Das Triskelentattoo ODER Zur Körpergestaltung als poetisch-fiktionalem Akt der Selbstermächtigung. Im Arbeitsjournal des Sonnabends, den 5., und Sonntag, den 6. November 2022.

[Arbeitswohnung, 9.51 Uhr
Brötzmann, Gana, Drake: The Catch of a Ghost (live, 4.11.22)]
Von früh auf hatte ich ein Problem mit “der”, also meiner, Identität; es begann schon als Kind in einer Familie, deren einer Teil mich, was ich nicht mochte, “Axel”, deren anderer “Alexander” mich nannte, was Jugendfreunde lange beibehielten, auch als ich längst schon “Alban” und der Alexander mir völlig fremd geworden war. Diese Umbenennung in “Alban Nikolai Herbst” spielt indessen eine ganz besondere Rolle, und zwar gerade, weil nicht nur mein Nachname “betroffen” war[1]Interessanterweise ist mir heute der Ribbentrop wieder nähergerück, wahrscheinlich meines Sohnes schon wegen; der Alexander blieb aber fremd.; im übrigen wurde der Künstlername, nachdem im Paß eingetragen, zum Umgangsnamen in meiner gesamten Lebenswelt. Die Geschichte und Notwendigkeit, aus der sich die Umbenennung begab, sind bekannt; seit der “Verwirrung” läuft der Identitätswechsel als die Geschichte eines falschen Passes durch die Romane[2]In einer ersten Besprechung des 1983 erschienenen Buches war es Heiko Postma, genau auf dieses Motiv des Identitätswechsels aufmerksam gemacht zu haben; ob dies, fragt seine Rezension, eventuell der … Continue reading und bemächtigt sich – literarisch – erst nach 2003 mit “Meere” auch des Geburtsnamens wieder – faktisch allerdings mit der Geburt meines Sohnes im Ende Januar 2000. Ein Künstlername läßt sich familiär ja auch dann nicht weitergeben, wenn man jahrezehntelang sämtliche Verträge mit ihm unterzeichnet hat und so auch vom Finanzamt geführt wird. Ein paar Jahre lang hatte ich sogar zwei Steuernummern, bis ich – ebenfalls erst nach Geburt meines Sohnes – diesen Umstand aufdeckte und seitdem, indem die Nummern zusammengelegt wurden, meine Bescheide auf beide Namen zugleich, nämlich auf je demselben Bescheidformular, ausgestellt werden. Was ich Ihnen, liebste Freundin, damit nur deutlich machen möchte, ist, daß mein Verhältnis zu mir selbst nie ein “einfach empfundenes”, sondern immer das zu einer Figur gewesen ist, einer, naheliegenderweise, literarischen. Genau deshalb begann ich, meine Erzählungen mit etwas anzureichern, was um einiges später dann “Autorfiktion” genannt worden und heutzutage ziemlich en vogue ist, ohne daß nun meine Arbeiten in diesem Zusammenhang besondere Erwähnung fänden; die Leute sind halt Sozialdemokraten. Im Literaturbetrieb kam es damals als Manierismus an und wurde, war mein Eindruck stets, als eine meiner Überspanntheiten wahrgenommen und keineswegs als das existentielle Projekt, als das es sich notgedrungenermaßen vorantrieb. Die in meinen Büchern auftauchenden “Alban Herbst”s, aber auch Kalkreuths sind, so gesehen, zwar nicht mit mir identisch, zu einem Teil aber doch – der indes sich fast immer anders verhält, als ich selbst es tat und tut. Benjamin Stein, in seinem Aufsatz für text+kritik, stellt das sehr angemessen dar. Wobei aber auch das |“Ich”-selbst-als-Figur| auf |“mich”-als-(Alltags)Realität| wie auf eine Figur schaut. Mein Verhältnis zu mir ist mithin das gleichberechtigter Spiegelbilder, die aber je verzerrt sind. Um eine eineindeutig gefühlte Identität zu haben, muß Ich – jedes dieser Ichs – sich erschaffen. Es ist ein künstlerischer Prozeß — so, wie der gesamte Beitrag-selbst, den Sie, Freundin, hier lesen, ein wenn auch nur kleiner Abschnitt eines Romans ist. Daher auch vor Jahren meine, bei der Mama meines Sohnes große Empörung auslösende Erklärung, auch mein Sohn sei Teil meines literarischen Werks. Und er ist es, nämlich insofern sein Leben nicht nur die Gestaltung der Figur Alban Nikolai Herbst wesentlich mitbestimmt, sondern umgekehrt erst die Wiederhereinname Alexander v. Ribbentrops – und beide jedenfalls zeitweise aufeinanderlegen zu können – bewirkt hat. Selbst die unbedingte Kraft meines Vatertums speist sich aus der Abwesenheit des eigenen Vaters, nimmt sie quasi an sich selbst zu Gegenwart zurück; dieser mein Vater mußte aber ebenfalls, da er lange abwesend war, sich vorgestellt – also selbst er eine literarische Figur werden. Die eigentlich eher ernüchternde “wirkliche” Begegnung mit ihm, als ich siebzehn war[3]Aus meinem Leben verschwunden war er, als ich vier war., vermochte die Figur nicht zu löschen, sondern hat die Fiktion später sogar noch verstärkt; kurz, der in meinen Texten gestaltete “innere Vater” ist in mir nach wie vor stärker präsent als der objektiv-real gewesene, der, um es anders auszudrücken, mögliche Vater. Ein leider schrecklich ausgehendes Jahr lang lebten wir zusammen in seinem Bramstedter Riedhaus, danach sahen wir uns nur noch sporadisch und bald so gut wie gar nicht mehr. Nach seinem Tod allerdings wurde er mir auf eine fast dingliche Weise präsent, wie er es nicht einmal in unserem gemeinsamen Jahr gewesen war. Da hatte das Kind noch den Beschützer und das Vorbild gesucht; in unseren wenigen späteren Begegnungen hatte ich selbst die Beschützerrolle eingenommen, war selber Vater, lange bevor ich es wirklich wurde, geworden.

Wer unter solch prekären Identitätsbedingungen lebt, kommt also nicht umhin, seine Identitäten selbst herzustellen, d.h. sich zu einer literarischen Figur zu formen, auf die sich (selbst)nachweisbar zeigen läßt; es ist dies, glaube ich, weniger Narzissmus als gerade Antinarzissmus, auch wenn es ohne Egomanie (und einige innere Widersprüche) nie ganz abgeht, Doch das Ich ist die Basis unseres Handelns; dieses, nicht, wie wir fühlen, ist auf es angewiesen, sofern wir denkend handeln und nicht nur impulsiv. Nur aber selbstdenkendes, eigenentschiedenes Handeln kann ein moralisches sein, weil jedes andere determiniert ist. Und moralische, im weiteren Sinn ethische Fragen trieben mich schon sehr früh schon. Was Wunder, bei meiner Familiengeschichte![4]



Wobei ich ein sicheres Ich immer nur fühlte, hörte ich Musik; in ihr legten und legen sich bis heute meine teils zerrissenen Identitäten widerspruchsfrei ineinander; erst in ihr werde ich Eins, indes in der Literatur ihre Uneinigkeit der Motor ist, zusammen mit den moralischen Fragen, deren mögliche Antworten ich allerdings deshalb bewußt ausspare[5]So daß es in meinen Texten so gut wie niemals eindeutig Botschaften gibt., weil nie sicher ist, welches meiner Ichs die Antworten gibt.

Doch ich brauche, um überhaupt handeln zu können (was auch bedeutet: Positionen einzunehmen), eine Form. Früh war es die der Abgrenzung; schon mit fünfzehn trug ich Anzug und Krawatte, 1970 also, als meine Generation Anzug und Krawatte ablegte (Studentinnen und Studenten hatten einander zuvor noch gesiezt); ich wollte nicht nur nicht, sondern konnte es mir seelisch nicht leisten, Teil des Stromes zu werden, der heute “Mainstream” genannt wird und längst etwas anderes meint, als von den jungen Leuten damals eingefordert wurde. Doch ich spürte bereits, worauf es hinauslaufen würde. Und grenzte mich halt ab. Mein Körper wurde Distinktionsmerkmal, erst einmal nur durch die Kleidung, später auch der Leib-selber qua Formung durch Sport. Mithin ist dieses sich mit Augenschein legitimierende, also – extrem wichtig, weil es Handlungsfähigkeit definiert – sich nun zeigen könnende Ich durch und durch Kunst.

Nun war ich, so sehr mein Geist in strudligen Wirbeln, körperlich jahrzehntelang privilegiert; obwohl ich ziemlich unmäßig lebte, schlemmend, können Sie sagen, blieb meine Physis völlig intakt. Also begann ich, diesen Körper auch bewußt zu, wie es in Bodybuilderkreisen heißt, “definieren”, möglichst alle Muskel und ihr Zusammenspiel auch bewußt zu formen, und zwar zunehmend konturiert – nicht, sie aufzublasen, sondern so, daß die Bewegungsabläufe gleichsam tanzten. Stellen Sie sich einen sich bewegenden Panther vor. So war mein Ideal. Nicht etwa Nashorn und Flußpferd. Aber zum Beispiel ein Otter, Fischotter, um es, das Ideal, etwas (wenn auch nur scheinbar) weniger martialisch zu beschreiben. Es hat dies, ich weiß, etwas Anorektisches, indem mir jegliches sichtbare Fett unerträglich war und heute immer noch ist. Zugleich aber, und das ist eben nicht anorektisch, war mir der Körper die tiefste Nähe zu mir; ich hätte ihn durch nichts schädigen wollen, also sagen wir “kosmetisch”. Tätowierung, Piercing und dergleichen waren mir entsetzlich; noch THETIS geht mit dergleichen scharf abwertend um[6]Was mir die fast schon Feindschaft eines recht bekannten und mir zuvor sogar befreundeten Redakteurs einbracht; seither bekomme ich keine Auträge vom Deutschlandradio Berlin mehr. Im → “Flirren im Sprachraum” (2000), einem meiner ersten poetologischen Texte, formulierte ich:

Die Materialisierung eines Subjekts ist sein Körper. Aus dem, was in den letzten Jahren dem Körper geschah, kann ich rückschließen, was mit dem Subjekt geschah: Tattoo, Branding, Piercing, die KÖRPERWELTEN genannte ästhetisch/ästhetizistische Aufbereitung von Leichen und Leichenteilen, AIDS und Body Art, der Einzug des Sadomasochismus in den Chic. (…) Wenn wir den zur Bedeutungslosigkeit reduzierten Körper noch spüren wollen, fügen wir ihm Verwundungen bei, die obendrein der Werbevorstellung von Schönheit und Glätte zu widerstehen versuchen. Piercing Branding Mutilation sind letzte aufbegehrende Akte der Selbstvergewisserung von Körpern.

