Realitätskraft der Fiktion.

Die enorme schöpferische Kraft als direkte Folge einer Verweigerung des Realitätsprinzipes, mit allen nicht selten katastrophalen persönlichen Konsequenzen – aber schließlich einem Ergebnis in Kunst, das allein vom Umfang her riesig ist und eben dann b l e i b t, unverrückbar abgerungen. K e i n e Tändelei, k e i n Unernst, k e i n Geblödel. Und sich dennoch bisweilen sogar zur Lebzeit noch persönlich auszahlt – wohlgemerkt bisweilen und nicht etwa ‚meistens’. Das ist das Risiko, von dem man mit Recht erwarten kann, daß weiß und akzeptiert, wer sich auf so etwas einläßt. Denn daran ermißt sich die Glut, mit der man es angeht.
Übrigens hat eine solche Haltung wenig Heroisches, weil die Überzeugung leitet. Es ist konsequent, nicht aber heroisch, ihr zu folgen. Folgte man n i c h t, bliebe ein permanentes schlechtes Gewissen. Man folgt allein schon, um sich nicht einem solchen aussetzen zu müssen, also – vom narzißtischen, subjektiven Standpunkt gesehen – aus moralischem Egoismus. (Hier versteckt sich die Wahrheit über „Kunst kommt von ‚müssen’.“)

[Poetologie.]
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6 Responses to Realitätskraft der Fiktion.

  1. Avatar acuto says:

    meine rede: mensch tut, was er tun muss. alles andere ist außenbetrachtung.

    im vorbeiflug schmunzelnden gruß dalassend. 🙂

  2. Avatar china-blue says:

    realitätskraft der fiktion ein bißchen müde noch,den kaffee auf dem schreibtisch …ins internet…das badewasser nebenan läuft langsam an diesem sonntag morgen vor sich hin……ein blick ,ein längerer wird es……und dann ins warme nach jasmin duftende bad,die augen geschlossen………
    die vögel zwitschern,noch ist es schattig doch langsam erwacht der /“die dschungel.“..etwas treibt mich voran und ich sehe vor mir eine lichtung,kleine häuser,jedes anders gebaut und doch ergibt es etwas gemeinsames,denk ich bei meinem spaziergang..langsam spüre ich die feuchtigkeit und das höhersteigen der sonne …als mir von weitem ein kleiner junge auffällt,der mir einen lebhaften blick zuwirft ,es aber wohl zu eilig hat auf eine erwiderung zu warten…in einem haus wird leidenschaftlich diskutiert,aus einem anderen höre ich schubert..hab ich lange nicht gehört und wie dieser schubert aus diesem haus klingt, ist besonders…aus dem grössten haus klingen eigenartige geräusche…musik..noch nie gehört und stadtgeräusche?..viele der schönen häuser liegen noch ruhig, vielleicht gerade erwachend auf meinem weg…..als ich beschliesse umzukehren,fällt mein blick auf eine tafel…neugierig geworden lese ich…es fehlen die worte über das ,was ich gelesen habe und eilig froh mache ich mich auf den weg zu meinem reisfeld…pathos klingt zu mir herüber…….leidenschaft..
    boris vian-gleich höre ich kirchenglocken und die/ „der Dschungel“ werden heller und heller …jasminduft ..herrlich erfrischt komme ich von meiner reise zurück….tropfen des morgentau`s auf meiner haut…

    • M e h r, china-blue… und alle: m e h r! Nicht wegen Der Dschungel, sondern eines T o n e s wegen, den ich an anderer Stelle ‚chorisch‘ genannt habe… und zwar, ohne daß das Einzelne sich a l s Einzelnes verleugnet. Vielmehr: Vielstimmigkeit, tiefe, leichte. Und Schönheit. Auch (oder vielleicht gerade?) dort, wo wir Traurigkeit haben.

