Das “Wokeness” und derie PrimitivierungInn*en des Denkens. Konrad Paul Liessmann bei Nu.at.

 

 

 

            → → → → Dort:

Novemberwien, Eins. Des Freitags bis Samstags Arbeitsjournal vom 13. 11. 2021.

[Wiener Schreibplatz Lorbeer, 7.18 Uhr]

Liebste Freundin,
erst einmal muß ich mich entschuldigen, fast bin ich ein wenig zerknirscht. Denn genau einen Tag, bevor vorgestern früh ich die Reise nach Wien antrat – präziser: am späten Nachmittag des Donnerstags – sah es so aus, als hätte ich die Videoarbeit zur zwölften Bamberger Elegie endlich, endlich, endlich fertig. Und entdeckte d o c h noch einen Fehler, leider, der sich am selben Tag nicht mehr hätte beheben lassen; eine Kleinigkeit nur, doch nach all der intensiven ja nun wochenlangen Arbeit an dem, muß ich schreiben, Film hätte sie mich sehr gestört, ich wäre unzufrieden geblieben. Also dachte ich, gut, du kopierst jetzt alles auf die transportable 2TB-Festplatte und löst das Problem am Wiener Schreibtisch, der zwar nur Sekretär, siehe Bild, ist und also nur wenig Arbeitsplatz bietet – aber nicht dies stellte sich nun als Hindernis dar, sondern daß meine mitgeführten Arbeitskopien in Adobes Schnittprogramm einzelne Clips entweder gar nicht oder aber, was noch schlimmer ist, verändert wiedergaben und -geben. Sie gaben mithin wider. S o, daß sich’s sinnvoll in keiner Weise arbeiten läßt und ich also doch meine Rückkehr nach Berlin, in sechs Tagen, abwarten muß. Und Sie müssen’s leider nun gleichfalls. Ein großes Hindernis ist aber auch schon der kleine Laptopbildschirm; für die sehr feinen Schnitte brauche ich wirklich einen großen Screen und am besten zwei Screens, wie ich sie halt auch habe in meiner Berliner Arbeitswohnung.
Insofern ist es gut, daß mir mein Elfenbein-Verleger gestern die eingescannte Digitalversion der “Verwirrung des Gemüts” zugeschickt hat, die, ähnlich dem → New-York-Buch, in deutlich überarbeiteteter Fassung im kommenden Frühjahr neuerscheinen soll – nach in diesem Textfall achtunddreißig Jahren. Ich war, meine Güte, sechsundzwanzig, als ich ihn schrieb! Und die Titelvariante, die ich damals gewählt habe, aber nicht durchsetzen konnte, wird jetzt verwendet werden, nämlich wird das Wort “Gemüt” → in kantschem Sinn mit “th” erscheinen: Gemüth. So nämlich steht es in meiner 19.-Jahrhundert-Ausgabe der Kritik der reinen Vernunft. Um nun aber gewisse/ungewisse Unzulänglichkeiten meines seinerzeitigen Stils sensibel prüfend auszugleichen, wird → wie dort auch hier Elvira M. Gross alles noch einmal komplett neu lektorieren. Es geht tatsächlich nicht nur um die, in der 1983 erschienenen List-Ausgabe, vielen falschen Konjunktive, die mir damals Armin Ayren in der FAZ um die Ohren schlug – woraus ich dann radikal lernte (mich rächen für seine Vernichtungsattacke tat ich auf andere Weise; lesen Sie einfach die erste Abteilung des → Wolpertingers nochmal) –, sondern auch manch stilistisch Sprachliches dürfte revidiert oder sogar ins Eigentliche herausgeschnitzt werden müssen, ein seinerzeit nur Gewolltes, noch handwerklich nicht erreichbar Gewesenes, das sich aber jetzt mit fast leichter Hand herstellen könnte.
Insofern, wenn meine Videoarbeit nun aussetzen muß, bis ich an den eigenen Schreibtisch zurückbin (einem Bildschirm-Cockpit unterdessen), kann und will ich die Wiener Zeit zu meiner Bearbeitung dieses alten, doch, meine ich, nach wie vor wichtigen Textes nutzen (immerhin ist er der Nucleus des Wolpertingerromans und der Andersweltbücher, begründet die, sagen wir, “Serie”). Die Zeit bis zum Frühjahr ist ohnedies knapp.
Auch damit aber, dieser Überarbeitung, werde ich kaum fertig werden, da ich mit meinem Arco-Verleger über anderweitig gleichfalls anstehenden Projekten sitze (etwa die Herausgabe des großen nachgelassenen autobiografischen Romanes Der blaue Koffer von Gerd-Peter Eigner und einem geplanten Gedichtband Helmut Schulzes (→ Parallalie), für den aus der Menge der Gedichte ausgewählt werden muß; für letztres beides kam ich eigentlich her – und, selbstverständlich, um Elvira M. Gross endlich wiederzutreffen, die ganz wie ich darauf wartet, daß Die Brüste der Béart endlich herausgekommen sein werden, die aber leider von den gegenwärtigen Lieferengpässen, in ihrem Fall des ausgewählten Spezialpapiers, betroffen sind. Doch auch der nötige zweite Fahnengang ist noch nicht getan. Und hier, meine Freundin, werden Sie sich mitgedulden müssen, es tut mir wirklich leid. — Nein, keine Floskel!
Alles in diesen Zeiten der Corona verlangsamt sich, scheint’s. Sogar, vielleicht, die Liebe.

