache”, die eigentliche indes, daß es einem Buch hilft, das anderwärts nicht einmal vorkommt. Wir könnten fast von einer vergessenen Autorin sprechen, und zwar wohl auch, weil sie Dichterin ist. Und ich empfinde eine leichte Trauer, die der schweren Melancholie dieses Nachtbriefes Antwort zu geben scheint, daß er nicht in Hardcover und dieses nicht zudem in Leinen eingebunden ist. Es hätte, was diese Prosa i s t, ihr auch haptisch den zustehenden Rang zukommen lassen. Nun gut, es wird eines der seltenen Bücher werden, die ich zum Buchbinder tragen werde, um ihm das gebührende Gewand von mir aus umzulegen.

Die Kohlmeisen wissen von der Dämmerung früher als ich, früher als der Mond, der jetzt hoch im Süden steht, und tatsächlich, am Osthimmel ist die Nachtluft verdünnt, die kleinsten Sterne sind schon ertrunken.
S. 81

Das schmale Buch beginnt mit einer Unterbrechung, die den Klang von Abschied bereits h a t. “Stell dir einen Schiffsingenieur vor, der nach dem langen Tag, einem von vielen, den Maschinenraum verläßt und an Deck steigt, in den Ohren ein gedämpftes Stampfen, das Nachdröhnen der Motoren. Die Luft, noch heißer als die im Schiffsbauch, umfängt ihn wie ein schwerer Mantel. Er merkt es nicht. Er steht und staunt, daß noch alles da ist, Brücke, Ruderhaus, Reling, Beiboote. Für einen Moment hört unter seinen Sohlen der Boden auf zu schwanken. Dann, mit einer Kopfwendung zum Heck, schaut er aufs Meer.”(S. 5) Die Autorin schaut hoch, der Brief an wen immer ist begonnen, braucht aber offenbar die See, die ihr Garten ihr ist, “ein vergessener Ort mit vergessenen Dingen”. Indem sie sie ansieht – ihre sinnliche Art eines Aufzählens, sich Aufzählens – hat er, der Brief, sich schon weitergeschrieben, absichtslos fast, wenngleich doch gewollt — aber der Wille vergaß sich, und da erst ward Brief: “Sobald ich nach einer Pause (eine Stunde, eine Nacht oder eine Woche – in einem Fall waren es fünfundzwanzig Jahre[2]In meinem Fall, bei den Triestbriefen, sieben. (ANH)) zum Schreiben zurückkehrte, brauchte ich nur eine Weile zu horchen, und mir wurde (…) der Ton, der Auftakt zugespielt,  mit dem ich wieder einsetzen konnte.” (S.83) Was sie aber erhorcht, ist — “Als gälte es, Zeichen zu deuten[,] statt Dinge wahrzunehmen” (S.8) — ein Entfernen, so, wie die Dinge in der Dämmerung blaß werden, der, und darum geht es dieser Prosa, Lebensdämmerung. “Eine Zeit lang hat mich, sobald ich darauf aufmerksam wurde, das blasse Ander-Ich in der Scheibe abgelenkt und ins Grübeln gebracht. Es liest die Kehrseite meines Textes.” (S.31). Das Thema ist – noch – nicht der Tod, das Thema ist zu altern. “Der Schlaf selbst hat mich geweckt. In meinem Schlaf fiel ich in Schlaf. Da eschienen mir die Engel dieser stillen Welt zwischen” – eben: zwischen (!) – “Leben und Tod: Träume, die Vorboten der Erzählungen.” So daß wir spüren, Dieckmann breitet ihre Poetologie vor uns aus, sanft, sie bisweilen anhauchend, um zu schauen, ob nicht nur Staub den Glanz hat ermattet. “Und ich wurde, da an meinem neuen Lebensanfang, nachdenklich und traurig. Nicht resigniert, nicht düster, sondern traurig auf die wehmütige Art.” (S. 23) Wobei die Wehmut eine Angst ist, die sich aus Rücksicht nicht ausspricht, nicht einer auf uns oder sich selbst, sondern eine dem Leben gegenüber, dem Leben an sich und einem jeden nächsten Leben, das anderer Vergehen und dann vergangen-Sein zur Voraussetzung hat. Aber wir spüren der Dichterin Bangen, spüren es körperlich; die Sätze sind derart fein, daß wir sie bald von unsern eigenen, selbst wenn wir sie nur denken, nicht mehr unterscheiden können. Sie weben sich derart in uns ein. So webt sich Frau in den Mann, auch das ist derart spürbar. “Und will dir doch die Hände reichen über die Zeit.” (S.9) Doch meint sie gar nicht mich, meint eine Frau, Virginia Woolf. Bei ihr hat sie den Titel ihres Nachtbriefs gefunden. “So weicht das Land zurück von meinem Schiff, das aufs Meer des Alters hinausfährt. Das Land mit seinen Kindern.” (Woolf, Tagebücher, Nachtbrief S.14) Die Kinder weichen zurück, die Kinder für uns Erwachsne noch sind, wiewohl – und eben! – Erwachsene längst selbst:

Nähme, als Alter, meiner Frau Hand, der Geliebten – auch sie will,
die jüngre, schon altern –, nähm sie mit einer und ordnete, was sich
dem Abscheiden vorordnen läßt, mit der andren.

