Arbeitsjournal. Dienstag, der 24. Oktober 2006.

8.04 Uhr:
[Villa Concordia Bamberg.]
Verschlafen. Das heißt, ich konnte nicht aufstehen, obwohl ich den Wecker hörte und mehrfach umstellte. Es war so nachtschwarz draußen, schon morgens, ich warf mich mit zwei Zeilen Elegie herum, die sich mir durch den Kopf drehten, immer wieder. Draußen regnet es immer noch, unausgesetzt, es ist nun die düstere Seite des Herbstes, die, die mich seit je depressiv machte. Jetzt sitz ich vor der Glasfront meines Studios, sehe hinaus, höre einen Baulärm über die Regnitz hinweg und bin von einem Gefühl gedämpft, das ganz das der Elegien ist und etwas Schützendes hat: es läßt das Depressive nicht an mich heran, wie eine sehr dichte, zugleich durchsichtige Watte. Und die Zeilen der Frühmorgenunruhe versuchten, wieder Gestalt anzunehmen: darin einem Traum gleich, der einen heftig bewegt hat, aber mit dem Aufstehen vergessen ist und dessen man sich mit zäher Energie wieder erinnern will. Tatsächlich bekam ich die Zeilen eben dann hin. Doch was wichtiger ist: Mir wurde ein Strukturteil der Elegien klar, so daß ich die Reihenfolge der Skizzen änderte (es sind vier weitere, einzeilig getippte Seiten, lauter begonnene und unausgeführte Verszeilen, deren Entstehen ich in den DTs’-Protokollen nicht mitzähle). Ich werde jetzt mit einer Elegie über ‚die’ Frauen abschließen, das wird die Dreizehnte Elegie sein, dreizehn, ja, Frauenzahl, Zykluszahl. Und als ich meine Traumzeilen niederschrieb, und noch jetzt, dauernd, hab ich Reto Wyss’ Bilder im Kopf, sie ziehen um mich herum, paradieren geradezu vor meinen Augen: Bilder von Tiefseemuscheln, die aber Mösenbilder sind und als solche auch publiziert wurden, bei Claudia Gehrke, im >>>> neuen Jahrbuch der Erotik (Mein heimliches Auge XXI ). Eben noch glaubte ich, ich hätte sie auf irgend einer Pornosite gesehen, erst allmählich entsann ich mich, daß ich das Buch, das mir als Beleg hergesandt wurde, gestern lange durchblätterte und d o r t diese Abbildungen fand, die offenbar solche Tiefenwirkung auf mich haben.So schriebe ich nun gern an den Elegien weiter, ich mag wieder keine Musik hören, auch das typisch für die Elegie-Arbeit, – aber ich muß mich um >>>> heute abend kümmern, wegen der Anlage zum Mitschneiden der Lesung parat sein; das ist um so wichtiger, als ich doch den Introitus zu PETTERSSON da einsprechen will, vor Publikum, mit Publikumsgeräuschen, sofern denn etwas d a sein wird, das sich als Publikum auffassen läßt. Ich hab da momentan Zweifel. Und ich muß für Leukert detailliert die Quellenangaben der PETTERSSON-Montage niederschreiben. ARGO wiederum ist g a n z weit weg, obwohl ich gestern mit UF und >>>> axel dielmann über mögliche Veröffentlichungsformen korrespondierte.
So geht’s nun also in den Tag.

