ANHs MEERE. In der originalen Fassung.

 

<MEERE orig mare.de

Alban Nikolai Herbst
Meere
Roman

mare
Zweite Aufage 2018
263 Seiten
Gebunden mit Schutzumschlag
22 Euro

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| IRRTUM DER ABBILDBARKEIT |
Der erste erhaltene Weblog-Eintrag Der Dschungel überhaupt. Vom 29. Oktober 2003. Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 8. März 2020.

 

[Arbeitswohnung, 9.04 Uhr
Zweiter Latte macchiato]

[David Ramirer, Organics auf Bachs Präludium C-Dur BWV 846]

 

Meinem durchnumerierten Word-Archiv zufolge war → dies der zweite Eintrag und ist offenbar der erste überhaupt erhaltene, den ich je für ein Weblog verfaßte. Noch für die auf freecity dank → Oliver Gassner schnell gefolgte  twoday-Dschungel bis zum, vor etwas mehr als zwei Jahren, Export nach WordPress schrieb ich sämtliche Texte in einer doc-Datei vor und legte sie nach fester Zahlenregistratur ab; die letzte da hatte die Nummer 18238 — es folgen noch etwa 200 Einträge, denen ich keine Nummer mehr gab; das war bereits die Umbruchphase zu WordPress. Der tatsächlich erste Eintrag-je scheint allerdings tatsächlich verloren zu sein, keine Ahnung, weshalb. Es wundert mich, denn in Sachen Archivierung bin ich pedantisch — wie in allem, was mit meiner Arbeit zu tun hat.

Wie nun auch immer, unterdessen bin ich dabei, die alten freecity-Einträge hier in “DIE neue DSCHUNGEL” einzufügen, so daß ihre Geschichte in absehbarer Zeit so komplett wie möglich mit enthalten sein wird. Dies nämlich nicht nur, weil ich von der Modernität und Notwendigkeit meiner Poetik überzeugt bin, sondern vor allem, um auch hier dem Gedanken der jungen Moderne zu entsprechen, daß die Entstehung eines Kunstwerks eines ihrer notwendigen Teile sei. Wobei es jedenfalls für mich-selbst höchst interessant ist, wie eng ich damals bereits den Buchverbotsprozeß um → Meere — der eine Situation schuf, ohne die ich ein Weblog wahrscheinlich niemals begonnen hätte; ich fühlte mich dazu rundweg genötigt, nämlich um nicht zu verstummen — mit meiner Andersweltpoetik zusammensah, zusammen spürte. Das hat nichts mit der seinerzeitigen Klägerin zu tun, wohl aber mit der Reaktion des Literaturbetriebs und seiner Fetischisierung eines komplett falschen “Realismus”. Und, damit verbunden, mit dem selbstgefällig-bequemen, ich schreibe mal “linken” Mißverständnis, was Dichtung eigentlich sei. In anderen Worten ist es ein Irrtum der Abbildbarkeit, der sich, wie auf eine Krücke, auf die “klassische” Vorstellung der Mimesis stützt. Nahezu alles, was zu deren Seiten lag, wurde quasi weggetreten — sofern es aus Deutschland kam. Für Österreich machte man Ausnahmen, H. C. Artmann und andere, fürs nichtdeutschsprachige Ausland sowieso. Da waren sogar Vertreter der phantastischen Literatur “erlaubt”, etwa Borges, hingegen die Deutschen der Kahlschlag-Doktrin, später dem sog. Kölner Realismus zu folgen hatten. Schon klasse, nebenbei bemerkt, wie Wellershoff auf der Leipziger Literaturkonferenz 2003 wieder nach Sturmgewehren rief; da kam ganz wunderbar seine Zeit in der Wehrmacht wieder ans Licht; und Ina Hartwig trug am Kragenspiegel Stars ‘n Stripesauch ein Endsieg, nämlich des Pops. Klar, daß jemand wie ich in solcher Runde nichts zu suchen hat und also weg muß: Sie wissen ja, liebste Freundin, welch Nestbeschmutzer ich bin.
Nur daß das Problem ist, man kriegt mich nicht weg, der Swinigel ist immer schon allhier. So, genau so, entstand Die Dschungel, und es ist mir wichtig, dies öffentlich zu protokollieren, zugänglich für jede und jeden, die und der es will. (Vorläufer hierfür waren die von 1985 bis 1989 erschienenen Dschungelblätter; was ich mit dem Weblog begann, war insofern eine Fortführung unter allerdings anderen, teils schlimmeren Voraussetzungen, dafür angereichert mit einiger reifer Erfahrung; und nun, mit dem Meere-Prozeß ging es halt auch um faktische Existenz, nicht nur den Widerstand eines jungen, betriebsunbequemen Autors. Wobei, wie → dieser nun wieder eingestellte erste, bzw. zweite Weblog-Eintrag formuliert, in der öffentlichen Auseinandersetzung um den inkriminierten Roman eigentlich meine ganz anderen Bücher suggestiv mitdiskutiert wurden — bis noch 2015 in Hubert Winkels´ hübscher Charakterisierung als → “utopistisches Tamtam” (und immer noch stehen da unwidersprochen diese beiden so ekelhaft-hämischen wie kenntnislosen, → deutlich persönlichen Kommentare unter dem, aufs → Traumschiff bezogen, eigentlich sehr schönen Artikel).— Nein, ich kann und ich will das nicht abhaken und zu den Akten legen, denn es zeigt, wie Literatur, die sich nicht in den Mainstream fügt, von sehr klugen, sehr kenntnisreichen, eigentlich hochsensiblen Menschen weggemobbt wird, ohne daß sie wahrscheinlich selbst begreifen, was sie da tun. Zudem ist es höchst fraglich, ob sie die so zum Abschaum gekippten Bücher überhaupt gelesen haben. Auch hier gilt: Geschichte geschieht durch Einschliff.

