Sand

Die größte Schwierigkeit bei dem Versuch, mein Leben lustvoll zu durchqueren, dürfte jene sein, bei mir selbst zu bleiben. Nichts, was an Wahrnehmung hochsteigt, wegzudrücken, sondern sich ihrer anzunehmen als des Reichsten, das mir gegeben ist.
Anschauen, verstehen, destillieren. Anschließend wahrnehmen. Es heißt nicht zufällig so. Man nimmt sich das Wahre.

Oder, um in eine neue Erzählung zu münden, die vielleicht in dem Augenblick beginnt, in dem es vor zwei Tagen an der Tür klingelte:
Dieses Stück Zeit, das auf das Eintreffen des Paares folgte, ist weiterhin in meinem Besitz und lebendig; ich spreche es an, es atmet und bläht sich. Es reagiert allerdings nur, weil ich so viele seiner Teilchen in die Hand genommen und bearbeitet habe, bevor sie in den Schlick meines Unbewussten absinken konnten.
Mein bester Trick bei dieser verflixt einsamen Arbeit ist das Öl; ich braue es aus den Früchten meiner Erlebnisse, ihren Kernen. Manchmal öffnen sie sich wie Blüten auf meinen Handflächen, ein anderes Mal muss ich sie tage- und wochenlang pressen, bis sie ihr Öl hergeben.

Der Trick ist nicht übertragbar. Niemand kann ihn mir abnehmen, diesen Prozess, Erkenntnis zu destillieren, den manche Älterwerden nennen, niemand kann mir Autorität über mein Leben verleihen, niemand kann sich erinnern, an was ich mich erinnere oder Gegenwart zu Gegenwart machen, außer mir selbst.
Gutes Öl schmeckt immer ein bisschen bitter im Abgang.

Mein Reifwerden war weder geplant noch gewollt, doch es könnte sich als glückliche Fügung erweisen. Langsam, sehr langsam lerne ich, was Konturen sind. Die Konturen des Erlebens voneinander zu unterscheiden, ist hohe Kunst und keineswegs natürlich, sondern pure Gestaltung. Am schwierigsten beizubehalten ist natürlich das Jetzt. Erinnerungen sind ein Kinderspiel, Visionen fliegen mir aus dem Ärmel, es ist die fluide Gegenwart, die mir Kopfzerbrechen bereitet. Unfassbar schwer, ihrer wirklich habhaft zu werden oder sich von ihr ergreifen zu lassen. Der Kopf, der Kopf – er ist immer schon woanders.
Deswegen lieb’ ich die Libido. Sie schenkt mir die Trance der Unmittelbarkeit, frei von jeder Schuld, gießt mir das schlüpfrige Material in die Sinne, das ich anschließend zu Gedanken formen kann. Genüsslich. Willentlich. Aus den unzähligen Teilchen meiner Wahrnehmung füge ich sie neu zusammen, schaffe meine Skulpturen und gebe mein Öl hinzu, damit sie geschmeidig bleiben. Wer will schon vertrocknete Erinnerung.

