Tanzen | Der Mensch.

 

Ecco Homo.

Das Tier, das die Rituale seines Balzens
selbst erfindet.

Ein Balzritual aber ist es, auch wenn so getan wird,
als wär es das n i c h t .

 

DLXXVI

Alban Nikolai Herbst spricht
Alles, was die Welt ist
Zweihundertdreiundfünfzigster Tag
Fünfte Serie, Fünfter Tag
Das Ungeheuer Muse

|| “Das Grobe, das Zarte” II

 

 

 

Alban Nikolai Herbst
Das Ungeheuer Muse
Arco Wien & Wuppertal
ISBN 978-3-938375-96-9
Hardcover gebunden
136 Seiten, 20 Euro

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“Siebzehn Jahr, blondes Haar”. Die Verwirrung des Gemüts (1983), Bearbeitung Zweiter Hand für die Neuausgabe bei Elfenbein. Textvergleich 8


(ich habe überhaupt nicht mehr gewußt, in welchem Ausmaß
der Wolpertinger hier schon vorausgeplant war)
:

Buchfassung 1983:

(…)

Womöglich ist er zu einer Nutte gegangen, die fragte ihn, weil er nichts als sprechen wollte, weshalb es ihn ausgerechnet hierher verschlagen hätte.

Sie wird es auch sein, der er später von jener Nacht beichtet, und die ihm hilft, indem sie ihn zurückläßt in einem Hotel des deut­schen Mittelgebirges bei Kassel. Anna. Anna hieß sie. Obgleich sie ebenso B. hätte heißen können nach Statur und Bewegung, auch ihrer Wirkung wegen und aufgrund dieser Zärtlichkeit. Aber Anna ist unsicherer noch als B., trotz ihres vermeintlichen Berufs. Auch verspielter und ebenfalls jünger, ich denke: an die 23. Sowas. Vielleicht auch erst 17, wie das junge Mädchen im TAT-Café, welches ich sehr lange nach meiner endgültigen Ab­fahrt beschrieb. Doch eben Anna. Und vielleicht doch nicht Anna.

(…)

Neufassung (vor Lektorat), 2022:

(…)

Womöglich ist er zu einer Nutte gegangen, die ihn, weil er nichts anderes als sprechen wollte, fragte, weshalb es ihn dann ausgerechnet hierhin verschlagen habe(, erklärte Laupeyßer aber nur noch seiner inneren Agnes).

Sie, die Prostituierte, wird es auch sein, der er später von jener Nacht beichtet, und die ihm hilft, indem sie ihn in einem Hotel des deutschen Mittelgebirges unweit von Kassel für alle Zeiten zurückläßt. Anna. Anna hieß sie. Obgleich sie nach ihrer Statur ebenso hätte B. heißen können und wegen ihrer Art, sich zu bewegen und den Mann anzulocken. Doch wie ich sie mir heute vorstelle, wird sie unsicherer als B. wirken, trotz deren vermeintlichem Beruf, zugleich viel verspielter und in jedem Fall jünger; um die 23, werde ich anfangs annehmen. Welch ein Irrtum! Ich habe sogar an 17 ge-

dacht, wie das junge Mädchen im TAT-Café war, nahm ich an, das ich sehr lange nach meiner endgültigen Abfahrt beschreiben würde. Doch eben Anna. Und vielleicht doch nicht Anna.

 (…)

______________________________________________________
* LEKTORATSANMERKUNG: Melodielinie von Udo Jürgens: “Siebzehn Jahr, blondes Haar” (1965), das heute, siebenundvierzig Jahre später, gar nicht mehr “erlaubt” wäre, sondern als quasi Legitimation eines Übergriffs auf Mindjährige gälte.

Ein Nein ist ein Nein ODER Strenggenommen Vergewaltigung. Die Verwirrung des Gemüts (1983), Bearbeitung Zweiter Hand für die Neuausgabe bei Elfenbein. Textvergleich 7:

[Eine Stelle in der Fassung von 1983, die ich wegen der Voraussicht, die der junge ANH, der dieses Kürzel damals noch nicht führte, auf die heutigen Diskurse nicht nur hier hatte – aber hier ist es so deutlich, auch wenn ganz sicher er nicht allein solche Gedanken hatte – … die ich also für die neue Fassung nicht ändern werde oder allenfalls geringfügig, damit zum einen die Grammatik korrekt ist und zum anderen zwei einander zugehörende Motive zeitlich nachvollziehbarer vernäht werden.

Also:]

Buchfassung 1983:

(…)

Vergewaltigung, strenggenommen, dachte Laupeyßer im Café am 16. 8., und unmittelbar hierauf setzte der Geruch ein, was aber nichts bedeutet, weil er, was er dachte, auch am Tag zuvor hätte denken können, – wäre strenggenommen schon: zu küssen, wo der Kopf abgewandt wird. Aber der Kopf wird gerne strategisch abgewandt; ein Lockspiel, das vor allem B. mit Vorliebe betreibt. Es steigert die Spannung. Wo Männer Zärtlichkeiten. Freilich. – Aber wo sind die Grenzen? Wer sagt, jemanden zu nehmen wäre hier noch nicht und dort schon Gewalt? Und wer versichert mir, ob mein Gefühl, auf welches sich einzig in solchen Fragen rekurrieren läßt, nicht unverläßlich ist?

(…)

Neufassung (vor Lektorat), 2022:

(…)

Vergewaltigung, strenggenommen, dachte Laupeyßer im Café am 16. 8.,
und unmittelbar hierauf setzte der Geruch ein, was aber nichts bedeutet, weil er, was er dachte, auch am Tag zuvor hätte denken können, oder er war die Warnung, er werde wenig später selbst genau in diesen Konflikt geraten,
sei strenggenommen schon: zu küssen, wo der Kopf abgewandt wird. Aber der wird gern strategisch abgewandt; ein Lockspiel, das vor allem B. mit Vorliebe betreibt. Es steigert die Spannung. Wo Männer Zärtlichkeiten. Freilich. – Aber wo sind die Grenzen? Wer sagt, jemanden zu nehmen, sei hier noch n i c h t und dort s c h o n Gewalt? Und wer versichert mir, ob mein Instinkt, auf den es sich in solchen Fragen einzig rekurrieren läßt, nicht unverläßlich ist?

(…)

Ob sie sich wohl traut? ODER: Zur erschröcklichen Masturbation.

Eigentlich darf mir “Frau Walls” nun aus urheberrechtlichen Gründen noch eine anwaltliche Abmahnung hinterherschicken:

 

Stephanie Walls <no-reply@myecommerce.biz>
Mo, 31.08.2020 08:51

Schönen Tag.

Wer bin ich?
Ich bin ein professioneller Pentester und habe Ihr System infiziert, als Sie eine Website für Erwachsene besucht haben … Ich habe Ihre Aktivität seit mehr als 1 Monat überprüft.

Worüber rede ich?
Mit meiner Malware kann ich auf Ihr System zugreifen. Es ist ein Multiplattform-Virus mit verstecktem VNC. Es funktioniert unter iOS, Android, Windows und MacOS.
Es ist verschlüsselt, so dass Ihr AV es nicht erkennen kann. Ich reinige seine Signaturen jeden Tag.

Was habe ich?
Ich könnte Ihre Kamera einschalten und alle Ihre Protokolle speichern. Ich habe alle Ihre Kontakte, Social-Media-Daten und Chats mit Ihren Freunden, Kollegen usw. Ich habe Informationen gesammelt, die Ihren Ruf ruinieren können. Ich habe ein Video mit deiner Masturbation und dem Video, das du gesehen hast. Es ist schrecklich…

Was will ich?
Ich werde diese Aufzeichnung veröffentlichen und Ihr Leben wird zerstört, wenn Sie nicht 1000 Dollar mit Bitcoins bezahlen. Verwenden Sie diese Bitcoin-Adresse: 17WtQmssRUWXURa1eRLqmDv3BF8WR52acr

Wie kannst du mich bezahlen?
Verwenden Sie Google, um zu erfahren, wie Sie Bitcoins kaufen und ausgeben.

Was sind meine Regeln?
Ich habe 3 Regeln
Wenn Sie diese Nachricht teilen, wird Ihr Ruf ruiniert.
Wenn Sie nicht bezahlen, wird Ihr Ruf ruiniert.
Wenn Sie versuchen, mich auszutricksen, wird Ihr Ruf ruiniert.
Ich gebe Ihnen ab diesem Moment nicht mehr als 50 Stunden Zeit, um den Deal abzuschließen. Verschwenden Sie nicht Ihre Zeit. Ich kann nicht aufgespürt werden und niemand kann dir helfen, also denke nicht, dass dir jemand helfen kann, wenn du dich beschwerst.

So rührend kenntnislos allerdings, daß man schon Mitleid haben möchte, wenn jemand damit droht, ausgerechnet noch meinen Ruf zu ruinieren, der ich mich genieren schon lang nimmer muß. Wenn also selbst Erpresser nicht mehr recherchieren, wie tief sind wir da alle gesunken! Fast bin ich aus Mitleid geneigt, ein Bakschisch von achtzig Cents anzuweisen. Dafür läßt sich hie und dort schon eine Flasche Sternburg ergattern.

Skandal der moralischen Anthropologie

Sexualität ist der nachtschwarze Schatten des Baums der Erkenntnis, aus der sie die Unschuld verlor. Sie steigt aus dem Grund in den Geist. Da aber klopft sie sein Helles ab, das seine Wurzeln verleugnet, und höhnt es. Was immer er versteckt, sie, wenn zugelassen, deckt es auf und überführt die Kultur ihres anthropologischen Scheins, stellt unser Selbstbild bloß. Eben deshalb ist sie von Religionen verteufelt worden und auf den Scheiterhaufen wie Hexen gezerrt, die noch, wie panisch befürchtet, um den Hintergrund wußten, der Untergrund ist. (Und deshalb fordert der Islam, der Mann müsse die Frau befriedigen können. Vermag er es nicht, verliert er die Macht.)
Wie wir schnüffeln! Was wir dann lecken! Und saugen, ziehen, schlürfen es ein. Wonach’s uns — was, wo’s nicht verdrängt ward, wir meistens verstecken — gelüstet. Frauen wie Männer.
Welch Irrtum vor allem des Biedermeiers, den Frauen die Lust abzusprechen! Und welch peinlich erbärmliche Notwehr, sie ihnen durch Beschneidung zu nehmen! “Welche Frau schleimt nicht schon gerne mal bißchen herum?” wie eine Geliebte spottend sagte, und ihr leises, hochbewußtes Lachen durchleuchtete den Raum. Da läuft was, das nicht wir, das mehr ist als wir, durch unser Gehirn und macht es sich rollen. Da wird geschrien nach dem, was wir scheuen, wenn wir bei Tag autonom sind. Daß wir es nicht sind, ist der Skandal.
Dies soll verborgen bleiben, verborgen wieder werden.

DLXXI

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