Arbeitsjournal. Sonnabend, der 24. November 2007.

5.35 Uhr:
[Arbeitswohnung.]
Es geht um diese eine Zeile, da hab ich mich festgehakt, da find ich keine Lösung:

Brutmaschinen, Orchiˇdeen, allesdas zweifach
/ – / – / – (-) / – / – – / –
denn die Folgezeile steht:beide die Frauen dem ausge(v)liefert, die eine in Bremen
/ – – / – – / – (-) / – – / – – / –
Trochäen sind ja bedingt erlaubt, nicht aber auf dem fünften Versfuß. Hinzu kommt, daß mein rhythmisches Gefühl „Brutmaschinen, Orchideen“ ganz anders betonen würde, nämlich Brutmaschinen, Orchideen
/ – – – – – / –
Das bräche den Hexameter dann aber völlig, obwohl es sehr viel schöner wäre und der eigentlichen Betonung der Wörter entspräche; ein Wort, das aus einer betonten und d r e i unbetonten Silben besteht, k a n n gar nicht in einen Hexameter passen; bei fremdwortigen Namen wie „Orchideen“ gilt sowieso, daß mit zwei unbetonten Silben begonnen wird. Sowas läßt sich freilich auffangen, nicht aber eben, wenn das Ungetüm „Brutmaschinen“ direkt vorangeht. Jetzt suche ich nach einem anderen Ausdruck, dessen naheliegendster „Brutgeräte“ ist; das holt mir allerdings wieder einen Trochäus herein und löst das Problem auch nur dann (und eben nur halb), wenn „geräte“ betont wird. Meine Betonung soll aber einzig auf „Brut“ liegen. Hm. Daran hing ich gestern über sechs Stunden.
Guten Morgen. Kein allgemeines Gerede heute, ich hab zu tun.

6.23 Uhr:
Bei Keuschnig einmal mehr >>>> ästhetisch Interessantes.

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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3 Antworten zu Arbeitsjournal. Sonnabend, der 24. November 2007.

  1. Titus sagt:

    Formaler Zwang Fassen Sie Folgendes bitte nicht als Kritik an Ihrer Vorgehensweise auf, sondern als zusätzlichen Gedanken.
    Es scheint mir, als würden Sie sich ausbremsen, indem Sie so sehr an rhythmischen Vorgaben festhalten. Verfolgt man Ihre dichterische Arbeit über einen längeren Zeitraum hinweg, drängt sich der Eindruck auf, daß das selbstangelegte formale Korsett für den Beginn (und möglicherweise für einzelne Projekte) dienlich war, in vielen anderen Fällen aber dämpft es die dichterische Ausdruckskraft, die Ihnen zu eigen ist. Formaler Zwang kann gut sein, aber die Freiheit, ihn auch links liegen lassen zu können, ist von großer Wichtigkeit. Behaupte ich. Aber damit öffnet sich das Feld für Grundsatzdiskussionen und es ist nicht mein Anliegen, Ihnen hier zu widersprechen. Es war mir eher ein Anliegen, obigen Punkt einmal zur Sprache zu bringen, da mir das extreme Festhalten an Regelwerk nicht unbedingt die dichterische Qualität zu verbessern scheint.
    Ich wünsche ein gutes Wochenende. MfG, T.

    • @Titus. Danke. Ich verstehe Ihren Einwand gut, habe auf ihn auch nur eine Antwort. Sie lautet:

      Es ist jetzt an der Zeit.


      Um Ihnen das ein wenig zu erklären: Ich habe in über dreißig Jahren literarischer und poetischer Arbeit fünfzehn Bücher, zahllose Hörstücke und vielerlei weiteres vorgelegt, das sich in eine bestimmte, sicherlich eher konservativ-formale, Richtung entwickelt hat. Ausgesprochen verschiedenartig Ausdrucksformen, von heftigen Expressionismen über karges, zurückgenommenes, ja kaltes Erzählen bis zu sog. „einfacher“, planer Narration sind dabei entstanden. Ich beherrsche das alles, und ich mag mich nicht wiederholen. Also lege ich mein Augenmerk auf etwas, das ich noch nicht beherrsche, und übe mich daran, b i s ich es beherrsche. So habe ich das im übrigen mein Leben lang gehalten: niemals etwas (auch formal) ein zweites Mal tun; das erste Mal muß in beiderlei Lesart genügen. Danach werde ich abermals weitergehen. Jetzt, so mein poetischer Instinkt, ist es Zeit für die strenge Form. Ihr gehe ich seit rund zwei Jahren nach. Daß ich dabei schließlich bleiben werde, ist unwahrscheinlich, aber die Form selbst muß erst restlos inhaliert sein.

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