Das EndlichdasChaosamSchreibtischbeenden!journal vom Dienstag, den 27., bis zum heutigen Donnerstag, den 29. September 2022.


[Arbeitswohnung, 6.51 Uhr
France Musique, La Contemporaine:
Jean Louis Florentz, L’Ange du tamaris op 12 pour Violoncelle]
Da ich weiterhin nicht in den Ton fand, der für die letzten beiden Triestbriefe notwendig ist, platzte mir irgendwann leise der Kragen, weil es auf  meinem Arbeitsplatz und um ihn herum nach purstem Chaos nicht nur aussah und ich ja weiß, daß ich eigentlich, um eine Hürde zu nehmen, Ordnung dort brauche, eine sogar pedantische – etwas, das ich mit Eigner immer gemeinsam hatte. Und hier lagen noch nicht zurückgeordnet, für meinen Lehrauftrag vor zwei Jahren nicht zurückgestellte Bücher, standen massenhaft durcheinander ebenfalls nicht zurückgestellte Schallplatten, lagen Haufen von verschiedenen Korrespondenzen, auch mit Ämtern, dazu der Kindle auf dem Tauchcomputer und das auf dem, weil der Akku nichts mehr hergibt, schon lange nicht mehr genutzte iPad, sowie die verschiedensten Kabel wild ineinanderverknüllt, sonstige Papierfetzen, Zeitungsausschnitte, Manuskriptausschnitt, Postkarten zwischen den Medikamenten und und und. Wenn ich also schon nicht vernünftig zum Schreiben kam, dann doch wenigstens die Voraussetzung herstellen, es wieder zu können — wobei ich nicht bedachte (ich dachte ja gar nichts, sondern folgte dem Impuls), daß, um es hinzubekommen, die große Bücherwand neu geordnet werden mußte, denn auf dem großen Mitteltisch hatten sich auch Bücherstapel aneinandergerückt, die ihn, den Tisch, für etwa gemeinsames Essen zu nutzen (allerdings: mit wem denn, mit wem?), unterdessen schlichtweg unnmöglich machten; dazu die sonstwohin gestopften Bücher … kurz, da ich sie eigentlich nach Namen der Autorinnen und Autoren ordne, es wurde ein riesiger Eingriff, insofern ich die gesamte Bücherwand umgruppieren, ja sogar noch erweitern mußte. Womit ich also anfing. Erst einmal mit den knapp tausend Vinyl-LPs, dann mit den CDs (es waren in diesem Fall nicht viele) sowie mit den Büchern.
Das Grundverfahren war schlicht: Alles Durcheinander vom und um den Schreibtisch herum auf den Mitteltisch häufen und dann Stück für Stück diesen Mitteltisch leerräumen, um danach zu den nächsten chaotischen Zimmerstellen zu wechseln und ebenso vorzugehen. Es funktionierte, aber brauchte Stunden. Parallel schuf ich im neben dem Schreibtisch hochgezogenen Regal Platz und ordnete dort diejenigen Bücher ein, die ich mir in nächster Zeit zu lesen vornahm. Insofern diese danach aber jeweils ebenfalls ins Hauptregal müßten, waren dort die Bücher lockerer einzuordnen, als ich es normalerweise tue; normalerweise stehen sie dort so dicht an dicht, daß man immer gleich drei herauszieht, wenn man nur eines herausziehen will. Da ich mich damit mehrmals verschätzte, waren auch mehrmals die Reihen zu verschieben. Ich denke, Freundin, Sie ahnen, was sowas bedeutet (kennen es vielleicht auch von sich selbst).
Es war aber nicht nur dies. Wenn Sie Bücher verrücken, die seit Jahren so standen, wie sie’s nun grad mal tun, haben Sie allerlei Begegnungen der Dritten Art, die unbeantwortet zu lassen eine hygienische Straftat wäre. Der Staubsauger war allerdings ohnedies zur Hand, denn auf den Büchern lagen Schichten vergangener Kohleheizungs- eben nicht nur Spuren. Es war ein ungeheurer Dreck; an sich hätte ich, bemerkte gestern abend in Whatsapp die Löwin zurecht, mit Staubmaske arbeiten müssen. Arbeiten, ja “arbeiten”, zumal: zwei Tage lang die Leiter bis ganz nach oben rauf, die Leiter bis ganz nach unten runter, die Leiter rauf, die Leiter runter. Heute habe ich Muskelkater in den Oberschenkeln. Doch das Ergebnis, siehe oben, befriedigt mich sehr. Auch, wenn ich noch nicht ganz “durch” bin; der Schreibtisch selbst ist auch noch dran. Und ich bräuchte ein leicht verrückbares Beistelltischchen, damit die Arbeitsfläche sich nicht abermals undurchdringbar füllt und ich auch wieder ohne Komplikationen an die links stehende Handbibliothek (aus vor allem – für andere Berufler ungewöhnliche – Lexika) komme. Nur daß ich heute vormittag nicht weitermachen kann, weil um halb zwölf der am Montag ausgefallene Ultraschalltermin nachgeholt wird, in Moabit, also Aufbruch spätestens um elf. Vor allem muß ich auf jeden Fall vorher duschen und, wenn ich heute abend dann fertig sein sollte, nochmals duschen und das Bettzeug wechseln. Freilich, eigentlich müßte ich – und würd es gern – die Prozedur auch mit dem Musikregal wiederholen, das die Wand genau gegenüber dem Schreibtisch ebenfalls bis unter die Decke ausfüllt und in dem ja nicht “nur” die CDs stehen, sondern sämtliche Bücher zur Musik sowie Noten, außerdem die Programmhefte und -bücher von mir besuchter Aufführungen und darüber noch etwa zweihundert mit Musik bespielte VHS-Videocassetten, auf denen vom Kohleofen der Aschestaub ganz besonders liegt; auch dies alles, wenn die Asche weggesaugt, will namentlich geordnet sein, und es sind an die hundert weitere Programmhefte neu einzuordnen, die noch auf einem anderen Beistelltisch, zwischen Küchen- und Flureingang, neben der Musikcassettenwand, in drei Stapeln aufeinanderliegen. Also quasi noch einmal der ganze Dreck. Aber welch ein Gefühl, wäre auch das erledigt! Vor allem weil ich dann wieder Übersicht hätte. Daß ich es unterdessen aufgegeben habe, alles schriftlich zu archivieren, steht auf einem anderen Blatt; ich hätte sonst keine Zeit mehr für irgendetwas anderes.