Wie nun auch immer, Freundin. Einige alte Beiträge habe ich bereits stillschweigend in Der Dschungel nachgetragen; manche davon, wenn sie nicht allzu “historisch” sind, kommen — wie → dieser dort gestern — für einzwei Tage auf die Hauptsite unter vorübergehend aktuellem Datum und werden danach unter dem alten originalen abgespeichert, so daß sie “nach hinten” wieder verschwinden, aber im Archiv gut aufgefunden werden können (rechte Spalte, tief hinabscrollen, dann können Jahr und Monat geöffnet werden).
Des weiteren spiele ich mit dem Gedanken, auch aus der Zeit vor Der Dschungel poetologische Überlegungen und Positionierungen einzustellen, die ich zu meiner Arbeit etwa in Briefen angestellt und eingenommen habe; ich habe ja auch sie gesammelt, material aus den Zeiten, bevor ich mit dem Computer zu arbeiten begann, dieses etwa um 1983/84, sowie danach als gespeicherte Dateien/Mails. Das meiste davon ist tatsächlich, siehe “Pedanterie”, erhalten.
Daneben läuft selbstverständlich die aktuelle Arbeit; vorgestern gab ich meine Rezension zu AMERICANA von Maret, Collin, Frisell und Penn bei Faustkultur ab, soeben erschienen bei ACT, dann sitze ich gerade über einer Besprechung der schon oben genannten→ ORGANICS, also von David Ramirers neuer CD, lese derzeit fürs nächste Nabokovlesen Die Mutprobe und versuche mich weiter und weiter am Ansatz des → Béartstücks XXXII, dem vorletzten des Zyklus mithin. Doch da kommt ich grad nicht recht weiter, obwohl die Zeit nun, spüre ich, drängt. Und außerdem gucke ich mich mal wieder auf Kontaktforen um, weil mir das sexlose Dasein auf die Nerven geht, kann mich aber nicht wirklich durchringen, “tätig” auf ihnen zu werden, weil es mich, wie ich gut weiß, zu viel und zudem meist verlorene Zeit kosten würde (zu oft kam in den letzten Jahren dieses “zu alt”, weil im Netz — nachvollziehbarerweise —  “rein” nach Zahlen vorgesiebt wird; tatsächliches Sosein läßt sich ja nicht anschaun); und ich brauche die Zeit für die Arbeit. Eisenhauer vor paar Tagen beim Billard: “Au wei, jetzt hat dich das Leonard-Cohen-Syndrom.” Ich verstand erst nicht, doch er erklärte es gut, und süffisant. Wie er halt ist. Außerdem, liebste Freundin, ich liebe ja; wie soll ich mich einer anderen Frau da antun? Es wäre schlichtweg unfair. Gegen meine real gewordene Anima kommt niemand an, so sehr auch dieses “real” sich längst verweht hat, ich meine: als ein erfülltes. So gebe ich, was ich an Leidenschaft habe, allein noch in die Béarts.

Ihr ANH

[Theorie des Literarischen Bloggens]

 

Betr.: 54 books, “Chronik: Februar 2020”.
Gem. § 5 TMG an: Tilmann Winterling, c/o Gutsch & Schlegel Rechtsanwälte, Hamburg.

 

NACHTRAG, 12.55 Uhr:
Der inkriminierte Part des verlinkten Artikels wurde nach Intervention des dortigen Anwalts durch die 54books-Redaktion “ohne Anerkennung einer Rechtspflicht oder Präjudiz für Sach- und Rechtslage” soeben von der Website entfernt. Er bleibt bei mir allerdings als Screenshot nichtöffentlich aufbewahrt.
(Ich meinerseits habe aus der hierunter stehenden Veröffentlichung meines Schreibens den Namen einer Person entfernt, die mit dem Vorgang de facto nichts zu tun hatte; hier lag ein Mißverständnis meinerseits vor.)
ANH

