Charlotte von Lusignan. Auf ein Bild von John Collier.

(Es ist Charlotte nichts zugestoßen. Glauben Sie mir. Jedenfalls nichts, was sie nicht schon kannte. Woran sie sowieso gewöhnt war. Ich habe bloß einen Fehler gemacht, das ist alles. Und doch wieder nicht. Nur hat jetzt alles eine andere Ordnung. Ich habe verloren und gewonnen und so ein esoterisches Gefühl. Aber bitte. Sie sind wegen dieser dummen Anzeige hier und haben Ihre Fragen zu stellen. Das verstehe ich. Auch wenn es absurd ist.
Möchten Sie Charlotte vielleicht einmal berühren? Trauen Sie sich nur! Sie hat an Ihnen, des versicher ich Sie, gar kein Interesse. Wie unsensibel Sie sind! Oder sind Sie nur diskret, weil sie keine Lider hat und nicht wegschauen kann? Ist es an dem? Dann bitte ich um Entschuldigung. Jede solche Anteilnahme würde Charlotte erwärmen, da sie ihre Temperatur der Umgebung anpassen muß. Wofür sie seit jüngstem keine Auszeit mehr hat.
Nicht daß mich dies schreckte. Aber es ist meine Schuld. Immerhin hat die Endgültigkeit den Vorteil, daß etwas klar ist. Aber ich wußte von Anfang an um Charlottes … wie soll ich sagen?: Art – oder ahnte sie doch. Nur, daß ich so lange damit hinterm Berg hielt, fünfzehn Jahre und vier Monate, um genau zu sein, hat es nicht früher zu dem kommen lassen, was weniger weltgewandte Menschen, als ich einer bin, also solche wie Sie, „die Katastrophe“ nennen würden. Für mich war und ist es keine … gut, anfangs… und bisweilen noch jetzt. Dennoch hat sich zugleich ein – verzeihen Sie den Kitsch -: geheimer Wunsch erfüllt. Sicher, so ganz stimmt auch das nicht. Aber irgend etwas ist daran. Ich hab schon immer gedacht, man bekommt meist das, was man tragen kann… tragen m u ß, sogar, vielleicht.
Reptilien schließen gemeinhin Nähe aus. Innig mit einer Echse zu sein, das ist imgrunde eine unmögliche Sehnsucht, und daß sie sich mir erfüllte, nichts weniger als ein Wunder. Wunder schützen vor der Banalität. Kontinuierliche Liebe, nüchtern gesehen, stumpft ab. Sie kann noch so groß gewesen sein. Im Beieinanderleben wird alles Alltag. Das ist für jeden, der nicht wegschauen will, ausgesprochen erniedrigend. Wahrscheinlich war mir eine Schlange irgendwann einfach lieber als Frau. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich leide wirklich. Doch habe ich schon lange auf Charlottes geheime Samstage gespitzt, habe gelauert darauf, daß wieder ein Monat verging. Ganz selten kam es vor, daß sie sich zweimal im Monat zurückzog, um sich, wie sie das ironisch nannte, von ihren Därmen zu trennen. Ellbogenwarmes Wasser ließ ich in die Wanne und sorgte dafür, daß aus der kleinen Stereoanlage die Geräusche tropischer Regenwälder klangen, Papageienschreie, Affenschreie… Äffchen sind ihre liebste Beute. Eigentlich. Gewissermaßen beging sie ihre Regelblutung: Ein Ritual ist die realistische Erklärung, die einem für Charlottes Manie freilich ein wenig zu leicht von der Hand geht.
Nämlich sehen Sie: Als ich vor nun… Moment… die Kinder waren noch ganz klein, das Mädel kein Jahr, der Junge anderthalb… jaja, ich weiß, das hätte auffallen müssen, ich meine nicht mich, ich wußte ja Bescheid, aber der Ärztin, den Freunden, daß da etwas mit den Tragezeiten nicht stimmte… erstaunlich, daß keiner was gemerkt hat… – also als ich das erste Mal durchs Schlüsselloch schaute und Charlotte so sah, halb in die Wanne gerollt, halb in schweren hochmütigen Ringen um den Wannenwulst lagernd… wunderschön, sag ich Ihnen, sie schien mit königlich purpurnen Lichtpunkten übersät zu sein… – da war ich sofort berückt von diesem vom M o n d geschickten Blut. Es war ganz delphisch im Badezimmer. Charlotte ertrug, seit sie auch für den Rückzug daheim blieb, an ihren Samstagen nur ein fast erblaßtes Licht. Es ist gar nicht leicht gewesen, eine Lampe aufzutreiben, die diesen lockenden, sprühwasserwarmen Lichtdunst ausstreuen kann. Nein, ich war nicht im mindesten erschrocken. Ich sagte ja schon, mich haben bereits als Kind Krokodile begeistert, Warane, Leguane. Und Schlangen ganz besonders, – diese geheimnisvoll schönsten aller Reptilien. Wobei ich den gedrungenen Viperkörpern immer Nattern vorgezogen habe, an Vipern ist eigentlich nur der kräftige Keil des Kopfes überzeugend, das Phallische, möcht ich sagen, Glanshafte daran. Nattern indessen berühren einen insgesamt, verführen durch Eleganz und den gekühlten Samt ihrer Haut. Charlotte kommt, obgleich sie, wie Sie sehen können, sehr viel größer ist, dieser Natternschönheit mehr als gleich, ja übersteigt und übersteigert sie wie die schwarze Mamba. Nur daß sie kein Gift trägt und ihre Haut den verheißungsvollen Goldton behalten hat.
Hat Sie schon einmal eine Schlange geliebt? Wissen Sie, wie es ist, wenn Ihr Körper von einer kühlen, glatten Kraft umwunden wird, die Sie mit knappem Zusammenziehen einfach brechen könnte, doch jede Schuppe, kristallenes Samtleder, leckt Ihre Poren? Und, ohne gänzlich intim zu werden: diese Art, sich mein Geschlecht zu nehmen! Ah! Davon werde ich für alle Zeit schweigen müssen, einig mit ihr und mir und unserer beider Einsamkeit. Und da kommen Sie und wollen einen Fall untersuchen! Was sollte ich denn tun!?