Und ich habe einen Entschluß gefaßt, ihn seit vorgestern auch umgesetzt: Schluß mit dem allabendlichen Serien- und Filmegucken, weil “man zu erschöpft ist”; stattdessen lesen, lesen, lesen. Das hatte meine Räum- und Putzaktion nämlich auch als Folge, daß ich mir selbst vor Augen führte, wie viele zu lesende Bücher sich angesammelt hatten, die tatsächlich zu lesen diese Filmabende rundweg verhinderten. Und es war klasse. Ich fing mit Martin R. Deans neuem Roman an, zwei Abende, und ich war nicht nur durch, sondern hatte noch Zeit genug, gleich den nächsten, längst, längst überfälligen zu beginnen, den mir Christopher Ecker mit einem Hinweis zu Nabokov zugeschickt hatte, als ich noch mitten in der Nabokovserie steckte (die ich nach den Triestbriefen als erstes wieder aufnehmen und beenden werde, damit Arco endlich daraus das Buch machen kann, wozu sämtliche Texte freilich noch bearbeitet werden müssen). Das mir von Ecker geschickte Buch ist Nicolas Borns, wie ich jetzt schon sagen kann, hinreißender Roman Die Fälschung. Welch eine Kraft bei viel, viel Leben und erzählerischer Komplexität! Fantastisch, ich fiebere heute abend entgegen, wenn ich weiterlesen darf. Wirklich ein extremes Versäumnis, dieses Buch bisher nicht gekannt zu haben.

Übrigens, Freundin, der → text+kritik-Band ist nun erschienen (bis vor zwei Tagen war er nur vorbestellbar); ich erhielt gestern einen Anruf Wilhelm Kühlmanns, der sein Belegexemplar bereits hatte, ich meines aber noch nicht. Wahrscheinlich wird es mittags im Briefkasten liegen, hoff ich jedenfalls; die Post ist derzeit nicht so zuverlässig auf dem Prenzlauer Berg. Sowie es mir vorliegt, werde ich es hier in Der Dschungel annoncieren, bin im übrigen selber gespannt, was in den einzelnen Beiträgen steht, von denen ich nur einen schon kenne; alle anderen haben die Autorinnen und Autoren unter quasi Verschluß vor mir gehalten.

So, sitze noch im Morgenmantel und will das ändern.
Ihr ANH
[France Musique, La Contemporaine:
Rautavaara, Vigilia op. 53]

***

[Abends, 18.56
Respighi,. La Fiamma]
Puh:

Unten ODER “Da sie wahrscheinlich gar nichts merken.” Vor diesem – dem einundzwanzigsten – Coronajournal. Freitag, den 24. April 2020.

 

(Vorweg, weil’s nicht ohne Witz ist: Daß, mögli-
cherweise, → Raucher geschützt vor Corona sind!)

[Arbeitswohnung, 7.10 Uhr
David Ramirer, → inversus REMIX]
Doch nicht nur das, sondern immerhin auch Ramirers neue Musik baute mich wieder etwas auf, die gestern nachmittag im Briefkasten lag, nicht sie selbst, klar, Freundin, aber die CD. Sowie eine persönliche Karte Gaga Nielsens. Denn vorabends hatte ich von einem meiner Verlage eine Nachricht erhalte, die mich komplett hilflos machte, auf die zu reagieren ich deshalb den Schlaf einer ganzen Nacht und das Gespräch mit einem anderen Verlag brauchte, wo mir geraten wurde; ebenso fragte ich bei meiner Lektorin, die überhaupt zu informieren ich allerdings zögerte, weil ich sie nicht belasten wollte.
Kurz: grauenhafte Verkaufszahlen. DIE DSCHUNGEL dagegen wächst und wächst, deutlich nehmen die Zugriffe wieder zu, haben noch nicht ganz, aber nähern sich ihm wieder, die außerordentlichen Zugriffszahlen, die ich aus twoday-Zeiten gewohnt war. Wie, frage ich mich, ist beides zu erklären? Alleine damit, daß für “reale” Bücher Geld ausgegeben werden muß? Vielleicht. Doch was kostet ein Gyros beim Griechen, ja ein Kinobesuch? Um von den astronomischen Summen zu schweigen, die für den Besuch eines einzigen Pop-Konzertes ausgegeben werden, ein-, manchmal zweihundert, ja dreihundert Euro, für ärmere Leute bis zu einem Drittel ihres Monatssalärs.
Wie auch immer, ich war, um’s im ekligen Neudeutsch zu sagen, down. Dabei hatte ich gerade wieder den richtigen Ton für → das vorletzte Béartgedicht gefunden, kam mit der Nabokovreihe weiter, und insgesamt zu meinen Gedichten schrieb mir die wunderbare Daniela Danz ein paar noch wunderbarere Zeilen, über deren unterliegende Botschaft sich’s freilich meditieren läßt:

Frauengedichte sind es sowieso nicht, das muss man sagen … Aber wer hätte das erwartet. Zum Beispiel dieses schöne schöne “Kokelndes Kind..” aus “Der Engel Ordnungen”, das ja nicht von einem Kind, sondern von einem Mann handelt und von dem für mich Erstaunlichen, das mit einem Jungen passiert, dass er all diese ihm zugetrauten Dinge tut, wohl nur, weil jemand sie ihm zutraut und er sie sich dann zutraut. Und dann gibt es diese Drehungen und Spiegelungen in den Gedichten, die so eine einfache, liedhafte Oberfläche haben und dann wie ein ganzes Spiegelkabinett sind, physikalische Gebilde quasi wie die “Ballade aus der Zukunft”. Die 2018er Bände sind dann schon wirklich ein wenig entrückt vom Wettrennen, aber das hat Dir ja schon immer gut gestanden, ein alter Mann zu sein, weshalb Du es jetzt vermutlich so wenig wie damals bist. Und auch die Unzeitgemäßheit ist darin noch stärker.

Über “das Wettrennen” muß ich nachdenken und drüber, daß es mir um so eins gar nicht geht, ich auch nicht weiß, was es eigentlich meint. Ebenso die Unzeitgemäßheit. Was denn soll ihr Gegenstück, “Zeitgemäßheit”, sein? Zu schreiben, wie es ‘in’ ist? Es gibt eine innere Logik der poetischen Geschehen, die nicht den breiten Rhein meint, auch nicht den Mississippi — und alles wälzt sich ins versumpfende Delta?
Das von Daniela Danz speziell gemeinte, sehr kurze Gedicht setze ich hier noch einmal für Sie hin:

KOKELNDES KIND AUF DER KIESTERRASSE

Im Nieseln hockt er konzentriert
den kleinen Rücken gewölbt
und brennt die Welt an

Ein kleiner Gott
probiert an ihren Mächten Gegenmacht:
was ein Mann ist unter dem Himmel

 

Ich muß ihr unbedingt zurückschreiben. Zuerst aber war auf das Verlagsschreiben zu reagieren:

Deine Nachricht macht mich in mehrfacher Hinsicht hilflos und mir – was Du gewiß nicht beabsichtigt hast – ein starkes Schuldgefühl, mit dem ich nicht wirklich umzugehen weiß. Die Zahlen freilich sind niederschmetternd – doch auch deshalb, weil ich so etwas vorausgeahnt und Dir ja auch mehrmals gesagt hatte, wie schwierig mein Stand im deutschen, bzw. deutschsprachigen Literaturbetrieb ist und lange schon war: daß ich ihm durchweg eine persona non grata bin. Selbst das Traumschiff (…) ging letztlich daran unter. (…) Auch hier war es so, daß sich die Feuilletons – bis auf wenige – weigerten, das Buch überhaupt wahrzunehmen. Und wo dann doch Kritiken erschienen, in nicht mehr als drei Zeitungen, erschienen sie sowohl (…) viel zu spät als auch vor allem zu weit voneinander jeweils entfernt, um eine Wirkung zu entfalten. 
Das war nicht zufällig so, sondern hatte Methode. (….) Die poetische Kraft in meinen Büchern ging den auf einen banalen “Realismus” gebügelten Literaturbetrieblern, die anderes nur bei Autorinnen und Autoren des Auslands erlauben, von Anfang an gegen den Strich.
(…) Als ich anfing zu schreiben, beherrschte die Linke den Betrieb, und ich schoß gegen sie, ebenso wie ich’s gegen rechts tat. Sehr früh, geprägt von Adorno, griff ich den Pop an, nannte ihn später “die Ästhetik des Kapitalismus”, wies seine Banalität nach, den Verlust an Formen usw., und überdies lehnte ich – und tue es noch – die hochkapitalistischen Panem-et-circensis-Shows des Fußballs entschieden, ganz entschieden ab, schon weil es seinen Grund hat, daß es so Widerliches wie Hooligans gibt (von denen, nach Spielen hier im Schmeling-Stadion, लक्ष्मी tätlich angegriffen wurde, mehrfach, was dazu führte, daß sie zu solchen Zeiten das Haus nicht mehr verließ) . 
Was nun, Fußball wie Pop, einer ganzen Generation zur quasi Ersatzheimat wurde, weil es nicht mit der Hitlervergangenheit belastet war, klagte ich der Affirmation und des Formverrats an – nicht anders, als es Nabokov lebenslang mit dem Kommunismus getan hat. (…) Das wurde und wird mir nicht verziehen; ich bin ein Nostalgie-Nestbeschmutzer.
Es ist egal, (…) ob jemand gut schreibt oder gar bedeutend; ein Autor, oder eine Autorin soll sich, wenn sie oder er aus Deutschland stammt, dem Mainstream unterstellen. Unterdessen bin ich noch verschärft zur persona non grata geworden, weil ich die Gender-Ideologie nicht mitmache, sondern für nicht nur falsch, sondern schwer verlogen halte: Sie existiert alleine aus Gründen des Machtinteresses und eines diktatatorischen Willens (zur) Deutungshoheit (…).
Es ging aber schon früher los, wegen meines (…) vitalistischen und zugleich erhöhenden Verhältnisses zur Sexualität, meiner Ablehnung der ideologischen Monogamie (der meine Ablehnung des Monotheismus entspricht); kurz wegen meiner als unzulässig empfundenen Darstellungsfreiheiten erotischer Vorgänge, die ich eben nicht moralisiere. Schon bei Erscheinen meines ersten Romans, 1983, weigerten sich sämtliche bayerischen Buchhandlungen (das Buch erschien bei List in München), mein Buch öffentlich auszulegen – weil ich auf der ersten Textseite eine Szene aus Tinto Brass’ 1979 herausgekommenem Spielfilm “Caligula” (mit Peter O’Toole) nacherzähle, die mit der – gezeigten – Kastration einer der Figuren endet – eine Szene, die mir, nachdem ich den Film sah, entsetzlich nachgegangen ist und verarbeitet werden mußte. Seither stand auch in den Kritiken folgender Bücher immer wieder der Hinweis auf meine in sexueller Hinsicht Amoral – was den Gipfel erst fünfundzwanzig Jahre später erklomm, als “Meere” erschienen war und der Prozeß um das Buch lief. Da verlor ich sogar meine Verlage und brauchte fünf Jahre, um zurück auf die Beine zu kraxeln. In denen aber ich DIE DSCHUNGEL gründete, quasi aus Notwehr, um nicht stummgemacht zu bleiben. Die Wut darüber, daß man mich nicht wegbekam, einfach nicht töten konnte, nicht einmal erwürgen, wo man mich doch am liebsten mit dem Beil zerhackt hätte, muß grenzenlos gewesen sein – zumal ich mir jetzt noch, eben mit der Netzpräsenz, viele der wenigen, die noch auf meiner Seite standen, ebenfalls zu Gegnern machte (etwa Gerd-Peter Eigner und Paulus Böhmer), weil ich angeblich “die Literatur verriet”.
Es folgte die Phase, in der, was immer ich poetisch unternahm, verschwiegen wurde. Es brauchte über zehn Jahre, nämlich bis zum Traumschiff, bis wieder über irgendeines meiner Bücher eine Kritik in einer überregionalen Zeitung erschien. Nur einige wenige Getreue ließen sich zu ihnen noch ein, entweder aber im Netz-selbst oder im Rundfunk. Im klassischen Feuilleton niemand.
Die Buchhandlungen sperrten sich weiter und sperren sich noch. Als skandalös gilt, daß ich gehypte Achteltalente wie Juli Zeh öffentlich so auch nenne, nämlich Achteltalente – was aber noch euphemistisch ist. Du kannst Dir sicher sein, daß die Buchhandlungen auch Thomas Pynchon nicht führten, wäre er nicht US-Amerikaner, schon gar nicht nach Gravity’s Rainbow, worin u.a. die Liebesgeschichte eines jüdischen Jungen zu einem NS-Offizier geschildert wird, dem sich der Bub dann auch noch freiwillig zum Opfer darbringt. Ein Vertreter (…), der meine Bücher nicht unterbrachte, erzählte, die Buchhändler hätten “sowas wie Angst vor Herbst”. Du kannst Dir denken, wie sie da bereit sein werden, eines meiner Bücher ihrer Kundschaft auch noch zu empfehlen.
Ich bin kein Einzelfall. Es gibt noch andere, vielleicht nicht viele, aber doch einige, die nicht vorkommen sollen. Der grandiose Kieler Romancier Christopher Ecker etwa, aber auch bei Böhmer war es über Jahrzehnte so. Wie in Deutschland und wohl auch in Österreich mit nichtkonformen Künstlerinnen und Künstlern umgegangen wird, läßt sich am Beispiel Hans-Jürgen Syberbergs besonders deutlich zeigen, dem es nicht einmal half, längst eine internationale Größe zu sein. Man kickte ihn schlichtweg raus, nachdem in seinem Hitlerfilm eine Wandtafel gezeigt wurde, auf der auf der einen Seite die Klarnamen korrupter Künstler und Kritiker standen, u.a. Bernhard Wickis, und auf der anderen zum Beispiel, als nichtkorrumpierbar, Helmut Käutner.
Ich glaube also an (die) These von dem zu hohen Buchpreis nicht. Vor der Währungsreform, also der Einführung des Euros, wurden Buchpreise mit 10 Pfennig pro Seite kalkuliert; nach der Währungsreform entsprach das 5 Cent pro Seite – womit wir bei 30 Euro pro 600 Seiten absolut korrekt liegen — aber wohlgemerkt nach dem Stand von vor 2000; da ist keineswegs die Inflationsrate und also die Kostenerhöhung nahezu sämtlicher Lebens- und Konsumbereiche mit eingerechnet. Demzufolge sind wir sogar zu billig.
Allenfalls wäre zu überlegen gewesen – oder könnte nach wie vor überlegt werden -, ob man nicht einen besonderen Preis für die Kundinnen und Kundin nimmt, die beide Bücher zugleich kaufen, sozusagen einen Paketpreis, sagen wir: 49,80. Das könnte sich rechnen, aus preispsychologischen Gründen. Hilft aber über das Grundproblem nicht hinweg.
Wie stark der Widerstand gar nicht so sehr, wahrscheinlich, gegen meine Ästhetik, vielmehr gegen mich als Person ist, zeigt der Umstand, daß wir (…) weder in Wien (…) noch in Berlin (…) einen Präsentationsort bekommen haben. 
(…)
Ich weiß keinen Ausweg. Eine geringe Hoffnung bleibt, daß sich die Angelegenheit nach meinem Tod dreht, wenn ich den Betrieb nicht mehr stören, sondern man mich – “Ich hab es ja immer gewußt!” – fröhlich vereinnahmen kann. Dann allerdings käme auch DIE DSCHUNGEL ins Rampenlicht, und darin stehen zu viele Namen, und zu viele Betriebshudeleien sind offenbart, die dann in die Literaturgeschichten eingingen. Also, nein, auch nach meinem Tod wird sich vermutlich nichts ändern. Der einzige Ausweg, den ich noch sehe, ist der übers Ausland – wenn es Übersetzungen gäbe, die dort Aufmerksamkeit erregten (…).
Also was soll ich Dir jetzt sagen, erwidern, wie kann ich mich entschuldigen? Und wie halten wir es in Zukunft (…)
(…)

