Arbeits- und Ruhejournal. Dienstag, der 6. Januar 2009.

[Arbeitswohnung. Mittagsstille. Teewasser ist aufgesetzt.]
Berlin in einem solchen Winter ist eine Pracht. Berlin in den Sommern ist eine Pracht. Wie d a glüht sie im Winter auch. Und welch eine Lust es bereitet, mit dem Fahrrad zu fahren: ganz weich, alles wie eine Meditation (einmal den Lenker verrissen, und man stürzt, aber ihn n i c h t zu verreißen, beglückt); ich brauche allerdings für meine weiten Strecken deutlich länger als sonst, man gibt in die Pedale den weichesten Druck, so daß die Fahrunternehmen etwas von Tagen in der Sauna bekommen, an denen man nichts tut, als den Körper zu streicheln.
Abends meinem Jungen vorgelesen, der die Suche nach dem SCHATZ DER DREIZEHN HÄUSER atemlos quer durch Paris verfolgt und jedesmal sehr traurig ist, wenn ich zu lesen aufhöre, weil es die Zeit ist für ihn, nun wirklich zu schlafen. Fast immerdann verlasse ich das Terrarium, mehr oder minder wortlos, manchmal ein Blick, aber die Dinge sind gelaufen, und ich möchte auch wirklich diese fast drei Jahre Askese nie mehr zurück. Es ist ein Menschenglück, nicht nur begehrt zu werden, sondern es auch spüren zu dürfen. Es ist ein Menschenglück aufzuwachen, und jemand lächelt einen an. Also bin ich zu Αναδυομένη hinüber, sanft auf dem Rad bis Keuzberg, um zu kochen. Muscheln gab es, junge Calamari und Polpi, unseren Neigungen nach sowohl roten wie weißen Wein, „alles ist bei dir hell“, sagte sie, „selbst den Wein magst du nicht dunkel“. Als wir erschöpft einschliefen, war es drei, vielleicht auch schon halb vier. So daß ich morgens nicht an die Arbeit kam, sondern lange frühstückte und redete und zuhörte und dann die erste Bamberger Elegie vorlas und von den Problemen erzählte, die dieser Text mir bereitet, und daß ich insgesamt gar nicht mehr wisse, ob er vollendbar eigentlich s e i.
Dann radelte ich, in einem solchen Winter, durch die Berliner Pracht hierher. Ich habe noch immer nicht geheizt, bei Damenbesuch lasse ich den Heizlüfter laufen. Einmal knallte die Überspannungssicherung, und ich saß zwei Stunden im Dämmern, bis sie sich wieder abgekühlt hatte. Eigentlich sind sowas schöne Geschichten. Neben der Trauer wird das ganze Leben dabei, auf eigenartige Weise, schön; es ist nicht von der Hand zu weisen, daß Trauer, hat man sie angenommen, alle Sinne schärft; eine Art Großzügigkeit ist mit ihr verbunden und sie weitet selbst noch die Liebe zu meinem Sohn aus. Man beginnt auch zu begreifen, daß Wiederholung nicht geht, daß alles sich – wiewohl die Grundkonstitution ganz gewiß und ganz eine ähnliche bleibt – wandelt; man sieht sich an und versteht. I had have a dream.

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