Neunte Bamberger Elegie[3]

Und wir fragen uns, ob der Nachtbrief an sie, die auch poetisch ihr vorhergegangene, gerichtet ist, denn er ist es  genauso wenig an uns wie an die in → Kirschenzeit angesprochene Tochter; sollte sie aber doch die Adressatin sein, dann so ungefähr wie wir eben dann auch – nämlich als den Dingen in der Nacht sehr ähnliche Schemen, durch die die Zeit zieht oder längst gezogen schon ist, auf jeden Fall gezogen sein wird eines ziemlich baldigen Tages. Deshalb der Blick auf die Gegenstände des Gartens? “Was bleibt, sind die Dinge” schrieb der alt gewordene Goethe. So wird dieser Nachtbrief zum solistischen Mezzosopran eines für großen Chor geschriebenen Liedes der Nacht in a-moll, in der er, diese Frauenstimme mittlerer Lage, unversehens mitsingt im Chor und es gar nicht bemerkt, mitschwingend aber erahnt.
Schon in Dieckmanns Temps des cerises hatte mich die hohe, dabei eben ausgesprochen melodische Achtsamkeit jeder Formulierung mit ihrem, wie ich es empfinde, tiefweiblichen Nachhalln berückt. “Je l’ai sous la peau”, hätte sich das auf Französisch einstmals ausdrücken lassen; unterdessen ist das zauberhafte Idiom leider ironisch verformt.
Doch denselben Nachhall fand und finde ich weiter in den klangähnlichen Sätzen der Aurora-Protokolle Ursula Menzers, die im Frühjahr dieses Jahres in einem zweiten meiner Verlage, Elfenbein, erschienen sind[4]Ich werde ganz sicher auch dieses Buch noch eigens besprechen, aber lese es sehr langsam, so, wie es auch geschrieben worden ist, Tag für Tag über das gesamte Jahr hin, und erst danach werde ich … Continue reading und zwar nicht in den Rahmen einer einzigen Nacht hineinerzählt werden, sondern einem ganzen Jahreslauf folgen. Doch auch hier geht der Blick in die (selbstverständlich Zweite) Natur, nämlich ganz genauso zart berührend, ja, Menzers poetische Erkenntnisse könnten Dieckmanns ebenso sein:

Fenster auf. Windstiller Morgen. Und der Hochnebel lagert schwer und zäh; daußen und besonders drinnen. Drinnen: auf dem noch vormodernen Gemüt oder der modernen Seele oder dem schon postmodern fragmentierten Ich oder der noch postmoderneren, posthistorisch  bestandszehrenden Ichlosigkeit. (…) Insofern ist jeder Sonnenaufgang und jeder Sonnenuntergang, der in den Mund genommen oder schriftlich festgestellt wird, eine mehr oder weniger bewußte Reverenz an eine überholte Sprache, an eine romantisierende Sprache. Friedrich von Hardenberg – der Dichter Novalis – nannte diese Reverenz “qualitative Potenzierung” (…).
Aurora, S. 23

Dieckmann:

Auch das Leben kann auf seine Erweckung warten, stumm, gefangen in sich selbst. Konserviert im fahlen Zwischenreich mit dem Namen “So lebte er hin”. Ich weiß, wovon ich rede. Wer dort wohnt, der ahnt es nicht, und weil er seinen Zustand nicht kennt, ist sein Zuhause das Lebenslänglich. So eine Gefangene bin ich eine Zeitlang, eine ewige Zeitlang gewesen.
S. 21

Menzer:

Zwischen den Spiegelungen am Fuß der Böschung ein Rettungsring in Weiß und Rot, ölverschmiert, gestrandet; in seiner realen Plastizität zweifelhaft, fehl am Platz. Erinnerung an alte Fotografien, in denen die Idee der Wirklichkeit als Vibration zu wirken scheint.
Aurora, S. 26

Spüren Sie die Ähnlichkeit dieser tastenden, das leis erregte Zittern der Wörter in den klaren Konturen der Sätze verläßlich fassenden Formulierens, das den Dingen auf keinen Fall wehtun will, sondern sie wärmend ehrt?