Ich bin (…) ein nicht durchsetzbarer Autor, und zwar, mag sein, ein, wie Du mehrfach sagtest, “internationaler ohne Übersetzungskosten”, halt aber auch ohne Internationalität. Und gänzlich ohne Lobby.
(…)

Ich habe, Geliebte, den Brief dort gekürzt, wo er für die Öffentlichkeit zu sehr ins Private geht und/oder noch einmal illustrierend zu sehr ausholt. Es gibt ja weit mehr zu erzählen, und aber jedes weitere Detail erhöht meine Verzweiflung. Ein Satz meiner Mutter echot im Ohr: “Finde dich ab!” Was ich aber so wenig vermag, daß gestern abend, als ich mit meiner nahsten Freundin sprach, sie vor Hilflosigkeit zu weinen begann und das Gespräch abbrechen mußte. So daß ich, meinerseits nur noch niedergedrückter, dachte: Ich muß den Kontakt zu allen mir Lieben meinerseits, und zwar insgesamt, abbrechen, darf nicht mehr mit ihnen sprechen, weil sich meine Situation auf sie, sie schwer belastend, überträgt — weil Depressionen tatsächlich ansteckend sind. Eine andere, aber nicht unähnlich, Form von Corona. Möglichst immer einen Mundschutz tragen, nicht um mich selbst, sondern um meine Liebsten zu schützen. Sich komplett zurückziehen und kommunizieren alleine noch über DIE DSCHUNGEL. Fast kommt mir Corona nun wie ein Spiegel nach draußen meines Inneren vor. Einsamkeit als nunmehr status quo.
Aber das ist privatistisch. Allerdings Briefe einzustellen, sie zu dokumentieren, wie hier jetzt getan (was mir verübelt werden wird, auch von Freunden, wie ich weiß), bedeutet, mir nicht auch noch meine Wehrfähigkeit nehmen zu lassen, eben nicht einzuknicken, sondern zu bezeugen und zu zeigen — nicht zu klagen, sondern anzuklagen. Und zu beharren, auf einer Poetik zu beharren, die da ist, auch wenn man sie nicht will. Bedeutet weiterhin, Haltung zu zeigen, anstelle daß man sich beugt. Solange ich so etwas tue, resigniere ich nicht, egal wie groß die Depression ist. Denn diese ist allein persönlich, nicht aber der Kampf um Ästhetik. Denn der ist allgemein.

So ist meine Stimmung heute vormittag wieder besser, auch wenn ich gestern abend noch ein Gedicht schrieb, das etwas anderes aussagt. Gegen Mittag wohl werde ich’s, ein nur kleines, ziemlich simples Ding, hier einstellen. Und auffällig, als ich gestern die ersten Pfingstrosen kaufte, die derart schnell aufgingen, daß eine von ihnen jetzt schon verblüht ist — auffällig also die fast durchgehende Freundlichkeit der Menschen, auch und gerade von Verkäuferinnen, in den Zeiten der Corona.

 

Ihr ANH

P.S.:
Was ich abends noch dachte? Daß mir besonders verübelt wird, wie gerne ich lebe, wie gerne gelebt jedenfalls habe. Während ich jetzt immer wieder spüre, es sei vorbei. Daß ich zu leben gefeiert habe, es mir ein Bedürfnis in meiner Literatur war und eigentlich immer noch ist (nur daß ich derzeit den Ton kaum mehr finde). Vielleicht ging den Menschen diese Art Optimismus auf den Keks, diese Begeisterung, die immer auch Begeisterungsfähigkeit war. Die unentwegte Kraft von Hoffnung, die ich hatte, seltsam durchwirkt vom Trotz — diesem meinem nach wie vor DENNOCH! Die Hitze, die mich trieb und trug. Und meine unbändige Lust an der Bildung. Sie wurde mir nicht geschenkt, ganz sicher nicht vom Elternhaus, das eher gedrückt und verbissen war. Ich wollte sie einfach, nahm sie mir —  heraus. Nein, nicht ohne das Unrecht zu sehen, im Gegenteil. Ich sah es sehr scharf und zeigte es auch; doch mein Grundton ist immer Begeisterung gewesen, nicht Skepsis. Schon damit stand ich völlig quer in der Welt, die sich am mea culpa rieb und, wie ich schon sehr früh formulierte, einem “negativen Selbstheroismus”, der vor allem deshalb ekelhaft war, weil er feige ist, im allerinnersten feige. Und deshalb tief korrupt.

“Wenigstens”, sagte die weinende, mir so sehr vertraute Freundin, “kannst du dich im Spiegel ansehen, ohne dich schämen zu müssen.” Was ich da in mir dachte, verschwieg ich ihr besser, sie war schon viel zu erschöpft: “Das können die anderen auch. Da sie wahrscheinlich gar nichts merken.”

