B.L.’s 16.2. – Flöze

17.52
Du weißt schon, Leser, es ist Dämmerstunde, die bzw. der Lampe wird angezündet. Es geht wieder darum, in den Tunnel hinabzusteigen, der unter dem Tag verlief und ihn unterhöhlte. Untertagearbeit, abtäufen, Stollen, Schlagwetter, und was der Bergbauvokabeln noch mehr sind. Ich kenne sie nur flüchtig als gebürtiger Flachländer, dem als unterirdische Produkte einst nur Kartoffeln, Rüben, Mohrrüben und Radieschen wurden. Also kein Helm auf dem Kopf und über dem schwarz gesprenkelten Gesicht. Und Lengede wird zur fernen Legende, die mir nun plötzlich von eingeschlossenen Bergleuten erzählen will: eine über die Vermittlung der BILD-Zeitung den Knaben einst beeindruckende Geschichte. Was soll ich aber unter der Erde, sprich? Beim Abschreiben alter Tagebuchfetzen kam ich allerdings in einen Tunnel, der scheinbar bereits zwei Jahre nach meinem Umzug zu ihr seinen Anfang genommen hatte. Eine Feststellung, die mich nicht wenig erschreckte. Und dachte: Der Sprung damals war zu groß, als daß ein Sprung zurück möglich gewesen wäre. Wahrscheinlich war meine Haltung diese: beiß die Zähne zusammen, es wird und muß besser werden. Und ich erinnere mich noch, wie ich mich selbst fühlte, damals, als ich ihrer noch gewiß war: Mein Gang, mein Selbstgefühl, mein Alles war ein Stolzieren, ein schönes Ich-Sein. Dem Alltag soll man nicht trauen, noch ihm Bedeutung beimessen. Sie gab ihm eine exzessive Bedeutung. Sie machte die Beziehung vom Alltag abhängig. Ich lese es in diesen Aufzeichnungen, in den Erinnerungen an all das Unangenehme, das gewesen ist. Ihre Erwartungen („… fing gar an zu weinen. Der Lärm, keine Freiheit, die Wohnung unkomplett. Beim Grappa beruhigte sie sich etwas. Als im Bett Zärtlichkeiten aufkamen, unterbrach sie sich, weil sie irgendwie etwas gehört hatte.“ [1987]) sind wohl die Tunneleingänge gewesen, in denen wir immer noch nach dem rechten Weg suchen. Ihn aber wohl gemeinsam nimmer finden werden, weil wir ihn zuvor nicht gefunden haben. Das stimmt mich traurig. — Ansonsten dachte ich heute, eine Wohnung in Piediluco am See wäre gar nicht so schlecht: Ich könnte dann im Testament verfügen, alle meine Habe im See versenken zu lassen! Und meine Asche dazu… am Fuß des heiligen Hains und gegenüber die „Madonna dell’Eco“… was mehr? Bin eine Trvtz-Nachtigal!

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