Oh sehen Sie nur die feine Ironie ihres Lächelns! Das hat mich sofort an Charlotte gebunden, kaum daß ich sie zum ersten Mal sah… vor zwanzig Jahren – erzählte ich das? Es war auf Port Cross an einem überaus heißen, atmosphärisch vollkommen blauen Tag. Wir hatten einen Nachtschlag hinter uns. An sich hätte ich wie die anderen ruhen müssen. Doch trieb mich etwas auf die Höhe der Insel hinan. Die buschige, trockene Vegetation, der gelbe Sand der Pfade, das helle, durchsichtige Meer, all das vermittelte den Eindruck, in der Karibik zu sein, obwohl die weiche, warmschwere Brise wahrscheinlich von der Sahara herüberwehte. Tatsächlich wirkte Fort Lestissac wie eine gegen Piraten auf den Berg gerammte Trutze. Dort oben sonnte sich Charlotte, hatte sich zu Füßen einer Krüppelkonifere auf einem der aufgeheizten Steine unters Summen der Insekten gerollt und ließ sich nicht stören, als ich den sandigen Pfad hochgestiefelt kam. Ich habe es mir angewöhnt, immer, wenn ich, um an Land zu gehen, die Segelschuhe ausziehe, in meine schweren Gebirgstreter zu fahren. So werde ich auf Charlotte ein wenig wie einer dieser Amateurforscher gewirkt haben, als verspleenter Vogel- oder Pflanzenkundler, der hier in touristischer Häufung seine biotopische Heimat findet… ein lächerliches Geschöpf, muß ich sagen, wer 64 Hektar für die Serengeti nimmt. Ich war aber wohl durch mein locker über die Jeans getragenes indisches Hemd entschuldigt. Jedenfalls zeigte Charlotte keinerlei Zeichen einer Mißachtung, sondern sah mich mit diesem Ausdruck fassungslos-leiser Begeisterung an, den sie erst in dem Moment verlor, in dem ihr klar wurde, daß ich ihr Geheimnis kannte. Dabei bin ich mir sicher, sie hat da oben auf Opfer gewartet, von irgend etwas muß ihre Art sich erhalten. Darin, daß sie mich von allem Anfang an in zärtlichen Augenblicken „Äffchen“ nannte, hat sich etwas davon und von dem Zusammenhang bewahrt, der Fortpflanzung an Ernährung bindet. Es ist unfair, ist humanperspektivisch verengt, der Arterhaltung mit moralischen Kategorien zu kommen. Sie findet ihre eigenen Wege. Immer. So auch Charlottes ungewisse Spezies, die sich offenbar neben den anderen Tier- und Pflanzengenealogien im Schatten entwickeln konnte. Es gibt nur wenige Zeugnisse. Es ist auch ein Schutz, denke ich, wenn einem keiner glaubt.
Wir haben darüber nie gesprochen. Irgend etwas hat mich gewarnt, ihr einzugestehen, wie sehr ich Bescheid wußte. Auf Port Cross hatten wir sowieso keinen richtigen, also intimen Kontakt; sie ließ bloß zu, daß ich mich zu ihr setzte und sie, während nun auch ich in die Sonne meditierte, gleichsam nebenbei streichelte. Dabei zeigte sie keine Regung, Schlangen schnurren ja nicht, aber sie ließ, spürte ich, diesen entzückten Blick nicht von mir, der zugleich Zuschnappen und Liebkosen, lieben und töten vereinte: Sich etwas einzuverleiben, bedeutet: es sich aneignen, sich etwas innerlich machen. Und bewirkte, daß sich in mir etwas entkrampfte, das all die Jahre wie ein schweres Knäuel in meinem Becken gelegen zu haben schien, daß es sich entrollte und wunderbar geschmeidig meine Wirbelsäule hinaufstreckte. So daß mir eigentlich jetzt erst die Herrlichkeit der mich umwehenden mediterranen Welt bewußt und fühlbar wurde: die Kiefern-, Thymian-, strohigen Macchiagerüche unterm flirrigen, gelb brennenden Licht, das afrikasandige, insektendurchschwirrte Salz im Meerwind, auf dem der Gesang der Girlitze klirrte. Dabei trug Charlotte dieses ironische Lächeln im Gesicht… genau daran erkannte ich sie ein halbes Jahr später wieder, hier in Berlin bei Raffael Vostell, noch in seinen alten Charlottenburger Räumlichkeiten. Charlottenburg… das fällt mir jetzt erst auf. Nein, ich kann das nicht als Gag empfinden, verzeihen Sie, ich bin jetzt – ja, jetzt – etwas erschrocken. Egal.
Es war dieses Lächeln, was mich sie ansprechen ließ, und es war von allem Anfang an der sich heute in den Augen meiner Kinder wiederholende Blick, der so wenig von mir abließ wie seinerzeit beim Fort Lestissac. Eigentlich daran hat mich Charlotte durch die Menge der VernissageBesucher zu sich hergezogen, ich hatte Raffael kaum begrüßt, kaum Kähne und Lethen, die ebenfalls dagewesen waren. Ich spürte etwas Kühles im Nacken, ein Gefühl, das mir nicht unvertraut ist, aber hier deplaziert war, ich kenn es sonst nur von übergroßer Anstrengung… nur gab es für eine solche keinen ersichtlichen Grund.
„Da sind Sie ja, Äffchen“, sagte Charlotte. Das war in keiner Weise despektierlich, sondern ihre Art verbaler Liebekosung. Ich spürte das sofort. Sie nahm meine Hand, wir gingen von Objekt zu Objekt. Sie sei, erzählte Charlotte, rein zufällig hier. Neue Kunst interessiere sie allerdings schon. Nein, mit mir habe sie nicht gerechnet; um ehrlich zu sein, habe sie mich längst vergessen gehabt. Unsere erste Begegnung sei nun wirklich flüchtig gewesen.
Charlotte war allen eine Unbekannte. Dabei fiel sie nicht nur wegen ihres hohen, überaus schlanken Wuches auf, sondern ihr französischer Akzent hatte etwas aufdringlich Rührendes. Das ging den Leuten einerseits ans Herz, andererseits widersprach es der arrogant artfremden Erscheinung dieser Frau. Letztlich war sie den Leuten unheimlich. Schon daß sie Glatze trug, hob sie aus der Menge heraus. Sie war mit Nachdruck unbehaart, was ein Piercing unterstrich, das sie über dem linken Augenlid trug. Der blutrote, von verschwindend blassem Silber gerahmte Rubin war durch kein Gegenstück befestigt, sondern wuchs stolz aus der aufgeworfenen, völlig nackten Brauenwulst.
Am Abscheu der Leute änderte sich selbst dann nichts, als wir heirateten. Auch Ihnen sehe ich diesen Abscheu an. Ich muß mir Charlotte gar nicht erst um den Hals legen. Sie kann tun, was sie will, einen Widerwillen erregt sie immer. Es ist sinnlos, es ist ein wenig, Verzeihung, feige, vor allem nutzt es Ihnen auch nichts, wenn Sie Ihre Blicke ständig an dieser Schönheit vorbeifallen lassen. Die Wahrheit holt uns alle immer ein. So werden Sie verstehen, daß meine andere Freundschaften fortan einfach verebbten. Nicht daß Sie denken, Charlotte habe sie hintertrieben! Bewahre! Es ergab sich einfach so. Sie hatte an meinem Bekanntenkreis kein Interesse, das ist wahr, aber wir waren ohnehin so aufeinander konzentriert… Wir genügten einander. Zumal war sie ein wenig… sagen wir: exklusiv. Das ist jetzt etwas anders, wo sie sich mit wöchentlich einem Kaninchen oder auch, eben, Äffchen begnügt. Vor noch drei Monaten und sowieso all die Jahre lag die Sache komplizierter, anstrengender: Eigentlich muß man sich nicht wundern, daß sie versessen auf exklusive Schuhe war. Dabei hatte sie kein Einkommen… übrigens auch keine Familie. Anfangs, als wir wegen der Heirat ihre Papiere brauchten, gab es deshalb Schwierigkeiten. Sie besaß weder einen Paß noch war sie krankenversichert gewesen. Wenn ich sie fragte, wovon sie gelebt habe, schnaubte sie durch die Nase, warf den Kopf in den Nacken und sagte: „Wie jetzt. Von Männern.“ Und schob aggressiv hinterher: „Was denkst Du denn?“ Sie konnte unglaublich verstockt sein und erzählte mir erst, als es gar nicht mehr anders ging, von ihrer Herkunft. Wir besorgten uns dann aus Lusignan, im Poitou, die Geburtsurkunde. Ich schlug vor, mal hinzufahren. Ziemlich verstimmt lehnte sie ab. Sie sei nicht grundlos ins Ausland gegangen, ich möchte das bitte akzeptieren.
Dann zogen wir zusammen. Ich hatte das eigentlich nicht gewollt, aber Charlotte war schwanger. Ein Kind verändert immer alles, ein Kind braucht ein Zuhaus. Charlotte wurde eigenartig nervös, druckste herum. Irgend etwas belastete sie. Ich beobachtete nur. Endlich kam sie mit der Sprache heraus. Ich möge ihr etwas versprechen. Sie brauche alle vier Wochen einen Tag ganz für sich. Da dürfe sie niemanden sehen… ja, dürfe sagte sie und strahlte, weil ich das ohne nachzufragen akzeptierte. „Und du willst, Äffchen, wirklich nicht wissen, warum?“ Damit löste sie sich aus meiner Umarmung, zog sich im Nebenzimmer etwas anderes an und verschwand. Das war 1988.
Für den Rest dieses 2. Aprils blieb sie verschwunden.
Im August kam unser Junge zur Welt. Deshalb ging mir der Zusammenhang mit der Menses nicht sofort auf. Tatsächlich zog sich Charlotte exakt jeden vierten Samstag zurück. Abgesehen von dem Tag, an dem sie Peter gebar. Auch Luise kam an einem Samstag zur Welt. Beide vertraute sie, als sie noch stillte, für ihre Abwesenheit meiner Obhut an. Ein Kindermädchen lehnte sie ab.
Manchmal war sie samstags bereits fort, wenn ich erwachte. Manchmal frühstückte sie noch gemeinsam mit uns. Meist kam sie erst sonntags am sehr frühen Morgen, selten bereits knapp nach Mitternacht wieder. Wohin sie ging, erzählte sie nicht. Daheim zurück war ihre Haut stets gerötet, ganz auffällig, sogar fleckig, wie bei übernervösen Frauen oder bei solchen, die eine kosmetische Maske trugen, ein peeling oder Gurken und Joghurt auf dem Gesicht. Wäre nachgefragt worden, hätte ich Charlottes Samstage mit sowas erklärt. Doch fragte nie jemand, auch die Kinder fragten nicht. Nicht einmal, als sie fünf und sechs waren. Auch später nicht.
„Ich möchte nicht immer weg, Äffchen“, sagte sie eines Freitag abends, nachdem sie die Kinder zu Bett gebracht hatte. Sie fiel erschöpft in die Couch. Eine sehr dunkle Strähne hing hier drittels im Gesicht. „Ich möchte euch nicht immer verlassen müssen.“
Erstaunt sah ich auf.
„An meinen Tagen“, sagte sie, „du weißt schon.“
„Dann bleib doch“, sagte ich.
„Du mußt es erlauben.“
Erlauben?“ Es lag ihr nicht, um etwas zu bitten.
„Ja“, sagte sie. „Ohne deine Einwilligung geht es nicht.“
„Wieso nicht?“ Ich spürte, ich rührte an ihr Geheimnis. Ich weiß noch, daß wir jetzt lange schwiegen.
„Darf ich?“ fragte sie dann abermals. Das fiel ihr sichtlich schwer.
„Aber ja.“