An
54 books
Tilmann Winterling
c/o Gutsch & Schlegel Rechtsanwälte
Neumühlen 17

22763 Hamburg

Berlin, den 25. Februar 2020

Verlangen auf Gegendar-, bzw. Richtigstellung

Sehr verehrte (…), sehr geehrter Herr Winterling,
sehr verehrte Damen und geehrte Herren des „Team[s] 54“ der Internetplattform „54 Books“,

in Ihrer → „Chronik: Februar 2020“, mir durch einen Google-Alert gestern bekannt geworden, schreiben Sie, bzw. lassen Sie ohne namentliche Nennung der Autorin oder des Autors öffentlich schreiben, in der „Gesamtausgabe“ aller meiner „Prosastücke“ des Wiener Verlages Septime seien „Stücke versammelt, die Herbst zuvor auf seinem Blog veröffentlicht hatte“. Wie Sie oder die Urheberin, bzw. der Urheber des Textes meine Arbeit bewertet, ist ihr, bzw. ihm überlassen, nicht aber geht es an, diese Bewertung mit Falschbehauptungen zu begründen oder eine solche Begründung suggestiv nahezulegen. Tatsache ist, daß die in den beiden Bänden enthaltenen Erzählungen zuvor nicht im Internet veröffentlicht worden sind, einige waren es vorher sogar in überhaupt keiner Form. Was der Fall ist, ist, daß einige von ihnen als Auszüge aus den Entwürfen in meinem Literarischen Weblog „Die Dschungel.Anderswelt“ zur Diskussion vorgestellt wurden, andere wenige in Vorfassungen; dies betrifft besonders solche, die bereits einmal in der Buchform herausgekommen, aber vergriffen waren. Wobei gerade Ihnen als mit dem Internet (…) Vertraute bekannt sein sollte, daß sich das Internet für die Publikation langer zusammenhängender Texte wenig eignet. Eine Ausnahme stellte die Novelle „Die Fenster von St. Chapelle“ dar, die vom 17. bis 28. 6. 2010 in Echtzeit in den Blog geschrieben, dort zum Teil heftig kommentiert und hernach für die erste Buchausgabe (2011) und dann ein weiteres Mal, nämlich neun Jahre später für die hier in Rede stehende Septime-Ausgabe grundlegend umgearbeitet worden ist. Einem Postulat der modernen Romanästhetik folgend, die den Prozeß des Entstehens eines Kunstwerks zu seinem, um eben der Modernität zu genügen, Bestandteil macht, verweisen die Textfassungen aufeinander, sind indes alles andere als identisch. Die Autorin, bzw. der Autor Ihres feuilletonistischen Artikels ist hier einer angemessenen Recherchesorgfalt nicht nachgekommen oder hat ihr nachkommen nicht wollen.
Daß in Die Dschungel.Anderswelt „vor allem die Nostalgie von Windows 95 und die Sehnsucht nach einer einfacheren Zeit“ zu „genießen“ sei, ist ebenfalls eine, allerdings wohl nicht justiziable Falschmitteilung; „Windows 95“ läßt sich von professionell mit dem Internet Vertrauten vom Heimcomputer aus aufs einfachste falsifizieren, und die „Sehnsucht nach einer einfacheren Zeit“ ist schlichtweg eine suggestive Rhetorik, deren Recht sich gerade in Die Dschungel.Anderswelt insbesondere in der Rubrik zum kybernetischen Realismus als ein höchst mürbes erweist. Wiederum
faktisch falsch ist aber, daß der Prozeß zu meinem Roman „Meere“ (2003) „zu einem kurzfristigen Verbot“ geführt habe. Tatsache ist, daß der Vertrieb der Originalfassung, und auch Lesungen daraus, von 2003 bis zur (durch die damalige Klägerin erfolgten) Freigabe des Romans im Jahr 2017 untersagt war, also vierzehn Jahre lang. Allerdings wurde schon im Jahr 2007 eine – aber wesentlich abweichende – Fassung freigegeben, die sogenannte „Persische Fassung“, die dann auch nicht im Verlag der Originalfassung, nämlich mare, sondern – nach dem Vorabdruck in Volltext – bei Dielmann erschien. Auch von 2003 bis 2007 sind es indessen vier Jahre, etwas, das schon gar auf dem gegenwärtigen Buchmarkt ebenfalls nicht „kurzfristig“ ist. Daß Ihre Autorin, bzw. Ihr Autor meint, ich sei aufgrund des Buchprozesses „großzügig mit dem Märtyrerbonus ausgestattet“ worden, ist nun zusätzlich falsch; es war fast durchweg das Gegenteil der Fall. Dieses wäre der Verfasserin, bzw. dem Verfasser Ihres Artikels auch klargeworden, hätte sie oder er Einsicht in die seinerzeitigen Feuilletons genommen und wäre also nicht nach alleine Hörensagen oder Dafürhalten vorgegangen. Oder es war ihr, bzw. ihm klar, und sie/er wollte bewußt ein weiteres Mal übel nachreden. Zumal bezieht sich meine Verwendung des Worts von der Meinungsdiktatur auf ein völlig anderes Phänomen, das es zur Zeit des gerichtlichen „Meere“-Verbots so noch gar nicht gegeben hat. Ich weise für meine Person den Begriff „Opfer“ sowieso zurück, schon gar als persönlich alleine auf mich bezogen.

