Sonntag, der 26. März 2006.

7.09 Uhr Sommer-/6.09 Uhr Winterzeit:
[Stenhammar, Zweites Klavierkonzert.]
S c h r i e b ich ja, es werde nicht 4.30 Uhr; sowieso saß ich sinnierend noch bis gegen 1 Uhr hier an Cordes’ ARGOs Küchentisch der Kinderwohnung. In einem Gespräch gestern früh mit Katanga war mir so überraschend klargeworden, wie nahe ich dem Ende des Romans nun bin; auch von Teil IV ist bereits, als Rohling, nahezu die Hälfte da, und ich schließe Erzählbogen um Erzählbogen: nicht vieles mehr ist unklar. Teil V, so die symmetrische Vorhabe, wird gleich Nullgrund um die zwanzig Buchseiten haben, nicht mehr, und soll ohnedies viel mehr musikalische Sprachfantasie sein, als daß da noch einzubindende Handlung erzählt würde. Möglicherweise werde ich also sehr viel früher fertig sein, als ich plante. Fertig mit Konstruktion Geschehen, fertig selbstverständlich nicht mit dem Text an sich. Doch wird es in dem folgenden Jahr um Überarbeitung gehen und darum, lose Fäden zu kappen und Rißstellen – das können auch solche wenigen sein, an denen ich geschummelt habe oder mir Versehen unterlaufen sind -, außerdem um Rhythmus Klang, um Wortwahl und Satzbildung – also um Handwerkliches. Das ist durchaus ebenfalls Arbeit, aber eine gewisse; denn es kann dann nichts mehr schiefgehen, der Bau bricht nicht mehr in sich zusammen, es muß einem dann nichts mehr „einfallen“, man wird vom Architekten und Maurer zum ziselierenden Goldschmied, der seinen Gegenstand schon h a t. So beruhigt in dieser Phase besonders das Gefühl, man habe es geschafft, wieder einmal geschafft – Katanga sagte gestern, ich hatte mir das überhaupt nicht klargemacht: „Wenn du das Buch 2008 erscheinen lassen kannst, dann hast du inklusive Lektorat 15 Jahre für das ganze ANDERSWELT gebraucht.“ Da wurde mir mit einem Mal etwas flau, denn 15 Jahre der Arbeit an einem Projekt, das sind 15 Lebensjahre – eine nahezu unüberschaubare Zeit, wenn man v o r ihr steht, man würde sich so etwas, hätte man’s bereits bei Schreibbeginn im Bewußtsein, überhaupt nicht trauen. Dennoch hat Katanga völlig recht. Für den WOLPERTINGER brauchte ich z e h n Jahre, schon das ist eine ungeheure, ungeheuer mit prallem Schicksal angefüllte Zeit; nun werde ich noch fünf davon draufgelegt haben. Und sollte ich in übern Daumen gepeilt tatsächlich drei Monaten die Erfindungsphase abschließen können, und so eben sieht es nun aus, dann ist das sicher, d a ß ich’s „geschafft“ habe. Darinnen verließ ich eine für mich bis heute bedeutsame Frau, darinnen tauchte ich in eine rasende Liebe, die mir ein Kind geschenkt hat, das mich nicht nur sehr stolz macht, sondern mich zudem in eine Lebensreihe stellt, die nicht ausstirbt; darinnen öffnete ich meinen Geist den Cyberwelten und begann, meine NetzÄsthetik zu formen, darinnen fing ich auch mit den poetischen Hörstücken für den Rundfunk an, darinnen wurde mir ein Buch verboten, das selber wie ein Wunder ist, und darinnen ging ich finanziell restlos in die Knie. Macht man einen Strich unter alles, wird man es Glück nennen müssen: ich habe, liebe Leser, bislang sehr viel Glück in meinem Leben nicht nur gehabt, sondern auch e m p f a n g e n – mehr vielleicht, als „statthaft“ ist; deshalb sorgt das Geschick für den Ausgleich wie bei allzu glückhaften Spielern und bedient sich dazu der Ökonomie. Es scheint sich sicher zu sein, dieses Geschick, daß der Zug um meinen existentiellen Hals mit den Atem nicht nimmt: „Wem so viel Gabe zuteil ist, muß schon mal begreifen können“, sagt es, „daß er in einem Zusammenhang steht und man die Steine, die er hier aufschichtet, von dort hinwegnehmen muß. Das hat seinen Preis. Es wär sonst, Freund, alles ein wenig zu billig.“
DTs. ARGO.

23.44 Uhr:
Adrian, ererbtes Talent, hat mich das erste Mal im Carom geschlagen – mit 6, wohlgemerkt, und mit nur leichtem väterlich erlaubten hanidcap. Er stolz, ich stolz (er kennt das indische Spiel erst seit gestern). Danach schöner Film im Kino: ANTARTICTA, danach mit seiner Mama und ihm ein Spaziergang. Wir gehen übers Max-Schmeling-Gelände. Und – da schauen wir nach Fledermäusen – mein Vorschlag: „Gut, du willst um die Wette laufen? Laß uns jetzt die 400-Meter-Bahn nehmen.“ Er willigt ein. Ich: „Den Annorak aus.“ Zu Lakshmi, die protestiert: „Nach 100 Metern schwitzt er.“ Sie nimmt beide Jacken, seine, meine. Wir laufen. Er macht Faxen. Ich: „Laß das sein, konzentriere dich, sonst hast du sehr schnell Seitenstiche.“
Er schafft es. Glücklicher Vater. Auch die Mama glücklich, wenngleich mit skeptischem Beiklang. Mehr schreib ich jetzt nicht.
Dann, zurück in der Kinderwohnung und drauf verzichtend, noch in die Arbeitswohnung zu wechseln, ein langes Cybergespräch mit >>>> June. Sie zu dem Bericht, halb spöttisch: „Väter und Söhne.“ Mir fällt dazu mein Analytiker ein, während meiner Psychoanalyse: „Sie können nicht beides sein, Mutter und Vater; das geht nicht.“ Und daß der Junge, wenn es ums Durchstehen des Zahnarztes ging, m i c h als Begleitung wollte. Ganz bewußt, auch gegen die Mama so gesagt und durchgesetzt. Als er aber nachher getröstet werden werden wollte, wegen der durchstandenen Schmerzen, da sollte seine Mama her, das konnte ich – in seinen Augen, in seinem Empfinden – nicht mehr leisten. Allmählich geht mir der Gedanke der Gerechtigkeit auf, auch einer unter und zwischen den Geschlechtern.

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