Ich hingegen inszenierte den gesunden Körper, einen, der sich eben nicht verloren hatte, und tat dies als Ergänzung  meines Widerstandes gegen die den Geist befallene Entfremdung, die zugleich als existierende aber unbedingt gedacht werden mußte und deren Ursachen – anders als die politische Rechte und dogmatische Religionen zu glauben scheinen und jedenfalls versuchen, uns glauben zu machen – sich nicht durch revisionistische Haltungen zurücknehmen lassen. Sie sind in der Welt und haben sie unumkehrbar geformt; es ist an uns, sie so zu integrieren – zu pervertieren also –, daß ihre Prozesse nun für uns Menschen, nicht gegen uns laufen und die Welt insgesamt. Ich weigerte mich, meinem Körper auch noch eigentätig zuzufügen, was schon dem Geist zugefügt worden war. Und konnte es,. weil ich so gesund war. Um es kurz zu machen: Selbstbeigefügte Körperwunden sah ich nicht nur als Affirmation (was eine Form der Integration durchaus sein kann), sondern vor allem als Verdopplung; auch hier wieder verstand und empfand ich, was geschah, mit künstlerischem Blick, einem, der Redundanz strikt ablehnt. Ich löse ein Unheil nicht auf, indem ich es verbreitere.

Doch ist dies nun | alles anders für mich. Ich habe keinen “heilen” Körper mehr, sondern einen durch Krebs und OP versehrten; die Inszenierung eines aus sich selbst heraus gegen die feindlichen Prozesse gesunden Körpers l ä ß t sich nicht fortsetzen – rein pragmatisch schon nicht. Ich habe ja schon Schwierigkeiten, auf die acht Mahlzeiten täglich zu kommen, die ich zu mir nehmen soll, um nicht immer dünner zu werden. Immerhin schaffe ich sechs und halte so mein Gewicht. Das ist völlig in Ordnung und kein Grund, mich irgend zu beklagen. Im Gegenteil, blieb ja am Leben und genieße es sehr, Aber Sport kann ich nicht mehr treiben, weil ich nicht wüßte, woher die dann noch zusätzlich nötigen Kalorien bekommen. Rechnen Sie, Freundin, selbst. Mein Tagesbedarf liegt – wie bei den meisten Menschen – zwischen 2000 und 2400 kCal; triebe ich Sport wie vor dem Krebs, müßte ich weitere, mindestens, 1000 kCal zu mir nehmen; oft waren es 1500, die ich hinzufuttern mußte. Keine Chance mehr, also, auch wenn es mir guttun würde, wenigstens wieder zu joggen. Was nun aber bedeutet, mich über die Versehrung des Körpers nicht einmal mehr täuschen zu können, wozu ich allerdings sowieso nicht tendiere. Und war ich noch vor dreivier Jahren ein entschiedener Gegner von Piercings und Tattoos, hat sich meine Perspektive nunmehr gedreht. Jetzt gilt es, den versehrten Körper zu inszenieren, doch aus genau den Gründen, die ich oben für meinen gesunden ausgeführt habe. Sie können es, Freundin, auch so ausdrücken, daß sich die allgemeine Versehrung – nicht die “nur” schon drohende, sondern sich längst vollziehende Klimakatastrophe wie neuerlich der Krieg in Europa (der erste, an dem ich nicht mehr vorbeizusehen vermochte, war das Völkerschlachten auf dem Balkan, auf das ich noch “nur” mit einem Buch, nämlich THETIS, reagierte) und zuvor die allgemein um sich greifende, früh von mir als patriachal organisiert begriffene Entkörperlichung der Welt (etwa die Verschiebung unserer Wirklichkeitswahrnehmung von der tatsächlichen Realitäts- in eine zunehmend allein medial vermittelte und schließlich medial gewordene)[7]das Stichwort prägte → Gibson, den ich in THETIS einen der Architekten der Gegenwart nenne: Cyberspace  – … – daß sich diese allgemeine, nämlich Welt-Versehrung durch den Krebs und seine Folgen nunmehr auch meines vormals so gesunden Körpers bemächtigte. So daß ich mich nun ihrer, der Versehrung, selbstermächtigen, meinen künstlerischen Ansatz erneut auf meinen Körper übertragen muß. Auch damit nehme ich, und abermals gegen den Mainstreamstrich, → eine weitere Bewegung der Kunstmoderne wieder auf; Selbstermächtigung war jedenfalls von Anfang an eine meiner künstlerischen Hauptmotivationen. Mit anderen Worten, ich kann die Versehrung selbst nicht rückgängig machen, aber sie meinem Gestaltungswillen unterwerfen – ein Vorgang, der sich abermals weigert, etwas zu affirmieren, das ich für ungut halte. Vielmehr drehe ich auch hier den Schaden in ein lustvolles Überhöhungserleben herum. Pervertere also auch dies.

Los ging es mit dem mir nach der Magenresektion von der Chemo verbliebenen, von mir nach Cronenberg[8]eXistenZ, 1998 so benannten “Bioport”; pragmatischerweise heißt das implantierte Ding, über das die Medikamente zugeführt werden, um die Venen zu schonen, eigentlich nur “Portkatheter”. Die mir bekannten Krebspatienten haben es sich alle spätens drei Jahre nach der OP, wenn sie medizinisch als geheilt galten, wieder herausoperieren lassen; ich aber wollte die Spur bewahren und will es noch. Die nach und nach je nach Befähigung der Heilhaut ohnehin fast verschwindende und jedenfalls bei Männern wir mir von der nachgewachsenen Brust- und Bauchbehaarung ziemlich schnell verdeckte bauchquere Narbe leistet das nicht. Der mir eingepflanzten Bioport aber sehr wohl. Nicht bloß aber, weil er irgendwie immer ein bißchen gestört hat und stört, sondern prinzipiell wollte und will ich, daß mein Körper ihn in sich integriert, ihn im Wortsinn vereinnahmt. Nur: Wie?
Lange darüber nachdenken mußte ich nicht. Die Lösung war wie so oft, deutlich hervorzuheben, nicht zu verstecken, was es zu integrieren, wessen es sich zu selbstermächtigen gilt; Betonung statt Verdeckung, klares VorAugenFühren und nicht Verdrängung. Der Krebs ist ein Teil meiner Geschichte, er[9]oder “sie”; ich gab dem Tumor ja schnell einen weiblichen Namen und → korrespondierte wenig später mit “Liligeia” hat auch als überwundener ein Recht auf gezeigte Anwesenheit, welche Ansicht wiederum meiner künstlerischen Position entspricht, daß jedem Kunstwerk als Teil seiner selbst seine Entstehungsgeschichte eingeschrieben sein muß, die wiederum notwendigerweise ein Teil der allgemeinen Geschichte und sozusagen ein wenn auch kleiner Reflex ihrer ist; für meine Ästhetik aber eben nicht “Reflex”, also unmittelbares, nicht willentlich gesteuertes, sondern hochbewußt mitgestaltetes Reagens. — Wie, also, hebe ich hervor? Der Idee einer Integration des medizinischen Artefaktes in die natürliche Organik meines Körpers bezog sich – wie viele, wenn nicht die meisten meiner Texte[10]Bereits in “Die Verwirrung des Gemü(h)ts”, 1983, wird ein Wohnzimmer von aus ihren Töpfen heraus gleichsam wildwachsenden Pflanzen renaturiert – von Anfang an auf die von Kipling rasend sinnlich beschriebene Zurückeroberung verlassener Dörfer, für die Waldstücke gerodet worden waren, durch die neu in sie hineinwachsende, was von überwuchernden Schlingpflanzen vorbereitet wurde, wiedererstehende Dschungel. Dies leiblich darzustellen, ließ imgrunde nur eine graphische Lösung zu; sollte sie dauerhaft sein, also ein Tattoo. Indem ich diesen Gedanken zuließ, fiel mein Tabu. Insofern ich aber den Prozeß darstellen wollte, mußte und muß es selbst prozessual werden, mithin work in progress, etwas, das seine prinzipielle Unabschließbarkeit schon im Begriff trägt.
Der “Kern” ist eine Triskele, deren mythische Bedeutung mir nahe ist, die allerdings unbedingt linksläufig, das heißt “weiblich”, sein muß, weil die patriarchale Rechtsläufigkeit zunehmend oft von Rechtsnationalisten vereinnahmt wurde und wird, denen das Motiv als Ersatz für das schon ebenso mißbrauchte, was sich aber nicht mehr rückgängig machen läßt, Svastikakreuz dient. Das Zentrum dieser Triskele füllt aber nicht, wie das sizilische Wappen, ein Medusenkopf, sondern das Shaktidreieck. Also entwarf ich folgendes:

Die erste Realisierung ging dann, dieses Deiecks bezüglich, etwas daneben, insofern es nicht, wie ich doch wollte, auf einer seiner Spitzen steht, sondern einer seiner Seiten:

Da wäre, wußte ich sofort, nachzuarbeiten, möglicherweise durch Überstechung mit einer anderen Farbe. Das ist bislang noch nicht gelöst, vielleicht auch nicht nötig, weil ohnedies nun Pflanzenranken hinzugekommen sind, die, wie die Triskele den Bioport vereinnahmt, nun die Tristkele vereinnahmen; das Symbol selbst war mir noch zu hervorgehoben symbolisch, vor allem nicht organisch genug, auch wenn es bereits → Kommentare dazu gab:

D a ß es zu symbolisch war, spürte ich, als ich das Tattoo erstmals sozusagen öffentlich trug, nämlich in Badehose → auf dem Lungomare Benedetto Croce, Barcola/Trieste. Bislang war mein gesamtes Vorhaben ein objektiv rein privates gewesen und sozusagen publiziert nur in den Beiträgen dazu im Netz, Facebook, Instagram, Twitter; im großen und ganzen ließ es sich als Kunstprojekt bislang nur als Netzkunst verstehen. Jetzt wurde es quasi dinglich. “Das ist noch nur aufgepappt”, dachte ich, fühlte mich zwar einerseits wohl, weil es so gar nicht aufzufallen schien (es waren sehr viele Menschen sonnen- und meeresbadend zugegen), andererseits aber ganz offenbar die gemeinte Radikalität verfehlte, weil es immer noch dekorativ wirkte statt essentiell. Weshalb ich mich – der Gedanke selbst war aber, siehe oben, längst schon da – sofort nach meiner Rückkehr (ein fast bis zum Schluß sehr schönes, dann aber dumm oder, je nach Perspektive, → sehr traurig ausgegangenes Wien hatte noch dazwischen gelegen) sofort an den nächsten Entwurf setzte, die “Erweiterung 1” — dies noch auf Papier:

Ich schickte die Zeichnung an Elena, also an meine Tattookünstlerin, und fügte eine detaillierte Beschreibung meiner Absichten bei. Nur wenige Tage später war sie dann gestochen, nämlich so (das Bild entstand direkt nach der Applikation, deshalb die Rötung der Haut):

Und nach der Ausheilung (die bei mit nach wie vor enorm schnell geht):

Immer noch, wieder nur im Netz, kam mir das abermals “noch zu gut” an. Bei meinem Besuch in Frankfurt brachte Phyllis Kiehl, die es real sehen wollte und zu sehen bekam, auf den Punkt: “Das Schöne ist, daß es gar nicht aussieht wie ein Tattoo, sondern vielmehr nach einer Malerei.” Das war zweifelsfrei ein Kompliment, insofern sich mein Projekt schon einmal von der Tattoomode abhob; ich habe ja nicht vor, sie als solche mitzumachen, auch wenn ich einzugestehen nicht umhin kann, daß mir auch der Gedanke gefällt, unversehens einen erweiterten Zugang zur jungen Generation, besonders der meines Sohnes, bekommen zu haben. Sie immerhin wird maßgeblich entscheiden, ob mein Werk Bestand haben wird oder nicht. Der im großen und ganzen höchst spießige deutsche Literaturbetrieb hat da fast keine Stimme, auch wenn seine Vertreterinnen und Vertreter das sehr verständlicherweise völlig anders sehen und ergo zu verhindern suchen. In jedem Fall hatte und habe ich eines schon erreicht, etwas, das bereits 2003, nämlich → durch Fichte, erstmalig anklang: — so, wie für mich die Verbindung zur Musik lebenslang Grundlage meiner Literatur gewesen war und nach wie vor ist, nun auch eine zur Bildenden Kunst hergestellt zu haben. Mit meinem eigenen Körper als Schnittstelle. Noch aber wirkte und wirkt es nicht als organischer Prozeß, sondern eben wie Malerei; das rein dekorative Moment hat sich bislang erhalten. “… zu perfekt, um natürlichen Ursprungs zu sein”, wie es vier Absätze hierdrüber Hel Mi in seinem von mir verlinkten Kommentar geschrieben hat. Sein darauf folgendes “Es ist schaurig schön, mit der Betonung auf schön” braucht eine dringende Betonung auf schaurig.

Daran sitze ich jetzt und zeichne die weiteren Entwürfe jeweils mit farbigen Eddings direkt auf die Haut (was einige Übung braucht). Der erste der “Ergänzung 2” sah so aus:


Und der zweite

bekam denn auch gleich eine eigentlich so auch gewünschte Reaktion:

Wobei Frau von Steglitz diametral entgegensetzt zu Hel Mi denkt und empfindet. Ich meinerseits bin überzeugt davon, in dem Tattoo beides miteinander vereinbaren zu müssen und antwortete entsprechend:


Der letzte Stand der “Dinge” sieht nunmehr folgendermaßen aus, heute früh (am unterdessen Sonntag) auf die Haut gezeichnet:

Noch bin ich mir unsicher, w i e weit sich die Zeichnung ausbreiten soll; was ich anfangs überhaupt nicht im Sinn gehabt hatte, rückt als Möglichkeit spürbar näher: daß schließlich der gesamte Körper überwachsen werden könnte, abgesehen vom Kopf und den Händen, die für mich, jedenfalls noch, tabu sind. Wobei ich mir sehr klar darüber bin, daß ich die Wirkungsweise des Krebses, nämlich zu metastasieren, gleichsam übernehme, aber hier als ein geradezu Bann-Bild, so, wie wir an Kirchenfassaden immer wieder Dämonenfiguren sehen, die dort eben gebannte sind. Ritusalisierung und Kunst wachsen ineinander auseinander hervor. Mein Unternehmen ist, so gesehen, religiös. Aber auch das gehört zur Genese der Kunst selbst in ihren nichttheistischen Ausprägungen, die allerdings bei mir deutlicher pagane als christliche oder sonstwie monotheistische sind. Doch das ist alles andre als neu. Und ich erinnre mich sehr wohl, wie erotisiert ich von Jadzia Dax war, in Frankfurtmain, vor mehr als vierzig Jahren, glaub ich, schon. Ich war in sie sogar verliebt. Und stellen sie sich vor, sie senkte den Kopf, höbe hinten das Haar und Sie sähen, auch Sie, liebste Freundin, ihren Nacken und wie die Spuren hinab den Rücken fließen … —

Was mich, unabhängig davon, daß ich die Realisierung dieser zweiten Tattoo-Erweiterung momentan gar nicht bezahlen könnte – mein Projekt ist teuer, und in diesem Kunstbetrieb wäre es bizarr, davon auszugehen, ich könne für seine Realisierung Kunstfördermittel bekommen – … was mich ein Problem ansprechen läßt, das bislang keines war. Selbstverständlich, da – außer im Netz und dort nur vermittels meiner Fotodokumentationen – bislang ich alleine es bin, der das Tattoo sieht, lasse ich es vorerst nur dort anbringen, wo ich es eben sehen kann. Von einer Erweiterung über etwa den Rücken hätte ich gar nichts, aber eben auch niemand sonst. Vor dem Krebs wäre das anders gewesen, es hätte noch und wieder Liebespartnerinnen gegeben, und sei es für One Night Stands. Diese Möglichkeit hat mir die Chemo zerschossen. Ich habe früher meinen Körper ja nicht nur für mich selbst geformt, sondern immer auch letztlich für Frauen. Was übrigens ein Unsinns-, weil Irrtumsmotiv war. Denn allem zufolge, was “meine” Frauen mir je erzählt und wie sie sich verhalten haben, schätzen sie zwar wohlgeformte Männerkörper sehr wohl; doch sind die nicht das, was sie bindet, ja es sext sie zwar an, aber fast durchweg “konsequenz”los. Sie binden sich aufgrund völlig anderer Kriterien, anders als Männer, jedenfalls die meisten, als in jedem Fall ich. Mich kann die Schönheit einer Frau abhängig machen, fast gänzlich in Absehung von ihrem Charakter. Gegenüber einer (nach meinen Kriterien, klar:) schönen Frau bin ich sozusagen verloren, auch wenn’s mir gelingt, es nicht zu zeigen. Spüren tun sie es dennoch. Mein Impuls ist geradezu sofort Er- und meinetwegen Überhöhung, Anbetung letztlich; das ist nur deshalb nicht peinlich oder gar peinigend, weil ich dominant bin. Da wiederum für mich zur weiblichen Schönheit immer auch eine Spur, und gerne mehr als nur das, Aggressivität gehört, wird meine Dominanz komplett ausgeglichen und niemals übergriffig; es sei denn, etwa im BDSM-Spiel, ich werde drum gebeten. Dann übernehme ich die Führung, zugleich Verantwortung. “Übernahm” ist heute aber das richtige Wort. Es war so und wird, wie ich spüre, niemals mehr sein. Mein Alter kommt hinzu – nà sowieso, angesichts meiner deutlichen Neigung zu noch deutlicher jüngeren Frauen (als junger Mann hatte ich sie zu entschieden älteren). Und aber selbst wenn! Welcher neuen Liebe könnte ich die starken Frauen  meines Lebens zumuten, die alle, auch wenn die Beziehungen zerbrachen, immer noch gegenwärtig sind und es bleiben werden? Meistens sind wir Freunde geworden, die Frauen also auch real – und innnig – alle noch zugegen. Nein nein, ich werde alleine bleiben. Und aber als lächerliche Figur am Rand eines Szeneclubs stehen, Insomnia, Kitkat? egal, ich war da früher ja oft, – das tu ich mir sicher auch dann nicht an, wenn es die Gelegenheit wäre, das rhizome Tattoo nun zu zeigen. Also weshalb auf dem, um beim Beispiel zu bleiben, Rücken? “Zu wissen, daß es Platin ist”? Auch darüber bin ich lange hinaus. Vielleicht aber —

— vielleicht, weil man das vollendete Kunstwerk – wegmauert[11]Jacques Rivettes La belle noiseuse nach Honoré de Balzacs Chef-d’oeuvre inconnu. Weil es in Saïs steht, dort zu stehen hat und von dem Schleier verdeckt sein muß[12]Er sprichts und hat den Schleier aufgedeckt. Nun, fragt ihr, und was zeigte sich ihm hier? Ich weiß es nicht. Besinnungslos und bleich, So fanden ihn am andern Tag die Priester Am Fußgestell der … Continue reading, auch vor dem, der es schuf oder zu erschaffen veranlaßt hat, — mir? (Ich war’s nicht allein, → Liligeia war es mit mir; auch sie eine meiner mir bleibenden Frauen, die imaginären und “wahren” sind alle vermischt, Jadzia Dax gehört genauso hinzu, mag sie’s auch nicht wissen — aber nicht viele | wissen es nicht).