Hiermit fordere ich Sie nach u.a. § 186, 187 und 192 StGB sowie § 11 HmbPresseG zu folgender Richtig-, bzw. Gegendarstellung auf, die unmittelbar auf der Site der von „54 books“ → „Chronik: Februar 2020“ zu erscheinen hat, andernfalls ich sie nach u.a. §§ 935ff. ZPO erzwingen werde:

1) Wir erklären hiermit, dass es eine Falschbehauptung ist, es seien die im zweiten Band der im Septime Verlag, Wien, erschienenen Prosastücke Alban Nikolai Herbsts vorher schon im Internet veröffentlicht worden. Tatsächlich finden sich im Literarischen Weblog “Die Dschungel.Anderswelt” Auszüge aus Entwürfen einiger Erzählungen, bzw. nachher grundlegend umgearbeitete Vorfassungen.

2) Ebenso falsch ist unsere Behauptung, dass der Roman „Meere“ nur kurzfristig verboten gewesen sei. Tatsächlich ist die Originalfassung des Romans vierzehn Jahre lang verboten gewesen und erst dann durch die ehemalige Klägerin wieder freigegeben worden. Auch können wir – anders als unser Artikel unterstellt – einen Zusammenhang zwischen dem von Alban Nikolai Herbst verwendeten Wort der Meinungsdiktatur, die sich bei ihm vielmehr auf die sogenannte Gendercorrectness bezieht, und dem seinerzeitigen Verbot des Romanes nicht herstellen, bzw. beweisen. In dem Artikel ist dieses eine unangemessene Mutmaßung ohne belegbare Faktizität.

Wir widerrufen hiermit die oben genannten Behauptungen und entschuldigen uns öffentlich bei dem Septime Verlag, Wien, und Alban Nikolai Herbst, Berlin.

 

Mit besten Grüßen

 

 

Alban Nikolai Herbst

„Ich schäme mich für meine Kollegen.“

Sagte mir soeben ein befreundeter Kulturjournalist, der in der Süddeutschen Zeitung die heutige MEERE-Mitteilung las und mir davon berichtete. Sie trägt, sic!, den Titel „Ahoi!“, der ungefähr dem Kalauergeistchen des dortigen Literaturchefs entspricht, der Freddy Quinn jedem Allan Pettersson vorzieht, und ist nach allen Kräften, das heißt mit sämtlichen Fehlern, abgeschrieben. Und zwar bei der FAZ, die den Unfug bereits letzte Woche brachte. „Aber es ist gut, daß man mal die Informationswege so genau nachvollziehen kann“, sagt resignierend der Freund. Also: Die FAZ berichtet falsch… „Landgericht Hamburg“, wo es „Landgericht Berlin“ hätte heißen müssen; das richtige Landgericht war der Redaktion eigens dabei mitgeteilt und darüber hinaus der Link auf meine öffentliche Erklärung geschickt worden. Aber man glaubt mir ja nicht. Und sowieso, Genauigkeiten fruchten bei manchen Journalisten wenig; mag sein, daß sie sie für leserfeindlich halten. Egal. Jedenfalls kupfert‘s die Süddeutsche ab, und weil er glaubt, Ahoi!, so in Fahrt zu kommen, setzt der zuständige Redakteur volle Segel, denn er hat eben auch in den SPIEGEL geschaut, mochte aber dessen juristisch abgeklopften Termini nicht trauen, sondern ihm war nach Shanties. So ist denn von einem gar nicht zuständigen Gericht eine Einstweilige Verfügung, die z w e i war und die sich erledigt haben, „aufgehoben“ worden. Was juristisch gar nicht ging, aber Seglerlatein ist Seglerlatein. Und ein Buch, das s o nie gefangen war, ist plötzlich frei.
Immerhin, auf >>>>Volltext wurde verwiesen:

[Meere, Letzte Fassung (4).]

3 <<<<

MEERE bei VOLLTEXT. Komplett. Im April. Meere, Letzte Fassung (3).

Nun sagte es bereits >>>> DER SPIEGEL, und BUCHMARKT führte sofort mit dem Volltext-Herausgeber Thomas Keul >>>> ein Interview:

Der Roman um den Maler Fichte ist vieles in einem: Geschichte einer amour fou, Analyse sexueller Obsession und Perversion, Künstlerroman und Familiengeschichte, in der die große Geschichte sedimentiert ist. Interessant ist für mich nun, wie das alles so ineinander geht, dass noch die privatesten Idiosynkrasien Fichtes, seine Perversionen, seine Wutanfälle, sein Musikgeschmack, sein kultivierter Außenseiter-Gestus, von historischen Prozessen geprägt erscheinen, die lange vor seiner Geburt begonnen haben, und mit seinem Tod kaum zu Ende sein werden. An welchen Stellen Fichte heute empfindlich oder überempfindlich ist, das hat sich zu einem großen Teil schon entschieden, bevor er noch zur Welt gekommen ist.

