Geschlechtersprache (3). Bamberger Elegien (103). Revision der DF zur Lektoratsfassung. Aus der Fünften Elegie.

(…)
Autonomie? Wirft sie denn n i c h t, als wie ein Kind,
das man nicht will, Liebe zum Kehricht – ihm gleich schon voraus?
Uneigentlich läßt sie sie werden; sie tauscht gegens Es,
das es richtet, das Ich: feindlich selbst Pflanzen und allem,
was je Instinkt war, begradigt die Ganglien, ein Raub- und der Rückbau,
Hinrichtung, Richtung – Kultur als gefällige Zurichtungsnummer
mattester Dompteure, längst hohl, aber glänzend als schnittige Henker,
denen wir zujubeln als wie Befreiern –

(Hörst du mich, Vater?
Blätter nur stieben vom Kies hoch: rasch, und sie rascheln. Ein Anruf.
„Bitte?…- Wer ist da?“ Nervös lauschen. „Wer spricht?“ – Rauschen.)


Unser Geschlecht wurde sozialisiert.ˇ Vollends retortisch
schwenkt er, der Hermaphrodismus, sein gender erneuerter Menschen,
umˇkonfigurierter, moralisch korrekter, wie Fahnen:
Endsieg der Demokratie, ˇ anständig egalitär.
Artifiziell wird die Schöpfung, wird mutterlos indifferent,
wie es die Schwenkenden selbst sind, solch Patchworks, von Herkunft befreite,
bindungsentlöste Kretins, nach Ermessen designte, nach Mode,
Markt, nach Bedarf ˇ emanzipierte, nicht Frau, ˇ Mann nicht
länger, so schuld- und so fraglos allein in der Welt, nie entnabelt,
sondern entploppt repliziert, und entmythet der Sexus für Planung.
(…)

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6 Antworten zu Geschlechtersprache (3). Bamberger Elegien (103). Revision der DF zur Lektoratsfassung. Aus der Fünften Elegie.

  1. @ANH uneigentlich Ein problematisches Poem, weil, wie ich finde, begriffsüberladen. Der Drehpunkt, von dem aus es abwärts driftet, ist das „Uneigentlich“. Ab da teilt sich Ihr lyrisches Universum in zwei Sphären, während ein Gedicht genau diese Ordnung unterlaufen sollte, im besseren Fall ad absurdum führen. Es fühlt sich dann leicht an, zu leicht, wie mir scheint, allem, was an der – dieser – Kultur, zurecht oder zuunrecht, auf den Wecker geht, in dramatische Adjektiv-Substantiv-Kontruktionen zu gießen, mit sichtbarer Ambition für die Ewigkeit. Paradoxerweise wird das Gedicht zu dem, wogegen es polemisiert. Ich vermeide das Wort „uneigentlich“, wobei „unauthentisch“ auch nicht viel besser ist, doch immerhin etwas körperlicher.

    • @hurka. Das sehe ich, „schöpfungslogischerweise“, völlig anders, schon weil dieser Part eine Viertelseite einer insgesamt über fünfeinhalb Seiten, auf Hexameterbasis durchlaufenden Elegie ist. Insgesamt arbeiten die Elegien – wie auch mein Prosawerk – ganz bewußt n i c h t mit Aussparung, sondern mit Fülle bis in die Unübersichtlichkeit. Über kommuniziernde Themen innerhalb der einzelnen Elegien (es sind dreizehn, darunter noch bedeutend längere) und auch zwischen den Elegien ergibt sich eine Form ständig wieder aufgenommener und variierter Leitmotive, die sich durch das gesamte Buch spiralenartig voranbewegen. Das hat schließlich zwar etwas von Klage, es sind ja Elegien, aber besonders von Meditationen, deren Segmente sich um ganz verschiedene Themen gruppieren, die ihrerseits nicht aufeinander rückführbar sind. Es ist mir in den Elegien des weiteren wichtig, Verhalte auszusprechen, sie eben n i c h t anzudeuten oder nur nahezulegen. Die Bewegung geht gegen eine Norm dessen, was Lyrik gemeinhin sein soll.

      Im übrigen ist es die Klage um ein abgetriebenes Kind, und das ist sehr authentisch. Diese Klage wird aber zu einer Art Dialog, bei der nicht heraus ist, ob nicht das Kind wirklich spricht. Siehe auch >>> hier. Unterdessen habe ich mich entschieden, und zwar für beides; das Doppelgedicht ist in Frankreich bereits erschienen, in einem Bändchen auf deutsch und frz.

    • Ifone sagt:

      Das Interessante an dem Gedicht ist, dass es noch in der Klage den ganzen Rationalitätsbedarf mit transportiert, gegen das es sich zu richten vorgibt. Gender, Sexus, „Uneigentlichkeit“ – damit kontaminiert es sowohl den Autor als auch den Leser mit zivlisatorischen Rflexions- Diskurs – und Lektüre-Isotopen, die Klage „zerstrahlt“ zu Rationalität und ist damit selbst vektorkonform.

    • @Ifone. Nein.

  2. @ANH wider besseres Wissen Das „will“ im zweiten Vers lässt natürlich nicht auf die Motivation des Textes so rückschließen, wie Sie das erläutern. Sobald das mit der Abtreibung klar ist, nimmt das Ganze eine andere Richtung, so dass, wenn ich es richtig lese, die Bewegung sich zu einem verbitterten Rundumschlag forciert. Dann wird das, was als Unreflektiertes scheint, zur Emotion,aus der alles, was schief läuft, auf die Kultur geschoben wird – in einer nachgetragenen Reflexion allerdings als eine wider das bessere Wissen geführte Tirade.

    • @hurka. Die Kulturklage durchzieht alle Elegien, und zwar sowohl als eine Annahme der Kultur wie ihrer Ablehnung – die Elegien tragen die gesamte Ambivalenz aus, durchleben sie – wobei mit dem, was unter Kultur verstanden wird, nicht nur Kunst gemeint ist; aber es findet eine ständige Rück- und Vorbindung des Allerpersönlichsten auf das Allgemeinste des gemeinten abendländischen Kulturrahmens statt. Und inwiefern wider besseres Wissen? Zusammen mit dem Wissen, und zwar der Verfallenheit (Ifone würde sagen: daß man dem Vektor nicht entkommt) mitsamt der dennoch stattfindenden Auflehnung dagegen… und, um die Schraube weiter anzuziehen, auch wieder dem Wissen, daß Auflehnung selbst Teil des Vektors wird, zumindest in dem Moment, in dem die Kultur sie sich zueigen gemacht und sozusagen geistig institutionalisiert hat. Das passiert, streng genommen, schon im Moment der Verschriftlichung, auf jeden Fall aber im Moment des Erfolgs.
      Ich werde nachher einmal die ganze Elegie hierunter einstellen – wie immer mit dem Vorbehalt, daß sie noch nicht fertig ist. Aber zu solchen Wagnissen sind Die Dschungel unter anderem ja a u c h da: Prozesse mitverfolgbar zu machen. (Sie können, unabhängig davon, den Gang der Elegien von ihrem ersten Entwurf an >>> ab hier nachträglich mitvollziehen, mitsamt vieler Varianten, die die Arbeit daran seit nunmehr fast zwei Jahren abgeworfen hat.)

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