[Giuseppe Sinopoli, Lou-Salomé-Suite No 1]

Laudatio auf Christopher Ecker. Friedrich-Hebbel-Preis 2015. Gehalten am 27. März 2015 im Hebbelmuseum Wesselburen.

Sehr verehrte Damen,
sehr geehrte Herren,

Christopher Ecker arbeitet an einem Geheimnis. Es ist keines, das aus persönlicher Erfahrung entsteht, sei es einem besonderen Leiden oder dunklen Schicksal, sei es einem Erleuchtungs- oder besonderen Lusterlebnis. Vielmehr steigt es aus der Literatur selbst auf, sofern man bereit ist, ihr und nicht einer eigenen Absicht zu folgen, ob nun einer Botschaft, die zu vermitteln wäre, ob, daß man sein Publikum mehr oder minder ablenkend unterhalten wollte. Genau hier verläuft die Grenze von Eckers Dichtungen zur anderen, der sogenannten Realistischen Literatur – einer, und es ist die derzeit favorisierte, auf die durchaus zutrifft, was 1844 Friedrich Hebbel, nämlich in seinem Pariser Vorwort zu Maria Magdalena, ausgesprochen polemisch formuliert hat. Denn was er zur dramatischen Kunst sagt, läßt sich sehr wohl auf die des Romans übertragen. “Damit”, schreibt Hebbel in Bezug auf die „bisher nicht durchaus in einem lebendigen Organis­mus gesättigt aufgegangenen, sondern zum Teil nur in einem Scheinkörper erstarrt gewesenen und durch die letzte große Geschichts-Bewegung entfesselten Elemente, durcheinander flutend und sich gegenseitig bekämpfend“ – und er hat eine geforderte „neue Form der Menschheit“ im Blick -, – also

damit ist nun freilich der Übelstand verknüpft, daß die dramatische Kunst sich auf Bedenkliches und Bedenklichstes einlassen muß, da das Bre­chen der Weltzustände ja nur in der Gebrochenheit der individuellen erscheinen kann, und da ein Erdbeben sich nicht anders darstellen läßt, als durch das Zusammenstürzen der Kirchen und Häuser und die ungebändigt hereindringenden Fluten des Meers. Ich nenne es natürlich nur mit Rücksicht auf die harmlosen Seelen, die ein Trauerspiel und ein Kartenspiel unbewußt auf einen und densel­ben Zweck reduzieren, einen Übelstand, denn diesen wird unheimlich zumute, wenn Spadille nicht mehr Spadille sein soll, sie wollen wohl neue Kombinationen im Spiel, aber keine neue Regel, sie verwünschen den Hexenmeister, der ihnen diese aufdringt, oder doch zeigt, daß sie möglich ist, und sehen sich nach dem Gevatter Handwerker um, der die Blätter wohl anders mischt, auch wohl hin und wieder, denn Abwechselung muß sein, einen neuen Trumpf einsetzt, aber im übrigen die altehr­würdige Erfindung des Ur-Ur-Großvaters, wie das Natur-Gesetz selbst, respektiert. Hier wäre es am Ort, aus dem halben Scherz in einen bittern ganzen Ernst überzugehen, denn es ist nicht zu sagen, bis zu welchem Grade eine zum Teil unzurechnungsfähige und unmündige, zum Teil aber auch per­fide Kritik, sich den erbärmlichen Theater-Verhältnissen unserer Tage und dem beschränkten Ge­sichtskreis des großen Haufens akkommodierend, die einfachen Grundbegriffe der dramatischen Kunst, von denen man glauben sollte, daß sie, nachdem sich ihre Kraft und Wahrheit vier Jahrtau­sende hindurch bewährte, unantastbar seien, wie das Einmaleins, verwirrt und auf den Kopf gestellt hat.

Und etwas darunter schreibt Hebbel weiter, Zitat,

(…) aber jene Kunst, die, wie al­les Höchste, nur dann überhaupt etwas ist, wenn sie das, was sie sein soll, ganz ist, muß sich jetzt, wie über eine Narrheit, darüber hudeln lassen, daß sie ihre einzige, ihre erste und letzte Aufgabe, im Auge behält, statt es sich bequem zu machen und für den Karfunkel den Kiesel zu bieten, für ein tiefsinniges und unergründliches Lebens-Symbol ein gemeines Lebens-Rätsel, das mit der gelösten Spannung ins Nichts zerplatzt, und, außerstande, auch nur die dürftigste Seele für einen Moment zu sättigen, nichts erweckt, als den Hungerruf: was Neues! was Neues!1

Christopher Ecker, in nahezu allen seinen Büchern – ausgenommen vielleicht die zentral auf den geradezu klassischen Übelstand der literarischen Kritik, aber auch der allgemeinen der Künste durchaus boshaft zentrierte „Madonna“ von 2007 – h a t diese von Hebbel so streitbereit geforderte Aufgabe im Blick, und zwar mit einer auch persönlichen Konsequenz, was nämlich die Umstände seiner künstletiscvhen Berufsausübung anbelangt. Er wolle sich, erzählte er mir, auf keinen Fall vom Markt abhängig machen – womit wir wieder bei dem grassierenden literarischen Realismus sind, den ich >>>> in anderen Zusammenhängen ein Mißverständnis der Einfachheit genannt habe. Denn für realistisch gilt, was wir kennen, durchaus aber nicht, was das menschliche Handeln und unsere Ontologie tatsächlich bestimmt. Etwa kann eine darauf mit Recht Anspruch erhebende Literatur, die heutige Wirklichkeit zu beschreiben, die neuen Medien nicht ausklammern, schon gar nicht sie abwehren. Tut sie es, hat sie jeden Grund verloren, sich eine zeitgenössisch-realistische zu nennen. Nicht anders steht es bei Fragen der Psychologie. Es wird Ihnen nicht unbekannt sein, daß psychologisch gearbeitete Texte spätestens seit dem Dekonstruktivismus verpönt sind – und zwar sowohl auf dem Theater wie in der erzählenden Literatur. Statt psychologischer, geschweige psychoanalytischer Durchdringung wird nach dem nachvollziehbaren und möglichst auch unkompliziert verfilmbaren Plot gerufen und dieser Ruf bedient.
Im Gegensatz dazu spreche ich von „Graben“, bzw. „Ausgraben“ als dem treibenden Movens der Literatur. Romandichter wie Christopher Ecker scheuen deshalb den einfachen Plot. Ihre Poetik geht in die Tiefe, ahnt Schächte, und sucht sie, nämlich unter der Handlung, die, gäbe man ihr die Priorität, die Straßen immer schon kennte, die entlanggegangen werden müssen – will sagen: Die meisten derzeit gefeaturten Romane folgen Treatments, an deren Ausarbeitungsbeginn die bereits fertige Meinung, nicht selten sogar eine Erhebung oder Mutmaßung über tatsächliche oder scheinbare Leserbedürfnisse steht. Sind sind oft um bestimmten Zeitthemen gruppierte : Hitlerdeutschland, Judenverfolgung, ‘68 und die Folgen, Mauerfall; dazu noch ideologisch flankierte Themen wie zum Beispiel Gender. Der Dichter aber, wenn er es ist, hat, scheibt Hebbel weiter, „keine Wahl, er hat nicht einmal die Wahl, ob er ein Werk überhaupt hervorbringen will, oder nicht, denn das einmal lebendig Gewordene läßt sich nicht zurückverdauen, es läßt sich nicht wieder in Blut verwandeln, sondern muß in freier Selbständigkeit hervortreten, und eine unterdrückte oder unmögliche geistige Entbindung kann ebenso gut, wie eine leibliche, die Vernichtung, sei es nun durch den Tod, oder durch den Wahnsinn, nach sich ziehen.“ Und Hebbel fügt hinzu, „man denke an Goethes Jugend-Genossen Lenz, an Hölderlin, an Grabbe“. Eines anderen, für die Prosa wohl höchsten, hat er drei Jahre vorher in einem Gedicht gedacht:
Er war ein Dichter und ein Mann wie einer,
Er brauchte selbst dem Höchsten nicht zu weichen,
An Kraft sind wenige ihm zu vergleichen,
An unerhörtem Unglück, glaub’ ich, keiner.
Er stieg empor, die Welt ward klein und kleiner,
Und auf der Höhe, die wir nicht durch Schleichen,
Die wir nur fliegend, oder nie erreichen,
Ward über ihm der Äther immer reiner.
Doch als er nun die Welt nicht mehr erblickte,
Da hatte sie ihn längst nicht mehr gesehen
Und frech ihm selbst das Dasein abgesprochen!
Nun mußt’ er darben, wie er einst erstickte,
Ihm blieb nichts übrig, als zurück zu gehen,
Doch lieber hat er seine Form zerbrochen.2

