Besuch auf dem Lande.

[Massenet, Cherubin.]

Dies klang abscheulich genug, um uns in einen sonderbaren Erregungszustand zu versetzen. Aber das eine ist die Fantasie, das andere die Wirklichkeit. Ein schleichender Schrecken befiel uns im Zug. Der war um so intensiver, als man während der Fahrt nicht sprechen, noch sich auch nur bewegen darf. Im Falle eines Unfalles hätten wir nicht einmal weglaufen können. Genau so etwas sollen die Maßnahmen allerdings auch verhindern. Man ist dann nicht mehr Herr seiner Sinne. Weshalb uns der Schaffner nach Kontrolle der Platzkarten in die Sitze schnallte und alle kommunikativen Prozesse, die sich unvorhersehbar auswirken können, dadurch unterband, daß er uns Weichgummiknebel in den Mund steckte. Sie schmeckten nach Erdbeeren. Aber das ist kaum ein Trost. Denn während ich aus dem abgetönten Fenster blickte, spürte ich heimtückisch die Furcht in mir aufsteigen. Hätten mich nicht Fesseln und Knebel davon abgehalten, kein Zweifel, ich hätte geschrien, wäre aufgesprungen, hätte das Fenster zerschlagen und mich vor Panik weggemacht.
Meiner Frau schien es nicht anders zu gehen. Auch sie zerrte an ihren Handschellen und verkniff im Schmerz ihr eigentlich hübsches Gesicht. Schweiß lief ihr aus den Haaren. Schon das war ziemlich widerlich. Ich glaube, sie weinte sogar, mir war das ausgesprochen peinlich. Eine ganz häßliche Schnute hatte sie von dem Knebel. Das widerte mich, muß ich sagen, an. Das Land zerschlägt einem alle Kultur. Und es macht aggressiv.

[Die Niedertracht der Musik.]

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
Dieser Beitrag wurde unter Arbeitsjournal veröffentlicht. Setzen Sie ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .