Arbeitsjournal. Montag, der 18. Dezember 2006.

5.59 Uhr:
[Berlin. Küchentisch.]
Deutliche Arbeitsstörung gerade; ‚aus der Routine gefallen’, könnte man sagen; jedenfalls komme ich vor halb/Viertel vor sechs momentan nicht aus dem Bett. Und da ich viel Familienzeit aufwende jetzt, macht sich das im Pensum bemerkbar, – vor allem darin, daß ich keinen rechten Eingang in die Arbeit finde; bzw. beschäftigen mich ganz andere Fragen, theoretisch-praktische, wie >>>> die nach Moral und abermals nach Mißbrauch; >>>> erneutes Gespräch darüber gestern nacht mit dem Profi. Wobei uns, denkerisch, die Rolle der den Mißbrauch verschweigenden und ihn damit deckenden Mütter sehr beschäftigt hat. Auf der anderen Seite: was ist mit den dominanten oder gar sadistischen Parts (das sind Männer u n d Frauen)? Was wirkt bei i h n e n? „Ich bin“, sagte ich, „wahrscheinlich ebenfalls ein Mißbrauchskind – aber eines der Kälte“, womit ich des fortgesetzten Abschneidens von Sexuellem meinte, fällt mir heute früh ein. Irgendwo in diesem Bereich findet sich eine Begründung.
Das beschäftigt mich enorm, da ich doch dabeibin, eine ‚normale Familie’ aufzubauen, zugleich aber meine Ausbrüche kenne. W a s in mir bricht aus? Diese Frage bohrt, und diese Frage dreht momentan fast alle Konzentration von meiner eigentlichen Arbeit weg – die ich damit, um in der Arbeit als meinem wirksamsten Selbst-Fundament zu bleiben, auf die Wiederaufnahme von >>>> DLZI verschiebe. (Die Numerierung der nach und nach in Der Dschungel publizierten Fragmente geht, seh ich soeben, völlig durcheinander; das werde ich gelegentlich revidieren. Entschuldigung.)

Ich muß dringend eine Exerzizie finden, die meine Konzentration wieder auf >>>> ARGO richtet. Sonst gerate ich völlig ins zeitliche Hintertreffen, und dann würde auch die nach dem jetzigen Lektüre- und Korrekturdurchgang anstehende Überarbeitung der >>>> BAMBERGER ELEGIEN in Verzug geraten. Es ist insgesamt einfach irre viel Arbeit. Aber gleich bringe ich erst einmal meinen Jungen zur Schule und werd ab frühem Nachmittag wieder insgesamt für die Familie dasein.
Ein Gedicht fiel mir gestern nachmittag noch ein, als ich einmal aufsah vom Sofa zur Geliebten, die vorlas, und dieses herrliche, beeindruckende Gesicht sah und seine nahezu unfaßliche, nach innen – innig – leuchtende, also schimmernde orientalische Schönheit. Ich dachte: Welch eine Ehre, daß i c h gewählt worden bin. Es war in diesem Moment wirklich ein Gefühl der Erwähltheit.