Von nun an zog sie sich dafür ins Badezimmer zurück. Praktischerweise sind Toilette und Badezimmer bei uns getrennte Räumlichkeiten. So ließ sich Charlottes Klausur Zuhause gut gestalten. Nur war mir das bald, wie soll ich sagen?: zu nüchtern. Weshalb ich das Bad alle vier Wochen mit Blumen schmückte. Ich stellte wuchernde Topfpflanzen auf und besorgte Duftwässer Seifen Lotionen; auch stand – auf Charlottes Wunsch hin – immer ein Napf mit gekühltem, frischen Trinkwasser bereit. Ich installierte diese kleine Stereoanlage, vermittels derer Charlotte über Wochen Villa-Lobos’ The Forest of the Amazon hörte. Dann trieb ich die Dschungel-CD auf.
Oft war Charlotte bereits freitags unrastig und getrieben. Wie sehr ihre Stimmungen schwankten, war ihr meist selbst peinlich. Aber sie kam dagegen nicht an. Alles ging immer so schnell, so tropisch-abrupt bei ihr. Bereits am Sonntag blutete sie kaum noch. Ihre Hygiene kannte nicht Tampons noch Binden. Charlotte menstruierte über diese Samstage, dachte ich, in die Badewanne, verletzlich und ganz ohne Haut. Und kroch Sonntag morgens als eine neue, verjüngte Frau von einer Zärtlichkeit erfüllt ins Bett, die warm wie Sonnenlicht war. Ich schlafe, wenn ich nicht daran gehindert bin, lange. An solchen Sonntagen schlief sich mein Körper in die innigsten Vereinigungen und erwachte oft erst, wenn ich kam, erwachte von meinem eigenen Lustschrei, Charlottes stahlgrüne Augen über mir.
Ermessen Sie also einerseits meinen Verlust! Aber wie sollten Sie das können? Ich ahnte einfach nicht, was ich riskierte, als mich die Neugier besatzte… infiltrierte muß ich das besser nennen. Diskretion ist für mich immer ein hoher Wert gewesen. Und Charlotte wollte ganz offenbar nicht über ihre Samstage sprechen. Die Kinder und ich sahen auch über ihre prämenstruellen Aufgeregtheiten hinweg, die ziemlich heftig sein konnten. Doch es faß in mir. Das war nicht nur Neugier, sondern zugleich eine hinterhältige Lust: fast so etwas wie Lüsternheit. Ich hätte Charlotte vielleicht warnen sollen. Eines Samstags spitzte ich dann durchs Schlüsselloch. Gebückt wie in einer Karikatur, so stand ich da. Ich seh mich ja selbst. Dennoch wog, was ich beobachtete, alle Peinlichkeit auf. Mühsam verhielt ich den Atem. Und wie Charlotte dann zu mir kam, nach ihrer Regeneration!
An Schlaf war nicht mehr zu denken gewesen, nicht mal mich ins Bett legen hatt’ ich mehr können, sondern war bis in den frühen Sonntagmorgen auf der Couch sitzengeblieben. Bisweilen waren mir die Augen zugefallen, ich schreckte hoch, lauschte: nur das Plätschern aus dem Bad und das Schreien tropischer Vögel. Meine Augen fielen abermals zu. Charlottes Hände lagen auf meinen Schultern. Sie stand hinter der Couch. Ihre Finger tasteten mich ab, als wollten sie erfühlen, was ich wußte. Ich brummte aber nur behaglich. Es war mir allezeit klar, daß ich mich verstellen müsse. Die Situation war sogar gefährlich. Glauben Sie mir.
„Wieso sitzt du hier, Äffchen?“
„Oh. Bin eingenickt.“
„Schau meine Haut.“
Weich und fest wie ein Muskel. Das Schimmern, wenn Licht auf nassen Samt fällt.
Drang ich in sie ein, umgriffen ihre Lippen den inneren Strang meines Rückenmarks, und ihre Zunge oder etwas anderes, ihre Seele, leckte mir bis ins Ganglion. Ein Reiz, der von unten in Kleinhirn, Vagus und Zungennerv stieß. Ich habe solche Umarmungen nie wieder erlebt und werde sie nicht wieder erleben. Andererseits, wenn sie mich heute umschlingt – lusingando, falls Sie damit etwas anfangen können – und dann… zunehmend stärker… preßt… Allein ihr Schlangenmund! – Doch wir gehen nie bis zum Äußersten. Wir haben Kinder. In acht oder zehn Jahren vielleicht, wenn sie aus dem Haus sind… – Bitte? Ja sicher.
So ging das über Jahre. Es erstaunt mich erst heute, daß die Geschwister niemals fragten. Irgendwie erstaunt es mich auch nicht. Wissen Sie, es gibt so etwas wie ein heimliches Einvernehmen zwischen Kindern und Müttern. Daran kann man nicht rühren. Besonders Luise hat eine Art, Blicke zu werfen… Schauen Sie hier – Moment, irgendwo muß das Bild l i e g e n… ah da!: Sehen Sie, wie sehr sie ihrer Mutter ähnelt? Es ist für mich ein nicht ganz unheikler Gedanke, daß sie vielleicht etwas vererbt bekommen hat. Aber nein! Unfug! Es gibt, jedenfalls bislang, keinerlei Anzeichen… nein, auch bei Peter nicht, aber wahrscheinlich pflanzt sich diese Anlage sowieso, wenn überhaupt, matrilinear fort. Weshalb ich das meine? – Instinkt.
Reiner Instinkt.
Kundalini, nicht wahr? Denn natürlich hab ich mich kundig gemacht, so etwas ist man sich schuldig. Wer das Privileg genießt, von solch einer Frau geliebt zu werden, muß sich dem gewachsen zeigen… schon damit sie nicht anfängt, sich zu langweilen und ihr Äffchen dann verspeist. Das ist kein Witz, auch wenn unsere müden, an politischen Korrektheiten orientierten Zeitläufte dergleichen weglügen wollen. Wer es mit einem weiblichen Prinzip zu tun hat und es nicht opfern will, ist gut beraten, sich auf Ambivalenzen einzustellen. Es geht um Eros und Geschlechterkampf, nicht um den Steuerbescheid. Aber ich merke schon, das interessiert Sie nicht… oder nur insofern, als Sie immer noch glauben, Licht in eine vermeintliche Straftat zu bringen. Sei’s drum. Ich war ja selbst auf Aufklärung aus.