Ihr, meine Freundin,
ANH, 6. November, 13.03 Uhr
[Vincent Peirani, → Living Being II: Night Walker]

 

References

References
1 Interessanterweise ist mir heute der Ribbentrop wieder nähergerück, wahrscheinlich meines Sohnes schon wegen; der Alexander blieb aber fremd.
2 In einer ersten Besprechung des 1983 erschienenen Buches war es Heiko Postma, genau auf dieses Motiv des Identitätswechsels aufmerksam gemacht zu haben; ob dies, fragt seine Rezension, eventuell der Anfang einer großangelegten Mystifikation sei? — eine Fährte, der danach aber niemand gefolgt ist.
3 Aus meinem Leben verschwunden war er, als ich vier war.
4

5 So daß es in meinen Texten so gut wie niemals eindeutig Botschaften gibt.
6 Was mir die fast schon Feindschaft eines recht bekannten und mir zuvor sogar befreundeten Redakteurs einbracht; seither bekomme ich keine Auträge vom Deutschlandradio Berlin mehr.
7 das Stichwort prägte → Gibson, den ich in THETIS einen der Architekten der Gegenwart nenne: Cyberspace
8 eXistenZ, 1998
9 oder “sie”; ich gab dem Tumor ja schnell einen weiblichen Namen und → korrespondierte wenig später mit “Liligeia”
10 Bereits in “Die Verwirrung des Gemü(h)ts”, 1983, wird ein Wohnzimmer von aus ihren Töpfen heraus gleichsam wildwachsenden Pflanzen renaturiert
11 Jacques Rivettes La belle noiseuse nach Honoré de Balzacs Chef-d’oeuvre inconnu
12 Er sprichts und hat den Schleier aufgedeckt.
Nun, fragt ihr, und was zeigte sich ihm hier?
Ich weiß es nicht. Besinnungslos und bleich,
So fanden ihn am andern Tag die Priester
Am Fußgestell der Isis ausgestreckt.
Schiller, Das verschleierte Bild zu Sais

Es ist da! TEXT+KRITIK Nr. 236, Alban Nikolai Herbst.

edition text+kritik im Richard Boorberg Verlag, München 2022
Mit Beiträgen von
Hans Richard Brittnacher, Jost Eickmeyer, Christoph Jürgensen, Renate Giacomuzzi,
Phyllis Kiehl, Wilhelm Kühlmann, Albert Meier, Benjamin Stein
sowie ANH
Broschur, 93 S., 24 €
ISBN 978-3-96707-698-1
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Krebstag 15: Wammerlwetter.

[Arbeitswohnung, 6.42 Uhr
Händel: Tamerlano (Gardiner mit Chance)]

Erster Latte macchiato, elfter Tag rauchfrei und kaum noch Entzug, wenn Sie vielleicht von den Schlafstörungen absehen (sollte Bruno Lampe → also recht haben). Von 2.30 bis etwa anderthalb Stunden später wieder wachgeworden und nicht -gelegen, sondern ziemlich gleich aufgestanden, mir etwas übergezogen (nach wie vor schlafe ich unbekleidet) und mich an den Schreibtisch gesetzt, um zu beginnen, worüber ich, während ich noch lag, insistent nachgrübeln mußte: Sämtliche Paßwörter zusammenstellen, die meine Bevollmächtigten im Fall des Falles brauchen, um auf meine Arbeiten, meine Mail. und anderen Internetkonten, vor allem auch DIE DSCHUNGEL zugreifen zu können.
Jedenfalls hat das Novaminsulfon zwar nicht versagt, denn Schmerzen hatte ich nicht mal ahnbar, doch weiterzuschlafen gelang mir nach dem Erwachen nicht, u8nd genau dagegen, nicht gegen den Scherz, wollte ich es einsetzen. Werd jetzt also doch versuchen, das Melatonin zu besorgen – aber vielleicht bekomme ich es nachher in der Klinik (ans Zolpidem mag ich noch nicht rühren; zuviel davor “Respekt”): Um zehn Uhr Vorgespräch zur morgen stattfindenden “diagnostischen Laparoskopie”, die die Hannöverschen erst gar nicht mehr durchführen wollten; dennoch, meine Hausärztin rief zu (ich muß unbedingt auch ihr einen poetischen Namen finden). — Aufbruch von hier, mit dem Rad, um 9.15 Uhr. Wetter durch-, wieso eigentlich –wachsen? … (“ein recht gut mit Fett durchwachsenes und von Rippen durchzogenes”, → auch “Wammerl” genanntes, Teilstückwetter). Wammerlwetter also.
Wie lange die Vorbesprechung dauern wird, weiß ich nicht. Doch werd’ ich herauszufragen versuchen, wie sich die Ärztinnen und Ärzte hier die spätere OP vorstellen.

Jedenfalls bis etwa vier Uhr an der Paßwortsammlung ge,nun jà,”arbeitet”, dann wieder ins Bett und tatsächlich zwei Stunden weitergeschlafen. Insofern bin ich nicht zermürbt. Es nervt dennoch.

Die Chemo wird am Montag beginnen, nehme ich jedenfalls an. Erster Termin beim Onkologen, auch dort, um das Vorgehen erst einmal zu besprechen und wohl auch schon den Plan aufzustellen, den wiederum meine Hausärztin für das THC-Präparat braucht. Eigentlich hat er mich schon gestern sehen, dann aber doch noch das Ergebnis der Laparoskopie abwarten  wollen. Eigens noch einmal anrufen ließ er mich deshalb.

Li, derzeit, schweigt, keine Reaktion auf → meine Replik. Benjamin Stein gestern per SIGNAL: “Das sind ja harte Aussagen vom Chirurgen. Wahrscheinlich musst du die Dame doch siezen, damit sie sich kooperativ verhält.” Welch eine feine Schärfe in der adjektiven Verbindung mit den Chirurgen liegt! Zumal er mit der Frage nachzieht, wann ich “mit den giftigen Cocktails” begänne. Dazu noch, als SMS, die aus eigener Erfahrung rührende Warnung einer sehr, sehr guten Freundin:

(…) hatte Novaminsulfon als tropfen. du schläfst immer. das zeug macht dich so matschig im kopf, dass du schläfst. ich konnte teilweise (…) nur noch soaps folgen – das wollte ich nur sagen – vorsicht mit dem zeug. du willst doch weiter denken können.

Doch wie gesagt, noch macht es mich nicht matschig, und schlafen läßt es mich auch schon nicht mehr, bereits in der zweiten, ich sage mal, Versuchsnacht.

Kraftvoll Sonne durch schweres Gewölk: ein magisches, fast turnersches Wechsellicht. Wieso ich gestern wieder auf Händel kam, weiß ich nicht zu sagen. Doch saß mehrmals komplett fasziniert in meinem vorm Schreibtisch präzis auf die Proacs ausgerichteten Musikstuhl — bewußt ohne jeden Blick auf etwas anderes:

und lauschte mit meist geschlossenen Augen der geradezu fiebrig-naturalistischen Stimmen- und Instrumententrennung → dieser Aufnahme, deren klangliche Grandiosität wie innige Berührungskraft auch daher rührt, daß, anders als in den späteren Epochen, kein Mischklang entstehen soll, sondern jede Stimme definiert ist und sich mit den anderen Körpern stets individuell vereint. Der darin liegende Widerspruch erzeugt den ungemeinen Hörrausch dieses für Tontechniker wie Klangconaisseurs akustischen Hochfests. So ziehe ich derzeit – seit der Krebsdiagnose ausgesprochen nachdrücklich – aus der komplexen Kunstmusik eine wieder ganz enorme Kraft.

Ihr, meine Freundin,
ANH

Coronas Einsamkeit. Träume, Klarträume, Albtraumfiktionen. Im dreizehnten Coronajournal, nämlich des Freitags, den 3. April 2020. Darinnen auch Philosophie der Geschichte als einer der Natur.

[Arbeitswohnung, 5.19 Uhr
Der Amselhahn singt, obwohl es noch dunkel.]
Nur eine einzige Lampe im Zimmer, auf meinem Schreibtisch; der grüne Artdeco-Schirm mit dem geklebten Spalt, auch kupferner Bronze der geschwungene Fuß, klassizistische Schaft. Und kühl, sehr kühlt weht es vom Oberlicht, das offen, herab.

Ich habe nicht schlafen können oder doch geschlafen, aber so, daß ich träumte weiterzuwachen und weiter zu denken, nämlich dieses Arbeitsjournal, und zwar dort, wo ich es → gestern abbrechen mußte, nicht ganz indes abgebrochen hatte. Was zu den Dschungelblättern zu sagen war, jedenfalls ihrer ersten Ausgabe, hab ich ja noch nachgetragen. Doch nichts mehr zu Corona geschrieben, dieses vielmehr auf heute verschoben.
Über Einsamkeit hatte ich schreiben wollen,