Die Rede hier ist von Heinrich von Kleist. Aber alle sie standen zu ihrer jeweiligen Zeitgenossen-Poetik wie Christopher Ecker zur heutigen. Da er ihr Schicksal nicht teilen mag, wurde er, um sich wenigstens ökonomisch abzusichern, Lehrer. Wie er diese Tätigkeit – er erfüllt sie, vernahm ich, mit Engagement und Können – mit seiner enormen literarischen Produktivität vereinbart, ist mir ein Rätsel. Alleine dafür gebührte ihm Achtung.
Aber ich will zum Geheimnis zurück. Christopher Ecker gehört zu jenen Autoren, die in der deutschen Literaturgeschichte neben dem offiziellen Kanon einen inoffiziellen fortführen, einen gleichsam parallelen, wenn nicht parallelweltlichen und die sich darum weniger in die Menge einer tatsächlichen Leserschaft hineingeschrieben haben und immer weiter hineinschreiben, sondern, wie Arno Schmidt es formuliert hat, über die Zeiten hinweg von Hand zu Hand weitergereicht werden. Einst berühmte, dann fast vergessene Autoren wie Jean Paul gehören dazu; abgesehen von seinem „Berlin Alexanderplatz“ gehört Döblin dazu – um nur an sein kaum rezipiertes „Berge, Meere und Giganten“ zu erinnern; Wolf von Niebelschütz gehört dazu; Albert Vigoleis Thelen gehört dazu; Heinrich Schirmbeck, der im Februar einhundert Jahre alt geworden wäre, könnte noch dazugehören. Es gibt weitere Namen, die ich jetzt nur nicht aufzählen mag. Abgesehen von Jean Paul verbindet sie, daß sie zur Ästhetik ihrer Zeit wie Querköpfe standen, die sie meist auch gewesen sind. Bisweilen unter ihnen, zum Beispiel Manfred Hausmanns, gibt es aber auch leisere Namen. Doch nur so, daß sich Ecker in diesen klandestinen Kanon schreibt, läßt sich erklären, weshalb sein Werk nicht längst ins Zentrum unseres Feuilletons gelangt ist und auf dem Karussell der Literaturpreise mitfährt, und zwar ohne nur einmal abzusteigen. Daß er heute den Hebbelpreis verliehen bekommt, ist zwar wohltuend, aber bezeichnend genug; man muß in seinem Hebbel schon ein bißchen suchen, um die Verbindungslinie zu ziehen. Es ist eine der Unbedingtheit, weniger der Ästhetik. Doch gerade das macht diesen Kanon neben dem Kanon aus. Andererseits scheut der Betrieb auch nicht davor zurück, ausgerechnet einem Dirk von Petersdorff den Kleistpreis zu zuzusprechen oder den Döblinpreis an Katja Lange-Müller, die beide ehrenwerte Leute – letztere hat sogar einen großen sympathischen Witz -, aber von der ästhetischen Bedeutung der Preisnamensgeber Lichtjahre entfernt sind. In Hebbels und Eckers Fall ist das geradezu glückhaft anders und darum wirklich ein Anlaß, ganz tief aufzuatmen, dankbarst mehrfach aus und ein. Man könnte sagen, in der Kombination dieser beiden habe der Irrtum einmal ins Schwarze getroffen und das auch noch ganz in die Mitte.Und abermals zurück zum Geheimnis, das nicht wie in einem Krimi immer schon gleich mitgebracht wird, dessen Autor Täter und Motive längst kennt, doch sie den Leser:innen anfangs verschleiert, um allmählich aufzudecken, was absichtsvoll konstruiert worden ist. Ich bin mir sehr sicher, daß Ecker die humoristisch-grandiose Entsorgungsszene, in der zur Seebestattung vorgesehene Urnen in einem Weiher versenkt werden sollen, doch schwimmen und schwimmen sie oben, noch gar nicht kannte, als er sein Buch begann und vielleicht sogar noch nicht einmal ganz, als er sie niederschrieb, ebenso wenig wie die Dame, die in einem Pariser Hotelzimmer Hühner hält, die, als sie entweichen, in den Gängen eingefangen werden müssen. Doch selbst wenn solche Szenen zuvor skizziert worden sein sollten, ihre Kraft kommt aus dem Schreibfluß, kommt aus einer Einversenkung, die geradezu unvermittelt und für den Autor selbst verblüffend ist, ihn manchmal auch erschreckt, in jedem Fall etwas ihm Fremdes hat, etwas durchaus Entsubjektiviertes – als hätte man selbst es gar nicht geschrieben. Ich meine so frappierend apodiktische Sätze wie auf der >>>> Fahlmannseite 220: „Ein zu pathetischer Wind, fürchte ich, aber letztendlich sind alle Wahrheiten so lächerlich banal, daß man nur in Rätseln darüber sprechen darf, und je weiter sich die Rätsel von den Antworten entfernen, desto erträglicher wird unser Reden.“ Oder in der Urnenszene-direkt, S. 790: „Vaters Urne zerfällt im Molcher See, die Asche verbindet sich mit dem Wasser, das Wasser verdunstet, bildet Wolken, bildet schwere, schwarze Regenwolken, die nicht vom Fleck kommen, und schließlich, Blitze, Donnerschläge, regnet Vater als dunkle Kommunion auf die Stadt.“ Es ist, meine Damen und Herren, durchaus unheimlich, wie der persönliche Vater hier an den mosaischen anklingt und sich damit geradezu archetypisch ein ganzer kulturhistorischer Nexus aus der so bizarren wie extrem komischen Realszene formt. – „Um was geht‘s denn so in Ihren Geschichten?“ fragt wenig später einer der beiden Polizisten. Und Fahlmann antwortet mit Ecker: „Um Leute, denen der Boden unter den Füßen weggleitet.“ Genau das aber ist es, was der sogenannte Realismus nicht will, der vielmehr auf die Sicherheit seine Leser bedacht ist, zumindest auf die der erfüllten Erwartung. Ich habe an anderer Stelle gezeigt, daß insofern auch Fantasy, Science Fiction, die Krimis sowieso, zur sog. Realistischen Literatur gehören, weil sie nämlich streng in den Rahmen ihrer Vorgaben bleiben und insofern kalkulierbar sind. Dies ist bei Christopher Ecker prinzipiell anders.
Beinahe jede seiner Erzählungen macht die Kategorien durchlässig, geht sozusagen genauso durch ihre Wände, wie der Held der >>>> Letzten Kränkung im Boden verschwindet – durch einen nicht zufälligerweise an das weibliche Geschlecht erinnernden Spalt, der sogar Schamlippen hat. Die ganze Novelle kommt einem wie eine riesige Allegorie auf das Geburtstrauma vor; tatsächlich hat Ecker in ihr sogar expressis verbis – und zwar bis in den Titel hinein – >>>> Freuds Theorie der drei Menschheitskränkungen um eine vierte fortgeschrieben. Ab der Seite 97 finden wir denn auch ein gleichsam Credo der eckerschen Poetologie, worin jede Figur von ihr „verborgenen Regungen gesteuert wird, die wie gigantische Seeungeheuer in der Tiefe des Innenlebens lauern und mit ihren Tentakeln und Scheren unentwegt hinauf ins Bewußtsein greifen.“