Am Straßenrand steht – erstarrte Fluchtbewegung wie auch Entspannung im Körper – ein großes Reh aus dem Wäldchen nahe der Autobahn und knabbert an den Zweigspitzen der Büsche. Vor einigen Tagen labte es sich auf der anderen Seite der Straße in einem Feld Stiefmütterchenpflanzen und blieb einen Moment im Draht des Schutzzauns hängen, nachdem es vom Gartenbauer-Nachbar davongescheucht worden war.
Aurora, S. 36

Zur selben Zeit notierte ich wilde Erinnerungen an all die abgebrochenen Kindheitsvergnügen: die auf den Schuhen ihrer galoppierenden Brüder stehende Zirkusprinzessin; den rockfaltenschwingenden Derwisch; das wütende Rumpelstilzchen; den radschlagenden Gliederstern; die Königin der Nacht in Gummistiefeln; die Elfe auf dem Fensterbrett, im Begriff, sich in die Höhe fallen zu lassen (…) —
Nachtbrief, S. 29

— so nah die Kindheit wieder, wenn wir in des Alterns Höhe fallen. Ich finde es geradezu berührend – selbstberührend, wenn Sie unbedingt möchten -, daß mich mein eigenes Altern zunehmend empfänglich für eine bestimmte Art, von mir so empfundenen, tiefweiblichen Schreibens werden läßt; fast muß ich von Sucht sprechen. Mit → der Krebsin und, in Aqaba, ihrer Überwindung begann nicht zugleich die “Überwindung” meiner sexuell-konkreten Bedürfnisse, aber gewann enorm und geradezu exponentiell an Tempo, indem es sie erotisch in den Geist umzuleiten scheint, da mein Vitalismus nicht mehr recht möglich, anders nicht, als auch ihn geistig zu verfassen. Es ist das aber, trotz seiner Unumkehrbarkeit, ein zarter Prozeß, so daß mir genau diese Zartheit zu sein scheint, was hier die Hinsichten, also Arten zu schauen, der beiden Geschlechter nicht aufeinanderlegt, nein, ineinanderfügt. Was nicht bedeutet, ich wisse nun ebenso, es zu formulieren. Davon bleib ich wohl entfernt. Doch ich kann es heute wie eine Salbung fühlen, so, wie die Nachtbriefschreiberin im Rückblick auf ihre Lehrerinnenzeit die Fron über ihren Aufgaben ächzender Jugendlicher diese “Verbindung von Zwang und Schönheit an ein Exerzitium erinnert(e), als welches man die Arbeit von Mönchen betrachten kann, die heilige Texte kopieren”. (S. 17) Es sind dies im Wortsinn ungeheure Sätze, gerade weil sie niedergeschrieben werden, wie wenn jemand flüstert. “Und dieser Brief: Habe ich dir überhaupt etwas zu sagen?” Wobei wir am kleingeschriebenen Anredepronomen schon längst bemerkt haben müssen, daß bei einer so geschichtsgeerdeten Autorin tatsächlich niemand Konkretes angesprochen sein kann, andernfalls es groß geschrieben wäre: “Dir”. Doch weiter. “Je länger ich nachdenke und die knappe Zeit vergehen lasse, desto weiter führen die Antworten weg vom Schreiben, hin zum Leben — und wieder zurück. Was auch immer dieser Nachtbrief an den Tag bringt, an dem du ihn liest oder meinetwegen hörst, es werden keine Geschichten aus meinem Leben sein. Die sind zum lebendigen Erzählen da, von Mund zu Ohr und Auge zu Auge (…).”
Nun sind geäußerte Vornahmen fast immer ihre eigenen Hürden und die zum Drüberspringen. Also erfahren wir doch einiges aus dem Leben der Autorin. Darunter findet sich eines, das mich stocken ließ, weil es mir arg zu nahe ging. Ohne es sogleich zu kommentieren, erst einmal die ganze Stelle, deren bösester Vorwurf auf für mich ziemlich schartige Weise mit Nicolas Borns über den Kriegsfotografen Hoffmann Wort von der “brutalen Zivilisiertheit” korrespondiert, das mir aus der → Fälschung immer noch nachgeht:

 “Die beliebteste Methode ihrer [i.e. “einiger Schreiber” (ANH)] Schule der Grausamkeiten ist das Zwillingspaar Kitsch und Kälte; es ist an die Stelle von Furcht und Mitleid getreten. Oft behaupten sie, die Kreaturen zu lieben, die sie krepieren machen [krepieren machen (!)], und gönnen doch nur den Tätern ein Gesicht. Gesetz ist, daß jede zum Liebgewinnen erfundene Figur sterben muß; ebenso alle Frauen, die sie zu Begehrenden oder zum Begehrtwerden ausersehen haben. Manche verfolgen mit ihrem Kunstsinn nicht weniger als die Zerstörung des Erdballs. So einen Ehrgeizling habe ich einmal in einem Provinznest kennengelernt. Auf einer Veranstaltung des örtlichen Künstlerbundes war er der Ehrengast aus der Hauptstadt. Vor dem im Halbrund sitzenden Publikum ließ er einen braven Handwerker die blaue Kugel formen und ein Paar darauf setzen, das zugleich über einander herfiel; die männlichen Nachkommen zogen gegeneinander zu Feld, schändeten die Frauen, zeugten neue Heere und verbrannten die Kruste ihrer Heimstatt. (…) Der Demiurg selbst genoß die schockierte Bewunderung der örtlichen Kleinkünstlerinnen, Beamten, Hausfrauen und Bürger. Alle schwiegen nach der Vorführung steif und verlegen. Keiner wagte es, sein Unbehagen zu äußern, aus Scham und wohl auch, weil die Vorsitzende des Vereins in ihrer Einführung das Lob einiger bekannter Kritiker zitiert hatte, die “radikalen Bilder” und die “schonungslose Zeitdiagnose” betreffend. Beim Abschied habe ich den Autor höflich gefragt, warum er den Großen Diktator gebe; da lächelte er geschmeichelt und entgegnete, er beschreibe die Wirklichkeit.
S. 39

Ich erschrak, als ich den Absatz las. War das nicht ich, war ich, bin ich gemeint? Ich kannte den Vorwurf, bekomm ihn immer wieder, kenne ihn besonders wegen → Thetis[5]Tatsächlich nennt Dickmann fünfeinhalb Seiten später sogar den Zweittitel, Anderswelt. – und hätte, nein habe oft genauso geantwortet wie gegenüber Dieckmann dieser “Demiurg”, allerdings niemals geschmeichelt, sondern eher voller Unglück traurig. Und ich würde es auch Dieckmann gegenüber weiter vertreten, allerdings von nun an mit einem hinzugetretenen mauen Gefühl, einem, das Traurigsein zu einer wirklichen Trauer macht. Wobei mir hier noch etwas klar wurde, und zwar über beide Frauen, Dieckmann wie Menzer, daß sie, anders als ich, der sein Gemüse im Supermarkt oder im Kurdenlädchen kauft, es aber so gut wie niemals aufwachsen sieht … – daß also beide Frauen einen, ich schreibe einmal, agrarischen Blick haben, die eine direkt auf dem Land, die andere am Stadtrand, während mein Blick mit allen Verwerf- und Entfremdungen durchweg metropol ist. Was nichts, aber auch gar nichts über Modernität aussagt. Zumal beginnt die Dichterin unmittelbar nach dieser Szene eine Reflektion der eigenen bisher veröffentlichten Bücher und zeiht sich selbst dieser bornschen brutalen Zivilisiertheit: “(…) auch ich habe mit meinem Schreiben den Wahnsinn weitergetragen. Da ist zum Beispiel ein Mann, den ich sinnlos getötet habe (…) Im Roman habe ich ihn genauso verlassen, wie es die Zeitungen berichteten, ein Grinsen im toten Gesicht (…), die Wohnung im Viale Trastevere ein Schlachtfeld. Ich habe ihn sterben lassen ohne Not. Nichts ist notwendig im Schutz der Möglichkeiten. Heute sehe ich, ich habe nicht nur gemeinsame Sache mit seinem Mörder gemacht (den, im Gegensatz zur Tat selber, habe ich erfunden), sondern bin auch zur Komplizin der Nachrichtenvermarkter geworden, die von dem Mord profitierten.” (S. 42). Womit wir nun erst recht wieder bei Borns Fälschung wären.
Ach, liebste Freundin, lassen Sie uns zurück zur Zartheit uns wenden! “Ach, wenn es doch einfach nicht hell werden würde. Die Nachtstunden draußen geben dem Körper ein Zuhause. Das Blickfeld zieht sich auf einen Lichtfleck zusammen, der Hitzedunst sinkt ins Gras, und wenn ich die Füße von der Holzstrebe des Tisches auf den Boden setze, berührt mit den welken Halmen eine Ahnung von Kühle die nackten Sohlen.” (S. 47)  Welke Halme … – ach! — So lassen Sie uns hoffen, daß Dieckmann auch gelingt, was sie nunmehr schreibt:

Ich wußte, es gibt unabwendbaren Schmerz, und ließ wolkenkissenweise Trost schneien, um alle Brände zu löschen, alle.
S. 49

ANH
[Dowland, Third Book of Songs (1603)]

 

Dorothea Dieckmann
Das Land mit seinen Kindern
Ein Nachtbrief
80 S. / Paperback, 12 €
ISBN 978-3-96587-023-9
Bestellen

References

References
1 Als käme ein Autor zumal meines exentrischen Rufes je auf die Idee, einem wenn auch noch so nahen Freund eine Gefälligkeitsrezension zu schreiben! Komplett absurd. Im Freundschaftsfall, gefällt der Text nicht, wird daran die Kritik persönlich-privat geäußert oder, um nicht zu verletzen, einfach geschwiegen.
2 In meinem Fall, bei den Triestbriefen, sieben. (ANH)
3
4 Ich werde ganz sicher auch dieses Buch noch eigens besprechen, aber lese es sehr langsam, so, wie es auch geschrieben worden ist, Tag für Tag über das gesamte Jahr hin, und erst danach werde ich meine Rezension verfassen. ANH)
5 Tatsächlich nennt Dickmann fünfeinhalb Seiten später sogar den Zweittitel, Anderswelt.

Das vor allem für Nicolas Borns “Die Fälschung” geschriebene Arbeitsjournal des Sonntags, den 2., auf Montag, den 3. Oktober 2022, darinnen auch das Tattoo fortgesetzt und ein Brief an die Herausgeber und Beitragenden der text+kritik-Ausgabe Nr. 236 geschrieben worden ist.

Dauerndes Seriengucken ist Flucht nicht vor der Einsamkeit,
nein, sondern vor dem letztlich Alleinsein, dem wir aber ja
doch nicht entkommen.
Notat 2.10.22, spätabends

[2. Oktober, Arbeitswohnung, 12.36 Uhr
Martinů, Julietta]
Um sechs hoch, um halb sieben am Schreibtisch, Nachrichten gelesen, dann – weil unterdessen alle Beiträge des → text+kritik-Heftes gelesen – den wirklich fälligen Dankesbrief an die Herausgeber und Beitragenden dieser für meine Arbeit und mich so ehrenvollen Ausgabe geschrieben, jeweils auch ein wenig zu den je einzelnen Beiträgen – was insgesamt genauso lange gedauert hat wie Lionel Roggs Orgelinterpretation der bachschen Kunst der Fuge. So daß ich dann Zeit für das Morgenmüsli und danach Rasur und Toilette hatte. Kritischer Blick in den Spiegel, weil gestern mein Bioport-Tattoo weitergestochen wurde, sich aber unter dem transparenten Schutzpflaster besonders die braune Farbe verschmiert hatte und ich nun unsicher war, ob nicht etwas schiefgegangen sei. Denn das Tattoo ist extrem fein gearbeitet (rechts ein unmittelbar nach dem Stechen von Elena geknipstes Foto). Es wäre zu schade, wenn hier was schiefgegangen wäre. Doch nach dem Duschen sah es schon sehr viel besser aus; das Pflaster läßt Flüssigkeit austreten, aber keine hinein. Viel des Verschmierten war nun schon fort, offenbar überschüssige Farbe. Genau werde ich es aber erst am Dienstag sehen, wenn ich die Pflaster – vorsichtig, vorsichtig – abgezogen haben werde.

Doch zum heute Eigentlichen. Ich hatte Ihnen, Freundin, ja geschrieben, einen Schlußstrich unter die allabendliche Serienguckerei zu ziehen und, wenn ich meine Arbeit beiseitegelegt hätte, nur noch zu lesen, was etwa bis Mitternacht bedeutet und manchmal auch noch eine halbe Stunde länger geht – denn ich habe es tatsächlich bislang so gehalten. Nur der Freitagabend fiel heraus, weil ich wegen text+kritik so fahrig war, daß mein Freund Broßmann herüberkam, um zu sprechen und sich zusammen mit mir die Kante zu geben. Das gelang derart umfassend, daß ich gestern komplett verwirrt erst um neun erwachte und den Tag für die Arbeit eigentlich knicken konnte; aber mittags war eh der tätowierte Termin, der viel mehr Zeit in Anspruch nahm, als ich gerechnet hatte. Nahezu dreieinhalb Stunden habe ich im Studio gesessen, bzw. irgendwann eben auch gelegen.
Wie auch immer, die Lektüreabende. — Interessant, daß der ziemlich suchthafte Impuls, zum Abendessen Filme zu gucken, bereits jetzt schon fast völlig weg und durch die Vorfreude auf das jeweilige Buch suspendiert wurde, was von Nicolas Borns, ich schrieb auch das schon, Die Fälschung durch ihre hinreißende Faktur noch einmal verstärkt worden ist. Sie wirkt umso mächtiger, als Laschens, eines Kriegsberichterstatters, Geschichte auf schmerzhafte Weise in unsere unmittelbare Gegenwart des Ukrainekrieges paßt. Allerdings muß ich etwas richtigstellen. Ich schrieb, Christopher Ecker habe mir das Buch geschickt, weil ich die Unterschrift der ihm beigelegten Karte als “Christopher” identifizierte. Umgehend mailte Ecker mir, nein, er sei das nicht gewesen; aber nun müsse er das Buch wohl unbedingt lesen. Muß er, ja. Aber gut, ich nochmal an die Entzifferei:

Und nun, tatsächlich, kam ich drauf. Verdammteins-j a !: Christoforo, der Freundesname meines Arco-Verlegers. Ihm auch sieht solch eine Zusendung ähnlich. Und habe dieses von ihm mir zugereichte Buch so lange schmählich in einem Haufen vor sich hintrocknen lassen wie sehr, sehr viele andere. Jetzt war die Lektüre fast eine Erleuchtung, Entdeckung indes in jedem Fall, auch wenn die Konjunktive oft nicht stimmen (häufig das falsche als sei statt richtig als wäre usw.) und mich auf die Dauer die ständigen Nachstellungen nervten. Nur wenige der vielen, vielen Beispiele[1]Seitenzahlen sämtlicher Zitate nach der Lizenzausgabe der Deutschen Buchgemeinschaft, C.A.Koch’s Verlag Nachf., Berlin-Darmstadt-Wien o.D.:

Er lag dann nackt auf dem Bett, hatte den Reisewecker aufgezogen, dessen Ticken anschwoll und wieder abflaute zusammen mit dem Säuseln der Klimaanlage.
S.21

Weshalb nicht eleganter “Er lag dann nackt auf dem Bett, hatte den Reisewecker aufgezogen, dessen Ticken anschwoll und zusammen mit dem Säuseln der Klimaanlage wieder abflaute” ?