So etwas… d a s… war künstlerisch in einem Roman zu gestalten. Muster. Wiederholung von Mustern. Und der Versuch, ihnen zu entrinnen. Was sie dann erst ganz besonders aufglühen läßt. So daß man sich immer weiter in ihnen verstrickt.

(Und hängt, auf böse Weise, auch >>>> damit zusammen. Sowie mit dem, was ich das Allegorische nenne.)

Liebesprojektionen (Chats)

Projektion 1

Eine junge Frau schreibt über einen höchst zweideutigen Chat einen über fünfzwanzig Jahre älteren Mann an, den sie damit auch sogleich aus dem Chat zu sich zieht, erst einmal in die briefliche Korrespondenz, auf die er mit enormem Fantasietanz reagiert. Die beiden telefonieren, schreiben sich fortan nahezu täglich, SMS’en, – reagiert einer(r) von beiden nicht sofort, wird die/der andere unruhig… beide wollen das gar nicht so weit kommen lassen, aber es bleibt ihnen nichts anderes übrig, sie verwachsen ineinander, ihre Projektionen, ihre Fantasien, sie sehen sich aber immer noch nicht, ein halbes, ein ganzes Jahr lang. Dann kommt es zum ersten Streit: Wo das Aufgebot bestellen? In Hamburg (da lebt sie) oder in Karlsruhe (da lebt er). Die Eltern und Freunde der “Parteien” werden um Rat gefragt, aber die halten die Sache rundweg für furchtbar: 1) Altersunterschied (“Mädchen, überleg Dir, was Du da tust! Das ist doch ein alter Mann!”) 2) der imaginäre Charakter (“Du spinnst total! Wie kann man eine heiraten, die man nie sah? Mach, was du willst, aber sicher nicht mit unserer Hilfe.”) Dennoch, die beiden sind entschieden, auch wenn es beidseitig sowas wie Enterbungen hagelt und sich im Freundeskreis auch kein Trauzeuge für solch eine Verrücktheit finden mag. Um wegen des noch immer strittigen Trau-Ortes einen Kompromiß zu finden, reisen sie und er – unabhängig voneinander – nach Frankfurt am Main und suchen sich dort jeder eine Wohnung und melden sich jeder – weiterhin unabhängig voneinander – dort polizeilich an. Dann bestellen sie in Frankfurt das Aufgebot. Beide – zu verschiedenen Zeiten, damit sie sich nicht zufällig begegnen – spazieren durch die Stadt und sprechen Passanten an: “Entschuldigen Sie bitte, ich brauche Trauzeugen…” Deretwegen ist zwischen den – man muß sie längst so nennen: – Liebenden eine einzige Bedingung gestellt: Es dürfen nur schöne Menschen sein, Männlein wie Weiblein. (Ich meine “schön”, nicht “hübsch”. Schönheit setzt Geist voraus.) Und wie die Braut den Bräutigam – und umgekehrt, logischerweise – nicht vor der Hochzeit sehen darf, so die Braut auch nicht die Trauzeugin und der Bräutigam nicht den Trauzeugen: Sie nämlich hat den männlichen Zeugen, er die Zeugin auszuwählen. Das gelingt. Im Juni 2004 finden die Liebenden zueinander. Sprachlos stehen sie vorm Standesamt… absolut sprachlos, als sie sich in die Augen sehen. Sehr langsam, fast ein wenig wankend, gehen sie – jeder gefolgt vom Zeugen – aufeinander zu. Nein, sie begrüßen sich nicht, sagen nicht ein Wort. Beugen sich einander zu, die Münder einander zu… und um den Kitsch, aber um mindestens ebenso dringend zu vermeiden, daß sie einander wieder verlieren, also der/die andere sich mit einem traurigen Plopp in die Imaginationen wiederauflöst, die beide bis zu diesem Tag füreinander waren, küssen sie sich mit offenen Augen; überhaupt schließen sie sie nicht mehr… Bis zum späten Abend, wenn die Lider zufallen wollen, macht ihnen jedes Zwinkern Angst. Undsoweiter. Kurz vor Mitternacht setzen sie sich ins Flugzeug. Wohin sie reisen, wissen wir nicht. Auch nicht, ob sie zurückkehren werden. Die Schlüssel ihrer Frankfurter Wohnungen haben sie nämlich, und zwar überkreuz, bei den ihnen im übrigen gänzlich unbekannt gebliebenen Trauzeugen gelassen.

Nota 1:

Man kann das auch o h n e Happy end erzählen, aber wozu? Es wäre den Realisten nach den trockenen Lippen geredet und obendrein zu wahrscheinlich; Novellen sind aber “unerhörte Begebenheiten”. Neinnein, d i e s e s Happy end stünde ich durch.

