Arbeitsjournal. Montag, der 1. Juni 2009. Pfingstmontag.

6.59 Uhr:
Arbeitswohnung.
Manchmal lese ich etwas, das mich dann d o c h stolz macht, diesmal >>>> beim Steppenhund; referrers registrieren so etwas. Dabei bin ich momentan wirklich nicht gut drauf; >>>> die Auseinandersetzung um den NewYorkRoman ist möglicherweise aber nur das Symptom für den Anlaß; normalerweise kränkt mich Kritik, ja, jede, aber ich gehe sofort in die Kampfhaltung, und wenn ich mich gewehrt habe, geht’s mir eigentlich wieder ganz gut. Aber ich bin geschwächt, organisch, kann man sagen, an meiner empfindlichsten Stelle, weil sie am tiefsten in den Grund hinunterlangt. Dieses Medikament, das ich auftragen muß, wirkt nämlich, auch so, wie es soll, hat es den Anschein, aber diese Wirkung ist mies: ruft Entzündungen hervor, Juckreiz dazu, permanenten (leichten, aber nervenden) Schmerz am Geschlechtsteil; vor allem fängt es jetzt auch noch an, mies auszusehen. Sähe man nichts, wäre es nicht so wild, ich kann mit Schmerz gut umgehen, ihn teils auch völlig ignorieren, nicht aber mit eingeschränkter Ästhetik. Man soll die Creme nur auf die betroffenen Stellen auftragen, schön und gut, aber wenn man dann die Unterhosen drüberhat, wobei enge eh ausgeschlossen sind, verwischt sich das Zeug dennoch; kurz: nun hat’s auch die Eichel gereizt und reizt weiter, führt zu Rötungen und kleinen schmerzhaften Ausstanzungen, die an abheilende Aphten erinnern. Ich hatte sowas mal in meiner Italienzeit im Mund: während des Heilprozesses sah es aus, als wären kleine Schnitte mit dem Skalpell angebracht. Widerlich jedenfalls. Das drückt auf mein Körpergefühl, ich habe meinen Körper immer geliebt, Frauen haben meinen Schwanz geliebt, einfach weil er schön– „w a r“: muß ich jetzt schreiben. Und mag ihn nicht mal mehr zeigen. Das geht extrem aufs Selbstbewußtsein, und d a s geht auf die Arbeitslust. Wenn ich sehr krank bin, mag ich keine Musik hören; ich höre momentan keine Musik. Dabei ist es imgrunde eine Kleinigkeit, eine Fährnis, die einfach Zeit braucht, um wegzuheilen. Mir ist schon klar, daß das eine rein psychische Kiste ist, die ich hier fahre. Ich kann ja völlig klar denken und einen guten Roman von einem schlechten unterscheiden und gute von schlechter Musik… die Ratio ist intakt, aber die Ratio ist mir eben nie wichtig, Sinnlichkeit ist mir wichtig, Eros ist mir wichtig, Fruchtbarkeit, Wildwuchs, Gerüche, Haut… das wird jetzt so auf Abwägen, Vorsicht, Zurückhalten usw. geduckt, so auf kulturvoll auf den Zehenspitzen Gehen, auf Distanz und Distanzierung, auch auf Verantwortlichkeit und greift damit sehr viel tiefer in mein Leben ein, als ich vermutet hätte. Sagen Sie mal einer Frau, die über Sie herfallen möchte, und Sie wollen das mit ihr auch: „Es geht leider nicht, ich habe mir was eingefangen…“ Ich sag Ihnen! Dann stehen Sie da in der Nacht unter den Bäumen, haben zwei Finger in ihr und finden den Punkt und dürfen aber nicht „weiter“. Der Profi gestern spät – ich hatte die Faxen dicke von den Kommentaren und war noch mal in die Regennacht zum Prater hinaus, wo ich ihn traf – fand die Situation eher komisch, was ich wiederum höchst unkomisch fand, so daß ich ihn bellend angeraunzt habe. Ich bin nicht sehr verträglich im Moment. Er trug es mit seiner üblichen Gelassenheit und nahm mich einfach in den Arm.

Um zwei lag ich. Um halb sieben bin ich auf. Viereinhalb Stunden Schlaf ist okay. Daran also liegt es nicht. Um Viertel nach eins bin ich wieder hiergewesen, habe den Dämpfer auf den Steg gesteckt und noch eine ¾ Stunde am Cello gespielt. Das geht, das macht mich ruhig. Es hat etwas ungemein Meditatives, nichts anderes zu tun, als permanent Etuden rauf- und runterzunudeln. Nudelt man lange genug, funktioniert es „plötzlich“. Dann hört man Glück.

Bon, ich setz mich jetzt an die nächste Tranche New York. Es wird etwas später werden heute, bis sie drinsteht. Morgen hat Do Geburtstag. Und im >>>> virtuellen Seminar ist einiges zu tun.
Guten Morgen.

20.17 Uhr:
Der Bub schläft, war aber auch sowas von fertig, hatte den Nachmittag mit seiner Freundin im Freibad verbracht, deren Vater sie hingeleitete, ich holte die beiden ab. Als ich losradelte, ging das Gewitterpladdern los, aber angenehm, da es so warm war; die Nässe dunstete sofort aus den Klamotten wieder ab, als der Regen aufgehört hatte. Mein Junge wartete schon vorm Eingang des Freibads, die Freundin hatte sich früher abholen lassen. „Ich hab solchen Hunger, Papa!“ Also zum Thai, was gefuttert, Lycheesaft und das Wasser einer jungen Kkosnuß getrunken, dann heim ans Cello, und, man staune und staune, schon um halb acht wolltest Du zu Bett, auf Dein Vulkanlager wieder. „Aber vorlesen noch!“ Kapitän Grant, jetzt in Australien, etwa die Hälfte des 450seitigen Buches „haben“ wir jetzt. Vor zehn Minuten schliefst Du einfach ein.
Ich werde die nächste >>>> New-York-Tranche für morgen früh vorbereiten; über den Tag habe ich das erste Kapitel in Pruniers französischer Übersetzung vorbereitet, mit den Bildern versehen usw. Ansonsten war ich nur am Cello oder überlegte mir, wie mit diesem Medikament umzugehen. Absurd, auf was man kommt; aber es funktioniert. Ausziehen darf ich mich freilich vor andern so nicht, das gäbe Lachanfälle; ich muß auch selber dauernd lachen. Gegen zehn wutsch ich mal heimlich hinaus: M. will auf ein Bier vorbeikommen, das wir gut unten im Haus in der neuen Kneipe nehmen können, die den Torpedokäfer nicht zu ersetzen vermag, aber doch immerhin Zulauf neuerdings hat. Bis dahin also noch Arbeit am Schreibtisch.

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