DIE EINSAMKEIT IN ZEITEN DER CORONA
Pandemische Liebe der Hautlosigkeit

Ich formulierte mir Satz für Satz, etwas zu Abend gegessen, etwas auch vielleicht zuviel, das im Magen wie eine Suppe aus flüssigen Steinen lag und mich drückte, so in das Laken drückte, daß ich mich wälzte, aufwarf, wälzte erneut. Und dabei dachte und dachte. So merkte ich nicht, daß ich längst schlief. Mir träumte, was ich dachte, weiter. Mein Geist “glitt” nicht, sondern rutschte schwer zurück in das Gespräch, das ich mit den beiden Frauen geführt, den zwei Ärztinnen, der älteren, der jungen. Ich rekapitulierte das gesamte Gespräch und was ich den zweien erzählt hatt’. Und schlief doch eben schon längst. Oder vielleicht, daß ich zwischendurch wach war? Es gab zwischen Traum und Halbwachsein gar keinen Unterschied mehr.
Um 23 Uhr war ich zu Bett gegangen, hatte einen Film angebrochen, der voll mit Großen Bildern war — wider Willen abgebrochen, weil zum einen der Magen so drückte, daß sitzen zu bleiben mühsam war; und zum anderen hatte ich mit Frau Kiehl abgesprochen, ich wolle heute mein Lauftraining endlich wieder aufnehmen. Das hatte mir auch dringend die Ärztin, die ältere, geraten. “Sie müssen laufen, es rettet Sie.” Nur daß ich derzeit nicht weiß, ob ich gerettet zu werden eigentlich will. Wobei es sein kann, daß dieser Gedanke bereits einer des Traums war.
Ich formulierte, formulierte die gesamte Nacht durch. Doch wollte und will ich wirklich laufen. Das wußte ich zugleich auch. Wollte ich also heute früh mein Arbeitsjournal — es würde und wird ein längeres werden — so schreiben, daß es noch vor dem Mittag eingestellt werden kann, so mußte ich spätestens um sechs am Schreibtisch sitzen. Nun wurde es ein Viertel nach fünf. Doch um halb fünf schaute ich erstmals zur Uhr. Der Magen drückte weiter. Aber ich glaubte, es sei schon über die Hälfte meines neuen Textes fertig, er stünde schon in der Matrix, in die ich jeweils die Beiträge schreibe. Alles war das, sogar Zwischenüberschriften gab es. Ich müsse einfach nur weiterschreiben.
Die Dreiviertelstunde zwischen meinem ZurUhrSehn und daß ich schließlich aufstand brauchte ich, um mir klarzuwerden, es stehe noch gar nichts da im Text, sei alles nur imaginiert.
Welch ein Verlust! — Erhöb ich mich nicht sofort, es wäre alles, alles verloren.
Niederschreiben, was noch in der Erinnerung ist, bevor es, was Träume schnell tun, auf das infamste verweht ist, sich aufribbelnd gleichsam wie die Bilder dieses Spielfilms, COMA, dessen Himmel aus lauter Dendriten besteht.
Der Auslöser war wieder die von mir wirklich gefürchtete Mundschutzpflicht. Jetzt floß sie, als Drohung, in meine Träume. Sie macht mich schleichend depressiv, aber spürbar.
“Wissen Sie”, erzählte ich den beiden Ärztinnen, “wenn ich jetzt auf die Straße gehe und sehe ein Paar Hand in Hand — Sie glauben nicht, welch ein Glücksgefühl mich dann durchschießt, warm durchschießt, aufsteigend eher und mich salbend … Oder wenn ich jetzt abends seinen Spielfilm sehe und es gibt eine Liebesszene … nein nein, keinen Akt, sondern einfach nur ein zärtliches Streicheln, vielleicht einen langen innigen Kuß … – früher habe ich dann oft weitergespult, die Szenen übersprungen, weil es zuviel von ihnen schon gab, weil man ja alles schon zigfach kennt … Jetzt aber, jetzt wiederhole ich diese Szenen sogar, weil sie mir so viel Hoffnung geben. Denn sie zeigen, was wir sind, wofür wir sind und was das größte Glück ist, das wir Menschen überhaupt kennen.” — Verstehn Sie, Geliebte? Ich sprach dies erneut, nun in dem Traum, und ich schrieb es in ihm auf.
Was bedeutet es, wenn wir einander nicht mehr zulächeln können und das, was wir flirten nennen, restlos verkommt? “Aber wir flirten doch über die Augen, lächeln auch über die Augen”, sprach zu mir लक्ष्मी am Telefon. Doch das ist anders.
Die junge Ärztin empfand das auch, die ältere trug erst gar keinen Mundschutz. Als ich noch im Wartezimmer saß, lag dort einen DIN-A4-Blatt aus, das den Patienten Verhaltensregeln an die Hand gibt. Ein Absatz beruhigte mich enorm:

Dabei sehe ich es ein und schrieb es so auch, daß wir die anderen, Gefährdete, schützen müssen, auch wenn mich der dauernde Aufruf moralisch an meinem Gewissen erpreßt oder nötigt. Aber ich will nicht aussehn und nicht, daß andre so aussehn, als wären wir Darth Vader und sprächen dann so auch. Genauso formulierte ich es, gegenüber den Ärztinnen, nun wieder im Traum und ein drittes Mal jetzt, da ich es tippe. Auch habe ich längst eine andere Lösung gefunden, für die ich → Helmut Schulze danke. Bei mir — nicht im Freien, nein, aber wenn ich geschlossene Räume betrete, in denen es bisweilen unumgänglich ist, einander nahezukommen — sieht es nach ANH of Arabia aus, wenn Sie, oh Freundin, so wollen. Immerhin ist das nicht ohne Witz. Und hat zugleich ein Geheimnis, das bei Frauen Schönheit werden kann.

Es war fast wunderbar, daß die junge Ärztin nun, da ich erzählte, ihren Mundschutz mehrfach abnahm, lächelte, ihn wieder über das untere Gesichtsdrittel hochzog, bereits abermals abnahm, so öfter hin und her. Und beide hörten konzentriert zu, als ich von meinem Eindruck einer Geschichtslogik erzählte, derzufolge, ich schrieb es in DER DSCHUNGEL schon mehrfach, die zumindest westliche Welt sich spätestens seit AIDS in einem Prozeß zunehmender Entkörperung befindet, Entfremdung vom Körper, der aber doch das eigentliche und zutiefst allgemeine Wunder unseres Menschseins sei — denn anders als wahrscheinlich dem Tier und der Pflanze sei es uns ständig bewußt gegenwärtig — , und wie sehr vieles genau auf dieser Linie liege, um sie quasi zu erfüllen und uns von ihm zu entfernen, ja ihn zu diffamieren. Daß uns jetzt schon die natürlichsten Instinkte, etwa den Kontakt zu Frauen zu suchen, als Mißbrauch ausgelegt, also moralisch denunziert würden, sowie wir es zeigten. Dazu die fortgesetzte Virtualisierung von Welt, die, wie Harraway schreibt, Auslagerung unserer Körper- und fast auch meisten Verstandesfunktionen qua Umformung in mathematische Algorithmen und Module in die Maschinen. Daß Corona da nur der nächste Schritt, möglicherweise, sei.

Selbstverständlich ist das eine Konstruktion der Erklärung. Mit allem Recht kann Sabine Scho dagegenhalten, daß Natur überhaupt keinen Zweck verfolge, wir ihr sogar komplett egal seien. Nur ist dies ein → dem fürchterlichen Houellebecq nicht unverwandter Nihilismus. (Er war fürchterlich schon mit seinem ersten bekanntgewordenen Buch, und ist ständig ekelhafter geworden; daß er so gefeiert wurde, der nicht mal über Stil verfügt, ist für die europäische Dichtung ein Skandal für sich selbst). Aber Scho geht an dem vorbei, was ein Mensch ist. Es gehört zu seiner Art, in dem, was geschieht, einen Sinn zu finden — oder ihn zu erfinden. Wenn wir uns klarmachen, daß die Wahrnehmung von Wirklichkeit ohnedies eine Konstruktion ist, die wir aufgrund der Organisation unseres Gehirnes bauen, nicht etwas tatsächlich Wirklichkeit-selbst, ist die Fähigkeit, Sinnzusammenhänge zu modellieren, genau die Grundlage für das, was Kant Kausalität aus Freiheit nannte und zugleich die notwendige Bedingung aller Kultur. Genau das ist der geschichtsphilosophische Ansatz, der eben deshalb ohne Religion nicht auskommt. Er gibt uns Handlungsalternativen, die wir angesichts purer Sinnlosigkeit nicht hätten. Etwa, was mir gestern Benjamin Stein von seinem Rabbi erzählte, der (heißt das auch im Mosaischen so?) gepredigt habe, Corona sei ein Warnzeichen Gottes (JHWH): Haltet ein! Besinnt euch! Macht so nicht weiter! Daran ist etwas. Wir müssen dafür nicht gläubig sein, um es zu erfassen, schon gar nicht monotheistisch gläubig. Oder wie mir लक्ष्मी noch am Telefon sagte, als wir erneut über diese unsäglich deutsche Klopapierhamsterei sprachen und ich ausgerufen hatte, wie furchtbar es sei, daß plötzlich wieder etwas zutage trete, das längst für überwunden geglaubt: sowas wie ein Volkscharakter, zumal der anale der Deutschen. “Das war doch alles längst vorbei!” “Vielleicht ist es ja ganz gut”, sagte sie, “daß diejenigen jetzt sterben, die es gar nicht mal bewußt, sondern weil sie selbst so geprägt sind, immer und immer weiter in ihre Kinder eingeflößt haben. Meine Generation” – sie meinte die ihre, nicht meine – “ist davon doch längst frei. Wir sind offen gegenüber Fremdem, begrüßen es und befreunden uns mit ihm.”

Aber stellen Sie sich die Situation vor:
Nachdem ich erzählt habe und bevor ich’s erneut tu, stehe und sitze und liege ich da mit nichts als der knappen Unterhose am Leib, und die Frauen, beide, tasten, klopfen, pochen mich ab, drücken hier, drücken dort. “Tut das weh?” Sie bewegen meine Beingelenke, Armgelenke, führen mich in die Taillenbeugung, ich muß mich auf die Zehenspitzen stellen. Sie mustern jeden Leberfleck, horchen mich ab, beidseits, die eine links, die andere rechts — und alles, was ich beklagt hatte, die gesamte körperliche Kontaktlosigkeit hob sich auf. Es war wie Glück. Nein, war Glück. Die puren Finger, dieser Frauen, fühlten.
“Daß uns alles genommen wird”, hatte ich gesagt, “was unser Eigentliches ist, macht mich fast depressiv. Der Austausch, das Ineinanderfließen unserer Körperwärme, die Vermischung der Säfte, ohne die es Menschen überhaupt nicht gäbe. Und wir können nicht sagen, für wie lange noch.” An eine schnelle Aufhebung der Umgangsbeschränkungen glaubten auch meine beiden Ärztinnen nicht. Wochen, möglicherweise Monate werden es noch sein. Und dann wird alles anders, der Körper der anderen als Gefahr im Programm sein.
“Daß dies endlich einmal wer ausspricht”, sagte, ihren Mundschutz wieder abgenommen, die junge Ärztin, nachdem sie mich für die Pneumokokkenimpfung in den Nebenraum gebeten hatte, “was wir alle denken. — In welche Schulter soll ich ..?”