7.59 Uhr:
Zurück. Und fand vorher noch folgenden sehr klugen Brief SB’s in meinem elektronischen Postkasten, worin u. a. das Folgende steht: (…) Eines allerdings, von einem Narzissten zum anderen gesprochen, >>>> hinsichtlich der Frage nach der Korruption/dem befürchteten Kunstverrat aufgrund des Materiellen: wäre es ggf. nicht eher das mühsam errichtete und aufrecht erhaltene Bild seiner selbst, das man sozusagen «verraten» würde, als die Kunst an sich? Und – ohne dabei an die bzw. mit der üblichen bürgerlichen Moral zu appellieren, wohlgemerkt – erst recht, wenn Kinder mit im Spiel sind? Für *wen* und *wozu* tut man das denn alles letztlich? Wem meint man eigentlich wirklich, etwas beweisen zu müssen? Und was hat das möglicherweise mit dem eigenen Selbstwertgefühl zu tun?[2] Hat z. B. ein Günter Brus die Kunst verraten, als er – m. E. nicht ganz zufällig – relativ kurze Zeit nach der Geburt seiner Tochter einen Schlussstrich unter die Körperarbeit zog und seitdem – zumindest oberflächlich betrachtet – schreibend und zeichnend harmloseres produzierte? War beispielsweise ein Georges Bataille ein Verräter, weil er die meiste Zeit über auch noch ganz bürgerlich als Bibliothekar arbeitete (daß man dieser Arbeit beispielsweise auch den Erhalt eines Teils von Walter Benjamins Schriften verdankt dabei ausser Acht gelassen)?
Nebenbei: was wäre von einem (begrenzten) Opportunismus zu halten, den man *vollkommen bewusst* einnimmt? Wäre dieser möglicherweise nicht *souveräner*, als jegliche Art offener Unbeugsamkeit/offenen Widerstands? Die sich m. E. in fast allen Fällen letztlich nur als negatives Abziehbild, dessen gegen das sie sich richtet herausstellen kann (und somit auch von diesem – gerade dort wo sie sich frei wähnt – dominiert wird). Wenige Einzelfälle oder besser noch: menschliche *Singularitäten* (z. B. Artaud kommt mir dabei in den Sinn) ausgenommen. (…)
Nun kann es zwar gut sein, daß ich zu diesen ‚Singularitäten’ gehöre, und wäre es nur in Dalìs Sinn: „Wer lange genug Genie spielt, wird eins.“ Doch das ist ja imgrunde ganz egal. Denn spätestens, wenn ARGO erschienen sein wird, wird mein Hauptwerk abgeschlossen sein, alles andere sind Begleitarbeiten oder weisen – etwa die BAMBERGER ELEGIEN, sowie die Gedichte insgesamt – in eine Richtung, die er erlaubt, sich zusätzlich einem Brotberuf zu widmen. „Vielleicht“, sagte ich der Geliebten eben, „muß ich nun einfach nur etwas warten; an den Unis ist ANDERSWELT ja längst Lehrgegenstand geworden, nur der Betrieb ignoriert meine Arbeit weitgehend.“ Da das so ist und sich auch kaum wird in freudiges Annehmen und also auch finanzielle Förderung herumdrehen lassen, kam mir der Gedanke, daß ich mich vielleicht nach der Bamberger Zeit um einen ‚normalen’ Beruf kümmern sollte; es ist eigentlich egal, um was es sich dabei handelt; denn wenn ich den Privatkonkurs tatsächlich durchziehen sollte, wird man mir eh nur das Nötigste lassen: Grundsicherung für meine Familie und mich. Schwer wäre nur, daß ich mich fremder Autorität unterantworten müßte, das würde sicher ein Grund ständigen Knirschens; und ich bin mir nicht sicher, ob nicht Aus- und bisweilen sehr wütige Anfälle dabei vorprogrammiert sind. Andererseits, ich habe mich für diese Familie entschieden, das will Konsequenzen. Bei einem 8- bis 10-Stunden-Job bliebe zudem für Gedichte und auch die Ausarbeitung der theoretischen Schriften – was keine permanente, sondern immer nur eine begrenzte Geistesfocussierung verlangt – genügend Zeit übrig; morgens um halb fünf bis um, sagen wir, acht und meinethalben auch noch abends. Nur meine langen Romane zu schreiben, die an der Grenze des Erzählbaren spielen, sind so nicht möglich. Aber das wäre dann ja getan; DLZI und MELUSINE WALSER sind vergleichsweise kurze Projekte; die Erzählungen sind es ebenfalls; das also ließe sich alles mit dem Nebenjob vereinbaren.
Momentan bereitet mir diese Vorstellung ein gutes, grundwarmes Gefühl; ich hab ja längst in die Literaturgeschichte hineingeworfen, was hineinzuwerfen w a r. Alles andere muß der Rezeption überlassen bleiben. Sie wird nicht von großen Leserzahlen übernommen werden, sondern von, denke ich, Spezialisten und Ästhetikern; von daher ist deshalb kein Geld zu erwarten, das einem den Unterhalt sichert. Es mag – wird, davon bin ich überzeugt – G e s c h i c h t e schreiben, aber keine positiven Bilanzen meiner persönlichen Ökonomie. Vielleicht verpaßt man mir zwar doch noch den einen und/oder anderen Literaturpreis; aber jeder von denen ist, verglichen mit dem vorhergegangenen Arbeitsaufwand, derart gering dotiert, daß sich selbst das nicht rechnete, – jedenfalls nicht, wenn es nicht mehr nur noch darum geht, selbst/allein irgendwie zu überleben, sondern wenn grundsätzliche Verantwortung für anderer Leben mit dem eigenen verbunden ist.
Ein Problem wird allerdings ein praktisches sein: Es laufen genügend zumal besser und überhaupt Ausgebildete herum, die sehr viel jünger sind als ich. Deswegen ist es höchst fraglich, ob sich ein Job überhaupt finden wird – selbst zum Kellnern dürfte ich mit nun bald 52 Jahren zu alt sein. Und was ich weiß, hat keinen Marktwert, weil die formalen Ausweise fehlen: Zeugnisse, Abschlüsse, Diplomarbeiten usw. (Daß ich, falls ich den Job-Weg gehen sollte, die Arbeitswohnung aufgeben müßte, ist allerdings eine h a r t e Nuß. Aber vielleicht finden sich wieder L e s e r, die sie für mich halten. Sie ist ja wirklich nicht teuer.)
Ich werd über alledies heute abend ein wenig mit dem Profi konferieren. Die Freunde sind immer die besten Ratgeber gewesen. – Nun aber erst mal wieder an die ARGO-Arbeit.