Diese Frau, Tricia, sie ist nicht nass; ich würde das schmecken. Sie kommt in die Fülle ihrer Aufregung gekleidet, so unter Strom, dass ihr bisschen Fleisch schon im Treppenhaus hart geworden ist, ein aus feinem Holz gedrehtes Figürchen, dessen stolzer Drechsler leichten Fußes hinter ihr die Stufen hinaufsteigt.
Eine solche Sehnsucht in ihr. Und so wenig Erweckung. Ich – spüre sie. Nicht sofort, aber während meine Zunge später über ihre lauwarme, weit oben beginnende Möse streicht, die am glattrasierten Delta ihrer Scham kein Versteck findet: die schmalen Labien ducken sich in den Hügel, als ob ihnen ein Sandsturm bevorstünde.
Die schickste Möse, die ich je zu Gesicht bekommen habe. Hoffentlich findet irgendwann mal ein guter Hirte ihren Kitzler und weckt ihn auf, er hat viel zu viel Wüstenwind abbekommen. Welche Falle, so auszusehen. Man legt Männer damit rein, sie geben sich mit dem Anschein zufrieden.
Ich lege meine dicke, ausnehmend breite Zunge über das Areal und wässere die Häutchen. Dieses Geschlecht glücklich zu machen, erforderte mehr Liebe, als ich an diesem Tag zu verschenken habe, doch ich kann ja schon mal beginnen.
Im Vergleich zu Tricia bin ich Gulliver. Ein weich am Strand aufgelaufener Körper, an dem sie hochklettern könnte, um auf der weiten Fläche meiner Bauchdecke mit ihresgleichen zu spielen. Neben dieser Miniatur kann mein Fleisch nur zu viel sein, zu weich, zu amorph. Das, vielleicht, ist die schwerste Prüfung an diesem Nachmittag: zu verstehen, dass ein plätschernder Wettbewerb der Weiblichkeit unter den Blicken der Männer heute nicht stattfinden wird. Nicht mit ihr. Auch nicht mit dem Mann, der sie steuert, der auch mich zu führen versuchen wird. Keine Chance natürlich, denn das kann nur ein anderer.
Der heute über Bande spielen will.

Also gehe ich mit, lasse meinen Körper von einem Fremden choreografieren, doch mein Wille bleibt intakt. Ich lass’ ihn einfach ein bisschen ruhen und zusehen, während mein neugieriges Fleisch Proportionen beschreibt.
Es ist so leicht, sich Reflexen hinzugeben.
Man geht einfach von der Tür weg und lässt den Wind rein.

Zwischenbemerkung. Krebstagebuch, Chemo IV/Tag2, Krebstag 63.

[Arbeitswohnung, 18.10 Uhr
Gerald Finzi, Let us garlands bring op. 18]

Ich sitze, → wie angekündigt, an der Marah-Durimeh-Erzählung, nur daß mir gerade, nach gestern den vierten Chemo-Infusionen, die Konzentration sehr schwer fällt, ich mich auch dauernd langlegen muß, zwar mit dem Text vorankomme, aber alles sehr, sehr langsam für meine “normalen” Verhältnisse. Hinzustörten, bzw. stören auszufüllende Formulare wegen des Lehrauftrags, der mir ab Oktober für die Universität Bamberg zugesprochen wurde und die dringend zurückgeschickt werden müssen. Außerdem war heute auch noch die “Pumpe” in die ontologische Praxis zurückzubringen, die, also jene, mir seit gesten mittag über vierundzwanzig Stunden das Fluorouracil eingetröpfelt hat, das mir nun von Zeit zu Zeit eine leichte Übelkeit bereitet. Wird sie stärker, lege ich mich hin, lausche der Musik und harre so aus, bis es wieder besser geht.  Dabei kann ich allenfalls, doch auch das nicht flüssig, denken, nicht indes so formulieren, daß es auch gleich getippt werden könnte.

Morgen vormittag allerdings, so hoffe ich, wird die Durimeh-Erzählung in Der Dschungel stehen und für Sie zu lesen sein. Bitte entschuldigen Sie die Antriebsschwäche.

ANH
[Finzi, Adagio espressivo]

Die schöne Elisabeth Schneider (8).

Der Tag, an dem die Anzahl der Lebendigen die Anzahl der jemals Gestorbenen übersteigt. – Alles läuft auf diesen Satz hin, auf das, was er markiert. Eine andere Art der Apokalypse. An diesem Tag vereinigen sich der Erzähler und die Schneider und zeugen eben dasjenige Kind, das den Satz real werden läßt.

 


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Die schöne Elisabeth Schneider (9).