Nota 2:

Man sage nicht, dergleichen finde nicht statt. Man sage nicht, das Internet schaffe nicht neue Realitäten, die die alten zumindest modifizieren.

 

 

Projektion 2

Mich erreicht die SMS einer mir unbekannten Frau, die meinen Fernsehauftritt gesehen hat:

“Lieber Herr Herbst, Sie sind einfach geil. Weiter so.” – Sie wolle sofort in den Buchladen stürmen. Und wolle mich – obwohl ich ihr zurücktippte, ich glühte für eine andere Frau, siehe Projektionen 1 – nach meiner Rückkehr treffen. Ganz lakonisch schreibt sie: “Ich bekomme, was ich will. Sie kennen mich nicht.” – Genau der Ton, auf den ich normalerweise anspringe: Es ist der projektive. Derjenige, der Romane schreibt, die Quellen des Nils suchen läßt, Leute zum Mond bringt oder zum Mittelpunkt der Erde, – Sinfonien schafft er, prägt Stadtteile, setzt Pyramiden wie Naturkonstanten in die Wüste oder baut Opernhäuser in den Dschungeln; ein Ton, der sich um die vermeintliche Realität nicht schert.

Mit diesem Ton beginnen übrigens französische Liebesfilme, die ja die besten sind, weil sie von vornherein nicht ohne Geist auskommen wollen. Um etwas draus entstehen zu lassen – ganz gewiß nun Literatur – spielt es nicht einmal eine Rolle, ob ich auf den Arm genommen worden bin: sondern es geht um den Reflex in mir. Ob ich sofort “Blödsinn” rufe oder zulasse, es könne etwas daran sein. Selbstverständlich macht auch mich die Mischung aus “geil” und “Sie” stutzig; doch es ist ein reizvoller Widerspruch, weil er Jugendslang mit Distanzierungswille mixt.

Nota 3:

Ist das Fernsehen nicht ebenso irreal wie das Internet? Was sehen wir, wenn wir schauen? Nicht immer auch uns selbst, also den Tanz unserer Selbst- und Fremdideale? Und SMS’e wären nicht gleichfalls I d e e n?

 

 

Projektion 3

Und ist es anders, wenn ich hier in Catania durch die Straßen gehe und beobachte, in die kleinen, verschachtelten Werkstätten schaue? Was sehe ich? Jeder mir zugeworfene Blick wird zu einer Geschichte, einer mir selbst erzählten Imagination von Geschehen, die in mir immer zu Kunststücken führen und manchmal zu ganzen Wendungen in meinem “realen” Leben. Nein, das ist nicht privat, sondern ich schreibe es auf, weil sich so Realität konstituiert, a u c h so konstituiert. Auch Gedanken sind physiologische, mithin “reale” Vorgänge, auch sie unterliegen chemophysischen Konditionen, und das gilt auch für ihre Übertragung: sei es auf akustischem oder auf optischem Weg (der Begriff als Klang und als Zeichen).

Auch dies ist eine Erzählung.

Seltsames Treffen mit einer Frau gestern abend, die ich bei Chat.de „kennen“gelernt, mit der ich ein paar kämpferische Dialoge geführt hatte; sie sei Männern gegenüber dominant, aber wolle wieder „auf die andere Seite“, erzählte sie mir. In der dialogischen Schriftform des Chats wirkte sie ausgesprochen selbstbewußt, ja aggressiv. Besonders gelockt indes wurde ich von ihrer Drohung, daß sie mein Blut trinken werde. Sie zückte verbal das Skalpell.
„Ich bin hämophil“, erklärte sie.
„Na, das werden wir ja sehen“, gab ich ihr tippend zur Antwort.
Wovon sie sich nicht im geringsten einschüchtern ließ: „Das werden wir.“
Und ich zog also nach: „Gut, wann und wo treffen wir uns?“
Da, zum ersten Mal, zögerte sie; ich hatte den deutlichen Eindruck eines imaginierten Rollenspiels, zugleich war mir die Sache nicht recht geheuer. Andererseits… Ich weiß ja genau, weshalb ich mich auf diese Gefährdung einließ. Es ist eine, auf die ich, anders als bei der juristischen Auseinandersetzung, aktiv reagieren kann; ich suchte Risiken immer, suche sie weiterhin, auch existentielle, aber solche, bei denen ich nicht völlig von anderen abhängig bin, etwa von Anwälten, die mir vorschreiben (müssen), was ich darf und was nicht, sondern solche, in denen Reaktionsschnelligkeit, Energie und Persönlichkeit gefordert sind
„Jetzt gleich?“ fragte sie.
„Jetzt gleich.“
„Nein. Ich brauche wenigstens zwei Tage.“
Das letzte unserer Gespräche, dieses, fand am Montag statt; also ich: „Gut, am Mittwoch.“
Sie wollte noch einmal zurückziehen. Aber die „zwei Tage“ waren ihr eigener Vergleichsvorschlag gewesen; so ging das nun nicht mehr.