Es gab aber auch etwas Rettendes hier. Ich war noch im ersten Behandlungszimmer.
“Sagen Sie”, fragte ich, “Ihre Praxis ..?”
“Ja?”
“Merken Sie auch Umsatzeinbußen, sind auch Sie gefährdet in Ihrer Ökonomie?”
“Ein bißchen, ja. Aber es hat auch ein Gutes. Sehen Sie, zum ersten Mal seit Jahren können wir uns, da der Ansturm nicht mehr so groß ist, um unsere Patientin wirklich kümmern. Wir haben die Zeit, miteinander über sie zu sprechen und vor allem, mit ihnen zu sprechen. Das gab es lange nicht mehr, war gar nicht möglich. So gesehen schenkt uns Corona etwas zurück, das wir verloren hatten. Wir können wieder tun, was uns einst bewogen hat, diesen Beruf überhaupt zu ergreifen.”

Und davon wachte ich erstmals auf, schlug mich noch diese weiteren fünfundvierzig Minuten auf dem Laken herum, bis ich endlich begriff, das von all dem tatsächlich noch gar nichts zu Text gebracht war und ich es schleunigst tun nun müsse.

***

Dem Ärztinnenbesuch folgten Wege, um weitere Termine auszumachen. Ich komme um eine Magenspiegelung leider nicht herum, auch eine Darmspiegelung steht wieder an. Und die Gefäße müssen kontrolliert werden, grade jetzt, da ich wieder rauche.
Auf der Straße trugen nur wenige Menschen den Mundschutz; es waren auch mehr unterwegs, als ich erhofft, immer mit gutem Abstand freilich, doch viele Paare Hand in Hand und mit ihren Kindern, die tollten. Auch das war beglückend.
Ich dachte an den schwedischen Sonderweg, der mir innig sympathisch und von dem von uns keiner weiß, ob er nicht recht hat. Sollte er irren, und sollten dann die Schweden um internationale Hilfe rufen, hör ich schon das “Selber schuld!” tölen und “Nun solln sie’s selbst auch ausbaden!” — Höchst unangenehmer Gedanke, der die Canaille zurück in den Blick nimmt anstelle die liebenden Paare.

Und dann, ja … und dann begegnete mir zum ersten Mal in meinem Leben das, was man – nicht wirklich correct – Antisemitismus nennt.
Ich spaziere die Ahlfelder Straße entlang. Ein Mann indischer, vielleicht tamilischer Herkunft kommt mir entgegen, “falsch” die Basecap auf dem Kopf. Bleibt stehen, sieht mich an und sagt: “Wir sind hier nicht in Brooklyn.”
Ich verstehe nicht recht. Er zeigt auf meinen Hut.
Es braucht immer noch, bis ich begreife. Er zeigt erneut auf meinen Hut, sagt abermals, nun deutlich verärgert: “Wir sind hier nicht in Brooklyn!”
Endlich, endlich verstehe ich. Aber mir fällt keine andere Entgegnung ein, als daß wir auch in Chicago nicht seien.
Er dreht sich mißbilligend weg, und schimpfend geht er fort. Und ich bin seltsam froh, daß er kein Deutscher war, jedenfalls nicht von Herkunft. Woraufhin mir Phyllis Kiehl am späten Nachmittag den Link auf einen Aufruf Markus Gabriels schickte, den ich hier nun meinerseits verlinke:

→ WIR BRAUCHEN EINE METAPHYSISCHE PANDEMIE

Der vielleicht ein bißchen schlichte Text ist dennoch von größter Valenz und spricht etwas an, das auch mir seit Tagen durch den Kopf geht, den eines überzeugten Europäers. Die einzigen, denen ich ihren Nationalismus nicht verüble, sind die Schweizer, dies aber auch nur, weil er ihnen Neutralität garantiert. Hingegen ist die gegenwärtige nationale Abschottung der nichtneutralen, vielmehr in militärische Pakte eingebundenen europäischen Länder ein historisches schlimmer-als-Elend. Da haben wir endlich einmal einen wirklich europäischen Staatsmann, nämlich Emmanuel Macron, der eine lebendige Vision hat — und was tun wir Deutschen? Wir sperren uns gegen Eurobonds? Lassen Griechenland wieder einmal am ausgestreckten Arm allein? uneingedenk der kulturellen Historie und sowieso, daß wir sogar mit der arabischen Welt schon deshalb enger verbunden sind, als wir mit den USA jemals waren, weil uns über sie, also jene, die altgriechischen Schriften übermittelt wurden, die dort bewahrt und übersetzt worden sind,  um von der medizinischen und Bewässerungs-Zivilisation ganz zu schweigen, da sich das Christentum gegen den Kultur- und Wissensschatz Europas – und sowieso jeglich Apostate – gebärdete, wie’s heutzutage nicht mal dem الدولة  gelingt.

***

Doch zum Anfang noch einmal zurück (“über Einsamkeit hatte ich schreiben wollen”):

DIE EINSAMKEIT IN ZEITEN DER CORONA
Pandemische Liebe der Hautlosigkeit

Ich spüre sie, spür sie schon jetzt, nach nicht einmal zwei Wochen. Die ausbleibenden Besuche meines Sohnes fehlen mir, sehr. लक्ष्मी, gestern, erklärte: “Er kommt nicht, um dich zu schützen.” Der seelische Schaden ist höher, als wenn ich angesteckt werden würde. Ich will nicht ohne Umarmungen leben — und stelle mir laufend vor, wie es den alten Menschen in den Heimen ergeht, die sowieso schon ein Verbrechen an den Menschen sind, von der Verdi Casa di riposa einmal abgesehen, vielleicht. Wenn auch sie jetzt keine Besuche mehr bekommen, bekommen nicht mehr dürfen und alleine, ganz alleine sterben. Mit meinen Zwillingen telefonierte ich ebenfalls gestern. Ophelia, dreizehnjährig, sagt: “Ich würde dich so gerne in den Arm nehmen.” Auch wenn es wahrscheinlich nicht wirklich so ist, ist ihnen doch bewußt, daß ich zu den Gefährdeten gehöre, meines numerischen Lebensalters wegen und weil ich rauche. Sie distanzieren sich wegen einer Fürsorglichkeit, die mich in die Leere sperrt. Doch andere weit mehr. Es gibt Hochrechnungen, denen zufolge die auch letalen “Kollateral”schäden höher sein könnten als die vom Virus verschuldeten Todesfälle  Und nebenbei schafft sich schleichend die Demokratie ab, insofern sie auf der Selbstbestimmung der Einzelnen ruht. Die schon dauermoralisch beschnitten wird. Nein, ich habe keine Angst vor der Ansteckung, einfach deshalb, weil ich keine Angst vor dem Tod habe. Hingegen, Geliebte, vor Vereinsamung sehr.

Ein mir wichtiger Mann ist vorgestern nacht auf gestern verstorben. Nein, nicht an Corona. Er schlief einfach ein. Mehr soll ich bitte noch nicht schreiben. In einem Haus voll Kunst hat er seinen Lebensabend verbracht, der langsam, langsam dämmriger wurde. Zu seiner Beerdigung dürfen wir nicht. Zur Freundin sagte ich: “Wir werden eines Tages eine Wallfahrt an sein Grab unternehmen.” Von diesem Einfall ward sie nicht alleine getröstet, sondern auch ich, der ihn hatte.

ANH
9.38 Uhr

[Siehe auch → Trainingsprotokoll]

Pädagogistisches Vorurteilsgeschwätz ODER Von einer Lesung. Als Arbeitsjournal des Donnerstags, den 12. März 2020. Mit Scriba Entuline.

[France Musique contemporaine:
Kaija Saarijaho, L’alle du songe]

Ort: Buchhandlung Hype & Schnulz, Berlin Zehlendorf
Tag: Mittwoch, 11. März 2020
Zeit: 19.30 Uhr mit Empfang
Eintritt: 10 Euro (nicht bezahlt)

Ich gebe, Freundin, zu, vorgewarnt worden zu sein. Ich gebe des weiteren zu, auf etwas hereingefallen zu sein, auf das Männer, sofern sie Heteros sind, in aller Regel hereinfallen. Auch hatte mich die schon zurückliegende Mitteilung gelockt, Frau Entula werde sehr umschwärmt, alle wollten mit ihr nicht zuletzt auch deshalb ins Bett, weil sie über erotische Themen schreibe. Sowas hat meine tiefste Sympathie sowieso, es ist, auch dieses gebe ich zu, ein enormer und nicht unbedingt ästhetisch begründeter Vorschuß, den ich solchen Autorinnen gewähre. Vielleicht ist er insgesamt allein meiner inneren Projektion verdankt oder, je nachdem, geschuldet. Ich weiß aber zu trennen. Am Ende spricht der Text.
So war es nur ein kleiner, nein, nicht einmal “Schock”, den ich empfand, als ich der mir nur von sehr schönen, reizvollen Fotografien bekannten Frau tatsächlich gegenüberstand, die sich ihrerseits aber freute, mich zu sehen. Der derzeitigen Hysterie halber hatten ihr viele, die kommen wollten oder dies vorgegeben hatten, kurzfristig abgesagt, so daß insgesamt vielleicht fünfzehn Personen anwesend waren, derweil sie mit, nehme ich mal an, fünfzig bis sechzig gerechnet hatte. Doch von den fünfzehn waren ein paar coronamutige sogar aus Leipzig angereist, wo eigentlich die Buchpremiere stattfinden sollte, es gesundheitsministerialhalber aber nun nicht mehr konnte. Und da es draußen nicht regnete, nein schüttete — wieder Gewohnheit hatte ich nicht das Fahrrad genommen, sondern die SBahn (weite Strecke vom Prenzlauer Berg bis nach Zehlendorf); das freilich vergönnte mir das Vergnügen, → für ein neues → Nabokovlesen das nächste Buch anzufangen, grandios! —, — weil dem also so war, wurde sogar eine Art Mut an mir bewundert, den ich durch mein Hiersein bewiesen. Nun gehöre ich zwar zu den “gefährdeten” over65s, bin aber gut bei Körper, und es bleibt einfach wahr, daß der beste Schutzschild der Geist ist. Es steckt sich nicht an, wer’s nicht (auch nicht unbewußt) will: Das funktioniert als ein Schirm wie Vitamin C, nämlich, sagen wir, einigermaßen. Trotz meiner notorischen Geldknappheit bin ich zur Zeit bester Dinge, gerade weil meine Arbeit so gut läuft.
Wie auch immer, irgend eine zumal erotische Ausstrahlung war nicht mal mehr zu ahnen, so daß das wahrscheinlich fünfunddreißig Jahre alte Foto, mit dem die Autorin, ihr Plakat und auch der Verlag werben, etwas eigentlich sehr Trauriges hatte, das mich nun umso gespannter und noch offener dem gegenüber gestimmt sein ließ, was den Abend eigentlich füllen sollte — aber nicht tat.