Was mich tatsächlich beschwert allerdings, z u d e m, was meine hiesige Arbeit beschwert, ist, daß ich meine Pfeife nicht rauchen darf; der Tabakgeruch belästigt den Freund zu sehr, bei dem ich untergekommen bin, setzt ihm lähmend zu. Dabei hatte er meine Pfeifen bisher immer unproblematisch gefunden. Mit einem Mal ist es anders. — Für mich war’s wie ein Schock. Spontan (aber ich verschwieg es) wollte ich abreisen, sofort nach Berlin zurückreisen, aber ich muß am kommenden Donnerstag noch nach Frankfurtmain und habe die Fahrscheine schon alle gekauft, sehr preiswert, ja billig, doch deshalb nicht stornierbar; doch zusammengerechnet nicht nur ein riesiger Zeit-, sondern auch Geldverlust eben doch. Also habe ich, was mir gar nicht bekommt, wenn ich sie rauche, wieder Zigaretten gekauft, für die ich mkich nun von Zeit zu Zeit in den Hausflur anm einj geöffnetes Fenster stelle. Es geht auf einen ummauerten Hof hinaus, in dem sich immerhin eine Taubenkolonie eingehend beobachten läßt. Ihr Gurren füllt den siloartigen Raum bis zu den Dächern hinauf.
Wie auch immer, für meine nächsten Wienaufenthalte werde ich mir etwas anderes überlegen müssen. Klar, ich habe noch vorgestern nacht nach AirBnbs in Wien gesucht, für sofort, aber die Preise übersteigen auch da meine Verhältnisse. So grollte ich heimlich dem Freund und weiß doch zugleich, wie unrecht es ist. Auch deshalb schwieg ich, schweige – nicht ohne Schuldgefühl – nach wie vor. Aber na gut, vielleicht finde ich in Wien ein Raucherlokal, wo sich’s am Laptop arbeiten läßt.

Heute mittag nun, oder frühnachmittags, eine Veranstaltung auf der “Buch Wien”, nicht meine eigne, sondern eine, auf der der Freund moderiert. So werd ich diese Messe denn auch einmal sehn und hoffe zudem, dort meinen Septime-Verleger anzutreffen, der auf meine letzten Nachrichten schlichtweg geschwiegen hat, schon seit Wochen, eine Art Nachrichtensperre, die ich schon deshalb nicht begreife, weil er immerhin → eine meiner mit wichtigsten Ausgaben herausgebracht hat. Ich weiß, er hatte sich einen besseren Verkauf vorgestellt, aber das der nicht war, jedenfalls bislang nicht, sondern traurig dümpelt, läßt sich schwerlich m i r anlasten, der ich im Gegenteil immer gewarnt habe, indem ich den Mann wieder und wieder auf meine problematische Stellung im deutschsprachigen Literaturbetrieb hinwies. Und solange der Buchhandel nicht angemessen bestellt, können Leserinnen  und Leser kaum  von mir, also meiner Arbeit, wissen. Niemanden muß das wundern.
Das Problem betrifft auch den New-York-Roman oder könnte ihn betreffen. Auf der Frankfurter Buchmesse war es so, daß geradezu jede und jeder, die und der den Roman durchblätterte, von der Ausstattung derart becirct war, und zwar zu recht, daß man ihn sofort kaufte. Am Ende der Messe war  nicht ein einziges Buch mehr da, selbst der Verleger fuhr ohne ein Exemplar für sich selbst heim, ließ mir Bücher sofort von der Auslieferung schicken, damit ich die numerierten Widmungsexemplare an alle jene auf den Weg bringen konnte, die diese ungewöhnliche Ausgabe maßgeblich mitermöglicht haben; und von dem, was dann bei mir noch blieb, habe ich zehn Exemplare eingepackt und mit hierher gescheppt. – Doch was ich sagen will: Wenn der Roman nicht im Buchhandel liegt und niemand ihn also aufschlagen kann, kann er genauso wenig wie meine anderen Bücher gut verkauft werden; die Menschen wissen ja nichts von ihm. Solange aber ich mich den scheinmoralischen “Gender”-Diktaten nicht beuge, zudem, b l e i b e ich Kritik und Betrieb das schwarzes Tuch und Schaf. Da kann man Wolf sein, wie man will.
Allerdings ist auch das ein Grund zu klagen immer noch nicht. Ich spüre vielmehr in den letzten Monaten deutlich, daß sich etwas ändert und mehr und mehr Leute begreifen, was ich poetisch tue und getan habe. Nur sind solche Prozesse des Umdenkens quasi naturgemäß langwierig zäh, gar eines Umschwenkens dann. Es ist eine Art Evolution, nicht etwa Mutation, und in den Künsten fast wie ein Gesetz. Doch daß ich das heute so sehen kann und imgrunde beruhigt bin, also nicht mehr in schwarze Galle verfalle, habe ich letztlich → Liligeia zu danken. Es klingt absurd, ja bizarr, aber die Krebsin, irgendwie, hat mir gutgetan.