    • Avatar china-blue says:

      mehr…? chorisches?das reisfeld als metapher war schon authentisch ,herr herbst…denn im vergleich zu den anderen hier kann ich gar nicht schreiben,was mich aber nicht ab und zu abhält..lacht..
      das,was ich schrieb war echt,viel komplexer natürlich gedacht und ich habe gezögert..,dachte dann aber…nein,das ist wundervoll in einiger hinsicht…ich fragte sie mal vor fast einem jahr,als hier heftigster unfrieden herrschte….warum tun sie sich das an?…ihre antwort war:
      sie müssen das tun,das gehört zu ihrer idee (nicht wörtlich,sie waren etwas ausführlicher)…und heute habe ich diese idee wirklich gesehen..bildlich,farbig…
      es ist viel passiert inzwischen und ihre vision greift über…das wäre das eine…
      das andere ist eher persönlich..als ich um die 18 war,verschlang ich mit hingabe proust,bücher über diaghilew,coucteau und all diese wunderbaren künstler in dieser zeit…und immer tauchten salons auf,wo sich alle trafen…ich glaube,ich verbrachte viel zeit damit,mir das vorzustellen und wäre ich reich geworden,ich hätte mein geld benutzt,es einer misia sert gleich zu tun…aber der reispreis steigt leider nicht und nach meinem intensiven spaziergang heute morgen,fragte ich mich..bei was spüre ich diese gemeinsamkeit ?…mein gefühl sagte mir…es ist leidenschaft und inspiration….vielleicht ein ähnlicher beweggrund wie damals in den salons ?…aber es hat eine qualität,die vielleicht dadurch,dass man sich gar nicht kennt noch viel fiktiver und inspirierender ist?denke ich…manchmal…

    • Das ist das schönste Kompliment. Das Der Dschungel gemacht werden kann. „es ist viel passiert inzwischen und ihre vision greift über…“.

      Chorisch, dabei, ist ganz sicher m e i n Wort, also angestrebter Inhalt, Ihr Reisfeld bleibt davon ganz unbenommen und in ebensolchem Recht. Für den Hintergrund sollten Sie aber vielleicht wissen mögen, daß ich, als ich in erster Fassung um 1978 herum den Roman „Die Erschießung des Minsters“ schrieb, der erst acht Jahre später erscheinen konnte und dann mit einem anderen Titel (DIE BLUTIGE TRAUER DES BUCHHALTERS MICHAEL DOLFINGER) – daß ich damals die Idee hatte, einen Roman aus der Sicht vieler beteiligter Personen zu schreiben. Vorausgegangen war für mich direkt Joyce und sein stream of consciousness, den ich unbedingt multiperspektivisch strömen lassen wollte. Nun fehlten mir einige handwerkliche Mittel dazu, was dann auch rundum zu jahrelanger Ablehnung des Textes geführt hat, von der ich immer wußte, daß sie nicht, wie man vorgab, technische Schwächen meiner Stilistik begründeten (es wurden damals ganz andere, sehr viel schludriger gebaute Bücher in den Himmel gehoben und sehr sehr gut bei der sog. Intelligenzia verkauft), sondern es ging um das Thema an sich und darum, daß es jemand ein paar Fanatikern wegnahm und auf den sog. einfachen Menschen zurückspiegelte.
      Damals ebenfalls, jahrelang ohne einen Verlag, dachte ich: Wenn die Verlage mit meinen Arbeiten nicht an die Leser gehen, müssen die Leser mit meinen Arbeiten an die Verlage gehen. Dieser Ansatz stellte sich als nicht gerade idiotisch, aber doch als sehr naiv heraus. Es brauchte meine ganze enorme Energie, mich dennoch in die deutschsprachige Literatur einzuschreiben. Als dann aber das Netz kam, Mitte bis Ende der Achtziger, anfangs der Neunziger, thematisierte ich es und begriff während der Arbeit an THETIS. ANDERSWELT, daß meine ursprüngliche Idee jetzt rein aus technischen Gründen realisierbar wurde. So kam es dann, nach abermaligem Verlagsverlust und obendrein wegen des Buchprozesses in einer verlagstechnisch sehr prekär gewordenen Situation dazu, daß ich die Idee wieder aufnahm. Nun aber mit dem handwerklich angemessenem Rüstzeug und obendrein einer Technologie, die den sofortigen Zusammenschluß mit Lesern erlaubt – ohne Umwege zensierender Instanzen, wie es Kritiker, Verleger, Buchhändler s i n d. Zugleich wußte ich aber, ich darf auf keinen Fall verwässern und kann nicht so tun, als gäbe es nicht zwischen Ihnen und mir und anderen große Differenzen. Es konnte und kann nicht darum gehen, eine gruppige Harmonie herzustellen, die es so nicht gibt. Also mußte ich erst einmal ein sehr hartes Flußbett für solch einen Strom bauen, den ich mir vorstellte. Und ich begann Die Dschungel. Diesen Fluß nenne ich das Chorische. Jetzt darf es gerne, sehr gerne, über die Ufer treten: zum Wohl des Reisfelds.

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