Wer ist der VS? DSCHUNGELBLÄTTER, Lapidares, I. Ventôse 1985 fff

 

DSCHUNGELBLÄTTER 1985 – 1989,
Nr. I/1,
Ventôse (Februar/März) 1985

 

Wer ist der Verband Deutscher Schriftsteller (VS)? — Wie der Name schon verrät, handelt es sich um eine vorwiegend aus meist arbeitslosen Lehrern und Pensionären, aber auch aus Zooaufwärtern bestehende berufspolitische Vereinigung. Soweit Dichter zugegen sind, werden sie aus der DDR importiert, um für jene die Ausgewogenheit herzustellen, die sich gern nach dort exportieren lassen würden, stünde nur ihr Kurswert nicht gar so gering. Meist weiß der VS so viele Schriftsteller in den Sitzungen zu vereinen wie der CVJM.
Um so eigenartiger will folgender Vorfall berühren: Es soll während einer Versammlung der Ruf laut geworden sein: „Schriftsteller in den VS!“ Argumentiert wurde kaum, doch immerhin angedeutet, man verfüge mittlerweile über eine Übersetzergruppe, eine Journalistengruppe und eine Frauengruppe, – u. U. sei auch, eine Schriftstellergruppe zu bilden, am Platz. — Betretenes und seitens reflektierterer Anwesender irritiertes Schweigen sei gefolgt, und im nachherigen Tumult sowie nach entsprechender Abstimmung (bei der sich zwei Drittel der Mitglieder ihrer Stimme enthielten, denn sie waren nicht da) habe man den Vorschlag aus dem Protokoll gestrichen.

Was hier beschossen wurde, war so, nicht mal der Aufruf ist erfunden. Doch um es zu verstehen, müssen Sie den Hintergrund kennen. Der 1969 gegründete Verband sollte für Literatinnen und Literaten die deutsche Interessenvertretung, quasi eine Ständevereinigung, sein. Heinrich Bölls berühmtes „Ende der Bescheidenheit“ leitete sie, die, anders als der PEN, direkte berufs-innenpolitische Ziele hatte, etwa die soziale Absicherung der Künstler, Tarifverträge mit Verlagen usw. Sein, des VS, wohl bedeutsamster und bis heute geradezu historischer Erfolg war die Durchsetzung und Gründung der Künstlersozialkasse, die, konstruiert analog der Arbeitgeber/Arbeitnehmer-Abgabenteilung, unsere Krankenversicherung leistet.
Sie auf die Beine zu stellen, brauchte Kompromisse. Was in die Kunst nicht gehört, ja ihr schadet. Da schon lag das Problem. Und man ban brauchte Mitglieder, möglichst hohe Mitgliederzahlen, um von demokratischer Bedeutung zu sein. Was dazu führte, daß quasi jede und jeder aufgenommen wurde, der oder die in irgendeiner Nische öde Gedichterl veröffentlicht und zwei Bürgen hatte, die sie, bzw. ihn vorschlugen. Da waren dann eben schon mal Tierpfleger dabei, die über liebe Ponys schrieben. Und ungeheuer viele Lehrer mit einem Akzent auf Mittelstufe, was nicht das Lehrsystem, sondern ihren Geist meint. Dazu die Leiter von Regionalzeitungen, selbstverständlich, man schob sich gegenseitig zu, was nur ging, und Nichtgemochtes ab.
Alles dieses verschärfte sich noch, als der VS der mitgliederstarken, ausgesprochen mächtigen IG Druck & Papier beitrat und „mithalten“ mußte – abgesehen mal davon, daß eine schnell das Überwort ergreifende Linksfraktion sich gerne „Wortarbeiter- und „arbeiterinnen“ nannte und was dergleichen Unfug mehr war. Immerhin zeigte es ziemlich deutlich die obwaltenden „poetischen“ Standards. Tatsächlich bedeutende Autorinnen und Autoren blieben den zunehmend von Gewerkschaftsgezänk und -durchsitzereien zerquälten Versammlungen ohnedies fern – so, wie meist heute dem PEN, der sich fast noch erschreckender provinzialisiert hat – , und eine deutlich linksdogmatische Kader aus Funktionären agierte, denen Dichtung-an-sich nicht nur deshalb an ihren Ärschen vorbeigging, weil sie auf ihnen saßen. Zumal es viele von ihnen auf Seiten DDR-Diktatur taten (und, nachdem diese gefallen, pupsten sie sich flugs den Weg nach Berkeley frei und rülpsten das Lied des freien Kapitalismus).
Egal.
Der Aufruf „Schriftsteller in den VS!“ stammte von Angela Hoffmann und mir, die ich bereits 1976 kennen lernte, als ich in den Verband aufgenommen und, komplettes Greenhorn, irre stolz gewesen, nun „dazuzugehören“. Hoffmann durchstürmte als Windin den VS, von Kleidung, Haar wie von Geist, brachte die sechsfünftel Männerwelt permanent durcheinander (mich selbstverständlich auch), war indes aus zu scharfer Intelligenz geschnitzt, um sich, sagen wir, „bestechen“ zu lassen. Wenn sie nicht wollte, sagte sie Nein. Punkt. —Und sie hatte poetisch mehr Talent, als die Mehrzahl der Mitglieder zusammengerechnet. Was alledings nicht schwer war, denn diese hatten in aller Regel gar keins, jedenfalls nicht die, die zu den Versammlungen kamen.
Nachdem sich aber Hoffmann – einige Jahre später – vom PLAYBOY ablichten ließ, wozu sie sich ausziehen mußte, damit auch ihre Gedichte darinnen erschienen, wurde sie aus dem Verband gemobbt. Es war so widerlich wie zu erwarten: Die linke Kader ist kleinstbürgerlich-prinzipiell, und verklemmt, daß es einem die Nachsicht aus dem Mitleid wringt. (Angela ist übrigens das Urbild Anna Häuslers aus dem WOLPERTINGER-Roman; ohne sie hätte es diese Figur niemals gegeben, gäbe es sie nicht, nicht so.)
Wie auch immer, wir formulierten den Aufruf, kopierten den Text und verteilten ihn bei Anlaß einer der Jahreshauptversammlungen auf den Tischen. Natürlich war er zu bizarr, um auch nur wenig Stimmen zu bekommen  – als Antrag gestellt werden konnte er freilich, und drüber abgestimmt werden mußte. Doch Dichterinnen und Dichter in einem Schriftstellerverband? Was sollten die da? Um etwas bewirken zu können,  darf man nicht zu feinsinnig sein, sondern muß sich vernetzen, bis es festen, reißfesten Filz ergibt (statt also Versen nachzulauschen). Auch muß man schon mal grob auf die Tische schlagen können, wozu deftig zu rülpsen, wenn man ein Arbeiter ist, auch nicht wirklich schadet.

Mir war dies alles schneller elend als Angela, die noch lange meinte, etwas ändern zu können, das mir doch längst schon eingetrübt, ob etwas zu ändern überhaupt wünschbar. So trat ich Jahre vor ihr aus, und wir verlorn den Kontakt.

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