Dennoch, mich erreichen nun vermehrt besorgte Mails, weil es kaum noch Arbeitsjournale gibt; manche Menschen bringen zum Ausdruck, wie sehr sie ihnen, ja, fehlten, und es wird befürchtet, mein Schweigen hänge mit meinem gesundheitlichen Zustand zusammen. Die Wahrheit indes ist anders. Ich bin einfach zu sehr von den Videoarbeiten, besonders → denen zu den Bamberger Elegien, aufgesogen, um noch fürs Plaudern Zeit zu haben. Außerdem, was soll ich Ihnen erzählen? Daß ein Leben ohne Magen auch seine Schwierigkeiten hat? – geringe, wenn Sie bedenken, daß ich noch lebe und zwar gerne, nach wie vor wahnsinnig gerne. Sie nerven dennoch, besonders die Polyneuropathie in den Füßen. Doch drüber zu schreiben, gar, sagen wir, “leidend” – es wäre Blasphemie. Nein, sowas mache ich alleine mit m i r aus. Dazu gehören auch meine Einsamkeiten und das Bewußtsein, daß mir – der  solch einen Wunsch hatte, noch einmal Vater zu werden – die Chemo jede Chance darauf zerstört haben dürfte. Und also ward ausgerechnet ich, der hingegebene, leidenschaftlich wilde Erotomane, an die R ä n d e r des Eros gerückt, von wo aus ich heute,doch jedesmal beglückt, beobachte, wie zweie von der Aphrodite an der Hand, den Händen ihrer Geschlechter, genommen und dorthin geführt werden, wo sie sich in ihnen begibt. Und wenn der Vorhang fällt, zwischen die beiden und mich, die Venus selbst läßt ihn herab, dann muß ich ein jedes Mal lächeln. Als wäre ich es, der nun liebt. So daß auf durchaus magische, jedenfalls so empfundene Weise das Glück der andern meines wird. Es ist egal, ob es mich meint. Es soll nur weitergehen, immer weitergehen, so, wie ein Fluß fließt zwischen unbegradigten Ufern. Das ist es,was ich will.
So also, Freundin, mein seelischer Grundzustand zur Zeit. Er ist voller Dankbarkeit. Denn was die zwei da nun erleben, habe ich selbst so oft erlebt, erleben dürfen, und wenn es nun halt vorbei ist, so war es eben doch und wird so in mir bleiben. Nein, es gilt weiterhin, was ich schon oft gesagt: Ich werd das Leben nicht beklagen.
Also machen auch Sie, liebste Freundin, sich bitte um mich keine Sorgen. Unterm Strich habe ich alles an Leben (und also nämlich Liebe) bekommen, was ich nur wollte, und bin von daher privilegiert, nach wie vor. Dazu muß ich nur einmal meinen Sohn betrachten und zuschaun wie jetzt e r lebt. Das ist für mich ein rasendes Glück. Ich selbst muß es gar mehr sein — und eben deshalb bin ich’s.
Jetzt vielmehr geht’s um ein andres, nämlich irgendwie eine Formklammer um mein Leben, das heißt besonders: meine Arbeit, zu legen, es sozusagen einzurahmen, um Bild zu werden für das, an was ich glaubte und glaube. Dazu braucht es keine Vollständigkeit, es genügt der tätige, also weiterhandelnde Wille. Alle Leben, notwendigerweise, enden fragmentarisch, wenn wir sie als einzelne sehen. Betrachten wir jedoch die Generationenfolgen, dann sind sie, siehe oben, ein unabgerissener, unabreißbarer Fluß, und wenn es gutgeht, dann zwischen, ecco!, unbegradigten Ufern. Darum, denk ich, gilt es zu kämpfen: daß niemand von uns begradigt wird. Nicht Weibchen, nicht Männchen, nicht, was es dazwischen noch alles gibt. Und meinethalben nennen Sie’s “queer”. Ich werd mir nur sagen nicht lassen, was ich (noch) sagen darf und was nicht. Und wenn’s mich n o c h so viel kostet —

Ihr ANH

 

In den Zeiten Covid-19s
Alban Nikolai Herbst spricht
Ein Gedicht für jeden Tag
Einhundertsiebenundsiebzigster bis einhunderteinundachtzigster Tag.
Vierte Serie, fünfter Tag:
Das bleibende Thier

|| Fünfte Bamberger Elegie ||

 

 

Alban Nikolai Herbst
Das bleibende Thier
Bamberger Elegien
Elfenbein Verlag
ISBN: 978-3-941184-10-7

In den Zeiten Covid-19s
Alban Nikolai Herbst spricht
Ein Gedicht für jeden Tag
Einhundertsiebzehnter Tag.
Zweite Serie, Einhunderterster Tag:
Der Engel Ordnungen

|| “Gott kotzt in die Demokratie” ||

 