Nachdem wir ein bißchen Wein oder Sekt getrunken hatten, der zum Empfang ausgeschenkt ward, auch uns am Knabberzeug gütlich getan (Salzstangen, Salzbrezelchen, Erdnußflips, alles in Schälchen) und allmählich Platz genommen hatten (es kam noch vor der Lesung, während Frau Entuline unendlich einführend sprach, eine wunderschön dunkelhäutige Frau herein, die der Autorin einen langen Blumenstrauß überreichte), trat die Buchhändlerin ans Podest, um ihre Begrüßung zu halten. Die vornehme, durchaus distinguierte Dame, die auf die zur Zeit in ihrem Geschäft hängende Bilderausstellung hinwies (nicht wirklich überzeugende Zeichnungen zu aber ziemlich hohen Preisen: kleine Blätter um 400 Euro, größere bis zu 4000), schlug einen vorsichtigen Bogen zu kunstübergeifenden Veranstaltungen, auch Musik sei in Zukunft vorgesehen usw. Dann freute sie sich, und das war deutlich nicht geschwindelt, über Frau Entulines Anwesenheit und die ihres nun schon zweiten Romans sowie darüber, daß wir aus ihm hören dürften. Und gab der Autorin höflich das Wort.

Woraufhin diese leider zu sprechen auch begann. Salbungsvoll, mit immer wieder gehobenem Pädogikzeigefinger: Was es in der westlichen Welt alles Schreckliches gebe, die Paarbeziehungsstrukturen voran. Und zum Beispiel gebe es die “armen Schweine”, nach denen ihr Buch gegen anfänglichen Widerstand des Verlags benannt worden sei, die sich so viel Zukunft und auch Glitzer in ihren Karrieren erhofften und doch schließlich, oh Elend, abgehängt würden. Was bleibe denen denn? Welch schreckliches Schicksal, fürwahr. Ich mußte an → die Fliehenden denken, die vielleicht eben grad vermittels langer Staken zurück ins Mittelmeer gestoßen wurden — und sich vielleicht sogar noch wehrten, anstelle einsichtig schnell zu ertrinken oder doch so realistisch zu sein, nach Nahost zurückzuschwimmen. ‘s ist ja nicht das Nordmeer … Und wie sie dann, nun Frau Entuline wieder, auf ihre Idee gekommen sei. — Idee? Na gut, ein Businesspaar, der Mann geht fremd, die Frau will deshalb ein Meeting halten. Aber das erfahren wir überhaupt erst nach einer Viertelstunde ums Publikum gleichsam buhlenden, die eigene Bedeutsamkeit ständig hervorhebende, mit Augenrollen und weiteren Pädagogikfingern habtachtete bedachten verschiedentlichen Gestikulationen.
Ich, unruhig bereits, rück hin und her auf meinem Klappstuhl. Jetzt was rauchen dürfen! Ah, schtümmt, meine eCigarren. — Ich sauge, meine Nachbarin fängt zu husten an und Frau Entuline mit endlich ihrem Text.
Nun jà, knappe Sätze, manche haben acht Wörter, die dennoch von rhetorischen Vortragspausen gequält sind. Flache Sprache, aber das heißt ja noch nichts. (Noch jetzt kann ich nicht sagen, ob das Buch was taugt. Ich hörte einfach nicht genug, konnte nicht mehr hören und wollt es schließlich auch nicht länger,

denn:)

Nachdem der Vortrag dieses ersten Kapitelchens geendet, es mögen fünf Seiten gewesen sein, über die sich fingerklebrig die entuline’sche sei es verbale, sei’s gestische Rhetorik legte, also nachdem er geendet, schaut die Autorin bedeutungs-, aber sonst nichtschwanger, von was auch?, auf und fragt: “Können Sie sich vorstellen, daß es so etwas gibt?”
Ich denke aus Notwehr, meint sie das ernst?
Tat sie.
“Kann es sein, daß Paare derart seelenlos reagieren?” Sie meint, daß die neben ihrem Mann im Bett liegende Frau, anstelle mit ihm über den soeben offenbarten Seitensprung jetzt gleich zu sprechen, eben dieses Meeting mit ihm anberaumt hat — also daß die Struktur der Beziehung von der der angestrebten Kariere geprägt sei, den Auspizien mithin des Karrierewollens. Extrem existentiell, fast existentialistisch. Wieder greift einer nach dem Staken, der ihn erneut unter das Meerwasser drückt. Was soll’s auch? Ein versehentlich aus dem Fluchtboot geglittener Säugling ist sowieso schon ertrunken. Und bei PENNY gibt es keine Konserven mehr, auch nicht bei LIDL. Außerdem frage ich mich, was die Leute mit all dem Toilettenpapier machen. Worüber freilich das nun wahrhaft selbsterfahrungsgruppige Gespräch in der Buchhandlung wogt, wallt und kabbelig seet, um sich gegenseitig und der Autorin ihrer Vorurteile als ganz gewisse Wahrheit zu versichern; ein Gequassel totalen Bescheidwissens jenseits des überhaupt gehörten Kapitels. So baute sich frau ihren Fanclub. Literatur spielt gar keine Rolle.
Immerhin, eine junge Frau zwei Stühle weiter, wendet zurecht ein, es komme darauf doch gar nicht an, sondern gut erzählt müsse etwas sein; ob es auch wahr sei, sei dann doch ohne Bedeutung. Nur daß wir Erzähltes noch kaum gehört haben. Es gehe um Glaubwürdigkeit, wobei sie, die junge Frau, sie im Gehörten allerdings fand, anders als ich, der ich dergleichen nicht fand. Sofern ich nämlich mitbekommen hatte (in all dem Geschwätz war es schwer, sich überhaupt noch zu erinnern), waren nicht einmal die Figuren glaubhaft gewesen. Was schon bei den Namen begann. Der ihre, also der Heldin, hat was mit dem Apfelbaum zu tun, und ihr Partner ist pikanterweise mosaischer Herkunft und mit dem, nun jà, Gedanken befaßt, sein lockiges Haar sehr kurz zu schneiden, damit er, Zitat, “weniger jüdisch” aussieht — eine so wohlziemlich kalkulierte Provokation, daß ich sie “durchschaubar” schon gar nicht mehr nennen kann und erst recht so nennen nicht mag.
Gequassel, Gequassel, Gequassel.
Da wird es mir zu multibunt. “Können wir vielleicht mal etwas aus dem Roman weiterhören? Deshalb bin ich hier, nicht um mich zu befindlichen.”
“Aber ich halte meine Lesungen so!” entgegnet da, selbstbegeistert, Scriba Entuline, die Wohlfahrt ihrer Fans im Rücken nicht, doch vor der Brust.
“Dann werde ich nicht bleiben,” sage ich, stehe auf, gehe zur Garderobe, ziehe meinen Mantel an, setze den Hut auf, ah! nicht das Rolledermäppchen mit den eCigarren vergessen!, das auf dem Tisch mit den Weingläsern liegt — und schreite zwischen Publikum und Lesepult zur Tür. Die distinguierte Buchhändlerin läßt mich höflich hinaus, sehr beherrscht, sehr freundlich, vollkommen grande dame: “Es war dennoch schön, daß Sie hier waren.”
Ein bißchen verpeint lächle ich ihr zu, weil sie mir recht leid tut. Und ich trete in Regen und Frühnacht. Jetzt acht Minuten Fußweg, dann, bis Gesundbrunnen, fünfundzwanzig Minuten Schadloshaltung durch Nabokov und von dort, nach dem Umstieg, die kurze Fahrt zur Prenzlauer Allee. Weitere drei Minuten durch den Regen zu Fuß, unten aufschließen, durch den ersten Hinterhof ins Quergebäude, drei Etagen hinauf und die Tür der Arbeitswohnung öffnen:

So komm ich nun doch noch zum Abendessen, Kartoffeln und Quark. Dieser schon fertig vom Vortag, jene brauchen knapp zwanzig Minuten an Kochzeit. Und was mir Benjamin Stein war, Geliebte, der nun — in andren Belangen — mir wieder half, das erzähl ich Ihnen später. Hier wären’s Perlen vor die Sau.

Ihr ANH

P.S.:
Anders als Entulines an einen berühmten Pariser
Chansonier
erinnernder Name vermuten läßt, hat
sie nur einen
indirekt französischen, nämlich
huge-nottischen Her
kunftshintergrund und ist
demzufolge spätestens
seit Mitte des 18. Jahrhun-
derts ein auch als Autorin
deutsches Phänomen,
auf das Volker Hages
Wort vom → Fräuleinwunder
dennoch seit bereits zwanzig Jah
ren nicht mehr
angewendet wer
den kann; heute wäre es, das Wort,
ohnedies grob wein
steinverdächtig.

 

Bücher müssen duften dürfen. Das Arbeitsjournal des Mittwochs, den 14. Februar 2018. Mit, vor allem, Kazantzakis.

[Arbeitswohnung, 6.36 Uhr
Weit geöffnetes Oberlicht, aus der Dunkelheit (noch ist es Winter)
das hohle Rauschen einer nahenden SBahn.]

