Arbeitsjournal. Mittwoch, der 20. Dezember 2006.

5.52 Uhr:
[Villa Concordia Bamberg.]
Längeres Messenger-Gespräch mit Lilith in Wien, nach langem. Wir diskutierten u.a. >>>> dieses Gedicht, für das sie mir vorsichtig Kitsch vorwarf. Ihr Einwänd hing sich an dem Wort „zugeweht“ auf. Ich opponierte, klar. Schließlich kam ein Lesefehler heraus, bzw. daß die Bewegung vom Persönlichen (dem Aufblicken und Ansehn der Geliebten) zum völlig Allgemeinen („die Schönheit läßt“, dann das letzte „wir“ als eines, das „alle“ und nicht nur den Aufblickenden meint) gar nicht bemerkt wurde. Nur so aber funktioniert das Erschauern. „Erschauern“ kommt, merk ich grade, immer aus einem „Erschauen“. Gut. Des weiteren in der Bamberger „Künstlerkneipe“ >>>> Zschorsch wieder getroffen, der von seiner >>>> Buchpräsentation im Frankfurtmainer Literaturhaus erzählte; dann ging’s wie immer um Concordia-Belange, um Frauen, um Dichtung. Es wurde aber nicht spät. „Du siehst müde aus“, sagte er, „du solltest mehr schlafen.“ Was ich zur Zeit witzigerweise ja tu; offenbar macht d a s mich müde.
Die Arbeit läuft insgesamt stockend. Aber das mag auch an Weihnachten liegen, an dem unstrukturierten Hin und Her momentan und daran, daß ich deutlich auf die sich so vergrößernde Familie konzentriert bin. Außerdem hatte ich, wenn ich so meine alten Tagebücher durchblättre, immer mal solche Phasen. Wobei ich zugleich mit dem Mißbrauchsthema weiter- und weiterbeschäftigt bin, mit dieser Ahnung, es hänge tiefer mit unserer Kulturbewegung-insgesamt zusammen, als wahrgehabt werden soll und vielleicht ‚darf’. Dazu gehen denn täglich einige Briefe hin und her. Außerdem noch meine ständige Überlegung, nach einem Brotberuf zu suchen. Eine Leserin legte mir nahe, Trainer in einem Sportstudio zu werden; sie schreibt den hübschen, mich wirklich ehrenden Satz: „…und aus männlichen Weicheiern könnten Sie Männer formen“. Wir sind uns über die Mißbrauchsdiskussion sehr nahe gekommen in unserer Korespondenz; sie ist selbst ein Mißbrauchs-Opfer (aber eben kein ‚Opfer‘, sondern jemand, die sich aktiv verhält); wie schon bei >>>> June, die nun seit längerem schweigt („…Ich brauchte (und brauche) nur Online-Pause. Ich habe auch den Messenger deinstalliert. Es waren zu viele lange Nächte, zu viele Zigaretten und zu viel Alkohol. Ich brauchte einfach mehr ‚reale Kontakte’…“), sucht ausgerechnet jemand, der mein Machismo an sich entsetzlich sein müßte, das klare, offene, füreinander vorurteilslose Gespräch. Wären doch die meisten Leute im Literaturbetrieb so! Als ich gestern mit >>>> Ricarda Junge telefonierte, deren literarische Arbeit ich so schätze, sagte ich: „Weißt du, vielleicht ist es ganz gut, wenn ich mich mal wieder ein paar Jahre aus dem Literaturbetrieb zurückziehe. Meine Bücher werden ja trotzdem erscheinen, sogar einige, wie’s jetzt ausschaut; aber ich werde dann nicht mehr so auf die Schlange der öffentlichen Anerkennung starren, ohne daß ich doch ein Kaninchen bin.“ Will sagen: einem Kaninchen kann man’s verzeihen…

Insgesamt Aufbruchs-, Abbruchsstimmung für mich in der Villa Concordia. Das Büro steht schon fast leer, es wird dort, glaub ich, der Fußboden renoviert, also arbeitet bis zum Januar dort keiner mehr. Und ich selber packe zusammen, bringe erste Dinge zurück nach Berlin. Wenn ich an die Überarbeitung der >>>> BAMBERGER ELEGIEN gehen werde, irgendwann im Januar nach diesem ersten Korrekturdurchgang von ARGO, mag es noch einmal ein Aufwallen von Hiersein geben, wahrscheinlich aber, wenn, dann auch das erst im Februar, wenn die Zwillinge geboren sein werden. Vielleicht verlege ich meine Arbeit bis dahin wieder in die Arbeitswohnung, auch wenn es da noch keinen DSL-Anschluß gibt. Notfalls geht’s ja übers Mobilchen. Ich werd morgen, in Berlin zurück, mal schauen, ob noch Kohlen im Keller sind. Heut abend nehm ich den einen ICE, der gegen 17 Uhr fährt; der Profi will mich vom Bahnhof abholen, dann werden wir unser letztes Gespräch vor Weihnachten führen.

Die Zugriffszahlen auf Die Dschungel sind, nachdem sie über den Dezember deutlich abfielen, seit drei Tagen rasant wieder angestiegen, geradezu sprunghaft, und nur hauchdünn liege ich >>>> hier wieder unter den „Top100“.

7.47 Uhr:Jetzt läuft die Überarbeitung ARGO aber wieder prächtig! Wenn der drive so anhält, krieg ich bis zum Mittagsschlaf den gesamten Teil III durch…

11.25 Uhr:
… den halben. Hab mich im ‚Packen‘ vertan, da lag ja nur das h a l b e TS von Teil III auf meinem Tisch.
Bis eben weitergemacht. Muß mal unterbrechen. Besorgungen tätigen, was essen, meine Sachen zusammensuchen… Schade.

15.59 Uhr:
Starke innere Unruhe. Um sie zu dämpfen, läuft Tschaikowskis Vierte. Funktioniert aber nicht. Draußen drückt sich die Dämmerung herunter.

21.28 Uhr:
[Berlin. Küchentisch.]
Ganz e n o r m weitergekommen mit ARGO während der Zugfahrt. Irgendwann beruhigte sich diese innere Unruhe; es brauchte ein Telefonat. Aber auch ohne das und vorher war ich starken Willens auf den Text konzentriert. Es hätte schon wirklich Schlimmes geschehen müssen, um mich da wieder herauszubekommen. Jetzt bin ich müde und werde gleich den Profi informieren, daß ich bereits da und für den letzten gemeinsamen Vorweihnachts’drink’ bereit bin.

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