Sind Sie schon einmal auf den Gedanken verfallen, es komme manchmal gerade darauf an, etwas n i c h t zu erhellen, es jedenfalls nicht auszusprechen? Ich sehe, daß Sie verheiratet sind. Ah ja? Das ist noch nicht so lange… also hüten Sie sich vor Offenbarungen! Sie hätten Charlottes entsetztes, panisches, hilfloses Gesicht sehen müssen! Als ich fragte.
Vier Monaten ist das nun her. Es war noch Herbst, ein Donnerstag, ich hatte sehr lange gearbeitet. Als ich heimkam, lagen die Kinder schon im Bett, und aus dem Badezimmer hörte ich die mir überaus vertrauten Dschungellaute. Das war ungewöhnlich. Charlotte liebte diese akustische Illusion, sicher, aber sie hat sich ihr immer nur an ihren Samstagen ergeben… war ihre Periode durcheinandergeraten?
Ich legte die Aktenmappe auf die Garderobenablage, zog den Mantel und die Schuhe aus und ging leise, um die Kinder nicht zu wecken, über den Flur. Dann klopfte ich an die Badezimmertür. Charlottes feines Lachen rief mich herein. Bis zum Kinn lag sie im Schaum, das dunkle Haar in Wülste aufgerollt, schlangenhaft beinah selbst, vor allem, wo es feucht geworden war, so daß es den matten Glanz eines schweren Samtmuskels hatte.
„Wie schön, daß du da bist“, sagte sie. „Meine Beine schmerzen so.“
Ich legte das Jackett ab und krempelte einen Hemdsärmel hoch. Dann faßte ich ins Wasser, strich ihr über einen Schenkel. Sie schloß die Augen. Aber es schien etwas an meiner Berührung zu sein, etwas Skeptisches, Suchendes, will ich einmal sagen, was sie sich dem nicht unvoreingenommen hingeben ließ. Sehen Sie, ich spreche bereits wie aus Charlotte heraus, so einig sind wir unterdessen, der ernüchterte Mensch und das mythische Tier, daß ich selbst fühle, wie wenig vertraulich meine Zärtlichkeiten da waren. Denn wirklich dachte ich, eine andere Stuktur ertasten zu müssen, es irritierte mich, daß da nur Fleisch war, nur Frau. Sogar nachwachsende Stoppeln waren auf der noch nicht rasierten Haut zu fühlen, denen ein reptilisches Element völlig fehlte. Charlotte sah mich an, ich denke heute: halb warnend, halb bereits trauernd und schon zur Gänze verloren. Aber ich merkte es nicht, mich verwirrten die Schreie, die heiseren Rufe der Tukahs und der dunstende Schmelz einer über dem Tropensumpf quellenden Stille. Dann brüllte eine aufgeschreckte Affenherde los und jagte durchs niedrige Blattwerk. Momenthaft geriet alles in rasende, im Wortsinn panische Bewegung. Der Kaiman schoß aus seiner Maskierung, ein sich bäumender Stamm mit Zähnen, die sich in die Kehle eines Okapis bohrten. Das Tier schrie und versuchte, sich auf die Hinterläufe zu heben, das zerrende, sich drehende Reptil in die Gurgel verbissen, Wasser wurde geschlagen, spritzte schlammig auf. Gestemmt die Vorderläufe gegen den Flußsaum, aber umschmatzt vom Schlick, der drunter wegglitt, schon auf die Knie gekracht und weiter ins Wasser gezogen. Als sich Schaum und Wirbel in Kräusel lösten und sich der letzte kleine Halbwellenkreis am Ufer zerklätschelte, da hatte ich es ausgesprochen.
Charlotte schrie auf. Sehr leise. Wie unhörbar. Tränen waren ihr in die Augen geschossen. „Du!“ rief sie. „Du! Du!“ Und s t i e ß mich fast vom Wannenrand, als sie hochsprang, aus dem Badewasser sprang, unendlich behende, verzweifelt behende, doch riß sie den Ständer mit unseren kosmetischen Utensilien, ihren Puderdöschen, den Zahnbüsten, dem Schmuck und allen Seifchen um, den hunderterlei Parfumfläschchen, die nicht zersprangen, weil auf dem unteren Brett Handtücher gelegen hatten, die mit herausgerutscht waren… riß den Bademantel vom Haken, ich war nur verdutzt. Um mich toste die Dschungel. Die Haustür schlug, und ich wußte, Charlotte war gegangen. Das war mir so bewußt, daß ich mich einfach nicht rühren konnte. Ich blieb hocken, einen Arm über dem Wannenrand. Mein Hosenboden naß von auf die Fliesen geklatschtem Badewasser.
Ich weiß nicht mehr genau, wann ich zu mir kam und die kleine Anlage im Bad ausstellte, die Geräusch-CD ist sicher längst zu Ende gewesen. Aber wissen Sie, es sind ja die beiden Kinder da, man hat Verantwortung, für Eltern ist Trauer immer sehr begrenzt. Also entkleidete ich mich, trocknete mich, zog den anderen, einen genau gleichen Bademantel an, Charlotte hatte den ihren mitsamt dem Haken von der Wand gezogen, der Haken lag auf der Eingangsschwelle des Bads, der Bademantel zusammengeworfen im Flur vor der Wohnungstür. Ich habe keine Ahnung, was Charlotte sich angezogen hat, als sie ging. Von ihren Sachen fehlte nichts, nicht einmal Schuhe waren, soweit ich erkannte, fort. Sie hat ja so viele, verzeihen Sie, ein Mann behält da nur schlecht die Übersicht. Sie muß also nackt hinausgelaufen sein… oder eben – verstehen Sie? -: so. Was sollte ich tun? Ich konnte nur abwarten. Die Kinder schliefen, an ihnen schien das Geschehen vorbeigegangen zu sein.
Sie fragten nicht. Nicht, als wir zum Frühstück zusammensaßen, nicht, als sie von der Schule heimkehrten. Auch nicht in den folgenden Wochen. Das war geradezu unheimlich. Aber ich war darüber, bei aller Trauer, auch froh. Ich wollte nichts erklären, hätte das auch gar nicht gekonnt. Außerdem… Sie werden mir das nicht nachfühlen wollen, dennoch: Ich hatte das Gefühl, die Kinder verstünden die Zusammenhänge sehr viel besser als ich, denn sie, von der Mutter, trugen sie im Blut.
Und schienen sich wie sie von mir zu entfernen. Sie rückten furchtbar aneinander, wurden immer ähnlicher. Nicht physiognomisch, nein, aber in ihren Bewegungen, Haltungen, möcht ich sagen. Sie wurden geradezu eines. Das tuschelte, wandte ich den Kopf. Das zog sich dauernd in sein Spielzimmer zurück. Vielleicht wartete es darauf, daß ich gestand. Vielleicht prüften mich die Kinder, denn auch Peter bekam unversehends diesen Blick. Doch ich konnte nicht sprechen.
Sehen Sie, von Rechts wegen, ich weiß schon, hätte ich selbst diese Vermißtenanzeige aufgeben müssen. Aber ich war mir… bin mir sicher, daß Sie Charlotte nicht finden werden, jedenfalls nicht die, die Sie suchen. Sie vertrauen Ihrem Gespür nicht, ich merke das schon, obwohl es Sie immer noch vor Charlotte zurückschrecken läßt. Sie wollen mir nicht glauben, das ist klar. Aber Sie müssen nur in Charlottes Natternaugen sehen, schon stellen sich in Ihrem Nacken die Härchen auf. Das ist ein menschlicher, ein phylogenetischer Reflex, halten Sie sich einfach an ihn. Aber nein! Sie haben, wie die meisten von uns, den Kontakt mit Ihrem Körper verloren, weshalb Sie auch gegenüber dem Geist skeptisch sind, wenn er, Sie zu warnen, juckt. Die meisten wollen, was sie sehen, nicht sehen. Ich, damals, wollte lieben, da bekommt man ganz w e i t e Augen… Augen auch für das Verborgene, die Verborgenen… und mehr. Doch muß man sich an die Regeln halten, die das Geheimnis vorm Offenbaren schützen. Genau aus diesem Grund sprachen die Kinder und ich nicht über Charlottes Verschwinden: Die beiden nicht, weil es ihnen ihr Instinkt verbot, ich nicht, weil ich meinen Fehler wieder gutmachen wollte.
Ungefähr zwei Monate verstrichen. Charlotte fehlte uns schrecklich. Da konnte ich dann doch die Frage auf den Lippen meiner Kinder lesen, und ihre Blicke bekamen etwas Grausames. Das konnte aber auch Einbildung sein. Denn sie hielten ja an sich.
Dann, ganz plötzlich, erschienen sie mit solch einem Lächeln zum Frühstück, so von, ich möchte sagen, jugendlichem Humor durchhüpft, daß mir ganz warm im Inneren wurde. Es schien zwischen uns ein schrecklich verbissener, doch stummer Kampf zu Ende gegangen zu sein, den man jetzt überhaupt erst wahrnahm. Luise umfing mich sogar mit den Armen. Bis zum Wochenende hielt unsere Hochstimmung an, dann kippte sie wieder, ich weiß nicht warum, die Blicke wurden abermals feindlich. Doch als die Kinder Montag früh neuerlich so wunderbarer Laune waren, keimte in mir ein Verdacht.
Tatsächlich wurde ich Dienstags nacht von einem Flüstern an der Wohnungstür wach, von irgend einem Getuschel. Ich spannte mich an. Beugte mich über die Bettdecke vor, legte den Kopf schief, lauschte ins Dunkel. Ja, da wurde gesprochen, ich konnte Peter heraushören. Luise war ebenfalls auf, aber noch jemand Drittes. Dann schlug die Wohnungstür.
Ich sprang aus dem Bett, sah draußen nach, es war mir, als zitterte im Flur die Luft. Leise begab ich mich zum Kinderzimmer, legte ein Ohr an die Tür. Nichts. Ich drückte die Klinke, schob die Tür etwas hinein, fahle Dunkelheit auch hier und das Atmen meiner Kinder, zu regelmäßig allerdings, als täuschten sie ihren Schlaf nur vor. Leise zog ich die Tür wieder zu.
In der nächsten Nacht weckten mich fast dieselben Geräusche. Wieder war ich sehr schnell im Flur, aber lief, ohne erst lange zu lauschen, zum Kinderzimmer, wo ich die beiden denn auch dabei erwischte, wie sie grad in die Betten zurücksprangen; der Vorhang war nicht vor das nur angelehnte Fenster gezogen, und der Mond schien mit einem so falben Licht in den Raum, daß es wirkte, als hätten sich zwei Gegenstände – zwei Stühle, zwei Kisten, irgendsowas – kurzfristig belebt. Ich schaltete das Licht an. Eigenartig trotzig blickten mir die Geschwister aus ihren Betten in die Augen.
„Sagt mal, was ist hier los?“
„Wir haben vereinbart, nicht darüber zu reden“, antwortete Luise in einem Ton, der sie mir unendlich fremd machte. „Daran solltest du dich halten.“ Vergessen Sie bitte nicht, daß meine Kinder erst vierzehn und fünfzehn sind. Wie hätten S i e reagiert?
„Ich weiß von keiner Vereinbarung“, erwiderte ich.
Eigentlich hätte ich die beiden an mich herankuscheln lassen, hätte meine Arme um sie legen müssen, ‚laßt uns reden, wir müssen dringend reden, ich liebe euch’ – aber wie wäre das jetzt noch, wie wäre das ü b e r h a u p t gegangen? Meine Kinder hatten völlig recht: Es gibt Dinge, über die man nicht sprechen darf… weil man sie andernfalls entweder zerstört oder Dämonen ruft, die man in Ruhe lassen sollte.