Sie fragen mich,
Freundin,
weshalb ich nicht schreibe („schriebe”),

und meinen ausdrücklich mein Arbeitsjournal. Es fehle Ihnen, manchmal sogar sehr. Mit melancholischem Anflug dächten sie bisweilen an die Zeiten zurück, da es zu Ihren Frühstückslektüren gehört – was Ihnen doch eigentlich eine Antwort bereits gibt. Um Die Dschungel derart auf, sagen wir, Draht zu halten, bedurfte es – seinerzeit, eben, (ihrerzeit also) –, daß ich bereits um fünf, zu Argozeiten sogar halb fünf aufstand, sofort loslegte, um dann, war der Beitrag eingestellt, mich heiß genug geschrieben zu haben, daß ich mit dem Roman sofort weitermachen konnte. Jetzt aber, gegenwärtig und seit schon langem, hält mich kein solches Projekt. Meine anstehenden Arbeiten sind entweder korrigierende, neu durchsehende oder „fremde”, also solche, die aus Aufträgen resultieren, allem voran der Contessa Familienroman. Da ist meine Fantasie nicht zu beflügen, vielmehr zu stutzen, die Tagesarbeit also eines Angestellten, der für sie gut bezahlt wird, ohne daß es aber seine poetische Leidenschaft wäre, der er die gute Einkunft verdankt. Er hat, ich möchte es so ausdrücken, gewissenhaft zu sein, während doch die Kunst einer zumindest gewissen Gewissenlosigkeit bedarf, einer geradezu Asozialität auch dann, wenn ihr tiefster Grund das Verlangen nach Gerechtigkeit ist, ja Liebe und nicht zuletzt eine Anerkennung durch die Gemeinschaft. Nur wird es eben von Leser:inne:n als schmerzhaft empfunden, legt jemand seinen Finger auf die wunde Stelle; sie soll gestreichelt, nicht aufgebohrt werden, auch wenn ohne Bohrung der Karies ein Einhalt kaum geboten werden kann. Ich gebiete dir zu verschwinden – ach, das funktioniert halt so schlecht. Schon beim Contessaroman hatte ich dieses Problem; ich allein für mich wär die Angelegenheit radikaler angegangen. Alleine muß man, ecco, verfügen – verfügen dürfen. Kunst nimmt Rücksicht nicht auf sich, wie sollte sie‛s auf andere können? – Wie ich es meinen Seminarist:inn:en erklärte: Was tut ihr, wenn ihr Liebeskummer habt? Ihr werft euch aufs Bett und weint und weint. Bis ihr einschlaft vor Erschöpfung. Jetzt denkt einmal nach. Welch eine Kraft muß das sein, euch so in den Schlaf hineinzupressen! Diese Kraft fängt der Künstler auf, die Künstlerin, und statt sie im Heilschlaf zu verträumen, gestaltet sie und er aus ihr. Die einen wollen den Schmerz nicht mehr leiden, und also schlafen sie. Die anderen verstehen ihn als Material, von dem man nicht wegsehen darf, dem frau sich aussetzen muß.

Dieser Konflikt zwischen den einen und den anderen haben die Arbeitsjournale immer wieder ausgetragen, weil das Problem darin bestand und besteht, daß der eigene Schmerz immer auch der eines, einer anderen ist und seine Gestaltung in dessen und deren Leben eingreift – es sei denn, die Gestaltung wird derart abstrakt („allgemein”), daß es ihrerseits einer Verdrängung gleichkommt. Kunst gräbt aus, heißt es in Meere.

Nun haben die letzten Jahre ergeben, daß ich in den Arbeitsjournalen über so vieles nicht mehr schreiben darf; verschärft hat sich dies zum einen der Contessa wegen, deren Anonymität ich zu wahren habe, zum andren wegen der Sídhe, über die zu schreiben permanent bedeutete, meiner Löwin wehzutun (es tat ihr weh schon genug); drittens wegen der Trennung von ihr, nämlich ihres eigentlichen Grundes, und viertens kam La Mâconière noch hinzu, ein hochheikler Erfahrungsraum, der mich nach wie vor beschäftigt, ohne daß ich dem hier Ausdruck verleihen dürfte: Mein Wort steht dagegen. Die bösen Briefe, die sie mir später schrieb, werden es nicht brechen; allerdings las ich von den letzten nur noch erste Wörter: Ich habe nicht Lust noch Kraft, eine Auseinandersetzung weiterzuführen, die noch die letztre aussaugt – vor allem dann nicht, wenn ich hier nicht drüber schreiben darf. Was ich geschrieben, scheint, entnahm ich der letztüberflogenen Nachricht von ihr, mich als Unhold bestätigt zu haben: Derartiges öffentlich auszutragen, habe ihr ein Mentor gesagt, sei unter aller Sau. Nur daß ich ja nicht sie austrug, sondern eine Fiktion; wie nahezu immer aus Personen, mit denen ich umgeh, habe ich aus ihr eine Romanfigur gemacht – was ihr zu Anfang auch gefiel. Sie hatte sogar ausdrücklich drum gebeten, daß ich über Fuerteventura schriebe, nur wie ich es schließlich tat, wie angedeutet tat, fand ihr Mißfallen.

Es ist also heikel g e b l i e b e n mit meinen Arbeitsjournalen, und ich habe den Willen nicht mehr, gegen das Diktat der „Privatheit” anzurennen, vielleicht auch nicht mehr die Energie. (Ach, seit ich vor meinen Geburtstagen flüchten will! Und kein Wecken mehr der Löwin um acht. Dazu die Sídhe sehr sanft reserviert. Auch Sublimation kostet Kraft. Außerdem macht mir, an der peinlichen Stelle, weiterhin eine Infektion zu schaffen, die mich von Menschen – ich meine Frauen – eh distanziert.)

Aber nicht nur dieses Persönliche hielt mich ab. Sondern neben dem Familienbuch bin ich weiterhin mit den Fahnen der Ausgabe Zweiter Hand von Thetis beschäftigt, sowie mit der Zusammenstellung meiner noch nicht als Buch erschienenen Gedichte. Da es, weil das Geld für solch ein Mammut fehlt, mit dem Sammelband meiner Arbeiten zu anderen Autor:inn:en erst einmal nicht kommen wird, will Arco zum kommenden Herbst sie herausbringen, jedenfalls eine Auswahl. Schon Benjamin Stein hatte angemerkt, daß die Stücke nicht alle zueinander paßten; besonders die Langgedichte müßten separiert und getrennt veröffentlicht werden. Woran etwas ist, einiges sogar, auch wenn meinerseits ich die Disparatheit gerade geschätzt hätte. Leser:innen zerstört sie freilich die Aura. Diesem Eindruck füge ich mich. Bücher müssen duften dürfen.

Lektorieren wird wieder Elvira M. Gross, ohne deren innige Klugheit ich eigentlich keinen poetischen Schritt mehr tun will.

Freilich ganz vermeiden läßt es sich nicht; mit der Thetis-Durchsicht wäre sie allein des Zeitaufwandes wegen überfordert worden und weil ihr solch einen Aufwand niemand wirklich bezahlen kann. Ich bin ihr eh schon sehr vieles schuldig.

 

Und dann… Ich lese immer wieder Ulrich Becher, dessen Prosaeleganz ich zu bewundern lerne; bereits Das Herz des Hais hatte mich im November ja furchtbar becirct; danach kam >>>> Williams Casino, hinreißend „causiert” (Causeur: auch ein Wort, das kaum jemand noch kennt – wohl weil in Zeiten des, ecco!, „Chattens”), und nun:

 

 

 

 

 

 

… doch ward ich drin unterbrochen, unterbrochen von einem Koloß, unterbrochen von dem Feuer selbst der allerepischsten Poesie: hart männlich (was nicht mehr erlaubt ist) und heikel in seiner Gewalttätigkeit, zugleich von rasender Energie, von wütendem Willen & Wollen – und von F o r m:

Allabendlich nehme ich den knappen Zweitausendseiter mir vor (allerdings nur „einseitig”, da ich des Griechischen nicht mächtig) und lese laut einen Gesang, möglichst einen kompletten pro Tag… – …

Doch war das nun nicht durchzuhalten. Der „Umzug”  Der Dschungel von dort nach hier kam dazwischen; es ist immer noch einiges feinzujustieren; gestern ein längeres Skypegespräch mit Stein, der mir einzelne Funktionen erklärte… ich lerne, ich lerne… usw. usw. …

… aber will wieder da h i n ! – :

Ihr ruheloser Geist durchstreifte weit entfernte, fremde Länder,
die Ohren sind berauscht von Klängen, und die Augen fließen über –
und wenn die Drachen auch, die vier, am heimatlichen Strande sitzen,
so seufzen sie und ächzen doch wie Segelschiffe, welche träumen.

Diese Gesänge müssen wirklich laut gelesen werden, am besten im Stehen. Ich schrieb an Elfenbein, wie gerne ich dieses Buch öffentlich vortragen würde; allein schon, diese Odysseia zu wählen, wäre der purste geschlechtspolitische Akt – vor der rhythmischen und der Schönheit der Bilder ganz einmal abgesehen. Segelschiffe, ächzend im Traum: wie hier das Knarren der Planken und Wanten zum Ausdruck wird des Seufzens (und in der Takelung trauert der Wind). Denn in der Tat, auf des Turmseglers (quasi) Frage ist noch eine Antwort zu geben.

Aber heute nicht mehr. Nicht mehr heute. Mein zweiter Latte macchiato ist getrunken, wir haben‛s nun Viertel vor neun. Ich muß und will an den Familienroman, bis mittags, dann werden die Fahnen weiter korrigiert; zwischendurch wird mich Madame LaPutz vertreiben.

Abends bei der Familie.

Haben Sie, Freundin, einen guten Tag.

Ihr ANH

P.S.: Ah jà: Gestern, in einem nächtlichen Briefwechsel, schoß mir ein neues Paralipomenon aus dem rasenden Hirn in die Finger. Ich hab es hier schon eingestellt.

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