 

 

 

Alban Nikolai Herbst
Der Engel Odnungen
Gedichte
ISBN: 3866380070

Seirēn | Exposé eines Kammeropernlibrettos

Vorbemerkung, 14. 1. 2021
Dies wurde für einen Wettbewerb nach mehreren Gesprächen mit dem Komponisten entworfen, der dieserhalb auf mich zukam; dem jetzigen Exposé ging ein anderes voraus, dessen Ausführung für kleine Besetzung nicht funktioniert hätte. Dennoch halte ich auch an dem anderen, nämlich für eine große Oper, fest, die nicht nur ein vielstimmiges Orchester, sondern vor allem auch einen Chor hat, ohne den sich das mit dem Mythos verknüpfte Unheil meiner Meinung nach nicht angemessen darstellen läßt, weil es eben um eine Massenbewegung geht.
Wie auch immer, wie schon das erste Exposé ist nun auch dieses hier vom Komponisten abgelehnt worden, aus Gründen, die mir deutlich machten, daß, so sehr ich es mir wünschte, eine tatsächliche Zusammenarbeit mit ihm aus politischen, bzw. ideologischen Gründen niemals stattfinden kann. Das hängt auch – in weitestem Sinn – mit den Genderdiskussionen zusammen. Etwa war die Idee der Besetzung mit einem Counter die seine; ich fand sie stimmlich reizvoll, nicht hingegen in, wie e r wollte, Transgender-Betracht. Als darstellerische Besetzung wäre mir tatsächlich eine Frau lieber. Ich belasse das Exposé dennoch erstmal so und arbeite n i c h t um – auch weil mich die möglicherweise provozierten Diskussionen interessieren. Daß ich weder den Namen des von mir hochgeschätzten Komponisten nenne noch den tatsächlichen Anlaß kenntlich mache, versteht sich von selbst. Nach meinem Fortgang aus der Welt werden eventuelle Biografinnen oder Biografen die zugrundeliegenden Korrespondenzen ohne Schwierigkeiten in meinem Nachlaß finden.
ANH, Berlin

___________________________
S E I R 
Ē N

Ort
Küste
Lehrlingsbude
Küste

Personen
Seirēn (Counter)
Edvard (Tenor)
Sängerin (Alt)

Vorspiel

Nur Musik

Szene 1 (Küste)
Am Bühnenrand steht die Sängerin und sieht – von Seirēn und Edvard unbemerkt – stumm zu.

Edvard findet am Strand eine junge, völlig durchnäßte – anscheinend: – Frau und versucht, sie zu Bewußtsein zu bringen. Dabei überrascht ihn ihre gelbbraune, vor allem glitzrige Haut. Er streift mit der Hand darüber: Ob sich das Glitzern abreiben läßt? Doch: „Aua!” Ir­gend etwas scheint vorgestanden zu haben, an dem er sich schnitt. Er lutscht das bißchen Blut ab. Da kommt Seirēn zu sich, auf Edvards Finger schauend. Der fragt;: „Was tust du hier, du kannst doch nicht mitten im Winter, bei dieser Käl­te …‟ – Sie antwortet, aber er ver­steht die Sprache nicht.i „Woher bist du, was ist gesche­hen?‟ Was sie erwidert, versteht er neuerlich nicht. Aber, meine Güte, diese Augen! Eigent­lich müßte er einen Rettungswagen rufen. Doch Seirēn, wie wenn sie es verhindern wollte, klammert sich an ihn. Er möchte ihren Namen wissen, zeigt auf sich selbst, sagt „Edvard‟, zeigt auf sie, fragt: „Und wie heißt du?‟ Sie scheint zu begreifen und gibt, sehr langgezogen, etwas wie: „Eyeeeeen‟ von sich. – Er nimmt sie erstmal mit zu sich.

Während des Szenenwechsels kommentiert die Sängerin das Geschehen mit der menschli­chen Naivetät und dem Mutwillen des Sirenengeschlechts.

Szene 2 (Edvards Bude)

Edvard reibt Seirēn notdürftig trocken, wobei er entdeckt, daß sie sich die – schon, als er sie fand – nackten Fußsohlen verletzt hat. Sie wird sie sich an offen klaffenden Muscheln geritzt haben. Sie bluten. Auch sein Finger scheint wieder zu bluten, als er ihre Wunden säubert, „hier, drück das drauf, wir beide brauchen Pflaster drauf. ” Er eilt, welche zu suchen und bringt gleich von sich trockene Kleidung für sie mit. – Als er die Pflaster auf ihre Wunden heftet, beugt sie sich vor, legte zwei Finger unter sein Kinn und hebt sein Gesicht. Sie schau­en sich an. Da nimmt sie seine von ihrem und seinem Blut benetzten Finger in den Mund, lutscht sie ab. Dabei beginnt sie, in ihrer unverständlichen Sprache zu singen. Indem – davon? ja, es scheint so zu sein – die Dämmerung zu Dunkel wird, tritt die Sängerin ein, von den zweien so wenig bemerkt, wie irgend jemand sonst sie bemerken würde (der nicht grad als Publikum dasitzt):