Ebenso:

(…) als hätten sie [die Wörter] über Nacht ihren Nutzen verloren, seien [wären] ausgeschieden worden aus dem Verständigungskreislauf.
S. 128

Nein! Sondern “als wären sie über Nacht aus dem Verständigungskreislauf ausgeschieden worden”.

Oder:

… weil gerade dann der Film Stichwörter lieferte, die peinlich genau zutrafen auf die eigene Situation.
(S.296)

Stünde dort “… weil gerade dann der Film Stichwörter lieferte, die peinlich genau auf die eigene Situation zutrafen” wäre der Satz flüssiger, fließender — Papier nicht, sondern Leben.

Und fast noch deutlicher hier:

(…) nur die indirekte Beleuchtung, die sich unverträglich mischte mit dem verbraucht wirkenden Licht von draußen.
S. 301

Welch ein Satz hingegen erklänge, höben wir die Nachstellung auf! “(…) nur die indirekte Beleuchtung, die sich unverträglich mit dem verbraucht wirkenden Licht von draußen mischte” .

Freilich ließe sich an solchen Stellen denken, der Autor wolle durchführen, was er ganz am Anfang über Laschens Stil insgesamt sagt:

Es war so, als ob er in dem bisher Geschriebenen herumkletterte. Wenn er wieder unten war, hängte er rasch noch einen Satz [- hier eben einen Satzteil -] an.
S.15

Aber nicht Laschen schreibt diese Sätze – dann wäre es legitime Rollensprache -, sondern der Autor. Und es geschieht zu häufig, scheint mir stilistische Laxheit zu sein, ein vorübergehendes Nachlassen der formulierenden Konzentration. Satzteile nachzustellen ist poetisch eben nur dann sinnvoll, wenn etwas besonders betont werden soll. Ist hier aber seltenst der Fall. Und also nehmen diese Nachstellungen den Sätzen ihre Spannkraft – die mögliche Spannkraft. Bei einem ansonsten derart brillanten Autor wird mir zur leichten Qual, was ich bei anderen mit Achselzucken akzeptierte. Um Ihnen, Freundin, vielleicht noch etwas deutlicher zu akzentuieren, was ich meine, hier drei Stellen, an denen die Nachstellung tatsächlich Funktion hat:

Er winkte sich selbst zu von einer anderen Seite.
S. 121
Er konnte gut leiden an unverständlicher Grausamkeit.

S. 187
Er umgab sich und seinen Tod mit einigem Getöse, wenn er überhaupt starb, denn danach sah es nicht aus. Solche, an denen Laschen ein paar kritische Anwandlungen abließ, waren aus dem Stadtbild verschwunden, waren längst abgereist nach London, Paris oder nach Zypern.
S. 127

Abgesehen von dem bizarren, semantisch – ohne daß ein Rätsel da wäre – rätselhaften Idiom “an jemandem Anwandlungen ablassen”, steht die Nachstellung hier komplett richtig, weil sie das Wegwerfende betont, ein “eigentlich egal, wohin”. Nervig aber ist dann wieder sowas:

Oder es konnte auch eine sinnlose und zwecklose Verabredung sein mit jedermann.
S. 127

“Sinnlos” und “zwecklos” i s t bereits eine Redundanz, wozu dann auch noch “mit jedermann”? Um es begütigend zu sagen, hat hier die Lektorin oder der Lektor nicht aufgepaßt, ist schlampig, also ebenfalls unkonzentriert gewesen. Ärgerlich.

Doch ich will ja keinen Verriß, sondern eines solchen Gegenteil schreiben. Auch an sehr guten Büchern, die sogar hohe Literatur sind (den Unterschied zwischen beidem werde ich in einem nächsten Beitrag erläutern) müssen wir, Freundin, den einen und/oder anderen Durchhänger schlichtweg hinnehmen; bei lebenden Autorinnen und Autoren bleibt da die Hoffnung auf eine revidierte zweite Auflage. Außerdem gibt es etwa bei Hans Henny Jahnn ganz entsetzliche Sätze, ohne daß die Strahlkraft seiner Bücher Einbußen hätte; für Thomas Manns bildungsbürgerliches Hochgeschwurbel gilt dasselbe. Und als allererstes erkennen wir ein Kunstwerk an seiner motivischen Konstruktion, bei Born etwa des bereits auf S. 25 eingeführten Messers,

er würde es ständig tragen müssen, an die Wade geschnallt, auch eine lästige Vorstellung,