„Bitte mach das Licht aus“, sagte Peter.
„Küßchen, Papa“, Luise abermals, „geh wieder schlafen.“
Ich hatte den schartigen Eindruck, unsere Rollen hätten sich vertauscht: i c h das Kind, sie meine Eltern. Stumm betätigte ich den Schalter und zog die Tür zu. Stand aber noch einige Minuten auf dem Flur. Die Stille sirrte. Selten durchbrach sie ein Verkehrsgeräusch, das seinen Weg übers Küchenfenster zu mir fand und mich verlockte, mir ein Bier aus dem summenden Kühlschrank zu nehmen und mich im Dunklen vors Küchenfenster zu setzen.
Bis es klarte, saß ich da. Nein, ich schlief nicht, war aber auch nicht richtig wach, war einfach matt. Und dann völlig schockiert, als die Kinder ausgesprochen gutgelaunt hereinstürmten.
„He Paps, noch kein Frühstück?“
Luise schmatzte mir auf die Stirn. Es war, als hätte ich alles in dieser Nacht nur geträumt. Ich sah den beiden nach, wie sie mit ihren Fahrrädern zur Schule brausten, Peter blickte sich in der Kurve um und winkte mir, der ich aus dem Küchenfenster schaute.
Ich vermag Ihnen meine Verwirrung kaum zu beschreiben; irgendetwas schob sich zwischen mich und meine Realität… sogar sehr viel nachdrücklicher als Charlottes Geheimnis selbst. Den ganzen Tag über ging ich durch Nebel, verließ die Wohnung, surfte im Büro durchs Netz, um nach einer Haushälterin zu schauen. Seit Charlottes Verschwinden waren die Kinder, fand ich, tagsüber zu sehr auf sich gestellt. W i r k l i c h lautes Lachen ließ mich hochschrecken. Es war wieder späteste Nacht. Nicht nur Lachen, auch Geplantsche, Jauchzen und Stimmschwirren. Das war so unverstellt, es konnte nur ein Traum sein. Ich saß aufrecht da, die Decke bis auf die Unterschenkel hinuntergedrückt. Wirklich kam der Lärm aus mir selbst, denn die Handflächen, die ich mir auf die Ohren preßte, dämpften ihn nicht. Weshalb also aufstehen? Weshalb nachsehen? Ich hätte schreien mögen, so groß war die Qual, und so sehr zog es mich dennoch hinaus, zog mich zum Bad.
Die Tür stand drittels auf, Licht fiel heraus. Es plätscherte deutlich, das Wasser lief. Luise und Peter und – ja, da gab es gar keinen Zweifel: Charlotte!! lachten. Sie ahnen nicht, wie ich mich beherrschte, nicht vor Glück aufzuschreien, nicht loszulaufen… was s a g ich!: hinzuspringen! Stand schon in der Tür.
Die Kinder drehten langsam den Kopf zu mir, lächelten. In die Wanne lief ein Stahl nach, immer nach, ein strömender Nässefaden vom Hahn hinab, grad so kräftig, das vom Überflußventil abgeführte Wasser durch neues zu ersetzen. Und über den Randwulst lag in vierfünf schweren Bögen Charlottes Schlangenleib, allerdings den größten Teil ihres Körpers im Wasser, der Hals hingegen und ihr wie auf Port Cross lächelnder Kopf ruhte auf Luises aneinandergelegten Handflächen und sah zu mir wie die Kinder. Die sagten nichts. Die lächelten wie ihre Mutter. Ich stand schmilzend, brennend.
Luise, indem sie die Hände unter Charlottes in der Luft stehenbleibendem Kopf wegzog, erhob sich, kam wortlos zu mir, streckte den Arm aus, zog mich zu meiner Frau. Ich bückte mich, kniete mich, Peter reichte den ruhig mitgehenden Schlangenkopf her, ganz die Natter von dem Inselchen der Cote d’Azur, nur anacondahaft gewachsen, eine Riesin, die mich umschlingen konnte und langsam umschlang, während meine Kinder tuschelnd das Badezimmer verließen, vorgealtert diskret. Ich vernahm sie die Tür ihres Zimmers zudrücken, die Keilzunge des Schlosses einschnappen. Kurz darauf war Musik zu hören, Catterfield, glaub ich, irgend ein Pop, der mir – uns – zeigen sollte, wir möchten uns, wenn wir wollten, vergnügen; man werde nicht lauschen.
Sehen Sie, das wollt’ ich erzählen.
Seitdem ist Charlotte geblieben. Nein, als Frau zeigt sie sich nur unseren Kindern. Ich habe gelernt, das zu akzeptieren. Auf keinen Fall will ich riskieren, daß sie abermals geht. Es gibt Dinge, über die spricht man nicht, aus Klugheit, ich sagte es schon. Charlotte ist schwer, es ist mühsam, sie zu tragen. Aber diese Mühe wird mit einer Lust entgolten, die ich Ihnen nur andeuten kann. Und d a r f, wie Sie wissen: – das Gesetz, nicht wahr? Wie dem auch sei, nun kommen Sie mit dieser absurden Anzeige. Und ich erzähle Ihnen die Wahrheit, damit Sie merken, daß ich nichts zu verbergen habe. Nur werden Sie sie nicht glauben. Dessen bin ich mir bewußt. Aber da Sie keinen Leichnam, keine Leichenteile, nichts von meiner Frau finden werden, das auf ein Verbrechen deuten könnte, muß ich mich nicht sorgen. Sehen Sie sich ruhig um. Und wenn die Kinder nachher kommen, dann befragen Sie die beiden nur. Aus einem Geheimnis muß man keines mehr machen.
Entschuldigen Sie mich nun aber bitte. Charlotte wird unruhig, sehen Sie? Das kommt von ihrem Hunger. Ich werde Sie – mit Ihrer Erlaubnis oder ohne – füttern gehen. Möchten Sie zusehen? – Nein? Auch gut. Tun Sie sich also keinen Zwang an und sehen Sie hinein, wo immer Sie hineinsehen möchten.)