Wehe dem Menschen, der Seirēnes nicht hält
Weh einem jeden, der Seirēn verfällt
Weh wird die Lockung, zu Weh der Gesang,
Den Menschen, denen zu nahe er klang

Szene 3

Edvard muß zur Arbeit, er steht im zweiten Jahr einer Zimmermannslehre. Schwärmend erzählt er Seirēn davon. Sein Ausbildungsbetrieb ist eine Yachtbaufirma. – Sie, die in seinem Bett (er auf dem Sofa) geschlafen hat, will ihn aber nicht gehen lassen. Er ist hin- und hergerissen. Noch, schließlich, setzt er sich durch und verläßt sie.

Szene 4 (Maledizione)

Seirēn erst allein. Sie begibt sich – leise Wehlaute: die Fußsohlen schmerzen so – ins Bad, läßt, wie wir hören, Wasser in die Wanne. Als sie ins Zimmer zurückkehrt, steht zu ihrem Er­schrecken die Sängerin da und spricht sie an, mit Blick auf die wehen Füße deutlich war­nend: Ein jeder Schritt, als ginge Seirēn auf Messerklingen (Andersen zitieren, aber ins Vers­maß übertragen?). Seirēn soll ins Meer zurückkehren, ehe es zu spät ist. In deutlicher An­spielung auf Seirēns ambivalentes Hermaphroditengeschlecht:

Meer ist Mutter und Vater, Du fehlst
Meer ist nicht Mann, ist nicht Weib
Meer ist, was Du verhehlst
Er wird ihn verschmähn, Deinen Leib

Seirēn antwortet in ihrer uns weiterhin unverständlichen Sprache, die die Sängerin aber für sich selbst übersetzt und zugleich immer kommentiert, so daß sich ein großes Duo ergibt. Als Seirēn geendet hat, dringt die Sängerin nochmals in sie. Vergebens. Schon im Gehen und in­dem sie sich noch einmal herumdreht, sagt sie: „Du weißt, was du tun mußt, wenn er sich von dir wieder löst.” Mit diesen Worten legt sie einen Dolch auf den Tisch. Sie, Seirēn, müs­se, schlage Edvards Herz für jemanden anderes, ihn erstechen, und zwar so, daß sein Blut auf ihre Füße spritzt. Das gäbe ihren Beinen die Meeresform zurück. Nur dann könne sie heim­kehren. – Die Sängerin ab.

Szene 5

Nächster Morgen. Wieder will Edvard zur Arbeit, diesmal aber gibt er Seirēn nach, die ihn zu sich aufs Bett zieht. Als sie kuscheln, springt er plötzlich erschrocken auf, aber auch be­schämt. „Bist du ein – Mann?” – Seirēn kann wieder nur in ihrer unverständlichen Sprache antworten. Um aus der Situation irgendwie herauszukommen, gesteht er ihr, eine Freundin zu haben, Yvonne, der er jetzt untreu geworden sei. „Bitte verzeih, verzeih, verzeih!” Dann wird er wütend: „Du hast mich verführt, verführt, verführt!” Von ferne hinter der Bühne ist erneut die Sängerin zu hören:

Wehe dem Menschen, der Seirēnes nicht hält
Weh einem jeden, der Seirēn verfällt
Weh wird die Lockung, zu Weh der Gesang,
Den Menschen, denen zu nahe er klang

Als würde sie antworten, singt Seirēn über den Nachhall der Sängerin hinweg, fließt auf den hilflosen Edvard zu, schließt ihn in die Arme. Umschlungen sinken sie aufs Sofa.

Musikalisches Zwischenspiel: Wochen vergehen. (Arie als Erzählung der Sängerin?)

Szene 7 (Christians Zimmer, heruntergekommen zur Kifferbude)
Sprechszene bis Duo Sängerin/Seirēn

Die Sängerin, in Edvards Mutter verkleidet, klingelt, Edvard schlurft zur Tür. Erschrocken: „Mutter?” Sie tritt ein, schaut herum: „Wie sieht es denn hier aus?! Junge, was tust du? Und du gehst seit Wochen nicht mehr zur Arbeit, ich bin schon dreimal angerufen worden des­halb. Auch Yvonne hat mich mehrmals angerufen” Er steht hängender Arme vor ihr, fragt nur noch einmal, wie zweifelnd: „Mutter?”
Seirēn erscheint, sieht die Sängerin an. Diese zu Edvard, mit ihrerseits Blick auf Seirēn und sowohl in zwiefacher Hinsicht entschieden wie hämisch: „Ah, du hast einen Freund … einen Freund, soso. – Weißt du, was dein Vater denken wird ..?” Edvard ringt sich durch: „Sie ist kein … kein Junge, Eyeeen ist kein Junge!” Worauf die Mutter, wobei sie wie drohend in Ge­sang übergeht: „Nicht einmal das!”
Davon hebt Seirēns Klagegesang an. Edvard deutlich hypnotisiert: sehr langsamer, doch spürbarer Lichtwechsel, einer Dämmerung gleich. Als wäre nun auch sie gefährdet, weicht die Sängerin paar Schritte zurück. Die Verkleidung fällt von ihr ab und sie beginnt – die rea­listische Szene strömt in den mythischen Raum –, gegen Seirēns Stimme anzusingen. Edvard abwesend starr. Auf dem Tisch blitzt der Dolch. Dunkelheit, Stille.