Hier gilt, was die therapeutische Technik des Klarträumens Patienten empfiehlt, die von immergleichen Albträumen heimgesucht werden, – daß man, anstelle so schnell wie möglich an der Tür vorbeizueilen, hinter der das Unheil lauert, stehenbleiben und sich umdrehen sollte, um diesem Nachtmar direkt in das Gesicht zu sehen. Nur so, durchs Anschauen, läßt sich das Unheil, ich verwende den folgenden Begriff bewußt, bannen. Genau das ist der in Phantastischen Literaturen in Bewegung gesetzte Prozeß. Indem wir sehen, vermögen wir, Namen zu geben, und indem wir wiederum das tun, verfügen wir über das Unheil. Thomas Mann, fast ganz zu Anfang seiner „Geschichten Jaakobs“ , beschreibt diese Form der Selbstermächtigung – besser noch: der Selbstentohnmachtung – so: „Auch die Tiere schämen sich und kneifen den Schwanz ein, weil wir sie wissen und über ihren Namen befehlen, und die brüllende Gegenwart ihres Einzeltums entkräften, indem wir ihn ihr entgegenhalten.“3
Doch auch dieses Verfahren, so zeigt es uns Ecker – und darin ist er realistisch, nicht die sog. Realistische Literatur – , ist brüchig und stellt das Als-ob als ein Fakt hin, ein Verhalten, das uns unsererseits an der Tür vorbeieilen läßt, anstelle daß wir hinter sie schauen. Vielmehr sind wir, so die Seite 116 der Letzten Kränkung, „Figuren in einem Spiel, dessen Bedeutung wir nicht einmal erahnen, und das Mächte, die wir weder erkennen noch begreifen können, mit wiederum anderen Mächten spielen, die erstere selbst kaum erkennen und begreifen können.“ Wobei selbstverständlich die durch diese ihre Begriffsfindung angeschauten Mächte ebensolche Modelle sind, fast möchte ich sie mit Kant „Kausalitäten aus Freiheit“ nennen, wie es die über viele Jahrhunderte hinweg durchaus lebenspraktikable Vorstellung von Göttern und Göttinnen war. Ihre Fiktionen konnten tatsächlich schützen, wie neuerdings, ebenfalls unter Bezug auf Freud, Robert Pfaller gezeigt hat.4 Der von ihm zu Recht beklagte Verinnerlichungsprozeß, aufgrund dessen gesellschaftliche, dem privaten Schutz der Einzelnen dienende Verhaltensrituale verödet und aufgelöst werden – auch Hebbel, siehe oben, beklagte es schon – , wird in Eckers Dichtung gerade umgedreht und das Innerliche, Innerste, als ein Objektives in die Welt zurückgehoben – auch dies eine der Phantastischen Dichtung ganz eigene Bewegung. Deshalb zeigt sich die Kraft der speziell eckerschen Ästhetik genau dort, wo er profanste Alltagsrealitäten als dunkle Spiegelbilder eines aus sich selbst Ausgegrabenen, bzw. noch zu Hebenden zeigt. Er muß dafür nur, aber entschieden diszipliniert, dem Schreibprozeß folgen. Wovon er erzählt, indes, ist immer schon da.
Eine phantastische literarische Arbeit ist derjenigen zu vergleichen, die wir alle in unseren Träumen leisten, nur daß sie durch ihre Formulierung bewußtgemacht wird. Deshalb bedürfen solche Texte fast immer der Interpretation, die ebenso fast immer nie genau trifft, sondern in einem ungefähren Raum verbleibt. Etwa leben auch die Dichtungen Franz Kakas, von ihrer hohen Stilkunst abgesehen, bis heute davon – und auch er war so wenig wie Borges ein Mann, der ein nennenswert abenteuerliches oder sonstwie erlebnisgesättigtes Leben gehabt hat. Auch bei ihm entstand beinahe alles aus der inneren Welt, in die bis auf den Grund von Ahnungen hinabgestiegen werden muß, wo sie – jede – einen derart übersubjektiven, ja geradezu kollektiven Charakter bekommt, daß wir Späteren dazu neigen, die Texte als Vorahnung zu lesen – in Kafkas Fall, um nur Die Strafkolonie zu nehmen, des heraufdräuenden Faschismus. Aber auch das bleibt letztlich Auslegung.
Wieder Ecker auslegend, ließe sich über zum Beispiel „Fahlmann“ sagen, der nicht nur die Grenzen der Geschehensräume auflöst, sondern auch das Zeitfundament der Sukzession, also eigentlich Zeit-selber zum Raum macht, nämlich zu einem Kontinuum, – ließe sich sagen, daß die uns unterdessen über zum Beispiel das Internet sehr bekannte Auflösung der noch vor zwanzig Jahren geradezu dinghaften Grenzen des Kommunizierens auf eine Weise gespiegelt und gestaltet wird, die die Neuen Medien, ja überhaupt Medialität völlig erfaßt, auch wenn sie sie nicht nennen muß. Denn auf der Erzähloberfläche spielt sie überhaupt keine Rolle. Darunter aber eben doch.
Hinzu kommt eine andere, eine spezielle Modernität. Denn der Fahlmann denkt expressis verbis die Bedingungen seiner eigenen Entstehung mit, und zwar in den langen Gesprächen zweier Protagonisten. Damit schließt Ecker direkt an ein Paradigma der Avantgarden zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts an, das heißt, er geht nicht, um den ohnedies unscharfen Begriff n o c h unschärfer zu verwenden, postmodern oder postmodernistisch über sie hinweg, sondern schließt eine Lücke, die besonders der Hitlerfaschismus verschuldet hat, auf den aus politisch allerdings verständlichen Gründen das geradezu Dogma eines, sagen wir, sozialen Realismus gefolgt ist. Die Berührungsangst gegenüber Phantastischen Literaturen ist nicht von ungefähr ein deutsches, bzw. deutschsprachiges Phänomen; weder der angelsächsische noch der romanische und da speziell der spanische Sprachraum kennt es auch nur ungefährer Weise. Entsprechend waren sie, diese Literaturen, – und sind es beinah noch immer – hierzulande nur dann akzeptabel oder sogar gerühmt, wenn sie nicht aus Deutschland kamen, sondern übersetzt werden müssen. Ein deutscher Gabriel Márquez hätte bei uns nicht die geringste Anerkennung gefunden; wahrscheinlich wäre er ebenso verschwiegen worden, wie es in der umittelbaren Gegenwart ein deutscher Thomas, sagen wir, Pynchon würde. Nicht zuletzt dieses Umstandes halber setzt die Verleihung des Friedrich-Hebbel-Preises an Christopher Ecker ein Zeichen. Sie hebt die Bedeutung dieses Romanciers über jede nur-regionale Anerkennung hoch hinaus und zeugt deshalb, was die Beachtung ästhetischer Qualitäten betrifft, von ausgesprochenem, nicht nur so genanntem Realitätssinn. Tatsächlich spielt Ecker sowohl in konstruierender Macht als stilistischem Vermögen in der ersten Liga der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur.Lassen Sie mich noch einmal auf Friedrich Hebbel und von da aus auf das Geheimnis zurückkommen, von dem ich eingangs sprach, und mit einer frühen kleinen Prosa Christopher Eckers abschließen, die es, dieses Geheimnis, direkt, wenn auch nur gleichnishaft benennt.
(…) die dramatische Kunst

schreibt Hebbel5 und seine Perspektive läßt sich sehr wohl auf den Roman übertragen,

soll (…), wie alle Poesie, die sich nicht auf Superfötation und Arabeskenwesen beschränkt, zeitgemäß sein,

weshalb er, Hebbel, seine Dramen auch als künstlerische Op­fer der Zeit bezeichnet habe,

denn

fährt er fort

ich bin mir bewußt, daß die individuellen Lebens-Prozesse, die ich darstellte und noch darstellen werde, mit den jetzt obschwebenden allgemeinen Prinzipien-Fragen in engster Verbindung stehen, und obgleich es mich nicht unangenehm berühren konnte, daß die Kritik bisher fast ausschließlich meine Gestalten ins Auge faßte, und die Ideen, die sie repräsentie­ren, unberücksichtigt ließ, indem ich hierin wohl nicht mit Unrecht den besten Beweis für die wirk­liche Lebendigkeit dieser Gestalten erblickte, so muß ich nun doch wünschen, daß dies ein Ende nehmen, und daß man auch dem zweiten Faktor meiner Dichtungen einige Würdigung widerfahren lassen möge, da sich natürlich ein ganz anderes Urteil über Anlage und Ausführung ergibt, wenn man sie bloß in Bezug auf die behandelte Anekdote betrachtet, als wenn man sie nach dem zu be­wältigenden Ideen-Kern, der manches notwendig machen kann, was für jene überflüssig ist, bemißt.

Dieser Ideenkern ist bei Ecker das Phantastische als quasi Hochprojektion eines permanent wirkenden Unbewußten auf die Leinwand des Bewußtseins, in anderen Worten: eine Übersetzung ins romanpoetische Bild. Bereits in einem frühen Prosastück, das sich in seiner 2006 bei Gollenstein erschienenen Erzählsammlung >>>> „Der Hafen von Herakleion“ findet, nimmt Ecker darauf Bezug; man kann den kleinen Text durchaus als einen Nukleus seiner Poetik lesen. Er heißt „Der Makel“ und geht so:

Der Makel, den ihr zu erkennen glaubt“, sagte er, und ich wußte, daß er weniger scherzte als sonst, „ist keineswegs ein Makel.“ Sein Gesicht nahm diesen triumphierenden Ausdruck an, der mich immer an ein Kind denken ließ, das soeben ein Rätsel gelöst hat, gestellt von jemandem, der nicht glaubte, daß es von einem Kind gelöst werden konnte. „Der Makel“, hub er erneut an und deutete auf das Gemälde, vor dem, wie ich feststellte, nur ich selbst stand, denn er befand sich nicht mehr im Saal, und ich war mir auf einmal auch nicht mehr sicher, ob ich seine Stimme hörte oder mir nur vorstellte, er spräche zu mir, wie er es früher vermutlich oft getan hatte, „oder der Fleck“, er schnaubte unwillig. „Betrachte ihn genauer, Christopher! Ähnelt diese schadhafte, nein, vermeintlich schadhafte Stelle nicht einem Schatten? Deinem Schatten?“ Erschrocken wich ich vor dem Gemälde zurück, eine Hand in Erwartung eines Hindernisses nach hinten ausgestreckt, die andere – es war beinahe wohltuend – schützend über die Augen gelegt.

Und nun, in der das kurze Stück beendenden Klammerbemerkung schaut er das Rätsel selbst an – womit wir wieder beim Namen wären:

(Dem Museum, in dem sich dies ereignete, einen Namen zu geben, ist nicht der Zweck, aber ein interessanter Nebeneffekt dieser Skizze.)

Offener und damit unwägbarer läßt sich ein Text kaum beenden und spiegelt damit uns auf uns.

Lieber Christopher Ecker, ich gratuliere Ihnen aus vollem Herzen zum Friedrich-Hebbel-Preis 2015.

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ANH, März 2015
Berlin
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