Als Arbeitsjournal des Montags, den 1. August 2022. Briefe nach Triest, 51. Neuschriften (2): Pläne.

[Arbeitswohnung, 7.54 Uhr
Francemusique Concerts:
Johannes Brahms, Nänie op. 82]
Es war, liebste Freundin, denn doch etwas mühsam, bis die Warterei von AirBnb selbst beendet wurde: Meine → vorgestern gebuchte Unterkunft wurde nicht bestätigt; es kam aber auch keine Nachricht, die mir abgesagt hätte. Also stornierte das Vermittlungsunternehmen, woraufhin ich andere Unterkünfte suchte und dabei bemerkte, daß die erstgewählte in der von mir gewählten Zeitspanne (2. bis 9. September) offenbar ein Belegproblem hatte. Also verschob ich meine Recherchereise zweimal um einen Tag, was dazu führte, daß die erstgewählte Unterkunft jetzt wieder auftauchte, aber in Kombination mit einer zweiten. Da ich keine Lust habe, während meines Aufenthalts das Zimmer zu wechseln, ich will ja durcharbeiten, schob ich weiterhin und — hatte Erfolg. Nunmehr kam auch sofort die Bestätigung, zwar mit 30 Euro pro Nacht etwas teurer als zuvor, aber ja noch immer sehr preisgünstig. Obendrein liegt mein Quartier, via Tigor 14, direkt neben der berühmten Casa dei mascheroni, einem Gebäude phantastischen Jugendstils, sowie nur wenige Schritte vom museo Joyce entfernt, das ich ganz sicher aufsuchen und wo ich, wenn die beiden Bücher nicht schon dort sind, Helmut Schulzes und meine Nachdichtungen als Gastgeschenk abgeben werde. Lustigerweise sieht die, schaun Sie ganz oben, Annoncierung der diesjährigen, nun natürlich bereits stattgehabten Bloomsday-Ausstellung wie eine Szene aus dem Wolpertinger aus — wobei dortige Motive ja nun in den Triestbriefen wieder aufgenommen werden, also die Welten der Sídhe, etwa ihre Tanzkreise. Jedenfalls mit Erleichterung:

Uff. — Danach gleich den Flixbus gebucht, auch wenn die knapp sechzehn(!)stündige Fahrt eine Tortur werden wird. Am 5. 9. um 17.20 Uhr wird es losgehen, ankommen werde ich morgens um 9.10 Uhr. Meine Lieblings-, die sogenannten Panoramaplätze oben ganz vorn waren leider schon wegreserviert, aber ich bekam unten einen Platz, mit, was für mich wichtig ist, Tisch. So daß ich weiterschreiben kann, bis mir die Augen zufallen. Und für 49 Euro ist die Fahrt sehr günstig.

Am dreiunddreißigsten Brief weitergeschrieben, ihn fast fertigbekommen, dafür trotz “meines” heißen Sommerwetters nicht ein einziges Mal draußen gewesen. Und dann  stockte ich, weil ich mit Orten und Zeiten durcheinanderkam und begriff, daß jetzt der (bei einem Roman normalerweise sehr viel früher eintretende, ich bin ja schon auf Seite 319) Zeitpunkt gekommen war, Romanpläne zu erstellen, also erst einmal eine feste Personenliste mit Geburtsdaten, Berufen usw. sowie eine Liste der erzählten Paare anzulegen:

 

 

 

 

 

 

 

Wodurch Widersprüche sichtbar werden (und wurden), die bei der nächsten Überarbeitung aufgelöst werden müssen. Bei Romanen habe ich es stets so gehalten, von meinen Figuren quasi je den kompletten Lebenslauf zu kennen, und zwar auch dann, wenn nur wenig davon im Text tatsächlich verarbeitet wird. Doch in mir sind die Figuren dann ebentatsächlich Personen, deren Lebensläufe (teils sogar ihrer Eltern) in mir sehr genaue Bilder formen undauch darüber bestimmen, wie sich diese Figuren insgesamt verhalten.
Ebenso wird es eine Zeitentabelle geben — was umso wichtiger ist, als zwischen dem zwei- und dem dreiunddreißigsten Brief sieben Jahre liegen. Allerdings bin ich mir noch unsicher, ob ich diese Zeit nicht verkürze; es wird sich dies aus dem Fortgang und spätestens am Ende des letzten, des neununddreißigsten Briefes ergeben. Möglich übrigens, daß ich ich ihn bis zu meiner Triestreise bereits geschrieben haben, also im groben mit der Ersten Fassung des Buches schon fertig sein werde. Sollte ich das schaffen, führe ich mit perfekten Bedingungen an die Spielorte. Übrigens müssen auch noch ein paar wenige in Düsseldorf, Frankfurtmain und Zürich präzisiert werden, so, wie ich auch festlegen will, wo in Berlin der Brieferzähler und wo seine Ex wohnen; ich denke da an Friedenau oder Charlottenburg, während Lars, der Bratschist und Komponist, hier in der Duncker quasi in meiner Arbeitswohnung lebt, die aber bei ihm um ein Musik- und ein Schlafzimmer größer ist. Seine Ex und die Zwillinge wohnen wie लक्ष्मी und die unseren einen Kilometer entfernt vielleicht an der Prenzlauer Allee. Mal sehn.

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Briefe nach Triest 50 <<<<

Jetzt erstmal geht es jedenfalls mit Brief XXXIII weiter, den ich heute abschließen will. Draußen, Freundin, sieht’s nach etwas Regen aus, den i c h sogar mir wünschen würde, weil nämlich ihr, der E r d e.

Ihr ANH

“Wir kommen da mit sauberen Händen nicht mehr heraus”: Deutschlands zweite – der Bundesrepublik – quasi Wiederbewaffnung, nun atomar? Im Nichtarbeitenkönnenjournal des Sonntags, den 27. Februar 2022.

