Montag, der 27. März 2006.

5.29 Uhr:
[Noch Kinderwohnung. Die pinke Kapuze des nunmehr aus j e d e r Façon gegangenen Trainingsanzugs überm Kopf. Milchkaffee. Keine Musik.]

Nach der verstrichenen Sommerzeit gerechnet und (wahrscheinlich) meiner darauf noch gestellten inneren Uhr, bin ich pünktlich hochgekommen – sogar früher. Da war ein unguter Traum, der sich fast gleitend in erste Morgensätze für ARGO umwandelte, die ich eben in Teilformulierungen schon ins Typoskript geschrieben habe – b e v o r ich diese Tagebuchaufzeichnung begann. Das ist ungewöhnlich für das letzte Jahr, hat aber zugleich einen Erzählknoten gelöst, vielleicht auch alexandrisch durchgeschlagen, von dem ich gar nicht wußte, daß es ihn gab. Jetzt führt die Bewegung ins sogenannte apokalyptische Kapitel des Anfangs von THETIS zurück. Und dreht ARGO wieder in das geschichtszyklische Tableau, aus dem sich damals die ersten Figuren lösten. Die Sätze sind schlagend und einfach.

Das Gespräch mit >>>> June hat mir gestern nacht klargemacht, daß ich für einige Spiele, die mein Geist und mein Character durchaus virtuos beherrschen, aufgrund der ökonomischen Krise disqualifiziert bin. Das schafft, begehrten Frauen gegenüber, eine innere Unsicherheit. Zumal in der jetzigen emotionalen Ambivalenz. Aber auch das, daß es zu der existentiellen Krise k a m, könnte ein Trick des Unbewußten sein, einer, den es absichtlich angewendet hat und der nun nicht mehr aus eigenen Käften rückgängig zu machen ist. Das ist das eine.
Das andere:
Sie wissen: ein Flirt ist ein Spiel – mit der Offenheit, die Sie in Ihrem Tagebuch einbringen, durchbrechen sie die Spielregeln. Das könnte es schwieriger machen, als es sein müsste. (…) muss der Künstler um jeden Preis dem Menschen und Mann Steine in den Weg legen? sind die LeserInnen das wirklich wert?Und ein w i e d e r anderes dies:
Sind Sie sich ganz ganz sicher, dass sie bereit sind, eine Frau nicht „nur“ in Ihr Herz, sondern auch in Ihr Leben und Ihren Arbeitsalltag zu lassen? Ich kann das Gefühl nicht mehr loswerden, dass Sie verzweifelt bemüht sind, sich nur noch Frauen zu schaffen, die dafür „ungefährlich“ sind. Nur denen erlauben Sie sich, etwas von Ihren Gefühlen zu geben. (…) Sie haben eine tiefe Sehnsucht auf der einen Seite. Und ein ganz anderes Leben und Streben, das die Verwirklichung derselben eigentlich unmöglich macht. Also sorgen Sie dafür, dass beides sein darf: Die unglaubliche Sehnsucht und Hoffnung auf der einen Seite und eine Konstellation auf der anderen, die Ihren Lebensinhalt nicht gefährdet. (…) Sie sind ganz und gar und beinahe immer „bei der Arbeit“. (…) Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich halte die Arrangements, die Sie sich schaffen, für gesund und genial, aber dahinter steckt eine Logik, die nichts Zufälliges hat.
Das geht mir nach, und darauf, glaube ich, hat in Form einer spielfilmhaften Reaktionsbildung der dunkle Traum vorhin geantwortet – und jetzt nahezu unmittelbar ins fließende Weitererzählen von ARGO geführt. Was f ü r Junes Thesen spricht. Manchmal kann man über die innere Logik („nichts Zufälliges“) nur staunen – oder erschrecken.
Und n o c h ein Satz dieser klugen Frau (ich habe das Gespräch kopiert und gespeichert – verzeihen Sie, June, die Sie nachher diesen Tagebucheintrag wahrscheinlich lesen werden; es steht zu vieles Wichtige darin, als daß ich es unverwendet lassen dürfte) – also n o c h ein Satz:

