Masochismus im BDSM.

Ist Selbstbestrafung von fremder Hand. Auch dies spricht für >>>> die Abgabe der inneren moralischen Instanz an einen Andern.

(CDXXXVIX).

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9 Kommentare zu Masochismus im BDSM.

  1. svarupa sagt:

    „Karthatische Reinigung durch affektive Erschütterung“… es gibt da eine Theorie des „Spiels“, ich muß mal schauen, wo ich das Buch gelassen habe. Es ist wie eine Reinigung; ich glaube, viele Menschen fühlen sich danach wie neu geboren… das hält eine Weile an, und dann ist die nächste „Reinigung“ fällig. Mich interessiert dieses Thema deswegen, weil ich will wissen will, warum Menschen sich wie verhalten. Ausgelöst wurde mein Interesse durch die 15jährige Arbeit in einer Frauengruppe, in der Frauen sich in den verschiedensten Situationen immer so verhielten, dass sie immer wieder diese „Reinigung“ herbeiführten, egal auf welche Art und Weise (unter anderem auch die devote Position im BDSM).

    • Das Kathartische durch Schmerzerleiden ist tatsächlich ein altes, vor allem ja auch religiöses Phänomen. Etwa an die Flagellanten zu denken und die hundertfachen Selbstkasteiungen in nicht-christlichen Religionen. Zum einen schüttet der Körper Morphine aus, also Rauschmittel, die Schmerz als lustvoll wirken lassen, die aber vor allem auch zu den religiösen „Erscheinungen“ führen können. „Devot“ kommt ja von „deus“ und bedeutet „gottesergeben“. Das ist aber nicht, was mich interessiert. Flagellanten wie Cutter nehmen die Selbstkasteiung ja selber vor. Mein Augenmerk liegt hingegen auf dem Prozeß der psychischen Stellvertreterschaft: daß jemand jemanden anderen die Selbstkasteiung vornehmen läßt. Dies ist für mich das eigentlich Spannende. Wiederum das hat etwas von Priesterschaft: Der Priester schlägt im Namen Gottes (in meiner Lesart: des Über-Ichs des Masochisten) und erteilt ihm dadurch Absolution.

      [Jetzt muß dieser Beitrag eigentlich unter LOYOLA stehen.]

    • svarupa sagt:

      Über das Abgeben der „Bestrafung“ habe ich viel nachgedacht. Bei einigen Frauen in der Gruppe war es tatsächlich so, daß sie sich für ihre eigene „Weiblichkeit“, für ihr „Weib-Sein“ bestrafen wollten, diese ihre Weiblichkeit war etwas so Schlechtes für sie, daß sie immer wieder diese „Reinigung“ brauchten, und diese Reinigung ließen sie dann eben (im BDSM) von jemand anderem durchführen. In der Gruppe gab es fünf Frauen, die diese Reinigung als „Devote“ immer wieder vornehmen ließen. Ich hab‘ da einiges gesehen Herr Herbst, es war teilweise schlimm. Zwei Frauen begingen später Selbstmord, diese Art Reinigung brachte irgendwann nicht mehr den geforderten Effekt; genau das Verhalten betrifft meiner Meinung nach die Thematik des „unbewußten Handelns, des sich Ergebens und des unbewußten Überlassens der Bestrafung durch einen Anderen“… das war auch das, was ich meinte Herr Herbst, auf dieser Basis der Unbewußtheit sexuelle Lust?… für mich persönlich nicht, aber ich kann dieses Verhaltensmuster inzwischen nachvollziehen.

    • derselbe sagt:

      Thanatos/Eros Das Vergessen, dass Hingabe zum Masochismus gehört, lässt mich das hier Gesagte nicht umfassend anerkennen. Es ist auch hier die Paracelsische Gifttabelle hinzuzufügen, nämlich, dass es jeweils die Dosis macht. Die Plusminuseffekte sind, auch wenn wir längst aus einer dualistischen Welt herausgetreten sind, nicht abzuleugnen und schon gar nicht auf ein moralisches Gebaren zurückzuführen. Das wäre zu viel in einen Topf geworfen, dabei hängt derlei Aussage davon ab, ob man Masochismus (BDSM überhaupt) psychologisieren will oder nur darüber philosophieren.
      Damit widerspreche ich aber nicht etwa der katharstischen Reinigung, sage nur, dass damit nichts hinreichend erklärt ist.
      Dann: lese ich immerwieder von christlich geprägten Erläuterungen. Faktum aber ist, dass eine Schmerzerfahrung, Schmerzentwicklung, der ganze Devotismus so alt sind wie die Menschheit selbst. Gesehen im göttlichen Anspruch nimmt das Christentum dann auch nur einen kleinen Aspekt ein, wichtig in der Untersuchung aber, wenn es um Perversion geht, da macht dieser Sektierung niemand etwas vor.
      BDSM ist, wenn man so will, die Basis Thanatos/Eros in moderner Zerlegung.

  2. ksklein sagt:

    „…war es tatsächlich so, daß sie sich für ihre eigene „Weiblichkeit“, für ihr „Weib-Sein“ bestrafen wollten, diese ihre Weiblichkeit war etwas so Schlechtes für sie, daß sie immer wieder diese „Reinigung“ brauchten, und diese Reinigung ließen sie dann eben (im BDSM) von jemand anderem durchführen…“

    Ich kenne auch ein paar Damen, die den devoten Part in einer BDSM- Beziehung übernommen haben. Die individuellen Gründe dafür kenne ich nicht.
    Allerdings habe ich bei keiner von ihnen das Gefühl, sie würden sich für ihre Weiblichkeit oder ihr „Weib-Sein“ bestrafen wollen.
    Ein spannendes Thema!

    • @ksklein. Ich denke nicht, daß sich devote Frauen für ihr „weiblichSein“. Bestrafen (lassen) wollen. Das ist viel zu abstrakt und erklärte auch gar nicht die Menge devoter Männer. Es geht um etwas anderes, – aber in jedem Fall, meine ich, darum, jemanden anderes zum ausführenden Organ der Selbstbestrafung zu machen – bzw. darum, Verantwortung abzugeben. Letztres trägt offenbar die zumindest nachher verspürte Befreiung.
      Seien Sie willkommen in diesen Diskussionen. Und in Der Dschungel sowieso.

  3. ksklein sagt:

    @albannikolaiherbst Vielen Dank für das nette Willkommen.
    Sicherlich geht es bei einer BDSM-Beziehung auch darum Verantwortung abzugeben. Ich habe einige Freunde und Bekannte die sich in dieser Szene wohl fühlen und da mich das sehr fasziniert lass ich mich stets informieren ;). Nachvollziehbar finde ich den Wunsch jemandem so sehr zu vertrauen, dass man ihm vollständig das Sagen überlässt. Es muss wunderbar sein, jemandem die volle Kontrolle zu überlassen – mit dem Wunsch und demWissen, er werde einem nur „Gutes“ tun.
    Nur in den meisten – mir bekannten Beziehungen – gehen die Vorstellungen der Beteiligten weit ausseinander und es gibt schnell Schwierigkeiten. Und die verspürte Befreiung lässt sehr schnell nach.
    In einigen wenigen Fällen kommt es allerdings schon vor, dass sich beide Beteligten sehr gut tun – egal auf welche Weise das nun geschieht. 🙂

    • ksklein sagt:

      PS: Und ob das immer eine Selbstbestrafung ist?

    • @ksklein. Selbstbestrafung. Um das einschätzen zu können, müßten wir uns über den Begriff (also seinen Inhalt) des „Selbst“es verständigen. Masochismus trägt ja etwas an sich selbst a u s – l ä ß t austragen; aber das muß durchaus nicht das Ich selber sein, sondern ist wahrscheinlich eine innere Repräsentanz, die „bestraft“ wird – Repräsentanz von etwas, das, glaube ich, ursprünglich ein Äußeres war. Die perverse Drehung daran ist darüber hinaus nicht nur d i e s, sondern auch der biologische Aspekt, nämlich daß bei bestimmten Zufügungen von Schmerz körpereigene Morphine ausgeschüttet werden, die dann a u c h zur Lust führen. Dieses „darüber hinaus“ finde ich allerdings in d i e s e n Diskussionen weniger interessant. Ich sitze ja an einer Kunst-Theorie und parallelisiere den Effekt des Kathartischen mit Lust-Effekten von BDSM. Ich habe den Instinkt, daß in beiden Bereichen eine ganz ähnliche Dynamik wirkt. Wenn Sie ein wenig die hiesige SEARCH-Funktion nutzen und die BDSM-Einträge durchschauen, werden Sie schnell merken, in welche Richtung meine Argumentationslinie geht. Daß der von mir vertretene, bzw. sich allmählich ausentwickelnde Grundgedanke innerhalb des Kunst-, bzw. Literaturbetriebs auf Widerstand stößt, entspricht dabei der banalsten Erwartung.

      [BDSM.
      Poetologie.]

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