(…)
Ich fühlte dieses Gebäude sich sehr langsam über die Köthener Straße schieben; mir wurde fast schwindelig davon, so intensiv war der selbstverständlich völlig irreale Eindruck.
Fast ein wenig angeschlagen, machte ich mich wieder davon. Radelte heim. Versuchte zu schlafen. Was nicht oder unzureichend gelang; sowas um halb fünf, glaub ich, fielen mir endlich die Augen zu. Dann fuhr das Kriegsschiff Köthener Straße 26, als glitte eine Klinge durch Papier, zum Potsdamer Platz hinüber und teilte das je zur Seite hochbrechende Pflaster. Das Haus durchp f l ü g t e den Grund, hinterließ eine urbane riesige Ackerfurche, eine Demarkationlinie des Unheils, lange noch bevor es die postmodernen Gebäude bis unters SONY-Dach zum Einsturz brachte. Stumm flaschten die rotierenden Lichter der Einsatzwagen, stumm rasten Feuerwehrer herbei, stumm knallten die Türen. Stumm waren auch die Geschosse aus den Kanonenrohren der unversehens angerollten Panzerwagen mobiler Einsatzkommandos, stumm die Salven der Maschinengewehre, stumm prallten die Kugeln von dem Kriegsschiff ab. Erst im Tiergarten kam es zum Stehen. Stand stundenlang da. Wir umkreisten es immer wieder mit entsicherten Waffen, aber fanden kein Hinein. Da, endlich, öffnete sich die Tür. Und heraustrat… ich weiß es nicht mehr, denn ich schreckte aus dem Schlaf auf. Daß es Betty gewesen sei, ist bloß eine nachträglich hinzugefügte Erinnerung, nichts also als eine Interpretation der Plausibilität, auf die das Unbewußte a c h t e t.
(…)

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Die schöne Elisabeth Schneider. (Aus den Entwürfen, 6).

(…)

“Wir haben die Sache, so gut es ging, unter uns geregelt. Was hätte Betty davon gehabt, wenn ich… Sie wissen schon, Polizei, Presse wahrscheinlich, das Gerede in der Schule.” “Sie haben sich getrennt damals?”
Sie nickte.
“Und er?”
Sie zuckte mit den Schultern.
“Sie haben keinen Kontakt mehr?”
“Betty war sehr gut in der Schule, es war später gar kein Problem mit dem Studienplatz. Sie ahnen nicht, wie stolz ich war.”
War?”
“Sehen Sie, das i s t es ja… Eines Tages… also, das heißt… warten Sie, ich weiß es genau… – Aber vielleicht interessiert Sie das ja alles gar nicht.”
“Aber ja doch.”
“Nur: Deswegen sind Sie nicht hergekommen?” – Sie war zwar schon aufgestanden, um irgend etwas zu holen, hatte sich aber im Moment wieder besonnen und sah mich mit einem so gestoßenen Mißtrauen an, daß es mir augenblicklich das Herz zusammenzog. “Ich bin gekommen, weil… ich möchte ehrlich zu Ihnen sein.” Ich schwieg einen Moment.
Auch sie schwieg.
“Ich, ja, wie… Wissen Sie, seit ich Ihre Tochter auf diesen Plakaten gesehen habe… sie geht mir einfach nicht mehr aus dem Kopf.”
“So sehr hat sie sich verändert?” fragte Frau Schneider mit einem Ausbruch von unmittelbarer Lebensklugheit. “Sie haben sie früher nie angesehen, aber jetzt…”
“Um es kurz zu sagen. Ja.”
“Raus”, sagte Frau Schneider.
“Wie bitte?”
“Ist das nicht deutlich?”
“Aber wieso?”
Raus, junger Mann. Wenn ich überhaupt noch etwas für meine Tochter tun kann, dann doch wenigstens das, jemanden wie Sie hochkant aus ihrem Elternhaus zu werfen.”

(…)


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Die schöne Elisabeth Schneider. (Aus den Entwürfen, 5).