[Arbeitswohnung, 15.40 Uhr]

Ans Arbeiten ist nicht zu denken; statt dessen von → Scholzens Regierungserklärung an die Parlamentsdebatte verfolgt – wobei es schon  erbärmlich ist, daß die technische Ausstattung des Reichstagsgebäudes nicht nur keine störungsfreie live-Übertragung zuläßt, sondern die Störungen sich in permanenten Wiederholungen des bereits Gesagten und Gezeigten manifestieren, manchmal so, daß jemand denken könnte, hier werde mit Absicht geschnitten, und zwar durchaus nach rhetorischen Maximen. Außerdem erschrak ich, weil ich ausgerechnet Alice Weigel, einer, wenn nicht der AfD-Frau, in einem Punkt zustimmen mußte, was nämlich die Mitschuld des Westens, namentlich der NATO, an der Ukraine-Katastrophe anbelangt, ein Thema, um das sonst fast alle einen Riesenbogen des Nichthinsehens schlugen. Wobei die Frage nach eigener Schuld im Augenblick ziemlich unwichtig ist. Es mag Mitschuld sein, aber nicht ein Verbrechen, wie es diese russische Invasion ist. Putin hat sogar die Atomstreitkäfte in Bereitschaft versetzt – las ich im → Newsblog der ZEIT, der in meinem Arbeitscockpit dauerhaft auf dem linken großen Screen mitläuft. — Nein, an meine Arbeit ist nicht zu denken. Oder zu denken s c h o n, aber sie kommt mir müßig, ja objektiv ohne jedes Interesse vor, das jemand noch, selbst ich, an Laupeyßers Schicksal haben könnte. Es ist wohlfeil. Mein Roman ist zur Zeit komplett überflüssig, ein lächerlicher Luxus sichselbstfindender Sentimentalität.
Kurz auch überlegt, an der großen → Demonstration teilzunehmen, es aber schnell wieder verworfen und die Parlamentsdebatte gewählt. Ich brauche meine eigenen Gedanken, die ich nicht in skandierten, gar mitskandierten Massenchören untergehen lassen will, zumal mit ihnen, anders als in Rußland, für die Teilnehmer nicht der Pups einer Gefahr verbunden ist. Gut, es mag ein Zeichen der Solidarität für die Ukraine sein, aber mich wohlfühlen, weil ich mit so vielen “auf der richtigen Seite” stehe, ist etwas, das ich ablehne. Für mich, bitte nicht mißverstehen; anderen Menschen ist, zu einer Gruppe zu gehören, die auch das Überich beruhigt, ganz sicher wesentlich. Für mich war es das nie und wird es auch nicht werden. Wär es indessen gefährlich, grad für jede und jeden persönlich, hätte ich mich anders entschieden und wäre gegangen. Vermute ich, weiß es aber nicht. Doch war, mich meiner Angst zu beugen, noch niemals meine Stärke. Egal.
Also Weidel. Furchtbares Erlebnis für mich. Die anderen Beiträger der AfD waren voraussagbar entsetzlich, da war ich wieder (etwas) beruhigt. Imponiert allerdings hat mir, als einzige Rede, Robert Habecks Ansprache (anklicken, dann können Sie sie hier anschauen):

S e h r imponiert, nicht nur, weil ich ihm so zustimme, sondern weil das Video zeigt, wie jemand gegen seine tiefste Überzeugung sie relativieren und ideologisch sogar umschwenken muß. Ich habe vor so etwas höchste Achtung. Sein Satz “Wir kommen aus dieser Sache mit sauberen Händen nicht mehr heraus” wird Geschichte werden, ist es schon. W i e schmutzig sie werden könnten, zeigten einige Beiträge zur, inklusive wahrscheinlicher  Wiedereinführung der Wehrpflicht, beschlossenen Aufrüstung der Bundeswehr (mit einem Fonds von 100 Mrd. €) … zeigten einige Beiträge, die mehr oder minder verdeckt auch mit atomarer Bewaffnung flirteten. Ich weiß, das Wort, “flirten”, ist unangemessen, sogar stillos, aber ich kann mein Erschrecken nur euphemistisch ertragen. Schlimm indessen war auch → Merz, um von Dobrindt, den ich deshalb nicht verlinke, am besten zu schweigen (Weidel verlinke ich trotz meiner teilweisen Zustimmung erst recht nicht. Der heutige Kotau der AfD vor einem Massen- und Völkermörder ist schlichtweg widerlich. Bei Markus Söder, den ich genauso wenig mag, wär Weidel besser aufgehoben und diente ihrer Wählerschaft mehr, als daß sie sie Observationsobjekte des Bundesverfassungsschutzes werden läßt.)

Wozu also momentan Dichtung? Meine Zweifel, Freundin, sind riesig. Die russische Armee kommt nur schleppend voran, die Ukrainer schlagen sie immer wieder, einstweilen, zurück. Aber eben “noch”. Deutschland unternimmt eine historische Kehre und liefert dem bedrohten Volk nun doch deutsche Waffen.
Ein Dammbruch nach dem anderen. Lindner, dessen Rede mäßig war, eher noch bürokratisch, bricht mit seinem versprochenen Sparkurs – eben für die Aufrüstung. Er kriegte den Stock nicht aus dem Arsch, der, jener, bis in den Hals hinaufstak. Und den hab ich gewählt! – Dagegen, in ihrer Leidenschaft sowohl an- wie berührend und beklemmend, Britta Haßelmann:

“Kiew ist von Berlin so weit entfernt wie Rom.” Dringlicher läßt es sich nicht sagen. → Parallalie lebt in Amelia knapp neunzig Kilometer nördlich. Ich spüre zunehmend deutlich den Abgesang, der → die Béartgedichte sind, am Ende einer Ära. Doch das, was melancholisch war, ist nun angstbesetzt, und voll wutpraller  Trauer. Es will sich die Utopie nicht erheben, die russischen Soldaten desertierten (eine Idee, auf die mein Arco-Verleger kam), alle, gemeinsam; sie bleibt am Boden, diese Utopie, und zittert da vor Lebensnot. So verschaffen sich die Körper doch wenigstens Wärme. Ihre russischen Mütter, die Väter daheim haben dieselbe Angst wie die ukrainischen. Und je deren Brüder, Schwestern, Freundinnen und Freunde. (Indem ich hier tippe, verlier ich ein bißchen meine Unruhe, die auch daher rührt, daß ich so vieles, in → Anderswelt, vor allem in Thetis, vorhersah. Unter anderen Vorzeichen freilich.)