Szene 8
Wieder Licht.

Edvard an selber Stelle. Seirēn sitzt auf dem Sofa, das Gesicht in den Händen. Edvard, wie erwachend und tastend: „Mutter?” Wendet sich Seirēn zu: „Meine Mutter war hier?” Sich besinnend: „Mutter!” Ohne Blick auf Seirēn stürzt er der vermeintlichen Mutter nach, hinaus.
Seirēn beginnt zu singen, übernimmt das Hauptthema der Sängerin, aber nur melodisch. Doch wir verstehen die Worte der unverständlichen Sprache jetzt, haben die Sängerin im Ohr:

Wehe dem Menschen, der Seirēnes nicht hält
Weh einem jeden, der Seirēn verfällt
Weh wird die Lockung, zu Weh der Gesang,
Den Menschen, denen zu nahe er klang

Dabei geht sie zum Tisch, nimmt den Dolch, als würd sie ihn wiegen, legt ihn zurück. Dann fängt sie, summend, an, das Zimmer aufzuräumen.

Szene 9

Edvard kehrt zurück. „Ich muß mit dir reden. Mutter hat recht, es geht so nicht, es geht so nicht weiter. – Nein, ich hab sie nicht mehr eingeholt. Aber schau doch, mein ganzes Leben ist durcheinander. Eyeeen, wir gehen so unter.iv” Worauf Seirēn sich direkt vor ihn stellt und ihn nur anschaut. Nicht sichtbar die Sängerin:

Meer ist Mutter und Vater, Du fehlst
Meer ist nicht Mann, ist nicht Weib
Meer ist, was Du verhehlst
Er wird ihn verschmähn, Deinen Leib

Edvard kann nichts mehr sagen, läßt sich an der Hand nehmen. Seirēn zieht ihn sanft aus dem Zimmer nach draußen. Licht weg, außer einem Spot, der den Dolch erst aufblitzen, dann verglimmen läßt.

Szene 10 (Küste)

Heller Tag, grelle Wintersonne. Edvard weiter an Seirēns Hand. Am Bühnenrand die Sänge­rin. Edvard: „Wo willst du hin, wo willst du hin? Es ist kalt, es ist kalt, und ich friere.” Seirēn küßt ihn, zieht ihn weiter. Er folgt wie im Traum. Wenn er kurz zu sich kommt, küßt ihn Seirēn abermals. Sie schreitet, ihn sanft mitziehend, ins Meer. Er scheint zu taumeln.

Die Sängerin rezitiert:

Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
da war’s um ihn geschehn:
Halb zog sie ihn, halb sank er hin
und ward nicht mehr gesehn*.

Dann schreitet sie den beiden, die versinken, nach. Wobei sie – aber nicht mehr in Richtung Publikum, sondern der Fläche des Meeres zu und also verhallend – ihr erstes Hauptthema singt:

Wehe dem Menschen, der Seirēnes nicht hält
Weh einem jeden, der Seirēn verfällt
Weh wird die Lockung, zu Weh der Gesang,
Den Menschen, denen zu nahe er klang

Nur noch das Meer und die Dünung.

 

_______________
ANH, 5. – 8. Jan. 2021
Berlin

*) Goethe, Der Fischer

Krebs/Nachkrebstagebuch, 11. Oktober 2020. Wiederherstellung der (hetero)sexuellen Kompetenz. (Zugleich als Coronajournal No 30.)

[Arbeitswohnung, 9.27 Uhr
Penderecki, Fünfte Sinfonie (1999)]
Dies ist entschiedenermaßen der nun nächstfällige Schritt, nachdem mir zum einen die Chemo die Fortpflanzungsfähigkeit zerstört haben dürfte (sollte ich dies testen lassen? von → Tests habe ich grade die Nase auch da voll, wo man den Johannes erkennt), sich aber die zweigeschlechtliche Sexualität-an-sich, ganz unabhängig von mir, unterm correctkriegerischen Dauerfeuer in Schützengräben bergen muß, die über ihr ständig so sehr zusammengeschossen werden, daß sich der Eindruck gewinnen läßt, den Angreifern komme Corona grad recht: Vermittels des Virus’ lassen sich ganze Gesellschaften moralisch zurück ins Biedermeier bomben. Genau dies, dem zu widerstehen, macht die Notwendigkeit dringend. Safer breathing hat durchaus seine Parallelen zum “safer Sex”, man muß da gar nicht lange konstruieren.
Nein, ich leugne Covid-19 nicht, sondern sehe die Gefahren — indessen aber auch, wie gut die Krankheit zur zunehmenden Entkörperung paßt und damit in die Entwicklungslogik des Monotheismus – egal, ob jüdischer, christlicher oder islamischer Provenienz. Insofern der Sexus – weiblich ausgedrückt: insofern Aphrodite – sich an keine Regeln hält (“Venus ist eine glischige Göttin”), ist die Libido auch gesellschaftlich nicht lenkbar, damit anarchisch-antiautoritär. Das kann weder einer Gesetzgebung gefallen noch gar unserer Wirtschaftsdynamik, der daran gelegen ist, alles auf einen Tauschwert herunterzubechen, es mithin gleichzumachen, sei es Ware, sei es Mensch (als nämlich kalkulierbare Arbeitskraft, die, anstelle zwischen Speichen Stöcke zu stecken, ihren Weisungen nachkommt).