9.58 Uhr:
Die Sonne kommt heraus! Die S o n n e ! Wie bin ich lichtbedürftig geworden, je älter ich wurde. Wirklich wollte ich in den Tropen leben, wo es heiß, hell und feucht ist und wo man morgens um halb sechs zum Sonnenaufgang aufsteht und die Arbeit beginnt und sie abends mit dem Sonnenuntergang endet… um in die Genüsse der nachtschwarzen vibrierenden Feuchtigkeiten zu tauchen, parlierend, sich umarmend, tanzend meinethalben oder nur am Wasser sitzend und denkend. In Deutschland hält es sich wirklich fast nur im Hochsommer auf. Aber, Leser, hat man Kinder, ist solche nahste Fremde keine Option mehr, so sehr sie einen auch lockt.
Prunier hat die sechzehn übersetzten Gedichte geschickt; leider sind sechs dabei, die keine Liebesgedichte sind, und es soll ja ein Bändchen nur mit Liebesgedichten werden im Frühjahr. Also hab ich ihn gebeten, noch einmal nach sechs anderen Texten zu schauen. Und eben das Gespräch im Sekretariat der Villa Concordia war überaus freundlich, es gibt allerdings Schwierigkeiten mit der Aufnahme der heutigen Lesung, weil der Hausmeister in Urlaub und der einzige ist, der offenbar mit den Gerätschaften umgehen kann. Ich sollte mich letzte Woche bei ihm zur Absprache melden, aber da saß ich in der Produktion, und es war keine Zeit dafür. Nun müssen wir, nachdem mein DAT-Recorder den Geist aufgegeben hat, improvisieren.
Auch über >>>> Frau Mayer haben wir gesprochen, die ihrerseits nach >>>> unserem Briefwechsel mit der Co-Direktorin telefoniert hat, um i h r e Sicht auf die Dinge darzustellen und zu verteidigen. Sie hat so das Konzept „Stipendiaten als Menschen“, deshalb komme es ihr, erfuhr ich, auf das Werk selber gar nicht an, sondern sie wolle der Bamberger Bevölkerung uns… na ja, halt ‚menschlich’ näherbringen, weil wir dort für so elitär gälten. Nun, das s i n d wir ja auch, jedenfalls i c h bin’s und will’s auch nicht anders. „Autoren zum Anfassen“ war mal eine Aktion in den spätern Siebzigern im ohnedies unsäglichen Bremen. Welches Toilettenpapier kaufe ich? wo erstehe ich meine Brötchen? wie sieht meine ‚Freizeit’ aus? Usw. Völlig marginales Zeug. All das mag von Interesse sein, aber prinzipiell n u r in Verbindung mit der Arbeit und unter dem Aspekt, wie es auf diese Arbeit einwirkt. Ansonsten i s t ein Künstler keine Privatperson, als Privatperson ist er nix anderes als ein Bäcker oder Tischler oder Zeitungsausträger, und über die schreibt man a u c h keine Zeitungsportraits. Im Zentrum solcher Portraits hat deshalb i m m e r das Werk zu stehen. Und n u r das. Der Mensch als Mensch ist in der öffentlichen Darstellung nichts als sentimentales Gesoße, bei der die Leute ihr eigenes Gesoße wiedererkennen und bestätigt bekommen möchten. Also verweigere ich meine Teilnahme an einem solchen Interview, soll Frau Mayer ihren Striemel ohne mich fahren. Vielleicht begreift sie aber und sitzt dann d o c h heut abend im Publikum; ich will wirklich nicht präjudizieren.
Ja, ich bin elitär. Und ja, in Sachen Kunst und Künstler bin ich kein Demokrat. Auch in der Liebe bin ich’s nicht und auch nicht in den Wissenschaften – also nirgendwo dort, wo’s seelisch drauf ankommt. Da bin ich absolut reaktionär.11.11 Uhr:
Das ging jetzt aber schnell!: Die Anfangszeilen sämtlicher noch fehlenden Elegien s t e h e n. Und die achte ist als Rohfassung abgeschlossen. Ich hab das gar nicht gemerkt, erst eben, als ich noch einmal nachlas.

15.37 Uhr:
Ich hatte eben – nach einem tiefen Mittagsschlaf und vorher über das s e h r empfehlenswerte >>>> SKYPE (man kann übers Netz umsonst und ausgesprochen klar telefonieren, egal wohin, und mit Video in Echtzeit, sofern eine Cam vorhanden ist; sogar die Gespräche ins Festnetz sind signifikant billig)… also nach einem schönen Gespräch mit Lilith in Wien… wachte ich auf und wußte, ich werde die Schlüssel-Geschichte n i c h t mehr erzählen. Sie scheint sich ja erledigt zu haben, und wirklich, man tritt nicht n a c h, und zwar auch dann nicht, wenn, rein erzählerisch, das Thema so schön ist.

Zu Skype kamen mir darüber hinaus wieder einmal Gedanken, was die Leugnung von Raum bedeutet, die notwendigerweise in der Fähigkeit mitgespült wird, sich mit dem Entferntesten permanent unterhalten zu können: Körperliche Identität wird aufgelöst in kommunikative entities, was wiederum auf Körper gerichtete Sehnsüchte ins Innerste/Projektive des eigenen Gehirns verlegt. Diese Entwicklung ist nicht aufzuhalten, zugleich aber auch zu betrauern. Sowie zu genießen. Sie läßt sich n i c h t eindeutig bewerten.

18.10 Uhr:
Also >>>> die Lesung w i r d mitgeschnitten. >>>> Ulrich Bohnefeld will sogar per Video mitschneiden. So scheint jedenfalls das Introitus-Problem fürs PETTERSSON-Stück gelöst werden zu können.

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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3 Antworten zu Arbeitsjournal. Dienstag, der 24. Oktober 2006.

  1. rostschleifer sagt:

    und warum … antworten Sie der frau meyer nicht
    genau das obige im interview?
    die leser des „fränkischen tags“
    bekämen ein denkwürdiges stück
    zu lesen.

    • Weil sie eine entsprechende Frage stellen müßte. Oder ich müßte sie gesprächstechnisch „führen“. Das ist arg viel Aufwand. Zumal Die Dschungel ganz sicher mehr Leser haben, als irgend ein mit Literatur beschäftigter Artikel im Fränkischen Tag.
      Es ist schon ganz richtig so, wie es jetzt ist.

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