Frühjahr & Ostern. Private Rituale. 5. April 2007. montgelas.

Ostern ist halt kein christliches, sondern ein tief-heidnisches Fest, eines fürs Leben. Die Christen haben draus eines für den Tod gemacht.
(aus einer Mail von ANH)

Hier liegt ein Missverständnis vor, meine ich. Wird Ostersonntag nicht Auferstehung gefeiert und tritt da das Leben nicht vergöttlicht aus dem Tod.?
Ich kann mit dem geschlagenen Jeschuah, der geschundenen Kreatur mitleiden,
>>>Bulgakow hat in seinem Roman „Der Meister und Margarita“, eine wunderbare Karfreitagsnovelle eingebaut, die das Wort Schuld nicht kennt -, aber prägend war, ist das Kreuz für mich nicht. Österlich, im Sinne einer persönlichen Zeitenwende, stimmt die wilde Musik Strawinskys in „Le sacre du printemps“. Die Rückkehr des Frühlings. Die Überlagerung heidnischer Frühjahrsbräuche durch Ostern erlebe ich, Jahr für Jahr, ästhetisch: Bachs Matthäus-Passion. (Oh, Pier Paolo, warum musstest Du so sterben?!) Pounds männliches >>>„Ich hab‘ ihn von der Honigwabe essen sehen,..“ und der P a n t o k r a t o r von Cefalu… König Rogers Abbild, das mich zu seinem Enkel, „Stupor Mundi et Immutator Mirabilis“, Friedrich II. entführt. Audio und Videosequenzen, wie in einem Film von Godard, drängen hervor. Ich kann ihnen nicht entfliehen. Ein kindlicher Aberglauben, dass alles gut und alles neu werden wird, nimmt Platz. Die Dialektik von Utopie und Realität blitzt auf, wenn ich dann Ostermontag zum wiederholten Mal, >>>Werner Krauss Gedicht
„Die Schattenlosen“ lesen werde, das er in der Todeszelle von Plötzensee schrieb.

Die Schattenlosen

Und Freude geht durch alle Menschenräume
Von Licht und Luft wie nie zuvor durchflutet.
Das Leben hat die Mauer abgerissen
Und sich vergöttlicht, wo der Mensch nun weilt.
Sie sitzen in der Loggia sich gegenüber
Und sehen Mann und Frau sich ins Gesicht.
Die Vorwelt huldigt ihrem freien Sinn
Die Kinder nehmen teil an ihrem Stolz
Um auf den Schultern der Erwachsenen
Das Gold des Horizonts zu erhaschen
Der ihnen zusteht und verschrieben ist.
Es nennt sich das Jahrhundert nicht umsonst
Mit einem Namen, der dem Schicksal winkt;
Jahrhundert für das Kind.
Das Leben hat vom Tod sich abgespalten,
Den Schattenzug vermessen übersprungen.
Doch was wir fliehn, das holt uns immer ein.
So findet man sich plötzlich gegenüber
Dem grämlichen Gespenst an jeder Schwelle
Das jeden Fortgang in die Freiheit wehrt
Und seinen Freiplatz überall behauptet.
Es greift den Menschen unvermutet an.
Der Himmel seiner Stirn verfinstert sich
Und seine Rede hält beklommen inne.
Die Angst verwirrt den Faden der Gespräche.
Die heilige Stille bricht im Streit entzwei.
Und wie die Pest treibt sich das Übel um,
Soll man ihm opfern? Soll man es beschwören ?
Man ist zu jeden Götzendienst bereit,
Doch hat man seinen Namen lang vergessen.
So nennt man es bei dem, was ihm begegnet;
Die Sorge, die vertreibt was man besorgt…
Wenn auch die kundige Regie sie stets
In einem Nebenraum gefangen hält;
Zur Magd erniedrigt, bleibt sie unvertrieben.

Allen Leserinnen und Lesern schöne Feiertage.
Und, beinah hätte ich es vergessen,
viele herzliche Grüße von meinem Freund Paul, der mit Grippe im Bett liegt.

P.S. Mehr zu >>>Werner K r a u s s Leben hier.

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