Aber auch künstlerisch ist es notwendig, weil Eros die Antriebskraft der Künste ist, aller, und nicht etwa seine, bzw. der Venus Sublimation. Verdrängt ihn die Moral, verdrängt also SIE, kommt dabei schlechte Kunst – keine also – heraus. Deshalb warnte selbst Brecht, man könne nicht auf ihn bauen – zumal mit vorher den “incorrecten” Versen:

In meine leeren Schaukelstühle vormittags
setze ich mir mitunter ein paar Frauen
Brecht, Vom armen B.B.

— “setze ich mir” – welch hübsche Hybris. Es wird Zeit, wieder zu partizipieren an ihr; die Damen müssen sich setzen ja lassen: Das Spiel ist durchaus nicht von einer Seite alleine geführt, die in den Schaukelstühlen sind keine Opfer. Vielmehr, sie haben gewollt.
Wobei nicht ausgemacht ist, ob ich’s – also wieder zu partizipieren – auch “schaffen” werde. Der Wille indes ist zurück, nicht nur als Wunsch. Es ist dies, oh → Li, ein erster Schritt in die nichtnurorganische Heilung – egal, ob mich das dann abermals Stipendien und Preise kostet, die aus “moralischen” Gründen mir vorenthalten werden, dem unbeugsamen Incorrekten, den jede Konsensgesellschaft erschaudern läßt. Auch das ist eine Hitlerfolge, oder um es mit Jelinek zu sagen (ich habe es → dort schon zitiert):

Wenn alle in eine Richtung rennen, müssen die Künstler in die andere. Das ist ihre Pflicht.

(Die Dicht’rin seh die Verkürzung mir nach; sie hat hier rein rhythmische Gründe.)

Wie es also anstelln? Mehr noch als AIDS – seinerzeits bis heut – versiegelt Corona nunmehr die Lotterbetten, mit Mundschutz ist nicht einmal ein Cunnilungus wirklich praktikabel und relativ gefahrlos nur in der Monogamie noch möglich, in die wir nachdrücklicher zurückgescheucht werden sollen als selbst den Zeiten des Rauchverbots möglich — einer Entente globale erstem gelungenen Feldforschungsprojekt zur Massenlenkung. Nun wird FREMDGEHN NEIN DANKE zur nicht nur mehr katholischen, also islamischen Devise; der neue Biedermeier stand eh schon wuchtig genug in der Tür: nicht weniger bläßlich als anno dunnemals zwar, doch ebenso Ausdruck reaktionärster Macht, bzw. ihrer Wi[e]derkehr. Neu ist allein, daß sie es gelernt hat, sich als progressiv zu maskieren, sogar als Feminismus.
Ach, in der Tat, wir hatten vor AIDS nicht halb so viel Angst! Die Krankheit griff auch in
die Existenz nicht so ein, wir brauchten bloß paar Tütchen. Nicht ein einziges Späti wurde geschlossen, und wer aus Wien zurück nach Berlin kam, konnte hedonistisch sein, wie er wollte, oder sie, in Quarantäne mußte man nicht, egal ob halb der sechste Bezirk war flachgelegt worden. Und umgekehrt die KITKAT-Besucher & Innen – derer es einige, einige gab – mußten auch nicht auf die Sitte in Wien. Erst nu’ isser zu, der cosmopolitische Club, coronageschlossen wie das INSOMNIA und all die anderen Etablissments der erotischen Libertinage.
Und aber auf der Straße? Sprechen Sie, Freundin, jemanden jetzt einmal an, Jemandinnen meine ich, ob nun mit oder ohne Sternchen … auf anderthalb bis zwei Metern Abstand muß man(n) fast schreien, alleine schon wegen des Tuches vorm Mund. Sowas paßt nicht zu Charme und zu Flirt. Ich habe ja schon Schwierigkeiten, die Kassiererin bei PENNY zu verstehen, wenn sie etwas fragt. Social distance heißt erotisch Entfernung. Oben Mund- und Nasenschutz (als müßten die wir schützen!), unten LONDON GEFÜHLSECHT. Was – zwischen Arbeit und erfüllten Lebenssinn geschoben – Entfremdung genannt war, wird nunmehr total, nachdem sie auch längst das Geschlecht fast erdrückt. Die Zukunft ist “queer” und kontaktlos. Für Replikanten paradiesisch, ein gentechnologischer Rummelplatz, ist Corona fürwahr der Grund für virenfreie Sexmaschinen. Da wird sogar der Verkehr mit – Dassagichjetztnicht – möglich.
Soweit aber sind wir leider noch nicht, die Puppen von der Uhse sind wahrlich nicht alternativ, um von “wirklich” wirklich zu schweigen. Außerdem habe ich schon → mit Siri Probleme — trotz ihrer tiefen Versprechen :

Siri macht jetzt noch mehr.
Schon bevor du fragst.