Die Anakonda schleppend, die sich ihm ums linke untere Bein, das er leicht nachzieht darum, um den Oberschenkel und um die Taille geschlungen hat, während der Schlangenkopf auf seiner rechten Schulter ruht, verläßt der wirre Mann das Zimmer, und die verblüfften Polizisten bleiben zurück.




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ANH, Februar bis /März 2004. Berlin. Erschienen in: >>>> Tierische Liebe, Geschichten von gefährlichen Liebschaften, hrsg. von Bettina Hesse, Berlin 2005.

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9 Kommentare zu Charlotte von Lusignan. Auf ein Bild von John Collier.

  1. Zibebe sagt:

    Das Schlangenkleid entblößt die Frau als Göttin Schlangen häuten sich indem die neuen Schuppen die alten verdrängen.
    Eine Frau hingegen muss ihre Haut abstreifen um ein Schuppenkleid tragen zu können –
    erst dann kann ihre wirklich verletzliche Haut durchbrechen.

    • @Zibibe. Ihr Konkretismus ist mir ausgesprochen nah. Vor allem kommt er Frau von Lusignan nahe, deren Erzählung ja nicht grundlos in Klammern steht. Danke für diese Genauigkeit der Hinsicht.

  2. Aikmaier sagt:

    ANHs Wasserfrauen ich lese mit freuden, daß Ihnen nach wie vor wasserfrauen aus der feder strömen. ich hatte ehrlich gerag schon bei isabella maria vergana den verdacht eines subkutanen schuppenpanzers. (durchaus im sinne zibebes).

    • @Aikmaier. Der Verdacht war nicht unbegründet. Und Zibebes Bild ist rasend schön.

      [Hab gerade, nachdem ich wieder mit >>>> Verbeen beschäftigt gewesen, einen sehr schönen Aufsatz über „meine“ UNDINE gelesen, für den aus meiner Sicht kaum Ergänzendes zu sagen wäre – allenfalls noch ein Hinweis anzubringen auf Wagner, Götterdämmerung, I, 3 mit der Climax inSeine Raben, beide, sandt‘ er auf Reise;
      kehrten die einst mit guter Kunde zurück ,
      dann noch einmal, zum letztenmal,
      lächelte ewig der Gott –
      nur, bei UNDINE wie im WOLPERTINGER, in der matriarchalen… sagen wir: Rückführung, bzw. Inversion. Dazu mehr bei Ranke-Graves. In den Zusammenhang gehört ganz unbedingt auch Verbeen: wie Oberon im Wolpertinger nämlich der lächelnde Gott, der von der Verantwortung, die er gewaltsam okkupiert hat, endlich befreit ist.]

    • Zibebe sagt:

      Der Schoß einer Vergana ist das fließende Wasser zu Land Meere sind Weltenspeicher, ein alles aufnehmender Mutterschoß.
      Eine Undine, die einmal an Land gegangen ist verliert ihre unverbrauchte Reinheit – der Fischschwanz wird zum Schoß einer Vergana und dieser Schoß ist das fließende Wasser zu Land.
      Anders aber als eine Undine, der MAN(N) sich hingibt – fürchtet sich eine hingebende Vergana vor dem Geruch von verbrannter Erde – SIE ist Frau geworden!

    • Zibebe sagt:

      Der Leser: ein Taucher in Meeres(ge)Schichten @ANH
      Bei einer guten Dichtung stelle ich mir immer das Meer vor, das ebenso aus mehreren Schichten besteht.
      Wer beim Lesen nicht vertikal nach unten eintaucht, bringt sich selbst um eine Einsicht in eine Urwelt, die ihre Mythen an die Oberfläche spült. Ab einer bestimmten Tiefe gibt es Arten oder Wesen die einen transparenten Körper haben. In deren Innen man hineinschauen kann und die das Licht aus sich selbst produzieren. Das leuchtet nicht jedem ein, bedenkt man ihre Kritiker, die an der Oberfläche schwimmen und etwas dagegen haben ihren Kopf einzutauchen.

    • Oder. @Zibibe. In >>>> MEERE steht: „Kunst ist Archäologie“; das wären dann die Schichten des >>>> Meeres – erdseits.

  3. Zibebe sagt:

    Kunst ist Archäologie- mehr noch: Menschsein, der Blick ins Innerste ist Archäologie.
    Eingetaucht ins Wasser ist das Ohr die Muschel, du hörst dich selbst, das Rauschen deiner eigenen Meere.
    Wer in seinem Innersten zu graben beginnt und seine Augen nicht verschließt vor dem was er findet, kann sich selbst in die Augen schauen und ahnt vielleicht was Menschsein bedeutet.
    Etwas in sich freilegen heißt – Sich selbst zuwenden.
    Wer das einmal herausgefunden hat, der versucht erst gar nicht sich freizuschwimmen denn Ertrinken kann ERSCHRECKEND SCHÖN sein!
    Leider habe ich „meere“ noch nicht gelesen, werde das aber sicher nachholen.
    Ich danke für den Link.

    • Reh Volution sagt:

      Hierzu:
      „Der Malerfeind im Maler ist sein bester Freund“ , Immendorf
      Oder :
      „Ich wühle und grabe aus. Das gleicht sehr wohl der Archäologie.
      Man hofft mit dem was man findet, einen Lebensbeweis aus unserer Vergangenheit zu erhalten. Nur wovon man weiss, das findet man. Es ist viel Übereinstimmung in dieser Archeologie. Die neuen Formulierungen werden gemessen an ihren jeweiligen Vergangenheiten und von uns oder von mir benutzt.“….
      „Ich kann mich durchaus als Antenne, bereit für Empfang, sehen, geerdet und den Kopf in den Wolken, dazwischen eine Spule mit engen Wicklungen. Ich sehe besser, was hinter mir liegt, was ich verlasse, woher ich komme, was ich gehört und gesehen habe – ziemlich vollgestopft mit Bildern. Die Utopie, das Nirgendland ist für die Fantasie zu entdecken. Woher man sie nimmt ist eine Sache, was man daraus macht eine andere.
      Ich mache es archäologisch und untersuche den Bodensatz.“
      G. Baselitz 1992 (Reden über Deutschland)

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