 

[Unterbrechung: Videotelefonat mit der Löwin]

 

Alles in mir dreht sich um die Ukraine und letztlich um Europa, das ich derart liebe, und nun den grundsätzlichen Paradigmenwechsel nicht nur der deutschen Politik, sondern auch unseres deutschpolitischen Selbstverständnisses nach dem Zweiten Weltkrieg und deutscher Verantwortung: was sie bedeute. “Nie wieder Krieg!” – dieses auch für mich unbedingte Manifest, das lebenslanges Bekenntnis war, wurde auch in der heutigen Parlamentsdebatte zu einer lächerlichen Maxime, die zu verhöhnen direkt zu spüren war, wie manche Redner es genossen. Fast spür ich sie, nur entsetzt, ganz genauso. Nicht die Spur billig Selbstbestätigtseins in mir – anders als in einigen Reden namentlich aus den Reihen der “christlichen” Parteien. Sondern ich empfinde, was soeben geschieht, als einschneidender, ja gar nicht damit auch nur vergleichbar,  als damals den → Nachrüstungsbeschluß, der Anlaß eines der wenigen Male war, daß ich an Demonstrationen teilnahm (und prompt verhaftet wurde). Damals habe ich noch gedacht, unsere Proteste würden etwas bewirken. Unterm Strich habe ich gelernt, daß gewaltfreie Demonstrationen zu gar nichts führen und solche mit Gewalt oft das Gegenteil dessen bewirken, was sie erreichen wollen. Die meisten Demonstrationen waren, nach meinem Erleben, Selbstfindungs und -bestätigungsakte. Auch deshalb ging ich heute nicht hin. In Rußland ist das anders; dort wird eigenes plötzlich-Verschwinden riskiert. Es ist das Gegenteil jeglichen Wohlfeilseins. Wobei wir, in einem noch derart gläubigen Land, die russisch-orthodoxe Kirche hinzudenken müssen, der, wer an der Macht ist, für von Gott dort hingesetzt gilt. (Deswegen das ukrainische → Schisma). In Rußland ist ziviler Ungehorsam auch innerhalb der eigenen Familien- und anderen Sozialgebilde stets  blasphemisch Tabubruch. Hier hat man Joints danach geraucht, tut es vielleicht jetzt noch.

  • Nichts, übrigens, gegen Joints. → Liligeia hat mich gelehrt, für THC recht dankbar zu sein, zumal es jetzt bei mir auch wirkt. Was jahrzehntelang nicht so war. Weshalb die Veränderung, darüber hat klug mein Sohn mich in Kenntnis gesetzt.

(Eigentlich eine Idee grad, im Döschen ist noch a bisserl. Doch nein, ich schieße mich jetzt nicht weg. Zumal ich grad gerne in der letzten Vorstellung von → Janáčeks Makropulos säße; da es mein drittes Mal wäre, hab ich nicht gefragt.

Musik ist Erlösung auf Zeit.)

Die Putin-Riege droht mit Atomwaffen, Jen Psaki kontert, dreiundzwanzig Minuten ist’s her: “Wir haben die Fähigkeit, uns zu verteidigen.” Laut dem Bericht der ZEIT (in deren Übersetzung).
Der Schrecken wird Kalkül. In Deutschland ebenso – nicht dem vor ’45.

 

Letzte Nachricht, bevor ich dies hier erstmal beschließe: Auch Schweden liefert nun Waffen. Auch dort ist es ein Dammbruch. (Ein Problem dabei, wenn geschieht, was ich befürchtend → schon formulierte: Unterliegt die Ukraine dem Völkerrechtsverstoß, wie ich’s für wahrscheinlich halte (und wäre dankbar, sehr, würd ich eines dann wirklich Besseren belehrt), geht alles Material ins Eigentum des putinrussischen Großmachtstrebens über – daß dann ein “Streben” nicht mehr ist.)

ANH

[19.06 Uhr]

Das Arbeitsjournal des Freitags, den 21. Januar 2022, darinnen mein alter Führerschein.

[Arbeitswohnung, 7.04 Uhr
Erster Latte macchiato[1]Seit ich mir angewöhnt habe, mir morgens einen Orangensaft zu pressen, bleibt es meistens bei einem; allerdings kommt gegen acht ein caffè freddo hinzu.]

Seit 5.30 Uhr auf, weil bereits kurz nach halb elf erschöpft ins Bett – eine Folge auch zu vielen Weines, was wiederum, insgesamt, Folge, denk ich, Coronas. Tatsächlich aber bleibt die Überarbeitung der Verwirrung des Gemüths – ja, der eigentlich vorgesehene Titel, “Gemüt” mit “th”, der damals nicht durchzubringen war, findet in der Neuausgabe sein Recht; bei der vorgesehenen Neuausgabe des Dolfinger-Romans wird es hoffentlich genauso sein; der heißt dann endlich, wie ich’s damals (1980) wollte: Die Erschießung des Ministers – … also diese Überarbeitung bleibt mühsam. Zähe verstreichen die Sätze, wie wenn sie stehende Zeit wären, die ich verflüssigen muß. Dann schaffe ich täglich vielleicht, wenn es gutgeht, zehn Seiten. Immerhin die Ergebnisse, am nächsten Morgen überprüft, machen mich teils sogar glücklich. Es lohnt sich also. Wobei meine Arbeit gestern angenehm vom Besuch → Sabine Schos unterbrochen wurde, die mir, nachdem ich am Montag bei ihrem → Abend zu Brahms Magelone dabeigewesen war und mitgeschnitten hatte, als sozusagen Dank → das Boxerbuch vorbeibrachte, das ihre Arbeit in der und für die Villa Massimo war. So plauderten wir und gingen endlich, es schien himmlisch die Sonne, spazieren (heute früh liegt auf den Dächern meines zweiten Hinterhausgebäudekomplexes Schnee). Ich zeigte ihr den von den Anwohnern des Thälmannparks unterhaltenen → Kiezteich, den nicht nur Enten und Fische bevölkern, sondern auch Wasserschildkröten, von denen indes bei der Kälte keine sich sehen ließ.
Ich spaziere gerne hierhin und schaue da erfüllend analog dem Wechsel der Jahreszeiten zu, der sich am Teich berührend noch beobachten läßt. Soweit der Klimawechsel mitspielt.
Danach an die Verwirrung erneut.

An dem Boxerbuch, nicht-nebenbei bemerkt, hat Freund Parallalie mitgearbeitet, Schos Dichtungen nämlich ins Italienische gebracht:

Unter seinem Klarnamen aber, Helmut Schulze, der sich auch so nur → besuchen ließ und läßt.