Da sage noch einer, es sei die Richtung nicht deutlich! Doch helfen tut mir alledies nichts. Ich habe verabsäumt, mich rechtzeitig vor Corona und für mein Altern haushalts- und also erostechnisch zu binden, nu’ hab ich den Askesesalat und sollt’ wie mein Bruder, da war er fünfzehn, über meine Liegestatt schreiben:

Solang ich zwei gesunde Hände habe,
kommt mir keine Frau ins Haus.

Nur war er damals dreizehn, da wußte er einfach noch nicht, was das hieß. Und hier bei mir an der Wand sind viel zu viele Bücher. Dabei ist er heute prophetisch, Hagens, meines jüngeren Bruders, Satz. Der diese Pandemie zudem nicht mehr erleben muß. Ich denke einmal, AIDS hat ihm schon völlig genügt, als er statt daran im hochgebirgigen Wildwasser umkam, das ihm vier Grad kalt auf den Zungenhals stürzte. Erstarrung des Muskels, die Luftröhre zu. Gestorben, wie der Filmer sagt (dies ist ein Zitat). Des Extremsportlers neoprenverpackter Korpus wurde erst zwei Tage später gefunden. Noch lebend sah Hagen so aus zuletzt (nach der Beerdigung unseres → Vaters):

 

 

 

 

 

 

 

 

(links neben mir,
1990)

Ui, nun wurde ich wirklich privat, Pardon. Auch Corona verführt zu Lebensbilanzen, die ja immer zugleich Erinnerung sind. Jedenfalls bin ich heute einigermaßen hilflos, zumal mir mein bester, nach wie vor in schäumendem Safte stehender Freund gestern nacht “steckte”, auch für ihn sei dieses Jahr geradezu pheromonfrei verlaufen — so daß ich mir die Bemerkung nicht verkneifen konnte, da hätt ich ja lihalber gar nichts verpaßt … Was mich tatsächlich ein wenig beruhigt, auch wenn ich nach wie vor nicht weiß, wie meine Askese beenden. Nur dann nämlich, wenn dies gelingt, werde ich auch wieder mit vollen Kräften schreiben können. Die Musen wollen geliebtwerden, und zwar nicht nur im Geist, im Geist sogar am wenigsten … — Ach! Enden die → Béarts deshalb mit einem → Accende?

 

so fragt, liebste Freundin,
Ihr ANH

“Ich bin ganz einfach nackter und weniger verschüttet als ihr”:
Peter de Mendelssohn über und von Giono.

 

 

 

 

Gionos (Kunst) ist eine heidnische,

nämlich:

Man solle (…) auf nichts verzichten. Es sei leicht, innere Freude zu gewinnen, wenn man seinem Körper entsage. Doch glaube er, es sei ehrlicher, eine “vollkommene Freude” zu suchen, indem man diesen Körper einbeziehe, da er da sei, wir ihn haben, “da auf ihm unser Leben beruht, von der Geburt bis zum Tode”. Die spirituelle Freude, das geistige Glücksgefühl, welches der christliche Glaube zu vermitteln vermag, sind also “unvollkommen” und daher leider nicht zu brauchen. Er geht aber auf die Vollkommenheit und Vollständigkeit des Glücks aus. “Die Intelligenz zu befriedigen, ist nicht schwer, unseren Geist zu befriedigen, ist auch nicht schwer. Man sagt, unseren Körper zu befriedigen, sei demütigend; er allein jedoch lehrt uns eine strahlende Weisheit. (…) Die panische Freude [die des Pan, ANH (…) ] vermag man nicht für sich allein zu behalten. Sie ist uns gegeben, um alles Leben damit zu durchdringen. Wer sie besitzt und sie nicht teilt, berührt sie nur, um sie wieder zu verlieren.

Peter de Mendelssohn, Der Geist in der Despotie, 135 & 141-142.

 

 

 

(Eine Leseempfehlung meines Arco-Verlegers, die dann wesentlich, neben selbstverständlich dem → Béart-Lektorat,  meinen → Wien-Aufenthalt bestimmt hat.
Die für mich beeindruckendsten Aufsätze des Buches sind der hier zitierte über Jean GionoDie Gehorsamsverweigerung des Herzens, aus der ich ganz sicher noch mehrfach etwas herausschreiben werde – sowie die sehr entschiedene, zu dessen “Haltung” im Nationalsozialismus, Abrechnung mit Gottfried Benn.)

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