„Lazarus“ von Cristobal Halffter (UA 4.5.08, Kiel)

Cristobal Halffters zweite Oper „Lazarus“ am Theater Kiel uraufgeführt

Cristobal Halffter war von dem riesigen Erfolg seines „Don Quijote“ 2006 an der Oper Kiel so angetan, dass er jetzt auch seine zweite Oper dort uraufführen ließ. Drei Jahre arbeitete er an diesem Einakter über den Mann, der durch Jesus von den Toten auferweckt und dann als dessen glühender Anhänger selbst verfolgt wurde. Ursprünglich wollte Halffter Platons Höhlendrama in den Mittelpunkt des neuen Werkes stellen. Doch schließlich stieß er mit dem Librettisten und Freund Juan Carlos Marset auf diesen Stoff – rein zufällig, wie er behauptet.
Sirrendes Flageolett der Violinen begleitet die ersten zaghaften Schritte des Hauptdarstellers am Bühnenrand. Noch steht er – eindringlich verkörpert durch Jörg Sabrowski – außerhalb des Geschehens. Wacht oder träumt er? Er betrachtet den leeren Abendmahlstisch, den Jesus und die Jünger schon verlassen haben. Doch es bleibt wenig Zeit zum Nachdenken. Wachen des Hohen Rates schleichen sich an, verfolgen ihn als Komplizen des aufmüpfigen Nazareners. Rasant anschwellendes Crescendo im Orchesterapparat, u.a. mit mehreren Perkussionisten und schwerem Blech. Judas (stimmlich ein wenig kraftlos: Friedemann Kunder), die Schwestern Maria und Marta (berückend interpretiert von Julia Henning und Claudia Iten), in Rollen der Wachposten, von Freund und Feind: gradios ausdrucksvoll: Johannes An, Steffen Doberauer, Jooil Choi, Matthias Klein begegnen dem Mann mit, so sagen wir heute, Nahtoderfahrung. Lazarus ist hin und her gerissen, die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit verwischt.Tosendes Fortissimo, Cluster, betörende Chromatik, Geigenchoräle flackern auf. Am Schluss bleibt Lazarus allein auf der Bühne. Er geht nach hinten ab. Klangwucht des Orchesters verebbt. W a c h will er dies zweite Mal sterben. „Unser Leben ist ein ewiger Morgen, der Vorabend eines beginnenden Festes, in dem wir schon erwacht sein werden, wenn es naht.
Halffters Stück gibt keine Antworten. „Wir wollen gern klare Rationalität: Eins und eins ist zwei, zwei und zwei ist vier. Doch Vieles ist und bleibt für uns nicht erfassbar,“ sagt der zur Aufführung angereiste Achtundsiebzigjährige. Das gilt auch für die komplexe Aufführung selbst, in deren Traumszenen Alexander Schulin sparsam Videoprojektionen eingesetzt hat und sich im übrigen mit einem sandbedeckten Podest beschied. Und Stelen sind herabgelassen. Unter der Stabführung Georg Fritzschs wurde zwar durchaus keine gängige Hörerfahrung bedient, doch ein lange nachwirkendes Theaterereignis auf die Bühne gebracht, das unbedingt wiederholt werden sollte – so ungewohnt berührte es und wühlte auf. Und ließ uns stehend applaudieren.

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2 Antworten zu „Lazarus“ von Cristobal Halffter (UA 4.5.08, Kiel)

  1. Reh Volution sagt:

    Ihre Kritik hat mich neugierig gemacht.
    Gestern war ich dort.
    Für die musikalischen Eindrücke fehlen mir die Worte.
    Die raumübergreifende Bühnengestaltung mit ihrer reduzietren Symbolik hat mir sehr gut gefallen.
    Meine Blicke glitten zwischen Taktstock, Musikinstrumenten&Musiker und der Scenerie auf der Bühne hin und her. Manchmal habe ich die Augen geschlossen, um mich ganz den Klangbildern zu widmen.
    Die moderne Oper ist für mich ein neues Erlebnis –
    Die inhaltliche Botschaft entzog sich mir weitestgehend.
    Traumzeit vielleicht

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