10.26 Uhr:
Bei >>>> d e r Diskussion merke (f ü h l e) ich ausgesprochen deutlich, wie patriarchal-männlich ich eigentlich in meinen Haltungen geworden bin; das hat auch etwas von bewußter männlicher Aristokratie; bereits die >>>> BAMBERGER ELEGIEN sind davon voll. Dabei denke ich völlig anders, nämlich spätestens seit dem >>>> WOLPERTINGER aus einem angenommenen, zugegebenermaßen oft mythischen Matriarchat, dem ich mich dort affirmativ genähert habe. Diese Affirmation hat sich seither, anfangs mir unmerklich, weggedreht und ist nun offenbar bei einer speziellen Form des Widerstandes gegens Matriarchale angekommen; meine ‚dominante Entwicklung’ mag dabei eine Rolle gespielt haben. Zugleich aber mit dieser Stärkung meines, sagen wir locker, Machismo-Anteils ist eine Form von Verachtung gegenüber Männern stärker geworden. Ich verachte Frauen hingegen n i c h t, im Gegenteil, die B e w u n d e r u n g wird größer – aber es ist eine Bewunderung, die den G e g n e r anschaut, sagen wir: Montgomery Rommel. Überhaupt sind Kriegsgegner ein guter Vergleich: wie der eine General dem anderen nahe ist, indes ihn mit vielen seiner eigenen Leute und Vorgesetzten im besten Fall eine Art Mitleid verbindet. Das Eigentliche ist kein soziales Verhältnis, sondern es findet, wie Nietzsche getitelt hat, „jenseits von Gut und Böse“ statt.
Zu dieser männlichen Haltung gehört, kein Almosen annehmen zu wollen, also etwa Hartz IV zu verweigern: nicht sich beugen, schon gar nicht einer sozialen Institution (ich hab ja nicht mal einen Antrag auf Wohngeld stellen wollen). Wiederum etwas anderes sind Zuwendungen von Lesern, auch von Freunden; damit habe ich überhaupt kein Problem, weil ich es als einen Ausgleich für Leistung ansehe, literarische, denkerische nämlich; also als Tausch. So wäre auch mein Verhältnis zu möglichen Mäzenen. Ich bin nicht dankbar, sondern nehme Bezahlung entgegen. Das betrifft auch, gegenwärtig, das Stipendium der >>>> Villa Concordia Bamberg. Ich genieße damit k e i n e (auch nicht eine zeitlich begrenzte) Apanage.