(…)

Das Haus war wie aus Metall, so glatt, so kühl. Ich konnte nicht anders, als, wieder über die Straße hinüber, meine Hand neben die Tür an die Wand zu legen. Wo es übrigens kein Schild gab, kein Namensschild, keine Klingelschilder, rein gar nichts, womit man hätte jemanden auffordern können, die Tür für einen zu öffnen. Aber das Gebäude war offenbar auch noch gar nicht fertiggestellt oder nur bis zum dritten oder vierten Stockwerk; es gab nämlich da oben Gerüste, unten an der Straße aber nicht mehr, weshalb man den Eindruck haben konnte, die Renovierungsarbeiten seien von unten nach oben erfolgt und nach jedem abgeschlossenen Bauabschnitt die Außengerüste abmontiert worden. So daß nun erstaunlicher-, wenn nicht erschreckenderweise all die Bretter und Leitern nicht von der Straße her abgestützt, sondern vielmehr vermittels eines mir unbekannten Konstruktionsprinzips am Dach aufgehängt zu sein schienen. Mir wurde geradezu schwindelig von dem Anblick, – als mir zu alledem einfiel, daß auf dem Plakat überhaupt kein Datum angegeben worden war, also wann man denn nun zu Betty kommen solle – wobei mir obendrein die diminutive Verniedlichung unangenehm spürbar wurde, die dieser Spitzname angesichts des, muß ich schreiben, neuen Gesichts meiner so lange vergessenen Kommilitonin ganz offenbar bedeutete.

(…)

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Die schöne Elisabeth Schneider (4).

(…)
Es gab sicherlich Hunderte Elisabeth Schneiders in Berlin und darunter zahllose, die sich, wenn überhaupt, nur mit E. Schneider oder unter dem Namen ihrer Ehemänner ins Telefonbuch eintragen ließen. Ich sah deshalb gar nicht erst nach. Mir wäre sowieso der Masochismus abgegangen, Nummer für Nummer durchzuprobieren und mich permanent entschuldigen oder ‘falsch verbunden’ stammeln zu müssen. Statt dessen setzte ich mich aufs Rad und fuhr hinunter zur Mollstraße,um so nah wie möglich an das Plakat heranzutreten und nachzuschauen, ob es nicht vielleicht doch einen anderen Hinweis als nur dieses so unbekannt-bekannte Markensignet gäbe. Und so war es dann auch. Ich mußte über eine Absperrung klettern, um nahe genug heranzukommen; aber der Blick dieser Frau sog mich sowieso an, der ganze Umstand machte mir rein gar nichts aus. Zwar blieb ich noch ein paar Momente stehen, den Kopf weit in den Nacken gelegt, und sah der Frau in ihre tiefen Augen… mir war so schwindlig, als ob ich in das Rohr eines Trichters fiele, das etwas von einem Strudel hatte, ohne sich jedoch zu zentrifugieren… und keine Frage, das war Betty, irgend etwas nicht recht Geheures hatte sie mit sich anstellen lassen – man müsse sie, so schoß es mir plötzlich durch den Kopf – vielleicht retten…jedenfalls machte ich mich, mir einen Ruck gebend, endlich daran, über den Zaun zu kommen, stolperte dann durchs ziemlich dichte Unterholz der jetzt im Frühjahr bereits zugewachsenen Brache und stand endlich unterhalb des Plakats, das ein wenig über meinem Kopf begann und gewiß fünfzehn Meter breit und an die zehn Meter hoch war. Und tatsächlich. Geradeu heimlich klein stand da ganz rechts unten in höchstens fünf Zentimeter hohen Kapitälchen der jeden letzten Zweifel ausräumende Satz: KOMM ZU BETTY NACH BERLIN. Dahinter war eine Adresse angegeben, kein Firmen-, sondern nur der Straßenname und die Hausnummer: Alte Potsdamer Straße 5.
(…)

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