Arbeitsjournal. Dienstag, der 13. Februar 2007.

4.53 Uhr:
[Berlin, Küchentisch.]
Viertel vor vier auf; das Wasser läuft durch die Maschine für den Kaffee; um zehn nach sechs muß ich aus dem Haus, um den Bamberger Früh-ICE zu bekommen. Stelle grad fest, daß ich zuhause, bei der Familie, mein Notizbücherl liegengelassen hab, worin die Anfangszeilen eines kleinen Textes stehen, die ich gestern schrieb und der bis zum Wochenende fertig sein muß. Schad, daran wollte ich heute früh weiterarbeiten; aber gut, ich werd ja morgen bereits wieder hier sein.
Muß zum ersten Mal wieder den große Rucksack mit nach Bamberg nehmen, weil es darangeht, nach und nach meine Sachen wieder nach Berlin zurückzuholen. So war ich über anderthalb Monate immer gekommen, so nun geh ich wieder: mit prall gefüllten Rücksäcken. Als erstes nehm ich Bücher wieder mit zurück, vor allem die Nachschlagewerke, und Musik. Das wird alles in die Arbeitswohnung zurückkommen und wieder einsortiert werden.
Gut. Ich mach mich mal an das Klimawechsel-Gedicht, das mir gestern morgen auf der Schönhauser eingefallen ist und das ich, als ich von der Morgenzigarette wieder hochgekommen war, gleich im Computer skizziert hatte.
Die korrigierten letzten ARGO-Seiten laß ich hier; es wird sie eh UF bekommen. Ich werd sie ihm zur Buchmesse nach Leipzig mitbringen. Oder ich tüte sie am Donnerstag morgen hier schon ein und sende sie raus.
Guten Morgen, Leser. Im Zug fang ich mit der Überarbeitung der BAMBERGER ELEGIEN an, wir hörn dann erst mittags wieder voneinander.

6. 41 Uhr:
[ICE Berlin-Bamberg. Platz opus 111.]
So, sitze drin. Schuhe ausgezogen, die Züge sind mittlerweile zu einer Art Wohnzimmer geworden, Arbeitsräume jedenfalls; und den Arbeitsplatz eingerichtet.Als ich oben an Gesundbrunnen noch etwas rauchend auf- und abging, den Blick auf die Gleisanlagen hinunter und zugleich ins Ferne – auch hier Berlins allererste Typik: R a u m -, fiel mir die Lösung eines rhythmischen Problems ein, das die Elegien wortwörtlich von Anfang an begleitet hat: nämlich daß die erste Zeile (Wo aber bleibt das bleibende Tier?) ein Vierfüßer und nicht etwa, wie alles weitere, hexametrisch ist. Nun ändre ich d ahin:

Wo aber bleibt das bleibende Tier? Ein gebliebenes ist es,
wie das Ozon, gewesenes, das uns davonging? Erblindend
sehen wir noch firmamentweit, dann wird es dunkel. So floh es?
Und es kauert, die Bindehäute verkrustet, zum Sterben?
Wo denn? Und Welt? Wo bleibt sie, wenn Geist uns von Körpern ganz ablöst?

11.19 Uhr:
[Villa Concordia Bamberg.]
Nur an der Überarbeitung der Ersten Elegie gesessen, und es läuft gut. Der Text modelliert sich zunehmend plastisch, Ungereimtheiten verschwinden; besondere Lust bereitet es, Motive der späteren Elegien als Leitmotive bereits hier einzubauen… und mitunter wird ein Schwärmen sehr heftig, dann laß ich‘s im Satz abbrechen, dort, wo das Feuer am eruptivsten ist, mach einen Absatz, komplettiere aber in der neue atemholenden Zeile den Hexameter aber und lasse den Fluß wieder neu anschwellen. Dabei ist besonders wichtig, daß ich die Partizipialformen, die der Hexameter im Deutschen immer wieder erzwingt, fast umgangssprachlich auflöse, ihn selbst aber streng beibehalte, also die Form selber n i c h t breche, wohl aber den Hohen Ton, den solche Partizipien in der Lyrik allzuschnell annehmen.
Meine Planung ist jetzt, jede Elegie mit einem Pentameter zu beschließen, bzw. dort, wo Leerzeilen hinter vollständigen Versen eingefügt werden, deren jeweils letzte pentametrisch zu fassen.

Als ich in mein Studio trat, huschte, da ich die Terrassetür sah, an deren Außenscheibe mein Junge eigene Zeichnungen geklebt hat, ein wundervolles Gefühl durch mich und wurde unmittelbar Lächeln.Ich habe mir einen Cappuccino aus Granulat bereitet und eine Zigarre angesteckt und werde, nachdem die Post gecheckt ist, sofort mit der Ersten Elegie weitermachen. Ist die Überarbeitung fertig, stelle ich den Text zu Ihrem Vergleich in Die Dschungel ein; allerdings wird es immer noch nicht die Version sein, die dann im Herbst als Buch erscheint. Sondern d a zwischen liegen dann noch das Lektorat und wahrscheinlich eine Dritte noch einmal rundum revidierte Fassung. Was diese anstehende jetzige Zweite Fassung anbelangt, so hätte ich gerne jeden Tag eine Elegie fertig. Wolln wa ‘ma sehn.

22.21 Uhr:
Mit einstündiger Unterbrechung wegen des hiesigen jour fixes, bei dem es heute den (gar nicht schlechten) Film einer Schülergruppe zum Thema WAS IST KUNST gab, hab ich bis eben über der Ersten Elegie gesessen und bin sogar fertiggeworden, also mit der (immer noch vorläufigen) Zweiten Fassung. Bevor ich den Text in Die Dschungel einstelle, will ich aber noch mal auf dem Papier korrigieren; habe ihn gerade ausgedruckt. Wenn Sie die Änderungen vergleichen wollen, können Sie >>>> hierüber zur Ersten Elegie in der Erstfassung springen. Ich leg aber jetzt nicht j e d e s Mal einen Direktlink, sondern bedienen Sie sich später einfach der Search-Funktion. Wer will, findet i m m e r.

23.12 Uhr:
Hier jetzt der >>>> Link zur Zweiten Fassung der Ersten Elegie. Eigentlich soll man ja so lange Texte nicht ins Netz stellen, weil das vorgeblich niemand liest. Na, „sehn wa ‚ma“ zum zweiten.

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