Sie machen sich nicht „zum Affen“, wenn Sie auch das Ungleichgewicht aushalten. Im Gegenteil: Sie leben das, wofür Sie plädieren: Authentizität. Sie zeigen, was Sie zeigen WOLLEN. Und haben den Mut dazu. Auch das vermutlich etwas, das nur möglich ist, wenn man ganz jung ist oder schon darüber hinaus über das Alter, dass die Eitelkeit das nicht mehr erlaubt, das „Verlieren“ als Preis.
Sie sprachen übers Verliebtsein und die Risiken, die der Wille birgt, es zu realisieren. Ich hielt dagegen die hämischen Lacher, die mir, dem „bekannten Damenannäherer“ (Mosebach), ein Minnegang einbringen würde, kippte die Dame, bevor sie ihre Läden schließt, einen Eimer Wasser herab und durchnäßte mir Laute und Begehren. Da stünd ich denn auf der Bühne in dem gelben Beinkleid, das die dürren gealterten Schenkel bedeckt, und starrte in den shakespearschen Spott eines vollbesetzten Gelächters.

DTs. Dann wieder ARGO.
(Ich darf nicht vergessen, vor 9 Uhr den Produktionsplan nach Baden-Baden zu schicken.)

7.38 Uhr:
[Immer noch keine Musik. Nur die Erzählwellen.]
Es hat etwas Ozeanisches, wie ARGO heute morgen flutet sich aufwirft, wie ein Schiff rollen und stampfen die Sätze. Und welch ein bissiges Vernügen es mir bereitet, in meinen abgerissenen Arbeitsklamotten, die obendrein seit Wochen nicht gewaschen sind, quer über die Schönhauser Allee zum Zigarettenbüdchen hinüberzuschlunzen – : ein Penner, dem alles egal ist; so sieht man mich denn auch an, wie einen Unhold, der in den sauberen, nach Süßigkeit und Druckerschwärze riechenden Laden stapft… als hinterließe er eine Dreckspur. Das ist ein r i e s i g e s Vergnügen, sag ich Ihnen, zumal, wenn ich mich nachher wieder in diesen „teuren“ Anzug kleide, rasiert bin geduscht – und sozusagen die Existenz gewechselt habe.

8.46 Uhr:
Das sind so Sätze, für die auch der, der sie schreibt, nichts kann. Sie kommen.
:
In seinen letzten Momenten wurde Ungefugger zu einem Atheisten darum, der in die unendliche Leere seiner Vergänglichkeit schaut, einer Vergänglichkeit ohne Rest.

10.44 Uhr:
[Arbeitswohnung. – Verdi, Don Carlo.]
Mit einiger Verspätung hier eingetrudelt, aber dafür vom Scheitel bis zwischen die Zehen re-zivilisiert; nix Morgensandler mehr. Also den Laptop angeschlossen. Und KNARZ komm ich nicht ins Netz. Das Gerät zweimal rauf- und runtergefahren, dann ging’s. Wie abhängig ich unterdessen davon bin!: fast alle Telefonnummern, die heute zu wählen sind, hab ich in meinem email account gespeichert; da wär ich für VERBEEN geradezu blockiert gewesen.
Will aber noch etwas an ARGO weiterschreiben. Oder auch nicht. Mal sehen. Bin ja mitten im Schwung, der läßt sich jederzeit aufnehmen, weil die Sätze so anstürmen. Tatsächlich wichtiger ist jetzt die VERBEEN-Vorbereitung; nächste Woche um diese Zeit werd ich bereits in Frankfurtmain beim hr im Studio sitzen und mit Bernd Leukert das Interview wegen seiner Donaueschinger Erinnerungen an Verbeens „Zelil“ (1967) führen und für den SWR aufnehmen.
Und >>>> Titania ist unermüdlich und missioniert Leser zu Herbst. Jetzt hat sie sich in den Kopf gesetzt, für meine Bamberger Zeit eine Lesung in Jena und vielleicht auch in Weimar zu organisieren. Sie rief gerade an. Sicher, gerne.
Mit viel Butter anderthalb Wochen altes Brot gegessen, das noch da und hart wie Zwieback war und fast genau so geschmeckt hat.

23.20 Uhr:
K e i n Billard, aber mit dem Profi lange gesessen nach acht und geredet. Dann heim. Noch eine DVD: „Wächter der Nacht“. – Unglaubliches Gefühl: ohne Handschuhe Fahrrad zu fahren.’s ist Frühling, Leute.

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