Sonnabend, der 11. März 2006.

6.15 Uhr:
[Bach, eventuell eines der Brandenburgischen Konzerte. Weiß nicht genau. Im DänenNetzRadio.]
Erst um sechs hoch; es ist, wie erwartet: Falle ich aus dem gewohnten Rhythmus zweidrei Tage heraus, ist die strenge 4.30-Uhr-Aufsteh-oder-sonstige Routine immer nur schwer wieder herzustellen. Bin erst nach eins ins Bett, weil ich jedesmal, wenn ein Freund meines Jungen bei uns übernachtet, ein wenig Scheu hab, mich zu den beiden auf dem Hochbett dazuzulegen. Anders geht’s aber ja nicht, es gibt ja nur dieses eine Zimmer und dieses eine, freilich riesige Bett. Und war dann berührt, wie ich es empfand, zweidreimal zu erwachen nachts und gleich zwei Kinder zu haben, die man besorgt zudeckt, wenn sie sich freigestrampelt haben. Mein Junge wollte unbedingt den Schlafsack, sein Freund lag unter Adrians Bettzeug. Dabei hab ich eine mich ebenfalls berührende Entdeckung gemacht. Der andere Junge ist Rückenschläfer, meiner wie ich selbst einer, der halb seitlich auf dem Bauch liegt. Ein seltsames Gefühl der Identität kommt da auf.
Da die Arbeit vorangeht, stört es mich übrigens nicht sonderlich, daß ich nun mitunter erst um sechs am Schreib-, bzw. Küchentisch sitze – nicht einmal heute, obwohl ich davon ausgehen kann, daß ich nachher nicht so sehr viel schaffen werde. Nämlich wollen beide Jungen Vulkanversuche machen, und seit ich den Eltern von Adrians Schulfreund von diesem ModellVulkan erzählt habe, wollte der Vater ganz unbedingt mit dabeisein. Er wird also im Lauf des Vormittags vorbeikommen, und dann geht die hübsche Schweinerei los. Vorher ist dringend das Kinderzimmer aufzuräumen, das kriegen die Sechsjährigen alleine nicht hin. Und ich hab ihnen versprochen,mit ihnen die Brio-Bahn aufzubauen. Es wird also ein durchgehender Kindertag werden. Worauf ich mich auch freue; es sind die dringenden Arbeiten alle soweit fertig, ARGO läuft, für VERBEEN brauche ich nur noch die Interviews rundfunkfähig zu führen, und an die Schnitte der verbeenschen Musik kann ich hier in der Kinderwohnung ohnedies nicht gehen.

Übigens ist der Winter r i c h t i g zurückgekehrt, draußen liegt eine durchgehende, sehr sehr schöne Schneedecke, ich seh das mit mildem Vergnügen. Wenn ich wüßte, wo der Schlitten abgeblieben ist, würd ich nachmittags mit den Jungen im Mauerpark rodeln gehen. So, Leser, ich stapf mal nach Gegenüber ins Lädchen und hol Zigaretten, dann werd ich ein bißchen an ARGO schreiben. Eine Seite zu schaffen wäre schön.

Der Kindertag:

23.32 Uhr:
Akute Sehnsucht nach Lakshmi. Langes Gespräch mit meinem Sohn im Bett, nachdem der Schulfreund schon fortwar und wir einige Zeit lang Augsburger Puppenkiste und schließlich noch bis 22 Uhr den Räuber Hotzenplotz gesehen haben; im Bett fand das Gespräch statt: was Mamas und Papas für ein Kind sind, welche verschiedenen Vorteile, Nachteile und welche unterschiedlichen Befähigungen sie haben und daß ein Papa nicht eine Mama und eine Mama nicht ein Papa sein können. Auch über Bamberg habe ich mit dem Jungen gesprochen und daß ich nur noch zu den Wochenenden in Berlin sein werde ein Jahr lang, daß der Junge mich in den Ferien in Bamberg besuchen wird; daß er und seine Mama die Menschen seien, die ich am tiefsten liebte auf der Welt. Er entwickelt, was seine Eltern anbelangt, mit seinen sechs Jahren spürbar so etwas wie Skepsis. Man kann fast sagen: er ist realistischer als ich es bin: was ich mit Hoffnung fülle, sehr bewußt damit fülle, dem setzt er ein geradezu erwachsenes Abwarten entgegen. Andererseits formuliert er einen Wunsch, der mich frappiert hat, aber auch seltsam beglückt: er wolle Geige lernen. (Wir müssen, also seine Mama und ich, uns bis zum 15. Mai entscheiden, wenn es mit seiner Ausbildung in dieser Musikschule weitergehen soll.) Nicht Klavier, nicht Schlagzeug, auch nicht Cello, dessen Klang er immer erkennt:: nein, Geige. Ich bin nicht dahintergekommen, weshalb. (Geige war m e i n Wunschinstrument, als ich pubertierte; meine Mutter gab die Geige aber meinem Bruder, der sie nicht anrührte, da er an dem interessiert war, was man heute Pop nennt. Davon weiß Adrian aber nichts; ich habe meines Wissens darüber weder mit ihm noch mit seiner Mama jemals gesprochen. Die erste – für mich – wichtige Romanfigur, die ich jemals gestaltet habe, war ein Geigenvortuose; damals war ich fünfzehn.) Ich habe dem Jungen klarzumachen versucht, was Geige zu lernen bedeute: daß es sehr sehr lange dauere, bis man einmal eine Melodie spielen könne; daß es viel Arbeit bedeute, viel Unterricht, daß Klavier sehr viel einfacher sei und daß ihm weder die Mama noch ich wirklich helfen könnten; er beharrt: Geige.

Bin mal wieder sehr traurig. Einst, kurz nach der Trennung, als ich für das verbotene Buch an der polnischen Küste recherchierte, schrieb ich der Mama meines Jungen eine SMS… es war spät abends, ich saß allein unter lauter Polen draußen vor dem Gasthaus: „Ich möchte meine Familie zurück.“ Das kommt jetzt gerade wieder hoch.

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