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12 Kommentare zu Arbeitsjournal. Montag, der 18. Dezember 2006.

  1. a. sagt:

    In einigen Familien… …werden doch die Rollen auch mal umgekehrt. Sie könnten doch „Hausmann“ sein (und da – trotz zunächst hoher Beanspruchung durch die Kinder – die eine oder andere Stunde fürs Schreiben abzweigen), und Ihre Frau verdient den Lebensunterhalt?

    • ConAlma sagt:

      In anderen Familien … gibt es nur die Mutter, die Geld verdienen muss, Kinder und Haushalt machen und noch Zeit finden möchte, ihr „Eigenes“ zu tun. In der täglichen Zerreissprobe alleinerziehender Mütter ist leider nur wenig Platz für hehre Tätigkeiten – aber es ist Platz.

      Eine ordinaire lohnabhängige Arbeit jedenfalls ist, unabhängig von Altersdiskrimination am Arbeitsmarkt, für sich nicht fügende Menschen – das ist keine Wertung, sondern eine Eigenschaft – wie schrieb mir vor einiger Zeit ein Freund?:
      …Peter Turrini …beschreibt den Schriftsteller als jemanden, der irgenwann feststellt, dass er nicht dazugehören kann. Manche finden sich dann bei der Feuerwehr oder beim Fussball. Das war ihm aufgrund seiner körperlichen Fülle versagt. Daher musste er mit Worten das zurückgeben, was er vom Leben aufnimmt. Er spekulierte, dass es bei Malern und Komponisten auch nicht anders wäre.
      wohl eher als Qual zu sehen.

      Übrigens eine sehr unpathetische Sicht des Künstlertums, die aber angesichts von Spekulationen zu „normaler“ Arbeit durchaus angebracht sind. Ich halte mich für einen relativ „normalen“ Menschen und keine Künstlerin, aber schon ich habe extreme Schwierigkeiten mit fremdbestimtmer Arbeit.

      Wohl aber sind SBs Sätze wirklich klug; diese Ausweiche in ein bewusst opportunistisches Verhalten muss man aber aushalten können!

    • @ a. Das ist in diesem Fall nun gänzlich unmöglich. Wenn die neuen Babies dasein werden, nun sowieso erstmal. Dann aber auch, der Ausbildungsgrundlagen wegen. Diese Bemerkung ist bereits ein privater Überriff, deshalb werde ich unser beider Gesprächsanfang gleich wieder löschen. Nicht meinetwegen, logisch.
      (Ich weiß, daß nicht wenige Schriftsteller so leben. Dennoch, selbst wäre die Situation eine andere, ließe mein sehr bewußt männlicher Stolz ein Leben als Hausmann auch gar nicht zu. Abgesehen von der Küche, die ich gern übernähme, was dann aber wieder absolut nicht nötig ist, wär ich im übrigen als Hausmann eine Katastrophe, da ich ohne meine „Perle“ Eisabeth längst vollkommen verwahrlost wäre.)

    • @ ConAlma. Es g a b ja immer wieder Jahre, in denen ich mich dem „normalen“ Arbeitsalltag eingegliedert habe. Aber ich war auch da stets auffällig, was ich allerdings durch erhöhte Leistung und Gegenwart fast immer kompensierte. Nur war ich da jünger und konnte jedem Arbeitgeber zeigen: „Wenn du meinst, auf meine Fähigkeiten verzichten zu können, bitte, dann kündige mir doch.“ Heftig war diese Haltung zu Börsenzeiten. Doch da waren die Kunden auf meiner Seite. „Wir wollen nicht, daß er gute Anzüge trägt, sondern wir wollen seinen K o p f. Wenn Sie meinen, auf den verzichten zu können… ich kann mein Geld auch anderswo hin verlagern.“ So einer aus meiner ‚main clientel‘ zu meinem Chef. Der wollte keine 60 Milionen verlieren und ließ mich also, knirschend, gewähren.
      Damals stand aber keine Familie im Hintergrund.

      Daß ich, sollte ich so einen ‚bürgerlichen‘ Job tatsächlich wieder aufnehmen, dennoch Die Dschungel weiterführen werde und in derselben Radikalität, wird mögliche Arbeitgeber obendrein davon abhalten, sich auf mich einzulassen. Aber wir werden sehen. Es geht ja um den „Kopf“, nicht um „Anzüge“.

    • a. sagt:

      Das, was Ihre früheren Kunden… …da schrieben, ist wirklich klasse! Ich glaube, um so was würde Sie manch lebenslanger Anzugträger glühend beneiden. Ihre Aversion gegen ein Dasein als „Hausmann“ ist natürlich konsequent. Vielleicht wollte ich ja nur wissen, ob Sie das direkt mit männlichem Stolz begründen oder ob Sie versuchen, ein bisschen drumrumzureden… 😉 Als ein Beispiel aus weiblicher Sicht kann ich noch hinzufügen, dass ich bisher niemals einen „Hausmann“ wollte. Einmal war ich kurz davor, einen Mann in diese Richtung zu zerren – zum Glück hab ich rechtzeitig die Notbremse gezogen und gemerkt: Meine Beziehung ist kein politisches (in diesem Fall: feministisches) Statement.

  2. Ede Kowalski sagt:

    Es scheint bei Ihnen ein Ritual zu werden, immer um die Weihnachtszeit herum, die persönliche materielle Situation zu beklagen.
    Ich wünsche Ihnen bessere Zeiten!
    Ihre Haltung bezüglich Ihrer Kunst ist nachvollziehbar, selbst wenn mir – wie bei meinen Vorrednern – der eine und der andere Künstler in den Sinn kommt, der den Spagat schaffte zwischen Broterwerb und Kunst, ohne an Haltung oder das Gesicht zu verlieren.

    • @ Kowalski. Ich verlor das Gesicht? *Lacht auf. – Und Sie sind überdies ungenau: Über meine materielle Situation habe ich zu jeglichen Jahreszeiten gesprochen und geschrieben. Es gibt keinen Gunrd, das nicht zu tun, und es gibt keinen Grund, sich für sie zu schämen. Vielmehr gibt es vierlei Grund, ihretwegen wütend zu sein – aber zugleich auch die Angst, die ich ihretwegen habe, einzugestehen. Ich kann darin keinerlei Gesichtsverlust sehen.
      Was nun Ihre „Freunde“ anbelangt, die es besser hinbekommen hätten als ich – wissen Sie, das ist so ins Leere gesprochen, so ohne Beispiel und Belege… man müßte denn sehen, welches Arbeitspensum geschafft wird und wieviel denn tatsächlich vorliegt, gelungen vorliegt usw. usf. Daß es große Autoren, etwa Kafka, Döblin, Benn, immer wieder gegeben hat, die von einem Brotberuf lebten, ja daß das geradezu die Regel ist, ist davon unbenommen. Der Schriftsteller als Hauptberuf ist sogar sicherlich eine neuzeitliche Erscheinung, die auch ökonomisch funktionieren kann, aber nur, wenn man sich am Markt ausrichtet. Das habe ich nie als Ziel gehabt, sondern als Ziel gehabt, von meiner Arbeit o h n e das leben zu können – wohl wissend um den inneren Widerspruch, den das bedeutet. Es ist ein bewußter Kampf, zu dessen einer Waffe unterdessen dieses Literarische Weblog wurde. Kein Mensch kann sagen, ob diese Waffe nicht zu einer werden wird, die meinen Feldzug schließlich siegreich macht, oder ob ich schließlich unterlegen sein werde. Es ist ein Risiko. Zu diesem Risiko gehört, meine Leser wissen zu lassen, wie es ökonomisch steht und daß keine Art Kampf ohne Wunden abgeht. Von diesen Wunden schreibe ich a u c h – und auch darin ist mir ein Gesichtsverlust nicht kenntlich. Daß diese Haltung gegen einiges verstößt, was die „Moral“ der bürgerlichen Gesinnung für gut und richtig hält, ist mir bewußt. Und es ist einkalkuliert. Die Frage für meine Leser, wenn sie mit solchen Konflikten konfrontiert werden, ist deshalb einfach die: Was sind mir diese Arbeiten wert? Es gibt nicht wenige, die dazu eine sehr deutliche – t ä t i g e – Auskunft erteilt haben. Und es gibt ein paar wie Sie, die permanent mit Schmutz werfen möchten – so daß man sich fragt: warum tritt der Herr Kowalski – der vielleicht mit >>>> fremde ‚liierter‘ ist, als beider Masken es zugeben möchten – seinen Fuß immer wieder hinein in das, was ihm doch Schlamm ist… Er könnte doch sauberen Schuhs a n d e r e Straßen begehen. Aber nein.

      Ob einer an Haltung oder das Gesicht verloren hat, zeigt sich im übrigen ausschließlich daran, was schließlich das Werk ist. Was einer – und/oder eine – schließlich hinterläßt.

    • Markus A. Hediger sagt:

      Sie betreiben eine ganz merkwürdige Mystifizierung des Dichters als das, was er hinterlässt. Ich bemerke das nicht zum ersten Mal und ich komme nicht umhin, mich immer wieder zu wundern. Die Inbrunst, mit der Sie auf Ihre Hinterlassenschaft, Ihr Werk, hinweisen, erinnert mich an jene, mit der sich fundamentalistische Christen ans Letzte Gericht klammern.
      Nehmen Sie mir das bitte nicht übel. Aber es erstaunt mich ausgerechnet bei Ihnen, diesen Zug wiederzufinden. Ausgerechnet Sie, der nicht müde wird, das Hohelied des Lebens zu singen. Müsste – aus Ihrem radikalen Einstand fürs Leben heraus – für Sie der Wert Ihres Werkes nicht ebenso im Jetzt verankert sein?

    • @ hediger. Sie haben ganz recht. Es ist sogar noch schärfer zu formulieren: Ich bin geradezu getragen von der Vorstellung der Hinterlassenschaft. Das ist nicht nur eine Tendenz.
      Gehe ich mal zu mir (= meinem Werk) in Distanz und schaue die Dynamik an, so hat sie sicherlich auch eine psychologische Seite. „Ihr verweigert meinem Werk die ihm in angemessenem Umfang zustehende Anerkennung, die sich nicht zuletzt ökonomisch ausrücken muß. Nun wohl, dann geht es auch ohne Ökonomie. Ich werde mein Werk auch durchdrücken, wenn ihr es nicht wollt, und sei es, daß das erst nach meinem Tod gelingt.“ Wobei bei einer solchen Haltung – und dem hybriden Character, den sie zweifellos hat – immer mitzudenken ist: „Ihr lehnt m i c h ab, als sozialen Störfaktor, als anders usw.; ihr habt mir den Krieg erklärt, aber ihr täuscht euch, wenn ihr glaubt, ihn zu gewinnen.“ Darin schwingt Gustav Mahlers pathetischer Ausruf mit: „Meine Zeit wird kommen!“ Er hatte recht.
      Das ist, ganz sicher, das eine.
      Das andere ist, daß der Wert eines Werkes logischerweise im, wie Sie schreiben und zu Recht fordern, Jetzt verankert i s t – das ist es aber sowieso; nämlich gehört Ablehnung – wie Anerkennung – zum Jetzt dazu. Ja, ich singe ein ständiges „Hohelied des Lebens“, aber meine Vorstellung von Leben ist die eines unentwegten Kampfes, nicht etwa eines harmonischen, friedlich strukturierten Seins. Ich glaube auch nicht, daß Friede jemals w i r d – jedenfalls nicht, solange die Lebenskräfte nicht stillgesetzt sind. Sondern es wird immer den Aufeinanderprall und das sich-Verwühlung und oft die gegenseitige Begattung von genetischen Strukturen geben, die zu Neuem führen und bei dem das stärkere Prinzip sich durchsetzen wird. (‚Stärke‘ ist hier w e i t gefaßt und meint nicht nur die Physis). Sie wissen, mit welch einer zähen Gewalt sich das Christentum durchgesetzt hat, beharrlich und beharrlich, opfernd und opfernd und umbringend und umbringend. Heute ist es ein Pfeiler der von uns so verstandenen Humanität; ohne das Christentum – dessen >>>> ganze Fährte eine einzige Blutspur ist – gäbe es das Menschenrecht nicht und schon gar keine grundgesetzlich verankerte Freiheit des Individuums. Dies jetzt nur als Hinweis darauf, wie ich ‚Kampf‘ verstehe.
      In die hunderttausendfachen Bewegungen solcher Strukturen gehört mein Werkbegriff mitten hinein; w e n n ich etwas „hinterlasse“, dann ist das etwas, das nicht nur post mortem w i r k t, sondern das sich von seinem Urheber ablöst und ganz unabhängig von ihm, weil er dann ja tot ist, die Fantasie und das Fühlen und Denken späterer Menschen weiter und immer weiter entzündet. Hieran erkennt man ‚Kunst‘. Es ist sogar wahrscheinlich, daß Kunst überhaupt erst n a c h dem Tod eines Urhebers werden kann. Alles, was zu Lebzeiten mit einem Werk geschieht, ist immer auch auf persönliche Faktoren – wie Zu- und Abneigung, sowie sozialpolitisches Kalkül – bezogen. Das entfällt, ist der Urheber tot. Das wird schlichtweg uninteressant, ob man ihn ‚mag‘. Richard Wagner ist dafür ein ziemlich gutes Beispiel, >>>> Céline auch; der war mit völliger Sicherheit Faschist, und zu seinen Lebzeiten m u ß t e das die Werkbetrachtung und -einschätzung ausgesprochen mitbestimmen. Im historischen Abstand wird diese Einschätzung aber eine andere, nicht die der Person, sondern die des Werkes. Das gilt für nahezu alle großen Künstler, ob man sie zu Lebzeiten mochte, ob sie zu Lebzeiten Erfolg hatten, ob sie gemieden waren – oder ob nicht. In diesem Sinn vertraue ich auf Nachwelt.
      Zur Mystifizierung noch: Ich habe das Gefühl einer ständigen Entwicklung, einer persönlichen, die sich im Werk aber manifestiert und vom Werk gar nicht abzulösen ist. Und: Ja, für mich ist künstlerisches Arbeiten tatsächlich – und wird es immer mehr – der Ausdruck einer letztlich religiösen Existenz. Ich schreibe ja nicht, um ‚aufzuklären‘ oder um moralische Normen zu setzen, bzw. um sie zu stützen. Das ist mir letztlich alles egal. Sondern es geht mir um den Akt der Arbeit; es geht mir um ‚Schöpfung‘; und Schöpfung h ä l t sich nicht an Moral. Die ist ihr völlig egal. Das ist auch eine Form des Liebesaktes (bitte ebenfalls Vosicht mit harmonisierenden Vorstellungen; der Liebesakt ist für mich immer auch Geschlechterkampf), und Kinder entstehen daraus: Sie geben weiter. So das Werk. Ich habe an anderer Stelle geschrieben, als es um den Hauptvorwurf des Islams an den Westen ging – „Ihr seid gottlos!“ -, daß das falsch sei. Der Gott des Abendlandes ist die Kunst; in ihr liegt sein eigentlich Religiöses, das, was es weitergeben wird, das, ‚was bleibt‘: das Werk. Wobei auch das nicht monotheistisch, sondern heidnisch-vielgestaltig zu verstehen ist: Der Kunstgott ist viele und höchst uneindeutig.

      [Kunsttheorie.
      Kybernetisher Realismus.]
    • Markus A. Hediger sagt:

      Herzlichen Dank für die ausführliche Antwort, sie hilft mir, meine Frage noch etwas klarer zu fassen, bzw. herauszuarbeiten, was ich noch nicht ganz verstehe:
      Sie trennen in Ihrer Antwort sehr scharf zwischen Ihnen als physischer Person und Ihrem Werk. An anderen Stellen in diesem Weblog affirmieren Sie jedoch immer wieder eine Identität zwischen Ihnen als Mensch aus Fleisch und Blut und Ihrem Werk. Wenn Sie an dieser Vorstellung auch in diesem hier diskutierten Zusammenhang festhalten, dann handelt es sich hierbei um eine Heilslehre, wie sie im Buche steht (und die Parallelen zur christlich katholischen sind dann schwindelerregend und beängstigend: Der Künstler überlebt seinen Tod, seine Seele – sein Werk – ist unsterblich, erst nach dem Tod ist Erlösung bzw. Anerkennung möglich etc.)

    • Daß dies ein stark katholisches Element hat, ist nicht zu bestreiten. Nicht umsonst befasse ich meine Überlegungen zur Moral in einer Rubrik, die >>>> LOYOLA benannt ist. Allerdings ist das wiederum auch nur ein Flirt, weil mein ‚katholisches‘ Element keinen schon gar personalen Gott akzeptiert.
      Die Identität zwischen mir und meinem Werk ist im übrigen keine physische, das ginge gar nicht; insofern ist Ihre Annahme einer auf mich bezogenen Identität des Menschen aus Fleisch und Blut mit dem Werk irrig. Was ich immer wieder schreibe, ist, daß ich-als-Character ohne mein Werk nicht vorstellbar bin, als physiologische Trieb-Existenz aber sehr wohl. Sie können einer Frau nicht ein Buch ins Bett legen und erwarten, daß sie davon schwanger wird.
      Und ein weiteres ist falsch: Nein, der Künster überlebt n i c h t in seinem Werk, er stirbt einfach, punktum, und ist dann g a n z weg – bzw. in Erinnerungen erhalten; aber das ist dann nicht mehr er. Mit anderen Worten: Ich glaube nicht an eine Seele, die unabhängig vom Körper existiert. Die Seele – als die geistige Konfiguration eines Menschen – stirbt m i t dem Körper. Nicht aber stirbt, was sie – ganz wie er – s c h u f. Stirbt der Vater, so mitnichten auch der Sohn. Es geht um Vermächtnis, nicht um Weiterleben, schon gar ein ewiges – was, wenn man dann keinen Körper mehr hat, ja eine ganz grausliche Vorstellung ist. Mir ist es im Gegenteil ein Bedürfnis, daß Seele und Körper wieder in die Erde eingehen, daß sie sich auflösen, und daß ihre Chemie sie nährt. Und so immer weiter. Insofern sind mir und meiner Arbeit eschatologische Impulse völlig fern. Das post mortem wirkende Werk ist keines, das Heil verspricht, sondern es will eben nur weiterwirken und, wie ich einmal anderswo schrieb, das Viele, das das Leben ist, n o c h bereichern.

    • Nein, Herr Kowalski, ist es nicht. Vielleicht höre ich manchmal noch Gras wachsen, wo längst Laminat verlegt worden ist. Nix für ungut.

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