das sehr viel später eine bedeutsame Rolle spielt. Es gehört zum Geschick der Faktur, das selbst ich es längst vergessen hatte, als es plötzlich zentral wurde. Wobei das eigentliche Thema dieses Romans nicht der libanesische Bürgerkrieg “an sich” ist, sondern daß die Berichterstattung über ihn eine auf die Leserschaft zugefeilte, weil prima rezipierbare Parallelwelt quasi erfindet – eben die Fälschung, die dem Buch seinen Titel gibt. Und die stupende Aktualität, an der auch ein heutiger, fast fünfzig Jahre späterer Journalist verzweifeln müßte, warnt uns gleichsam vor der Berichterstattung über den Ukrainekrieg. Zeitungen wollen verkaufen. Daß “daneben” –  eigentlich nämlich darüber – Laschens Beziehungen sogar dann in die Brüche gehen, wenn sie weiterbestehen, ist von Born besonders raffiniert in das Buch eingeschoben; die zweite Ebene des Privaten wird zum Reflex der ersten, des Öffentlichen, scheinbar Faktischen, und umgekehrt. Nahezu alles ist aufeinander bezogen und voneinander abhängig, insbesondere die Sichtweisen auf etwas, hier sogar den – bisweilen schockierend – erzählten Krieg. Und da dann kommt es zu, ich muß es so schreiben, großen Sätzen (was auch so zu sein hat, wenn Born sich auf S. 20 auf Nabokovs Ada bezieht; damit liegt die Meßlatte extrem hoch):

Einen kleinen Mann in grauem Kaftan sahen sie mit ausgebreiteten Armen vor dem Haus stehen und klagen. Es war ein Foto, schon bevor Hoffmann die Kamera hob. [S. 56] – (…) nein, es war vielmehr die Ahnungslosigkeit gewesen, die Verständnislosigkeit in ihren Gesichtern, das Nichtglaubenkönnen [,] aus der Unsterblichkeit so bald und sogleich herausgerissen zu werden. (…) Wäre Hoffmann [der Laschen begleitende Kriegsfotograf] ängstlich, würden die Bilder ängstlich sein; es sollten aber nicht ängstliche Bilder sein, sondern solche zum Kopfschütteln und besseren Bescheidwissen, dreckige Bilder in sauberen Zimmern anzusehen. [S. 57] Nicht, daß nicht Meinung erwünscht wäre, aber sie muß erst einmal blanke Oberfläche geworden sein. Dann darf sie sich äußern, blasend und spuckend in eigener Sache, die längst eine Sache aller ist, entschärft und stillgelegt. [S. 65] Er fühlte sich stark werden, und es war nicht die dumme männliche Kraft, es war eher Auslieferung. [S. 87] Er schrieb weiter, damit es draußen endgültig geschehen war, was er schrieb. [S. 90] Alle drei Männer waren von einer ins Süßliche veredelten, parfümierten Gefährlichkeit. [S. 100] (…) es beschwichtigte ihn der eigene Kopf, in dem ein Leerraum des Nichthandelns war, ein gelähmter Kern, eine Ferne von allen Ereignissen. [S. 121] Mich aufstellen lassen in Brigaden, letzten Aufgeboten. Und das nicht für einen Sieg, für eine Gerechtigkeit, sondern nur dafür, daß die Grammatik wiederkehrt, daß nur dieser verfluchte Zustand zu Ende geht, in dem die Tatsachen das Besondere sind, aber das Besondere leer ist und das Wichtige heraus ist aus dem Wichtigen. [S. 129] Etwas, das hatten sie gemeinsam, hatte sie aus einer Menge herausgepflückt, eine Gewalt, die immer die gleiche war, in Prag, in Vietnam, in Chile oder hier [in der Ukraine], und die so menschlich war, ebenso menschlich [Komma gestrichen, ANH] wie die Freude an einem langen heiteren Friedenstag. [S. 146] (…) schiefrig-fette Erde (…) [S. 147] Laschen war von dem Anblick niedergeschlagen, so [,] als hätte man ihm eine Illusion, die er längst nicht mehr hatte, in diesem Moment erst genommen. [S. 151] [Über Kriegstote:] Das Wasser war klar und stäubte über steilem Gefälle rosafarben auf. [S. 170] Die Brust- und Kopfbehaarung sah aus wie angeklebt, der Ausdruck in den Gesichtern war erstorben, zurückgenommen, so, als hätten sie im letzten Moment noch etwas für sich behalten wollen, an das nun niemand mehr herankam. [S. 176] Recht und Unrecht rotierten als Begriff so schnell, daß sie ununterscheidbar waren, Recht und Unrecht waren bis zur Unkenntlichkeit vertauscht worden, gab es nicht, schien es nie gegeben zu haben. Nur Räume und Zeiten sollten siegen über Räume und Zeiten, eine Behauptung sollte die andere besiegen, eine Geschichte die andere. [S. 185] Und welche erstaunlichen Bestimmungen steckten erst in diesem Hoffmann, welch eine triumphale Neutralität des Blicks durch den Sucher, solch eine brutale Zivilisiertheit? [S. 186] Viele Orte verschmelzen manchmal zu einem einzigen, an dem sich dann das Geschehen krümmt zu einem verwunschenen Symbol [ANH: “an dem sich dann das Geschehen zu einem verwunschenen Symbol krümmt”], das fortan in der Erinnerung schwer und alp[b]traumhaft einen festen Platz hat. [S. 190] Nur keine Besinnung aufkommen lassen, lieber und besser den schnellen, alles schnell abführenden [!] Meinungsstil schreiben, auf den Leser zu, damit die Schrecken nicht zu lange frei sich auswirken, sondern gebunden in der Sprache zu Sprache werden. Jeder Satz von brutaler Sachlichkeit, jeder Inhalt, auch der genaueste, eine völlig Anonymität. [S. 193] (…) das Gesicht konzentriert schön (…) [S. 202] (…) nur eine hohle Ungewißheit ging langsam in Magenschmerzen über; es war ein Kneifen wie von einem zahnlosen Tier. [S. 209] Die säuselnden Geschosse bedeuteten den Tod, aber sie bedeuteten ihn nur. [S. 210] Sie wußte alles, was ihren Angehörigen geschehen war, hob aber das Gesicht, so daß es ein Antlitz war, vor Entschlossenheit, das weder zu glauben noch zu verstehen. [S. 220] (…) die Temperatur der Flasche an der Wange prüfen. [S. 221] Leer, attrappenhaft, ja, wie eine Reihe von Fußmatten lagen die Tage vor ihm (…) [S. 228] (…) und vielleicht war der Gedanke nicht nur sentimental, sondern auch ein Bestandteil der Fälschung, des angeblichen Gewissens und seiner Erforschung! [S. 230] (…) es ging alles weiter, das knapp gewordene Brot wurde dennoch in ausreichender Menge beschafft, Feuer gemacht überall, Essen so rasch und gut als möglich darauf gekocht, viele setzten sich immerfort miteinander zu Tisch, gingen miteinander zu Bett. Es war das notorisch menschheitsgeschichtliche Weitermachen, der “Normalbetrieb” unter krassesten Bedingungen, wie er aus den Konzentrationslagern berichtet worden ist, wie er das Leben der Stadt London während der großen Pest (Defoe) bestimmt hat. Es ist in allen langfristigen Katastrophen vom “Normalbetrieb” des Lebens berichtet worden. Das Erstatten von Bericht ist jederzeit so selbstverständlich wie der Normalbetrieb. (…) Und alles sollte berichtet werden, erst dann war es endgültige Vernichtung, und darauf konnte alles erneut sich ereignen, besser, weil gewußter, geplanter und berichteter. [S. 241] Er fühlte auf der Stirn die feinen Schweißtropfen kalt werden (…) [S. 243] Der Wind stand dauernd dünn und kalt auf seinem Gesicht. [S. 245] Vielleicht sind die pathetischen Wörter hier die genauesten. [S. 261] Sie hatten die Schuhe ausgezogen und schauten in eine Ferne, die es nicht gab und die so leer, so umfassend leer war wie ihre Augen [ANH: “es waren”], in denen das Weiße die Iris und selbst die Pupille überzog. [S. 268][S. 275] Die Kinder allerdings warfen kleine urtümliche Schatten auf seine pure Gegenwart. [S. 277] Es gibt keine unmögliche Konstellation, die nicht schon Wirklichkeit gewesen wäre. [S. 287] Aber auch das ließ ihn schon beinahe kalt, auch darauf würde er mit einem verrutschten Lächeln antworten. [S. 288] (…) und der Text ihm erschien als poröse, wabenartige, geraffte und gekürzte Wirklichkeit, als die Wirklichkeit, und das, was wirklich geschah oder geschehen war, war die Illusion davon. [S. 295] Wenn sie jetzt gesprochen hätten, wäre es aus Verlegenheit geschehen, so schwiegen sie verlegen. [S. 310]

Und absolut großartig, wie Born ab S. 271 Todesangst orchestriert, aber daraus zitiere ich nichts, weil es eine Dynamik verriete, die ich oben angedeutet habe, ohne daß Sie es jetzt entschlüsseln können. Was so sein muß, weil Sie es selbst erleben sollen, unvorbereitet lesend erleben — nämlich dieses Buch.

Bestellen

***

So. – Eigentlich habe ich auch zu heute noch etwas schreiben wollen, diesen Text aber eben erst fertiggestellt, den ich gestern begann, und ich denke, er ist lang genug, um Sie zufriedenstellend zu beschäftigen, derweil ich selbst mich endlich wieder den Triestbriefen zuwenden möchte. Wozu ich nach dieser Lektüre endlich wieder Lust habe, auch wenn schon eine nächste begonnen ist. Doch über die werde ich in den kommenden Tagen berichten, Christian Berkels “Ada”.

Ihr, immer noch im Morgenmantel,
ANH
3. Oktober 2022, 10.55 Uhr

References

References
1 Seitenzahlen sämtlicher Zitate nach der Lizenzausgabe der Deutschen Buchgemeinschaft, C.A.Koch’s Verlag Nachf., Berlin-Darmstadt-Wien o.D.
%d Bloggern gefällt das: