Der Circus Ah’raim. (1).

„Ah’raim! Ah’raim!“ klang es die Nacht hindurch, in der die kleinen Kinder in dieser Bettwäsche schliefen, die sie nicht schlafen ließ. Sie erfanden Lieder stattdessen, fanden die Melodien zu Liedern, scharfe, rissige Melodien zu Texten, die erhoben in der Bettwäsche standen; wir fühlten sie, denn es war dunkel, so daß wir nicht eigentlich lesen konnten, aber tastend wie Blinde verstanden, deren Fingerkuppen über gestanzte Punkte gleiten wie Augen über schwarze Sternhaufen.

Ah’raim, Ah’raim,
wir ziehen heim
in unsrer Karawane

Ah’raim, Ah’raim
beim fahlen Schein
unter der weiten Sternenplane

gehen wir ein
in Sand allein
allein

Er wußte erst nicht, daß es die Wäsche war, er wußte nicht, daß sie Besitz von den Kindern ergriff, sie hypnotisierte und übernahm und sie an sich, in sich hineinzog, in ihre andere, eine untergegangene Welt, dachte ich, vermeintlich untergegangen, denn in Wirklichkeit zog der Circus weiter aus dem Ursprung in die Ewigkeit, die verdammten Akrobaten aller Zeiten aus ihrer Unerlöstheit aufsammelnd, hereinspaziert, hereinspaziert – die Magiere und Märchenweber, Ohrenschlucker und Seelen-Equilibristen, Priester mit auf die Geschlechtsteile tätowierten Gekreuzigten, die sich bei Erregung reckten und zu rufen begannen und ausspien schließlich; Lehrerinnen, die wie Vogelfutter Schokoladestückchen rieben und ihre Schüler gleich Hühnern lockten, in die sie sich verwandeln, wenn sie die Brösel picken; Antiquaristen mit atmenden Büchern; Rennfahrer, deren Autos statt Rädern Frauenhände haben, die auf den lackierten Nägeln laufen; all dies und sie geladen auf 144000 Kamele, deren jedes den weisen lächelnden Blick eines Dalai Lamas wirft, indes sie, wenn sie sich schreitend wiegen, wie Großmütter seufzen, die ihre Kindheit verklären – so zogen sie turmhoch beladen über den ewigen Zeitsand dahin und eine Musik sich nach, über die sich der Sand lange nicht schloß. Nirgends hielt die Karavane an. An wem sie vorbeiging, der drückte besser die Handflächen auf seine Ohren, sonst nahm ihn der Sog in das Tau, der schloß die Augen besser, sonst füllten die süßen warmen Flanken der Kamele jeden künftigen Traum, und wer gesund war, lief davon und schrie und wachte auf: erlöst, weil er merkt, es ist nur ein Traum. Und er macht Licht. Da liegt die Hose über dem Stuhl, zerknittert das T-Shirt am Boden, und die beiden Kinder, neben ihm, schlafen wie große flache Steine am grasbewachsenen Rand eines Bachs, der mitten durch das Bett fließt.

[>>>> Der Circus Ah’raim 2.]

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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