Gehört und gesehen habe ich freilich auch, dies am Dienstagabend, → Currentzis´ neuen (neues?) → Lab, das das Andante aus Brahms’ Klavierkonzert Nr. 2 in interpretierende Szene gesetzt hat. Über diesen Dirigenten stehe ich seit langem mit einem höchst klugen und kenntnisreichen Mann, fjk, in Korrespondenz, der mich überhaupt erst auf ihn, also jenen, hat aufmerksam gemacht und mich über die Dropbox ständig mit wichtigen, mir noch unbekannten Aufnahmen versorgt. Hier allerdings schrieb ich ihm heute früh:

Guten Morgen, haben Sie Dank.
Allerdings habe ich mir die ganze Probe direkt schon live angeschaut – was ein Erlebnis war, wie zu erwarten, wobei es Momente gab, in denen Currentzis denn doch ein bißchen den Kitsch gestreift hat (“we’ll dream together”), auf dem er auch beharrte – freilich mit berückendem Ergebnis. (Es wäre k e i n Kitsch gewesen, wäre die Probe nicht öffentlich gewesen; so lehre ich’s meine Studentinnen und Studenten, hier scharf unterscheiden zu müssen: Gemeinsam einen Sonnenuntergang zu sehen, einander zu versichern, wie schön er sei und vielleicht dabei noch zu seufzen, ist nicht Kitsch, wohl aber, dies vor Publikum zu tun – “klassisches” Beispiel: im Film.)
Ihr ANH
Für das Arbeitsjournal und also, Freundin, Sie, ist, daß ich die paar Zeilen hier einkopiere, insofern keine Privatübertretung, als es um eine poetologische Einlassung geht, die mir Definition ist. In solchem, poetologischem, Zusammenhang hat es mich denn auch gefreut, → d a r u n t e r heute bei FB den nun dort hinkopierten sehr zustimmenden Kommentar gelesen – jetzt kommt eine irre Formulierung: gedurft zu haben. (Lacht).
Dergleichen tut mir ebenso wohl, wie nach und nach die fast nun schon Flut literarwissenschaftlicher Schriften über meine Arbeit im Netz zu entdecken, siehe meinen kleinen (unbeantworteten) Brief → an Frau Fassio. Geantwortet aber hat André Steiner, den Buenos Aires.Anderswelt sogar zu einer ganzen Literaturtheorie inspiriert hat, die letztes Jahr bei transcript erschien:

Bestellen

Er hat mich eingeladen, am kommenden Dienstag mittags an einer online-Seminarsitzung der Uni Bremen, an der er lehrt, teilzunehmen, weil deren Inhalt Buenos Aires.Anderswelt eben sein wird.

Es entspricht meinen poetischen Anliegen, daß die “alten” Bücher mit den neuen sowie Der Dschungel in einem stehenden Zeitkontinuum leben, und genauso (ich werde danach immer wieder gefragt) meiner Neigung, diese Arbeiten, auch wenn längst veröffentlicht, so lange weiter-, teils auch sie umzuschreiben, zumindest ihre Stilistiken zu korrigieren oder überhaupt einem Text den Stil zu geben, wo zuvor eben “Text” nur war und vielleicht sein nur konnte. Auch deshalb an alles letzte Schliffe legen (denen vielleicht aller- und allerallerletzte folgen, und so fort bis zum Versinken), weil die meisten Bücher zusammenhängen. Meere und Traumschiff sind Ausnahmen, ebenso manche, doch beileibe nicht alle, Erzählungen. Daß meine Arbeiten ein Prosa-Netzwerk sind, ist es wohl auch, was mich mit → Robert HP Platz verbindet, der immer wieder Texte von mir für seine Kompositionen verwendet, die fastquasi ‘ganz’ dasgleiche tun. Dem WDR übrigens war sein siebzigster Geburtstag (du meine Güte, auch für mich sind’s bis dahin nur noch drei Jahre!) ein Anlaß, ihm ein, sagen wir, Ehrenkonzert zu geben. Dort können Sie es noch für etwa drei Wochen hören {das Bild anklicken}:

***
So, ich sitze noch im Morgenmantel, noch liegt der Schnee auf den Dächern; fast wird er jetzt schon von der Sonne beschienen, was mir sehr guttut, dieses Erwachen der Erde in meinem Rücken aus dem Dunklen|beim|Auf-
gestandensein sich erhebend. Es wird Zeit, das Bett zu machen, dessen Decke und Kissen in meinen ersten beiden Tagesstunden bei egal welchen Temperaturen weit geöffnetem Fenster lüften. Ist es gerichtet, wird der Ofen versorgt, dann Toilette gemacht und sich gekleidet. Die Wahl der Krawatte (im Sommer, ob überhaupt eine oder ob TShirt zum, selbstverständlich, Anzug) braucht immer etwas Zeit, dazu noch des Einstecktuches. Sorgfalt ist insgesamt ein ästhetisches Kernwort, und da ich zwischen mir und der Arbeit nicht trenne, noch jemals trennte, ist, wie ich mich kleide, bedeutsam – abgesehen davon, daß “ich”, wie ich’s auf der vergangenen Buchmesse formuliert habe, “meine Eitelkeit in meine Anzüge stecke; dann bleibt sie in denen und stört nicht das Werk”. Aber das, liebe Freundin, habe ich Ihnen bereits, glaube ich, erzählt.

Ihr (darf ich Sie heute Liebste nennen?)
ANH

P.S.: Ach, ich wollte ja was zum Führerschein schreiben, sonst hätt ich ihn nicht in den Titel gesetzt.
Also.
Erst zwischen den Jahren bekam ich überhaupt mit, daß die alten Führerscheins gegen moderne Cards eingetauscht werden müssen. Was ich in Ordnung fände, würde der alte nicht eingezogen und bleibend einbehalten, wahrscheinlich sogar vernichtet werden. Das ärgert mich,weil mein grauer Lappen bezeugt, ich führ seit einundvierzig Jahren ohne Unfall. Das Problem selbst ist nun aber ein anderes, nicht nur, daß ich mir überdies eine Bescheinigung von der Ausgabestelle besorgen muß, in meinem Fall nämlich Bremens, was schriftlichen Aufwand und wasweißichnoch bedeutet, sondern erstens soll für meinen Jahrgang dieser, na gut, “Tausch” bis nicht nur sprichwörtlich vorgestern stattgefunden haben, dem 19.1, sondern ich muß dafür ins Bürgeramt, das aber gar keine Termine frei hat – auf Monate hinaus. So könnt ich mich nur in die Warteschlange des Callcenters drücken – und verlöre abermals Zeit für Verwirrung & Gemüth. Nein, weder Lust noch Nerven dazu. Werd ich mit altem Lappen erwischt, kostet es zehn Euro. Die ist die Verwirrung mir wert.

References

References
1 Seit ich mir angewöhnt habe, mir morgens einen Orangensaft zu pressen, bleibt es meistens bei einem; allerdings kommt gegen acht ein caffè freddo hinzu.

Am, für diesen Jahreswechsel, letzten Tag in Amelia. Das Arbeitsjournal des Sonntags, den 9. Gennaio 2022.

[Casa di Schulze, Lauretania amerina
ore 8.01, Schreibplatz]

Ich hatte mir bei meiner Abreise aus Berlin viel, leider zu viel vorgenommen, um es auch zu schaffen, und habe also nur ein Quäntchen erledigt; dazu später. Denn aber wenigstens ein amerinisches Arbeitsjournal möchte ich schreiben und tu’s nun an meinem hier letzten Tag. Danach muß gepackt werden; mittags gegen halb drei setzt sich der Zug Richtung Fiumicino in Bewegung, die am Flughafen erst kurz vor fünf zum Stillstand wieder kommen wird, vor also 17 Uhr, der Flieger abheben wird zwei Stunden später. Für den gab es vor drei Tagen hier einige Konfusion, weil ich eine Fehlinformation für bare Münze genommen und in Panik geraten war, die sich durch die des Freundes durchaus nicht halbierte. Angeblich sei Italien zum Virusvariantengebiet erklärt, was erstens bedeutet hätte, daß ich nach Ankunft daheim dort hätte vierzehn Tage quarantär verharren, doch zweitens, um überhaupt ausreisen zu können, auch einen negativen PCR-Test vorweisen müssen, der in Umbrien, egal ob nega- oder positiv, nur sauschwer zu bekommen ist, wenn überhaupt. Es gibt quasi nur Antigen-Teststellen, nämlich in Apotheken, vor denen hier die Schlangen stehen.
Daß meine Info Ente war, stellte sich tags drauf erst heraus, nachdem ich bereits sämtliche Websites des Auswärtigen Amtes wie des Gesundheitsministeriums sowie Robert-Koch-Instituts mich hatte inhalieren lassen. Ah! “Nur” Hochrisikogebiet – und also für den Ge”booster”ten nicht mal ein Antigentest nötig, um von der wahrlich lästigen Quarantäne zu schweigen. Zwei ganze Wochen, ja du meine Güte! Darf ich dann nicht mal in den Keller, um je nächste Kohlen hochzuholen, so daß ich dann auch noch bibbern muß? Und verhungern soll ich zudem, weil ich einkaufen hätte schon gar nicht mehr dürfen.
Diese ganze – anscheinende – Misere wurd noch durch meines Sohnes Erzählung gewürzt, daß er sämtliche Symptome einer Coronainfektion habe und soeben auf dem Weg sei, sich testen zu lassen. Im Fall eines Falles hätte auch er dann in Quarantäne gemußt, immerhin, um’s zu süßen, mit der jungen Frau seines Herzens. Für Liebespartner, die aktiv sind, gilt mitgehangen obligatorisch. – Doch der Test fiel negativ aus, und die Symptome waren die eines allerdings heftigen grippalen Infekts, der sich zu einer Mandelentzündung auswuchs und immerhin schon gestern fast ausgestanden war. Ich hatte heißen Whisky mit Honig empfohlen, nicht unbedingt zu stürzen, zu trinken aber doch, wenn man  sicherheitshalber schon im Bett liegt und nichts passieren kann, wenn man umfällt. Des Dichters MediNait von Wick, wahrscheinlich sehr viel weniger gefährlich; man riskiert allein einen deftigen Kater.
Ein wenig in Sorge war ich allerdings schon.

Der Göttinnen Hände scheinen auf uns zu liegen. Den Kater hatte, quasi statt meines Sohnes, nur ich, zweimal sogar, aber aus Gründen zu vielen Weins (weil eingenommen mit Marsala und Grappa zugleich); es ist seit Corona sowieso zuviel Wein, hier ganz besonders, wo er von Mauro und seinem privaten Weinberg stammt, ungeklärt in  der Fünfliter-Damigiana und von süßestem Bitter auf der hinteren Zunge. Anderthalb davon, die ich, die Flasche im Rucksack verstaut, mitnehmen werde, hab ich mir schon abgefüllt. Ein Glas davon wird mir am späten Abend assistieren, meinen heimischen Schreibtisch wiederzugrüßen; da wird es gegen halb elf sein.

Also. Mir vorgenommen zuviel.
Ich wollte in meinen zehn amerinischen Tagen die “Verwirrung des Gemüts”, meinen 1983 ersterschienenen Roman, überarbeiten und bei der Rückkehr fertig sein; die Neuausgabe des Buches soll ja bereits im März erscheinen. Daran nun war und ist nicht zu denken. Zwar gibt an dem Entwurf und seinen Aussagen gar nichts zu rütteln; “rein” der sogenannte Plot ist und bleibt prima, auch schon die Vorgriffe auf die so späteren Andersweltbücher. Aber – es ist als ein ABER zu tippen – die Formulierungen ..! Und was ich nun gar nicht verstehe: Das Buch ist furchtbar verrissen worden, und ich denke heute, zurecht – aber mit welch lächerlichen, mit den ganz falschen Gründen! Sein eigentlicher, rundum gräßlicher Makel wurde gar nicht benannt, wahrscheinlich gar nicht bemerkt. Nahezu jeden einzelnen Satz muß ich jetzt schmirgeln, wenn nicht gar durch neue Sätze ersetzen. Da sitze ich an einem einzigen Absatz meistens mehrere Stunden. Es plustert sich alles, ja, nahezu alles mit Abstrahierereien auf, ich habe unsäglich nominalisiert, Adorno hätte “verdinglicht” gerügt. Das ist alles flüssig zu machen, jedes “er spürte, wie er” ins Spüren-selbst zu überführen. An die Dinge herangehen, statt sie zu behaupten, in sie hineingehen! Dafür muß ich Lösungen finden, über die ich nicht selten erst nachdenken muß. Dann stehe ich auf und gehe im Raum hin und her, manchmal zehn Minuten. Dazu die nachgestellten Pronomina in Legion, aber auch ganze nachgestellten Satzteile, als hätte man nicht genug Luft, eine ausgefeilte Syntaxe zu bauen, die eben auch elegant ist, statt vor Kurzatmigkeit zu hyperventilieren. Ähnliches gilt für die erzählten Personen meistens ganz genauso. Auch sie, viele von ihnen, sind bislang nur behauptet und nicht, was sie zu sein haben, da. Also schaffte ich von den mir vorgenommenen zweihundertfünfzig Seiten nur insgesamt dreißig (einhundert hatte ich schon in Berlin neuformuliert) und stehe nun vor dem Problem, meinem Verleger, diesmal Ingo Elfenbein, gestehen zu müssen, für den vorgesehenen Zeitpunkt des Erscheinens, nimmer fertigsein zu können, nimmer, nimmer, nimmer. Zumal Elvira M. Gross noch lektorieren muß, wenn meine Neufassung steht. Ihr schon gar nicht darf ich den Text zumuten, wie er jetzt ist. Sie würde jegliche Achtung verlieren. Sondern ich will, daß auch dieser, gerade dieser Roman ein sprachlich zumindest Gesellenstück wird (für den “Meister” haut’ ich mir aufs Maul) und nicht das gebastelte bleibt eines zwar begabten, doch noch tappischen, teils sogar – in seiner formalen Selbstvergötzung und einem ermotzten Narzißmus – närrischen Lehrlings. Weswegen damals die Kritik nicht diese ästhetischen  Mißstände nannte, wird mir nun ewiges Rätsel bleiben.
Kurz, ich bin peinlich von mir selber berührt, diesem hypomanen Selbstüberschätzer, der ich damals gewesen bin. (Daß mir meine einstige, ich sage einmal, ‘Charakterlage’ das, was ich nachher dann wurde und schrieb, wahrscheinlich erst ermöglicht hat, steht auf einer anderen Seite und mildert mein Urteil altersweise, ohne es aber deshalb zu mindern).

Ich werde Elfenbein also anrufen. Sowas muß man persönlich besprechen, eine Mail zu schreiben, ist kein angemessener Weg. Nur daß ich für ein  Treffen erstmal gar keine Zeit haben werde, ebensowenig dafür, die Überarbeitung morgen gleich fortzusetzen. Denn ich wurde zur Steuererklärung verdonnert, völlig berechtigt, weil der für 2020. Eine kleine Verlängerung der Abgabefrist vom 5. auf den 20. Januar habe ich bewirken können, sonst wäre auch Umbrien nicht mehr möglich gewesen. Doch diesen 20. muß und will ich einhalten

So, dieses war mein Arbeitsjournal. Daß, wenn sein Tagwerk verrichtet, der Freund, dessen erster eigener Lyrikband in diesem Frühjahr erscheinen wird, und ich einander haben viel vorgelesen, versteht sich von selbst, daß wir gut aßen, ebenso, und daß wir besonders gut tranken. Daß wir viel lachten, vertraulich erzählten, Intimes, Ersehntes, Verlornes. Daß uns da manches Mal Traurigkeit faßte. Aber daß draußen, gleich bei meiner Ankunft, der Frühling das Leben als eine enorm gute, widerständige Sonne umwarb sowie in der ausgebreiteten Form eines Himmels, dessen Bläue zu unserer Hineinfahrt verlockte, imaginär Jakobs Leiter hinan, mehr allerdings mich als den Freund, der meine religiösen Als-ob-Flirts nicht teilt. Ich sehe ja überall Satyrn springen, da muß ich den Süden nur riechen: Der nordische Blütenhonig schmeckt einfach nur süß, der hiesige, “Millefiori” genannt, schmeckt nach Thymian, Rosmarin, Fenchel, nach Lorbeer und unbändig drohender Lust.

Ach ja, des Freundes Nachdichtung von Arrigo Boitos Re Orso ist raus:

[Das Bild anklicken und bestellen]

 

ANH,
der sich nun umzieht und packt.

Novemberwien, Eins. Des Freitags bis Samstags Arbeitsjournal vom 13. 11. 2021.

[Wiener Schreibplatz Lorbeer, 7.18 Uhr]

Liebste Freundin,
erst einmal muß ich mich entschuldigen, fast bin ich ein wenig zerknirscht. Denn genau einen Tag, bevor vorgestern früh ich die Reise nach Wien antrat – präziser: am späten Nachmittag des Donnerstags – sah es so aus, als hätte ich die Videoarbeit zur zwölften Bamberger Elegie endlich, endlich, endlich fertig. Und entdeckte d o c h noch einen Fehler, leider, der sich am selben Tag nicht mehr hätte beheben lassen; eine Kleinigkeit nur, doch nach all der intensiven ja nun wochenlangen Arbeit an dem, muß ich schreiben, Film hätte sie mich sehr gestört, ich wäre unzufrieden geblieben. Also dachte ich, gut, du kopierst jetzt alles auf die transportable 2TB-Festplatte und löst das Problem am Wiener Schreibtisch, der zwar nur Sekretär, siehe Bild, ist und also nur wenig Arbeitsplatz bietet – aber nicht dies stellte sich nun als Hindernis dar, sondern daß meine mitgeführten Arbeitskopien in Adobes Schnittprogramm einzelne Clips entweder gar nicht oder aber, was noch schlimmer ist, verändert wiedergaben und -geben. Sie gaben mithin wider. S o, daß sich’s sinnvoll in keiner Weise arbeiten läßt und ich also doch meine Rückkehr nach Berlin, in sechs Tagen, abwarten muß. Und Sie müssen’s leider nun gleichfalls. Ein großes Hindernis ist aber auch schon der kleine Laptopbildschirm; für die sehr feinen Schnitte brauche ich wirklich einen großen Screen und am besten zwei Screens, wie ich sie halt auch habe in meiner Berliner Arbeitswohnung.
Insofern ist es gut, daß mir mein Elfenbein-Verleger gestern die eingescannte Digitalversion der “Verwirrung des Gemüts” zugeschickt hat, die, ähnlich dem → New-York-Buch, in deutlich überarbeiteteter Fassung im kommenden Frühjahr neuerscheinen soll – nach in diesem Textfall achtunddreißig Jahren. Ich war, meine Güte, sechsundzwanzig, als ich ihn schrieb! Und die Titelvariante, die ich damals gewählt habe, aber nicht durchsetzen konnte, wird jetzt verwendet werden, nämlich wird das Wort “Gemüt” → in kantschem Sinn mit “th” erscheinen: Gemüth. So nämlich steht es in meiner 19.-Jahrhundert-Ausgabe der Kritik der reinen Vernunft. Um nun aber gewisse/ungewisse Unzulänglichkeiten meines seinerzeitigen Stils sensibel prüfend auszugleichen, wird → wie dort auch hier Elvira M. Gross alles noch einmal komplett neu lektorieren. Es geht tatsächlich nicht nur um die, in der 1983 erschienenen List-Ausgabe, vielen falschen Konjunktive, die mir damals Armin Ayren in der FAZ um die Ohren schlug – woraus ich dann radikal lernte (mich rächen für seine Vernichtungsattacke tat ich auf andere Weise; lesen Sie einfach die erste Abteilung des → Wolpertingers nochmal) –, sondern auch manch stilistisch Sprachliches dürfte revidiert oder sogar ins Eigentliche herausgeschnitzt werden müssen, ein seinerzeit nur Gewolltes, noch handwerklich nicht erreichbar Gewesenes, das sich aber jetzt mit fast leichter Hand herstellen könnte.
Insofern, wenn meine Videoarbeit nun aussetzen muß, bis ich an den eigenen Schreibtisch zurückbin (einem Bildschirm-Cockpit unterdessen), kann und will ich die Wiener Zeit zu meiner Bearbeitung dieses alten, doch, meine ich, nach wie vor wichtigen Textes nutzen (immerhin ist er der Nucleus des Wolpertingerromans und der Andersweltbücher, begründet die, sagen wir, “Serie”). Die Zeit bis zum Frühjahr ist ohnedies knapp.
Auch damit aber, dieser Überarbeitung, werde ich kaum fertig werden, da ich mit meinem Arco-Verleger über anderweitig gleichfalls anstehenden Projekten sitze (etwa die Herausgabe des großen nachgelassenen autobiografischen Romanes Der blaue Koffer von Gerd-Peter Eigner und einem geplanten Gedichtband Helmut Schulzes (→ Parallalie), für den aus der Menge der Gedichte ausgewählt werden muß; für letztres beides kam ich eigentlich her – und, selbstverständlich, um Elvira M. Gross endlich wiederzutreffen, die ganz wie ich darauf wartet, daß Die Brüste der Béart endlich herausgekommen sein werden, die aber leider von den gegenwärtigen Lieferengpässen, in ihrem Fall des ausgewählten Spezialpapiers, betroffen sind. Doch auch der nötige zweite Fahnengang ist noch nicht getan. Und hier, meine Freundin, werden Sie sich mitgedulden müssen, es tut mir wirklich leid. — Nein, keine Floskel!
Alles in diesen Zeiten der Corona verlangsamt sich, scheint’s. Sogar, vielleicht, die Liebe.

Was mich tatsächlich beschwert allerdings, z u d e m, was meine hiesige Arbeit beschwert, ist, daß ich meine Pfeife nicht rauchen darf; der Tabakgeruch belästigt den Freund zu sehr, bei dem ich untergekommen bin, setzt ihm lähmend zu. Dabei hatte er meine Pfeifen bisher immer unproblematisch gefunden. Mit einem Mal ist es anders. — Für mich war’s wie ein Schock. Spontan (aber ich verschwieg es) wollte ich abreisen, sofort nach Berlin zurückreisen, aber ich muß am kommenden Donnerstag noch nach Frankfurtmain und habe die Fahrscheine schon alle gekauft, sehr preiswert, ja billig, doch deshalb nicht stornierbar; doch zusammengerechnet nicht nur ein riesiger Zeit-, sondern auch Geldverlust eben doch. Also habe ich, was mir gar nicht bekommt, wenn ich sie rauche, wieder Zigaretten gekauft, für die ich mkich nun von Zeit zu Zeit in den Hausflur anm einj geöffnetes Fenster stelle. Es geht auf einen ummauerten Hof hinaus, in dem sich immerhin eine Taubenkolonie eingehend beobachten läßt. Ihr Gurren füllt den siloartigen Raum bis zu den Dächern hinauf.
Wie auch immer, für meine nächsten Wienaufenthalte werde ich mir etwas anderes überlegen müssen. Klar, ich habe noch vorgestern nacht nach AirBnbs in Wien gesucht, für sofort, aber die Preise übersteigen auch da meine Verhältnisse. So grollte ich heimlich dem Freund und weiß doch zugleich, wie unrecht es ist. Auch deshalb schwieg ich, schweige – nicht ohne Schuldgefühl – nach wie vor. Aber na gut, vielleicht finde ich in Wien ein Raucherlokal, wo sich’s am Laptop arbeiten läßt.

Heute mittag nun, oder frühnachmittags, eine Veranstaltung auf der “Buch Wien”, nicht meine eigne, sondern eine, auf der der Freund moderiert. So werd ich diese Messe denn auch einmal sehn und hoffe zudem, dort meinen Septime-Verleger anzutreffen, der auf meine letzten Nachrichten schlichtweg geschwiegen hat, schon seit Wochen, eine Art Nachrichtensperre, die ich schon deshalb nicht begreife, weil er immerhin → eine meiner mit wichtigsten Ausgaben herausgebracht hat. Ich weiß, er hatte sich einen besseren Verkauf vorgestellt, aber das der nicht war, jedenfalls bislang nicht, sondern traurig dümpelt, läßt sich schwerlich m i r anlasten, der ich im Gegenteil immer gewarnt habe, indem ich den Mann wieder und wieder auf meine problematische Stellung im deutschsprachigen Literaturbetrieb hinwies. Und solange der Buchhandel nicht angemessen bestellt, können Leserinnen  und Leser kaum  von mir, also meiner Arbeit, wissen. Niemanden muß das wundern.
Das Problem betrifft auch den New-York-Roman oder könnte ihn betreffen. Auf der Frankfurter Buchmesse war es so, daß geradezu jede und jeder, die und der den Roman durchblätterte, von der Ausstattung derart becirct war, und zwar zu recht, daß man ihn sofort kaufte. Am Ende der Messe war  nicht ein einziges Buch mehr da, selbst der Verleger fuhr ohne ein Exemplar für sich selbst heim, ließ mir Bücher sofort von der Auslieferung schicken, damit ich die numerierten Widmungsexemplare an alle jene auf den Weg bringen konnte, die diese ungewöhnliche Ausgabe maßgeblich mitermöglicht haben; und von dem, was dann bei mir noch blieb, habe ich zehn Exemplare eingepackt und mit hierher gescheppt. – Doch was ich sagen will: Wenn der Roman nicht im Buchhandel liegt und niemand ihn also aufschlagen kann, kann er genauso wenig wie meine anderen Bücher gut verkauft werden; die Menschen wissen ja nichts von ihm. Solange aber ich mich den scheinmoralischen “Gender”-Diktaten nicht beuge, zudem, b l e i b e ich Kritik und Betrieb das schwarzes Tuch und Schaf. Da kann man Wolf sein, wie man will.
Allerdings ist auch das ein Grund zu klagen immer noch nicht. Ich spüre vielmehr in den letzten Monaten deutlich, daß sich etwas ändert und mehr und mehr Leute begreifen, was ich poetisch tue und getan habe. Nur sind solche Prozesse des Umdenkens quasi naturgemäß langwierig zäh, gar eines Umschwenkens dann. Es ist eine Art Evolution, nicht etwa Mutation, und in den Künsten fast wie ein Gesetz. Doch daß ich das heute so sehen kann und imgrunde beruhigt bin, also nicht mehr in schwarze Galle verfalle, habe ich letztlich → Liligeia zu danken. Es klingt absurd, ja bizarr, aber die Krebsin, irgendwie, hat mir gutgetan.

