Das Arbeits- und Triestjournal des Sonntags, den 7. August 2022. Briefe nach Triest 54: Weitere Konstruktionspläne.

[Arbeitswohnung, 11. 16 Uhr
Britten, Cello Symphony]
Um zehn nach sechs hoch, seit zehn nach halb sieben am Schreibtisch und sogleich an die Triestbriefe. Erstmal wiederlesen, was gestern entstand, paar Korekturen usw., dann erst durch de Zeitungen geschaut, um acht Johhurt mit frischen Johannisbeeren, die Göttinseidsank preiswert geworden sind, Rasur, Bad, ankleiden, Krawatte binden und auf Instagram meine Krawattenserie weiterspielen, erneut an den Roman. Über eine Idee mußte ich nachdenken, weshalb gleich zweie aus ihr wurden, die ich zwar jetzt ausführen kann, aber sie müssen bereits sehr viel weiter vorn im Text angelegt werden. Also in der Notatdatei vermerkt, die in den Ordner “Triest MATERIALIEN” ebenso gehört wie Personen- und Charakterlisten, Spielorte, Fahrt- und Gehzeiten von einem Ort zum andern usw. Geoglemaps&Earth erweisen sich als große Hilfen, doch müssen alle von dort hergenommenen Angaben selbstverständlich verifiziert, die Orte also besucht und in eignen Augenschein genommen werden.
Ich bin jetzt voll in der Konstruktionsphase, der umso mehr Zeit zu geben ist, als die Personen und teils auch Räume im Roman teilweise ineinander verschleifen; was ich also stilistisch tue, wiederholt sich im Raum, ebenso, wie mitten im Satz ein Gesicht von einem anderen überblendet werden kann, um vielleicht auf einen noch dritten überzugehen und dann wieder zurück. Hier steht nun wirklich alles im Licht der Möglichkeitenpoetik (die ein Aspekt des kybernetischen Realismus ist); dennoch soll der Text selber dokumentarisch noch da wirken, wo er der Phantastischen Literatur zugehört. Wobei es mir gestern riesige Schwierigkeiten bereitet hat, den Ukrainekrieg in die Erzählung mit hineinzunehmen. Ich erzählte, liebste Freundin, Ihnen schon, daß dies unumgänglich für mich ist. Zwar schreibe ich in einem zuweilen Elfen-, doch niemals Elfenbeinturm.
Und neue Listen waren anzulegen, etwa der Wohnorte:

Dann mir die Gehzeiten ausrechnen lassen und mit in die Grafiken kopiert. Was mir jetzt noch fehlt, sind Ergänzungen zur Personenliste, die darüber hinausgehen sollten, ob jemand blond oder dunkel-, bzw. rothaarig wie Yōsei ist — eine meiner, spüre ich, bislang schönsten Findungen. Von ihr habe ich aber auch das konkreteste Bild vor Augen, während mir Lars’ens und Geralds noch zu sehr verschwimmen; das gilt nicht für Sarah, aber ebenso für Judith. Deshalb will ich mir heute Urbilder suchen — etwa soll der späte Lenz wie Ezra Pound ohne Bart aussehen, die Lydierin ein bißchen wie Daliah Lavi (die ich als Jungendlicher angeschwärmt habe), und Wiebke gebe ich vielleicht Marie Ntschotschi Versini, allerdings mit hellem Haar, indes der Briefautor tatsächlich meine Physiognomie haben soll, doch andere Lebensumstände als ich. Die Aufspaltungen, die er mit der Sídhe poetisch vornimmt, wiederholen sich auf der realen Ebene auch mit den anderen Personen, sogar mit ihm selbst. Die Fiktion strahlt auf die Wirklichkeit aus. Für das Romanverfahren der Triestbriefe ist dies fundamental. Sie mögen in ihrer Anlage, auch im — wenngleich melancholischeren — Stil an “Meere” und “Traumschiff” erinnern, greifen indes radikal auf die Verfahren zurück, die von der “Verwirrung des Gemüthsüber “Wolpertinger oder Das Blau” in die “Anderswelt“-Bücher geführt haben, schließen an sie also an (und probieren indirekt schon einmal aus, was mir den Friedrichroman stilistisch ermöglichen könnte)[1]Jeder Roman ist die Vorarbeitung zu einem nächsten, keiner bleibt geschichtslos..

Soweit meine Überlegungen und Ansätze von heute. Aber bitte, Freundin, nageln Sie mich nicht fest; es kann sich noch sehr viel ändern von der hoffentlich bald fertiggestellten Ersten zur Zweiten Fassung, der nach meiner Erfahrung auch noch eine dritte folgen wird, nachdem allen ein sogenannte Rohling vorausgegangen war, als den Sie bezüglich der Triestbriefe die vom 19. 11. 2014 bis zum 20. 1. 2015 erschienenen → ersten Veröffentlichungen in Der Dschungel ansehen können. Schon jetzt sind die Unterschiede nicht nur stilistisch extrem.

So, weiter.
ANH

________________
Triestbriefe 53 <<<<<
[Britten, Sinfonia da Requiem]

References

References
1 Jeder Roman ist die Vorarbeitung zu einem nächsten, keiner bleibt geschichtslos.

In den Zeiten Covid-19s
Alban Nikolai Herbst spricht
Ein Gedicht für jeden Tag
Sechzigster Tag.
Zweite Serie, vierundvierzigster Tag:
Der Engel Ordnungen

|| “Meere mahlen” ||

 

 

 

 

Alban Nikolai Herbst
Der Engel Odnungen
Gedichte
ISBN: 3866380070

Wellen ff. Nach der Buchmesse Frankfurtmain.

Erschöpft zurück; der Prozeß ist nicht schön, ich werde dauernd gefragt, habe ein Buch, das nicht da ist, sich daher auch nicht gegen Kritiken und Unterstellungen wehren kann, die ja zu erwarten waren: Wittstock bricht den Stab und hält den Prozeß gegen das Buch für „ungerecht“, weil gar keine Personen drin vorkämen, sondern nur Schemen. Nun gut; vielleicht hat er den Plural von „Schema“ falsch gebildet und hätte dann wieder – Recht.

Auch bei amazon.de geht’s jetzt los. Ein seltsamer Herr (?) aus Berlin bescheinigt mir unter „Kundenrezensionen“, mein Leben sei zu groß für mich, meine Abstammung sei zu groß für mich, die Frau sei zu groß für mich… und sowieso: die Literatur sei zu groß für mich. Auffällig, wie persönlich diese Angriffe sind, auffällig auch, wie über alle vernunftgeleitete Kritik hinaus die Wortwahl sich in Bizarrerien verfängt: Daß ich talentlos sei, ist gewiß kein haltbarer Vorwurf gegenüber einem Grimmelshausen-Preisträger. Daß ich gescheitert sei, mag ja sein… aber so sehr die Existenz angestochen? Man hat ja geradezu den Eindruck, der Herr „sprezzatura4“ sei in plötzlicher Gunst einer Dame, die damit ihn erhebt, so daß er sich größer meint.

Aber das sind Kleinigkeiten; man notiert sie und vergißt ihren Anlaß. Daß Gift versprüht und verspritzt wird, muß niemanden wundern.

%d Bloggern gefällt das: