In den Zeiten Covid-19s
Alban Nikolai Herbst spricht
Ein Gedicht für jeden Tag
Neunundsiebzigster Tag.
Zweite Serie, Dreiundsechzigster Tag:
Der Engel Ordnungen

|| “Ostsee” ||

 

 

 

 

Alban Nikolai Herbst
Der Engel Odnungen
Gedichte
ISBN: 3866380070

Perlentauchers “Wellen”. (Aus dem freecity-Altblog, 2003).

NOTA, MÄrz 2020:
“Wellen” war in der langen Zeit, in der ich den Romantitel
strafbeschwert nicht nennen durfte, Meeres Anonym.

[Redaktionsmitteilung:]
Kresskopfs Berhorst hat für den → Perlentaucher 
(der sich aufs Schlammtauchen jetzt offen verlegt, ANH) die Gerichtsverhandlung beobachtet, die zum Verbot von Alban Nikolai Herbsts Roman “Wellen” führte:

Die juristische Strategie des Verlags zielte vor allem darauf, die ‘Wiedererkennbarkeit’ der Klägerin in der Romanfigur Irene Adhanari zu bestreiten. Ausführlich wurden daher physiognomische Kennzeichen wie ‘Oberlippenflaum’, ‘ägyptischer Blick’, ‘zurückgekämmtes schwarzes Haar’ traktiert. Bereits in der laufenden Verhandlung deutete die Richterin an, was der spätere Urteilsspruch bestätigte: Das Gericht sieht in Herbsts Protagonistin keine ‘Kunstfigur’, sondern die ‘Wiedergabe eines realen Abbildes‘.

Das ist nun wirklich toll. Obwohl allein in Deutschland schätzungsweise ein paar Millionen Frauen blondes Haar und, sagen wir, Sommersprossen haben, wird einem Autor untersagt, dies auch zu schreiben; denn es leite sich Wiedererkennbarkeit daraus ab. Das Gericht macht sich offenbar selbst zur Possennummer: Jedenfalls darf ANH auf keinen Fall mehr über dunkelhaarige Frauen schreiben, zumal dann nicht, wenn sie ihn an die Büste der Nofretete erinnern. Daß diese, anders als der Gegner des Romanes, ägyptischer Provenienz ist, wird beiseitegewischt. Das hat durchaus etwas Rassistisches: Wir nehmen halt den Orient für ein einzig’ Gebild, ethnisch etwa Osnabrück vergleichbar, wo es eigentlich aber auch schon nicht stimmt.

Literarästhetisch interessant ist etwas anderes, auf das Herr Berhorst in seinem Artikel ja ebenfalls hinweist:

So wurde im Prozess erkennbar, dass dem Rechtsstreit über „Wellen“ neben allen persönlichen Verletzungen wohl auch eine literarische Rivalität unter Autoren zu Grunde liegt. Herbst siedelte seinen Plot an Orten an, die seine frühere Lebensgefährtin, die selbst Schriftstellerin ist, als ihre „Domäne“und „psychische Heimat“ ansah, über die sie selbst noch schreiben wollte.

Da schlägt man doch ziemliche Purzelbäume. Bücher unterliegen jetzt alleine deshab einem Plagiatseinwand, weil jemand anderes über denselben oder einen ähnlichen Gegenstand noch schreiben wolle. Ich werde demnächst Helmut Krausser gerichtlich untersagen dürfen, einen Roman zu veröffentlichen, der im Senegal spielt, und zwar einzig deshalb, weil auch ich mich mit einem solchen Romanprojekt trage. Diese richterliche Entscheidung hat mir das endlich möglich gemacht.

Damit es funktioniert, muß man auch nicht einmal Schriftsteller sein. Es genügt zu erklären, man wolle es werden. Tatsächlich ist ja der Gegner des Romanes bislang jeden solchen Berufsausweis schuldig geblieben, jedenfalls soweit er über gelegentliches Dilettieren, also ein Hobby, hinausgeht. Man stelle sich einmal vor, so etwas risse bei Ärzten oder Sraßenbahnfahrern ein. Nun ja, es geht schließlich nur um Literatur.
Doch selbst, wäre der Gegner des Romanes Siegfried Lenz, muß man sich abermals die Frage nach dem „geistigen Eigentum“ stellen und was das sei. Im Barock, einer höchst kunstschäumenden Epoche, spielte er absolut keine Rolle; wir hätten denn wichtige Musiken von Bach, Händel, Vivaldi nicht. Sie wären schlichtweg verboten. Erst wiederum mit der Autonomisierung des Bürgertums fand der Begriff Eingang in die Köpfe und das Recht. Er hat aber in der Kunst nichts zu suchen, die Themen und die Gegenstände sind frei verfügbar, wozu selbstverständlich auch Landschaften, ja sogar fremde Erlebnisse gehören. Die Frage stellt sich einzig, in welcher Güte sie verarbeitet sind, ob ein Text sinnlicher, näher, schöner als der andere ist. Selbst, nähme ein Dichter aus eines anderen Werk ganze Passagen unverfremdet hinüber — siehe des Hauses Usher Fall — , wäre immer noch einzig zu schauen, in welchem ästhetischen Verhältnis er zum „eigenen“ Text steht, ob er sich darin aufhebt usw. Das ist die ästhetische Grundlage einer jeden Collage, bzw. Montage. Ohne solche wäre die ganze Moderne nicht denkbar.
Der poetische Vorgang ist ein flüssiger, er darf nicht verdinglicht sein, weil die Erzählung sonst ihr (Eigen-) Leben verliert. So etwas kann justiziabel nicht sein. Einmal davon abgesehen, daß mir nun indirekt unterstellt werden könnte, ich hätte beim Gegner des Romanes etwas „abgeschrieben“. Was wirklich ulkig wäre, der Sachverhalt ist eher umgekehrt, besonders was die Stilistik betrifft. Aber darum geht es wirklich nicht, es ist mir schlichtweg egal. Jeder Autor lernt an einem oder mehreren anderen, und etwas zu kopieren gehört dazu. Die Sache aber umzudrehen und den „Lehrer“ zum Plagiator machen zu wollen, wie es der Gegner des Romanes tut, – das ist schon ein in seiner ganzen Lächerlichkeit perfides Stück, vor allem wenn eine gerichtliche Entscheidung solche Hintergründe ignoriert.

Meine Haltung zum sog. Urheberrecht habe ich bereits an anderen Stellen klargestellt. Nichts dagegen, daß jemand mein Leben oder Episoden daraus zum Gegenstand macht, auch nichts dagegen, daß er die Akzente verschiebt oder gar versucht, mich lächerlich zu machen. Das einzige, was ich fordere, ist: daß er es gut tut. Dann werde ich selbst es, auch als Betroffener, genießen. Und mich – allenfalls – mit einem eigenen Text, der dann besser sein muß, wehren. So und nicht anders vollziehen sich Auseinandersetzungen unter Dichtern. Alles andere fällt in die Kategorie Rentenkasse.

[Poetologie]

Wellen*mail aus Gera. (Aus dem freecity-Altblog, 2003)

[*) “Wellen” meint Meere.
Siehe → dort zu Anfang die NOTA .]

 

Sei gegrüßt Alban!

Vielleicht tröstet Dich – wenn das überhaupt sein muß – daß man sich als Dichter etc. schon in der Antike mit der Leserschaft herumschlug.
Ich schreibe gerade eine Hausarbeit über → Martial und dabei sind mir folgende zwei Epigramme über den Weg gelaufen. Hier die dt. Übersetzung von Walter Hofmann:

“Quintus hat in Thais sich verliebt.”-
In welche?-
“Nun die, die nur mit einem Auge sieht.”-
Thais fehlt ein Auge im Gesicht,
Quintus sieht mit beiden nicht.

Es erfolgte hierauf eine Beschwerde aus der Leserschaft und Martial sah sich zu einem weiteren Epigramm gezwungen:

Dein Mädchen sei nicht einbeäugt
und heiße Thais nicht.
Was schriebe ich auf dich, so meinst du,
Quintus, ein Gedicht?
Natürlich träte etwas Ähnlichkeit zutage,
wenn Thais ich statt Lais sage!
Jedoch, was gibt’s bei Thais schon
für Ähnlichkeit mit Hermion?
Doch du bist Quintus: Ändern wir
den Namen des Galan:
Wenn Quintus nicht mit Thais will,
muß eben Sextus ran.

Dazu ist zu sagen, dass sowohl Thais als auch Lais Namen griech. Hetären sind und hier wohl als Synonyme für Prostituierte verstanden werden sollen und werden. Martial verwendet meist fiktive Namen, Hermione ist hier der richtige Name des Mädchens von Quintus. Ich hoffe, dies ermutigt das Künstlerherz, schließlich
kennen wir Martial bis heute!

Machs also gut,
Urthe (Literaturwerkstatt Gera)

W e l l e n. Weblogbuch Freecity. (Das Leben als einen Roman begreifen).

 

[Weblogeintrag des Samstags, den 11. Oktober 2003, 18:46]

 

“Wenn es das Wahrscheinliche nicht ist, dann
muß es, Watson, das Un wahrscheinliche sein.”
Holmes bei Conan Doyle

FÜR LEUTE, DIE EINEN MOMENT LANG NACHDENKEN MÖCHTEN

1) Man kalkuliere Gerichts- und Anwaltskosten. Man rechne das mit dem Risiko hoch. Man frage sich: Wer kann das zahlen.
2) man schaue in ein Buch und vergesse einmal die Liebesgeschichte. Man sehe, daß eine Familie verhandelt wird, die von extrem hohen Nazis stammt.
3) man schaue, welche Funktionen die Nachkommen gegenwärtig innehaben. (Handelsregister)
4) man erstaune, daß in keiner Kritik von so etwas die Rede ist.
5) man frage sich: Wer – außer dem vorgeblich in seinen Persönlichkeitsrechten Geschädigten – kann ein Interesse daran haben, daß solch eine Geschichte erzählt wird.
6) Man ziehe einen Schluß.

Dies ist, ich gebe es zu, ein Roman. Na gut: Das Exposé eines Romans. Aber ein gutes.

ANH, nachts, Buchmesse 2003

Wellen (ff). Notat von 2003, in der Buchmessennacht.

[Eintrag vom 11.10.2003 / 01:32
Nachts, Buchmesse 2003]

 

FÜR LEUTE, DIE EINEN MOMENT LANG NACHDENKEN MÖCHTEN:

Wenn es das Wahrscheinliche nicht ist,
dann muß es, Watson, das Unwahrschein-
liche sein.
Holmes bei Conan Doyle

1) Man kalkuliere Gerichts- und Anwaltskosten. Man rechne das mit dem Risiko hoch. Man frage sich: Wer kann das zahlen.

2) man schaue in ein Buch und vergesse einmal die Liebesgeschichte. Man sehe, daß eine Familie verhandelt wird, die von extrem hohen Nazis stammt.

3) man schaue, welche Funktionen die Nachkommen gegenwärtig innehaben. (Handelsregister)

4) man erstaune, daß in keiner Kritik von so etwas die Rede ist.

5) man frage sich: Wer – außer dem vorgeblich in seinen Persönlichkeitsrechten Geschädigten – kann kein Interesse daran haben, daß solch eine Geschichte erzählt wird.

6) Man ziehe einen Schluß.

(Dies ist, ich gebe es zu, ein Roman. Na gut: Das Exposé eines Romans. Aber ein gutes.

 

NACHTRAG, März 2020:
“Wellen” war der von mir
für die damaligen Dschungel-

beiträge gewählte “Tarnname”
für Meere.

Wellen ff: Die verbotene Lebensgeschichte. MEERE im Freecity-Altblog am Sonnabend, den 4. Oktober 2003.

[Nota:
Zur Zeit der Abfassung dieser Darstellung war mir
Werbung für Meere verboten; da jene mir hätte als
eine solche ausgelegt werden können, ersetzte ich
den Romantitel durch „Wellen“.
ANH, 13.3.2018]

 Bei allem Spott, bei aller Polemik, die ich hier betreibe, die auch meinem Temperament entsprechen, grundiert diesen Fall WELLEN etwas a u c h-persönlich Furchtbares. Als ich vor 22 Jahren meinen Namen änderte, so nicht, weil ich es wollte, sondern weil der Literaturbetrieb nichts anderes zuließ. “Hast du nie daran gedacht, deinen schrecklichen Namen abzulegen?” fragte mich damals Arno Münster, der eine Gastprofessur in Bremen und das Typoskript meines DOLFINGER-Romans gelesen hatte (der hieß damals noch DIE ERSCHIEßUNG DES MINISTERS, ein Titel, der selbst Jahre später nicht durchzubringen war). “Mit diesem Namen wirst du in Deutschland niemals ein Buch veröffentlichen.”
Ein Ribbentrop, kurz gesagt, fiel aus der Akzeptanz rein des Namenslabels wegen. Die 68-er hatten an den wichtigen Schaltstellen der Literaturzentralen die Macht übernommen und drückten alles weg, was ihnen nicht in ihre Vorstellung von Aufarbeitung der Geschichte paßte. Es kam nicht auf formale Gestaltung einer Dichtung an, sondern auf ihre politische Intention. Publizierte nun ein Ribbentrop einen, sagen wir, künstlerisch durchgeabeiteten Roman, so hätte das dem Label “Ribbentrop” eine neue, geradezu reinigende Wirkung gegeben, und so etwas wollte man ja gerade nicht. “Erinnern für alle Zeit”, war die Devise und ich, nur des Namens wegen, ein Steinchen dieses verdinglichten oder zu verdinglichenden Denkmals. Daß mich als 1955 Geborenen eine Schuld an Hitler-Deutschland und Auschwitz und alle übrigen Greuel gar nicht mehr traf, spielte für sie keine Rolle.
Nach vielerlei, durchaus quälendem Hin du Her entschieden die Freunde und kamen mit vorgedrucktem Briefpapier und Visitenkarten, auf denen “Alban Nikolai Herbst” stand.
Es war das Jahr meines am Abendgymnasium Bremen nachgeholten Abiturs.
Ich reagierte konsequent und zog ein halbes Jahr später nach Frankfurt am Main, wo ich mich völlig neu sozialisierte. Kurz davor bekam ich tatsächlich – als “Alban Nikolai Herbst” – meinen ersten Verlagsvertrag, und zwar mit denselben Texten (MARLBORO); die bereits seit Monaten durch die Editionshäuser reisten. Es war wirklich wie ein Schlag: Kaum h i e ß ich anders, durfte ich ein Buch veröffentlichen.
Wenn ich also einen Fuß in der Dichtung fassen wollte, blieb mir nichts anderes übrig, als meine Herkunft zu verleugnen und mich insgesamt neu zu erfinden. Ich selbst, ganz persönlich, wurde zu einer Romanfigur. Auch und gerade das erzählt WELLEN.
Es liegt auf der Hand, daß eine solche Verdrängung wenigstens unbewußte Folgen hat, die an völlig unerwarteten Stellen virulent werden, bisweilen auch explodieren. Denn ich trieb meine Neuerfindung so weit, daß ich noch heute ein sehr sprödes Gefühl von Fremdheit habe, wenn mich jemand “Alexander” nennt.

Zwei Ereignisse machten meine Selbsterfindung porös.
Das eine war der frühe Tod meines Vaters, der sich gänzlich in sich zurückgezogen hatte und nicht mehr sprach. Er hinterließ mir keine Briefzeile, kein Erinnerungsstück, aber den in einen billigen, zugeklebten Briefumschlag hineingetanen Familienring. Als mir seine Gefährtin, die über sein langsames, vegetierendes Sterben gewacht hatte – es war ein für ihn sehr schmerzhafter Gang hinüber, und er wurde immer böser dabei -, diesen Ring übergab, hatte ich plötzlich das Gefühl, es lege sich etwas auf mich, das sehr schwer war, “der Geist der Schwere”, sagt Zarathustra. Und ich brauchte einige Zeit, dieses lastenden
Gefühls wieder ledig zu werden.
Das zweite Ereignis war die Geburt meines Sohnes, der ja wieder nach m i r heißt. (Nach wem? “Hans Er ich Deters” WOLPERTINGER). Mir  wurde allmählich klar, daß ich meine Geschichte austragen mußte, wollte ich sie nicht wiederum ihm “vererben”. Auch davon handelt – intensiv – WELLEN.
Wenn mir nun dieses Buch untersagt wird, wenn ich daraus nicht mehr vorlesen, ja nicht einmal – wie der Gegner möchte – zitieren darf, dann wiederholt sich alles von vorn, dann bin ich weiterhin derjenige, der seine Geschichte verleugnen muß, wenn er literarisch tätig sein will. Dem entspricht der Modus von Vergangenheits”bewältigung” vollkommen, der seit Jahrzehnten in Deutschland betrieben wird. Ich habe das 2003 in meinem hier nachlesbaren Vortrag Größenfantasien am Beispiel des deutsch-jüdischen Zusammenhangs theoretisch ausgeführt und dringend für “Normalisierung” plädiert. Es handelt sich um etwas von enormer gesellschaftlicher Bedeutung, die nun auf mich ganz persönlich zurückschlägt, ja auf mich einschlägt.
Es geht auf meine Existenz. Ich bin so sehr Literatur geworden, daß es mir hochgradig schwerfällt, von einer sicheren, “anfaßbaren” Realität zu sprechen, die uns alle umgibt. Meine Erfahrungen belegen, daß eine solche Realität nicht existiert, sondern immer nur H i n s i c h t e n auf Realitäten. Das ist keine formale oder gar verspielte Konstruktion, sondern sinnliche, alltägliche Gegenwart für mich. In nahezu allen meinen Büchern habe ich dieses Thema im Zentrum, weshalb man sie gerne der Phantastik zuschlägt. Tatsächlich sind sie “realistisch”. In WELLEN aber durchbreche ich zum ersten Mal die Spiegel, die sich verhundertfacht in sich selbst spiegeln. Deshalb dieser Überhang des Sexuellen im Buch: Ich mußte das Unhintergehbare fassen, in allen seinen Verstellungen, um das Hintergehbare, Vorgeschützte bloßzulegen. Wenn in der Presse behauptet wird, es handle sich bei WELLEN um eine Abrechnung, so ist das schon richtig: – aber es ist eine mit der deutschen Nachkriegsgeschichte, die, ob sie will oder nicht, immer an Hitlerdeutschland gebunden bleibt und gebunden bleiben s o l l. Ich stelle die Frage – und habe aufgrund meiner Kinder- und Jugenderfahrungen alles poetische Recht dazu -, welche Schuld denn tatsächlich ein sagen wir sechsjähriges Mädchen trifft, nur weil sie eine Deutsche ist? Sie hat sich ihre Geburt doch nicht ausgesucht, und auch ich habe mir meine nicht ausgesucht. Ein Verbot von WELLEN würde unter anderem diese Frage verbieten.
Persönlich ist das wegen der geschilderten lebensgeschichtlichen Verdopplung katastrophal; man will mir versagen, meine Geschichte zu erzählen (die natürlich s o nicht meine i s t, es ist Fichtes, eine Poetisierung – Fiktionalisierung – mithin), aber man will auch den Deutschen meiner Generation einen prägenden Teil ihrer Lebensgeschichte nehmen. Ich war immer ein Kohlhaas, nur daß es hier nicht um Pferde, sondern um Literatur geht, von der ich immer gesagt habe: Reiche sie nicht an die Existenz, sei sie nichts wert. Dazu muß ich nun stehen. Mit meiner Existenz, meiner seelischen, meiner finanziellen. Ich werde auf meine Rechtschaffenheit abgeklopft, und zwar unter Aufbietung härtester Mittel. Ich bin kein Diplomat, Findigkeiten, geschmeidiges Lavieren liegen mir nicht, ich konnte schon in der Schule nicht “abschreiben”, ohne aber auch sofort erwischt zu werden. Ich wurde ja schon rot, wenn ich nur den Gedanken erwog. – Was ich habe, ist meine Energie; wie lange sie mich speist, weiß ich nicht und auch nicht, wie groß die Reserven sind. Aber ich werde für mein Buch kämpfen. Ich habe wenig Geld, gar keine Rücklagen, und eine etwaig verhängte Ordnungsstrafe von 250.000 Euro würde mich zur Beugehaft ins Gefängnis bringen. Wie weit werde ich gehen?
Was ich auch schreibe, alles ist Minenfeld, persönlich, politisch und neuerdings juristisch. Ich bin aus dem Luxus hinausgefallen, schreiben zu können, was ich will – damit allerdings aus der Beliebigkeit auch, aus diesem furchtbaren “eh wurscht”. Die Tür des Elfenbeinturms ist hinter mir ins Schloß gefallen, und, wenn es einen gibt, der Schlüssel liegt drinnen.

Ich habe meinen Vater – anders als meine Mutter – geliebt. Ich lernte ihn nach der Trennung meiner Eltern, bei der ich Kleinkind war, erst mit etwa siebzehn kennen; es gab in der ganzen Zeit dazwischen keinen Kontakt. Ich habe ihn geliebt, weil er so viel Kunst in sich hatte. Aber ich habe ihn verachtet – und bemitleide ihn heute -, weil er nicht die Kraft hatte, zu dem zu stehen, an was er glaubte. Weil er ständig den Schwanz einkniff. Weil er nicht um seine Kinder kämpfte. Weil er es erlaubte, daß in der Maske der Bitterkeit die Angst und nicht seine künstlerische Überzeugung Macht über ihn gewann und ihn immer kleiner und immer enger werden ließ. Ich will nicht, daß mir mein eigener Sohn eines Tages den gleichen Vorwurf macht, der im Herzen derselbe ist. Das immergleiche Muster, das schon die Kindheit meines Vaters prägte, darf sich nicht ein nächstes Mal wiederholen.

(2003- wieder freigegeben seit 2017)
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Es ist dieser Impuls, der Fichte aus seiner Eremitage nach Deutschland zurückholt, und es ist dieser Impuls, der mich mein Buch schreiben ließ.

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