Dennoch, mich erreichen nun vermehrt besorgte Mails, weil es kaum noch Arbeitsjournale gibt; manche Menschen bringen zum Ausdruck, wie sehr sie ihnen, ja, fehlten, und es wird befürchtet, mein Schweigen hänge mit meinem gesundheitlichen Zustand zusammen. Die Wahrheit indes ist anders. Ich bin einfach zu sehr von den Videoarbeiten, besonders → denen zu den Bamberger Elegien, aufgesogen, um noch fürs Plaudern Zeit zu haben. Außerdem, was soll ich Ihnen erzählen? Daß ein Leben ohne Magen auch seine Schwierigkeiten hat? – geringe, wenn Sie bedenken, daß ich noch lebe und zwar gerne, nach wie vor wahnsinnig gerne. Sie nerven dennoch, besonders die Polyneuropathie in den Füßen. Doch drüber zu schreiben, gar, sagen wir, “leidend” – es wäre Blasphemie. Nein, sowas mache ich alleine mit m i r aus. Dazu gehören auch meine Einsamkeiten und das Bewußtsein, daß mir – der  solch einen Wunsch hatte, noch einmal Vater zu werden – die Chemo jede Chance darauf zerstört haben dürfte. Und also ward ausgerechnet ich, der hingegebene, leidenschaftlich wilde Erotomane, an die R ä n d e r des Eros gerückt, von wo aus ich heute,doch jedesmal beglückt, beobachte, wie zweie von der Aphrodite an der Hand, den Händen ihrer Geschlechter, genommen und dorthin geführt werden, wo sie sich in ihnen begibt. Und wenn der Vorhang fällt, zwischen die beiden und mich, die Venus selbst läßt ihn herab, dann muß ich ein jedes Mal lächeln. Als wäre ich es, der nun liebt. So daß auf durchaus magische, jedenfalls so empfundene Weise das Glück der andern meines wird. Es ist egal, ob es mich meint. Es soll nur weitergehen, immer weitergehen, so, wie ein Fluß fließt zwischen unbegradigten Ufern. Das ist es,was ich will.
So also, Freundin, mein seelischer Grundzustand zur Zeit. Er ist voller Dankbarkeit. Denn was die zwei da nun erleben, habe ich selbst so oft erlebt, erleben dürfen, und wenn es nun halt vorbei ist, so war es eben doch und wird so in mir bleiben. Nein, es gilt weiterhin, was ich schon oft gesagt: Ich werd das Leben nicht beklagen.
Also machen auch Sie, liebste Freundin, sich bitte um mich keine Sorgen. Unterm Strich habe ich alles an Leben (und also nämlich Liebe) bekommen, was ich nur wollte, und bin von daher privilegiert, nach wie vor. Dazu muß ich nur einmal meinen Sohn betrachten und zuschaun wie jetzt e r lebt. Das ist für mich ein rasendes Glück. Ich selbst muß es gar mehr sein — und eben deshalb bin ich’s.
Jetzt vielmehr geht’s um ein andres, nämlich irgendwie eine Formklammer um mein Leben, das heißt besonders: meine Arbeit, zu legen, es sozusagen einzurahmen, um Bild zu werden für das, an was ich glaubte und glaube. Dazu braucht es keine Vollständigkeit, es genügt der tätige, also weiterhandelnde Wille. Alle Leben, notwendigerweise, enden fragmentarisch, wenn wir sie als einzelne sehen. Betrachten wir jedoch die Generationenfolgen, dann sind sie, siehe oben, ein unabgerissener, unabreißbarer Fluß, und wenn es gutgeht, dann zwischen, ecco!, unbegradigten Ufern. Darum, denk ich, gilt es zu kämpfen: daß niemand von uns begradigt wird. Nicht Weibchen, nicht Männchen, nicht, was es dazwischen noch alles gibt. Und meinethalben nennen Sie’s “queer”. Ich werd mir nur sagen nicht lassen, was ich (noch) sagen darf und was nicht. Und wenn’s mich n o c h so viel kostet —

Ihr ANH

 

In den Zeiten Covid-19s
Alban Nikolai Herbst spricht
Ein Gedicht für jeden Tag
Einhundertsechzehnter Tag.
Zweite Serie, Einhundertster Tag:
Der Engel Ordnungen

|| “Strandbad Mitte bei Nacht” ||

 

 

 

 

Alban Nikolai Herbst
Der Engel Odnungen
Gedichte
ISBN: 3866380070

In den Zeiten Covid-19s
Alban Nikolai Herbst spricht
Ein Gedicht für jeden Tag
Dreiundneunzigster Tag.
Zweite Serie, Siebenundsiebzigster Tag:
Der Engel Ordnungen

|| “Variation auf ein Thema von Helmut Schulze” ||

 

 

 

 

Alban Nikolai Herbst
Der Engel Odnungen
Gedichte
ISBN: 3866380070

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