In derselben Nacht telefonierten wir noch: eine sehr warme, eher tiefe, doch weibliche Stimme, die jedes Wort genau setzte, fast zu genau, es hatte etwas von einer kulturvollen Sprach-Redoute.— Zwei Stunden vor dem Treffen rief ich sie abermals an, um ihr eine letzte Gelegenheit zum Rückzug zu geben. Sie hingegen nahm erst an, ich wolle absagen; später, beim Treffen, gab sie ihrer Verwunderung über diesen Anruf Ausdruck. „Verwunderung“ ist ein zu sicheres Wort, die Frau war, wie als sie mir da gegenübersaß, ausgesprochen nervös, bis in die Fingerspitzen manieriert, die langen, sorgfältig manikürten Nägel selbstverständlich rot lackiert, und zwar in demselben Rot, das ihre Hüfte schnürte. Sie trug ein Korsage-Kleid, das sichtlich die Brust hob, allerdings ohne daß sich von ihr eine Vorstellung gewinnen ließe; ich sagte ihr das auch.
„Da bin ich aber froh“, erwiderte sie, „daß ich diesen Aufzug gewählt habe.“
„Warum?“
„Sie sind so direkt.“
Das war zwar ein Vorwurf, doch keine Spur von Skalpel — ein bißchen enttäuschend, wie ich fand. Die Aggressivität dieser Frau hatte sich im gothic-style ihrer Garderobe festzementiert. Daß sich bei einer, die gegenüber Männern Domina-Positionen einnimmt, „Natürlichkeit“ nicht erwarten läßt, ist klar, doch wenn sich das mit einer Unsicherheit paart, die dauernd körpersprachliche Devensivgesten macht, stört es mir die Glaubwürdigkeit. — Rundweg klar, wie devot sie war, sie konnte ja nicht einmal aufstehen und weggehen. Zwar formulierte sie immer wieder, ich ginge zu weit (was nicht stimmte; ich sagte ihr nur freundlich, allerdings genau, was ich sah und empfand), ja sogar, ich sei unhöflich („Darüber spricht man nicht.“), aber zu dem, was ich nun eigentlich erwartete, ja sogar wünschte – ein Angriff – kam es nicht. Ich hätte es wirklich verstanden, wäre sie einfach gegangen, und ich sagte ihr das auch, als sie Unwillen zeigte.
„Dann würde ich ja fliehen“, enggegnete sie, übrigens auch dies geziert. Sie spielte eine in Nächten und Träumen eingeübte Rolle und sich selbst immer tiefer in diese geradezu hilflose Situation hinein. Wann immer ich aber die Hand hob – um zur Tasse oder zu den Zigaretten zu greifen -, zuckte sie mit dem Gesicht, nein: mit dem ganzen Körper zurück.
„Glauben Sie, ich wolle Sie schlagen?“ fragte ich und setzte nach: „Was tragen Sie unter diesem Panzer?“
Sie zögerte kaum, antwortete: „Strümpfe.“
„Sonst nichts?“
„Sonst nichts.“
„Tun Sie das nie wieder, wenn Sie sich mit mir treffen.“
„Es geht nicht anders bei dieser Art Kleid.“
„Oh, das wußte ich nicht. Entschuldigung.“
Sie blieb starr, sah sich im Raum um, der sich abteilen ließ.
„Ob man das hier mieten kann?“ fragte sie. Und erzählte, daß sie Rollenspiele spiele: 20/25 Leute träfen sich ein- bis zweimal Woche und seien für den Abend Vampir. Man habe dann künstliches Blut in den Gläsern.
„Wie schmeckt das?“
„Na, wie Blut.“
„Und woraus besteht es?“
Die Frage irritierte sie. „Das weiß ich nicht. Da muß ich mir mal die Zusammensetzung ansehen.“
Die Kellnerin  kam.
„Kann ich das hier einmal mieten?“ fragte meine Dame und führte ihren Blick durch den Raum.
„Aber sicher, rufen Sie vormittags an, da ist der Chef immer da.“
Meine Dame ließ sich die Telefonnummer geben, steckte den Zettel mit einer wie durchchoreografierten Bewegung in ihr Handtäschchen.
„Wieso leben Sie nicht gerne?“ fragte ich, als die Bedienung wieder weg war.
„Gäbe es einen Grund?“
„Hunderte: Farben, Gerüche, Frauen, Musik.“
„Das ist alles ohne Dauer.“
„Ja und?“
„Es hält alles nicht.“
„Wahr ist nur, was Dauer hat? Glauben Sie das?“
„Alles nur Moment.“
„Aber schöne Momente.“ — Ich erzählte ein wenig von Sizilien, von Afrika, von Indien, schwärmte ein bißchen.
„Ich kann dazu wenig beitragen“, wehrte sie ab. „Da bin ich noch nie gewesen.“
„Fahren Sie hin. Der hiesige Lebensüberdruß ist für die Menschen dort ein ziemlich unverständlicher, perverser Luxus.“
„Ja, die können sich nichts anderes leisten.“ Und zuckte immer noch zurück, wenn ich zu meinen Zigaretten griff.
„Sie sehen das, glaube ich, falsch. In den armen Ländern feiern die Menschen das Leben, auch wenn sie sich das gar nicht leisten können. Sie tun mehr, als die Existenznot erzwingt. Sie feiern das Leben in den Farben, mit denen sie ihre Häuser streichen, sie feiern es in den barocken Speisefüllen, in überschäumenden Geschmäckern, Früchten…“
„Warum lieben Sie das so?“
„Die Frage stellt sich mir nicht. Ich drücke den Finger in eine als ganze Frucht kandierte Orange und trinke den Saft heraus. Eine unvergleichliche Süße, man kann davon ohnmächtig werden. Es ist ein Erlebnis. Weshalb sollte ich nach seinem Grund fragen?“
„Es geht vorüber. Es hält nicht.“
„Warum soll es halten? Dauer ist nicht intensiv. Sicher, die Orange ist irgendwann aufgegessen. Hielte die Süße an, sie verlöre ihre Kraft, ja wahrscheinlich würde sie unaushaltbar, wenn nicht sogar ekelhaft werden.“
„Wir werden alt“, sagte sie plötzlich.
„Ja.“ Und ich begriff das Problem, das sie quälte. Ihre Vampirspiele bekamen einen gänzlich anderen Akzent: Das ewige Leben… ein Spiel nicht mit Unsterblichkeit, sondern mit dem nicht-weiter-Altern. Dafür nahm sie ihre durchweg gekünstelte Morbidität in Kauf, ja kultivierte sie. „Morbidus“ bedeutet „krank“. Der sekundäre Krankheitsgewinn wird als angenehmer empfunden als das Leiden der Krankheit. Genau hier fängt die perverse Bewegung an, die Leid in Lust uminterpretiert. Doch wie wenig das gelingt, wie hilflos es ist, wenn es nicht zu einer neuen Form findet — einer selbständigen, die ohne die dahinterstehende Person funktioniert, von der sich die Person also trennen können muß —, das war an meiner Gesprächspartnerin geradezu indiskret zu beobachten. Ein paarmal dachte ich sogar, ihr kämen die Tränen. Das ganze Gesicht zog sich ihr zusammen, tiefe senkrechte Falten über der Nase, die vollen Lippen wurden schartig … und immer wieder der Versuch, sich zusammenzureißen und die Haltung zu wahren, was den Körper mitunter in den Panzer und dieses Zucken zu teilen schien, das er zugleich nicht zulassen, nicht sehen lassen wollte.
Wie groß muß die Angst, wie groß der Schmerz sein, dachte ich, der jemanden in solche das Selbst verfehlende Muster preßt? Doch galt dies nicht auch für mich? — Ich kam gar nicht umhin, dies mich zu fragen, als ich die Dame verabschiedet hatte und heimging. Zweifellos hatte ich selbst den Reiz gespürt, der mich aus ihrer nun freilich gänzlich verlorenen Skalpell-Drohung angeweht hatte. Da lauerte etwas, das überschreitet. Etwas, das ich ständig suche. Die Angst in den Griff bekommen, indem ich sie formuliere, umformuliere. Imgrunde ist es gar so anders nicht.

Und es gab noch einen Dialog, der in mir jetzt weiterschwingt:
Nachdem mir die Dame erklärt hatte, daß es ihr auf den Geist ankomme, der Körper sei ganz nebensächlich, und nachdem ich diesen Glauben bestritt („Sehen Sie, das Gehirn … darin denken wir, darin träumen wir, darin empfinden wir Lust … aber es ist doch selbst rein physiologisch — es ist ein Organ …“), fiel mir ein, daß, wer den Geist als etwas Ewiges fasse, sich jederzeit töten könne, ohne sich selbst zu verlieren.
„Weshalb noch weiterleben, wenn uns das Momenthafte schöner Augenblicke und ihre Vergänglichkeit quält? Ich meine, wir haben doch diese Freiheit, es ist ja gar nicht schwer…“
Sie hätte jetzt mit der Angst vor Schmerzen reagieren können, das wäre rundweg verständlich gewesen. Aber sie tat es nicht, wußte bloß keine Antwort. Was bei einer Masochistin auch nicht ganz ohne Motiv ist. Bei einem – klinisch gesprochen – Sadisten wahrscheinlich ebensowenig. Und ich ergänzte:„Wenn ich mich jemals selbst töten sollte, dann, weil ich auf eine Seite gerutscht wäre, die mir den Zugang zur Lust völlig versperrt, und nicht, weil ich das Leben nicht mehr liebte.”

Aber auch dies ist eine Erzählung.

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