B.L.’s 12.2. – enfant terrible

18.18
Was zu erledigen war, ist erledigt. Das waren heute Vormittag dann sechs Stunden konzentrierte Arbeit. Danach war ich ein wenig verwirrt. Ja doch: verwirrt. Und etwas unruhig. Diesmal bereitete sie das Essen vor, denn sie hat montags ihren freien Tag. Unruhig machte mich das Warten auf das Essen, nicht wegen des Essens, sondern wegen des Wartens in der Küche, sie hin und her gehend, ich ab und zu umrührend. Solche Sachen, nichts weiter. Am liebsten hätte ich mich aufs Sofa gelegt mit einem Buch, um dann nach zwei Seiten einzunicken. Aber das hätte ich nicht machen können in ihrer Gegenwart. Oder besser „wollen“, denn „können“ war schon drin. Auch hatte sie wieder so komische Ideen mit dem Essen: viel zu viel, wo ich doch lieber wenig esse zu Mittag. Na, und dann das Radio, und beispielsweise zum hundertsten Mal U2. Und diese Texte von Liebe und Schmerz und „geh nicht“ und „bleib doch“… Es ist die reinste Marter. Und zuweilen singt sie diese Texte auch noch mit. Es ist die reinste Marter. Wenigstens bellte der Hund nicht nach dem Herrn, weil er wohl selber einsah, daß das Wetter als Mistwetter anzusehen ist.
Als sie dann gegen halb fünf mit den Neffen eintrudelte, hielt ich mich unten eine ganze Weile in der Küche auf. Den Auftakt gaben wie üblich ihre Anweisungen und Verbote. Meist aber Sätze mit „nicht“. (Die sie auch den Tieren gegenüber gern gebraucht). Irgendwann schnappte ich das Buch, das ich gestern angefangen habe (Landolfi: Le Labrene) zu lesen, fing an zu blättern und stieß auf einen Dialog zwischen zwei Zwillingen. Also fing ich an vorzulesen, denn die Neffen sind Zwillinge. Sie selbst hörten zu, lachten auch zuweilen. Aber nach etwas mehr als einer Seite sagte sie: „Sag mal, willst du das jetzt etwa alles vorlesen?“ Ich bat um Entschuldigung und verschwand. Irgendwann kamen die Neffen zu mir in mein Zimmer: ich solle sie fotografieren mit rot angemalten Lippen. Hätte die Tante gesagt. Den Lippenstift in der Hand. Tatsächlich malten sie sich die Lippen an. Und ich machte lustlos und stirnrunzelnd zwei Fotos (die ich allerdings nicht einstellen werde). Ich verstand wirklich nicht, was das sollte.
Und was das Vorlesen betrifft: beim Mittagessen fragte sie noch, was ich denn beim Lesermarathon in Terni am 16.2. coram publico vorlesen wolle, sie würde morgen in der Bibliothek sein und müsse den Text in die Liste eintragen. Ich glaube, ich werde dieses Jahr nicht daran teilnehmen. Letztes Jahr, bei dem ersten Lesermarathon der Ternaner Bibliothek, las ich ein Gedicht von Sylvia Plath vor. Dieses Jahr dachte ich an „Il marinaio“ von Pessoa in der Übersetzung von Tabucchi. Jedem Leser stehen fünf Minuten für die Vorstellung seines „Herzensbuches“ zur Verfügung – dies nebenbei. Ich glaube, die Vorlese-Episode von heute war ausschlaggebend.
Gut: ich bin nachtragend, leicht beleidigt, unsicher, hänge von Bestätigung ab, möchte betätschelt werden, getröstet werden, ermutigt werden… kurz, ein ENFANT terrible.
P.S. Ob ich auch das essen wolle, was sie (die Tante und ihre Neffen) essen. Ob ich mit ihnen esse. (Dabei wollte ich’s neulich schon essen, weil ich Bock drauf hatte, aber sie wollte es zubereiten, wenn mal die Neffen da sind: Fleischbrühe mit Tortellini).
P.P.S. Ich habe das Gefühl, hier stimmt was nicht. Ob bei mir oder ihr, weiß ich jetzt wirklich nicht. Und genau in diese Richtung geht die Eingangserzählung von „Le labrene“ von Landolfi… Ich hätte Lust, sie zu übersetzen!

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